Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere (Teil 1 von 3)

Bernard Rollin war mir bisher kein Begriff, die Wikipedia hält sich da auch bedeckt. Doch wird sich zeigen, dass er einen überaus spannenden deontologischen Ansatz verfolgt.

Lust und Schmerz sind letztlich Hilfsmittel: Hilfsmittel, mit denen ein empfindungsfähiges Lebewesen sein Überleben und die Erfüllung seiner Bedürfnisse sicherstellen kann. Dabei sind es nicht Lust und Schmerz, wodurch das Wesen das Feld der Moral betritt, sondern die Interessen, die es aufgrund der Tatsache hat, dass es ein Lebewesen ist, und unsere Fähigkeit, die Befriedung dieser Interessen zu fördern oder zu behindern. (S. 40)

Also baut auch Rollin sein Argument über die Interessen von Lebewesen auf, wobei er schnell klarmacht, dass es er nicht nur Lust- und Schmerzempfinden als Interessen ansieht, sondern es auch andere Bedürfnisse und Interessen gibt, die Lebewesen zum Gegenstand der Moraltheorie machen.

Diese Hypothese versucht Rollin zu verteidigen: Essentiell sei aus der Perspektive der Moraltheorie, dass sich Lebewesen von nicht-belebten Entitäten durch ihre Eigenschaft als ‚Lebendigem‘ unterscheiden. Im Gegensatz zu einer unbelebten Entität ist eine Veränderung ihrer Form von enormer Bedeutung für ihren Status als Lebewesen. Sprich, ein Stein erfährt keine tiefgreifende Veränderung, wenn er zu Sand zerrieben wird; für eine Lebewesen ist es aber ein tiefgreifender Unterschied zwischen Leben und Tod. Im aristotelischen Sinne verfügen Lebewesen demnach über einen telos, eine Funktion oder einen Zweck, der sie zu Lebewesen macht, ohne den sie diese Eigenschaft verlieren würden. Außerdem bestehe das Leben solcher Entitäten auch darin, diese Funktionen zu erfüllen.

Dabei sei nicht einmal wichtig, dass ein Lebewesen sich seiner Funktion und dem Bestreben, diese Funktion zu erfüllen, bewusst sein. Es reiche schon aus, dass moralische Akteure diesen einem Lebewesen zuordnen können. Zudem sei vernünftigerweise erforderlich, dass das Lebewesen dieser Funktion eine Bedeutung beimisst, also quasi-bewusst voraussetzt, dass alle zur Erfüllung des Lebens und dessen Funktion notwendigen Voraussetzungen erfüllt sind.

Kurz zusammengefasst geht Rollin moraltheoretisch davon aus, dass ein Lebewesen folgende Merkmale kennzeichne:

  • Einen telos hat,
  • bewusst oder unbewusst das telos ausübt,
  • dieser Ausübung eine Bedeutung beimisst.

Für Menschen als moralische Akteure, die sich diese Fähigkeit immerhin zuschreiben, ist es von Belang, diese drei Aspekte auch in anderen Spezies erkennen zu können.


Aha, hier kommt jetzt also ins Spiel, was ich an Regans Ansatz vermisst habe: Eine etwas ausführlichere Begründung, wie der inhärente Wert, der in Regans deontologischem Ansatz zeigte, begründen lässt. Rollin nimmt das Interesse auf, das schon vom Utilitaristen Singer bekannt ist. Er drückt es aber in einer moraltheoretischen Fassung aus, um ein Recht zu schaffen, dass allen Lebewesen eigen ist.

Aber das ist noch nicht alles, was Rollin zu diesem Thema zu sagen hat. Mehr dazu dann im zweiten Teil.

Literatur:

  • Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 40-50.

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