Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere (Teil 2 von 3)

Im ersten Teil zu Rollin wurde vorgestellt, dass Rollin über den Rekurs auf Interessen von Lebewesen einen deontologischen Ansatz zu Tierrechten vorschlug. Im zweiten Teil geht es darum, was genau für Rollin der Unterschied zwischen Interessen und Bedürfnissen ist.

Aber noch wichtiger als der Besitz eines inneren beziehungsweise äußeren telos ist, dass die Bedürfnisse des Tieres unter jene besondere Kategorie von Bedürfnissen fallen, die wir Interesse nennen.

Was ist der Unterschied zwischen Bedürfnissen und Interessen? Bedürfnisse sind die allgemeinere Form von zur Erfüllung einer Funktion nötigen Umständen, Geschehnissen oder Handlungen. Interessen sind für Rollin spezifischere Bedürfnisse, da diese auszeichne, dass die Bedürfnisse einem Lebewesen zumindest dahingehend bewusst und von Bedeutung sind, dass die Bedürfniserfüllung Ziel ihres Bestrebens ist. Das heißt also praktisch nicht, dass ein Wesen beispielsweise Hunger hat und das Bedürfnis des Stillens des Hungers benennen oder ausdrücken kann. Relevant erscheint nach Rollin aus moraltheoretischer Sicht zunächst einmal nur, dass ein Lebewesen den Hunger letztlich als Herausforderung für den eigenen Fortbestand empfindet. Andere emotive Ausdrücke von Lebewesen sind dementsprechend auch als Bedürfnisse zu verstehen. Bedürfnisse, die durch den zumindest rudimentären Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung zu Interessen werden.

In diesem Sinne erscheint es Rollin leicht, Tieren Interessen nachzuweisen. Damit sieht er auch gleich die Grenze zu Pflanzen gezogen, da man mit einigem Recht annehmen könne, Pflanzen seien am Leben, da sie Bedürfnisse haben. Doch hätten sie keine Interessen.

Wie begründet man aber auf der moraltheoretischen Annahme von Interessen als geeignetem Maßstab für die Klassifizierung von moraltheoretisch relevanten Lebewesen eine Rechtstheorie, die solche Interessen schützt?

Es ist aus dem bisher dargestellten Gerüst der Theorie Rollins leicht ersichtlich, dass er nicht zwischen Menschen und Tieren unterscheidet, wenn es darum geht, ihnen basale Rechte zuzugestehen (S. 47f.):

Sowie Kants Theorie versuchte, die Reichweite moralischer Rücksicht zu bestimmen, und […] den Schluss zog, dass nur vernunftbegabte Wesen das Reich der Moral betreten, so haben unsere […] Argumente zu zeigen versucht, dass alle lebenden Wesen als Gegenstände des Moraldiskurses berücksichtigt werden müssen, unabhängig davon, welche moralische ‚Sprache‘ man möglicherweise spricht.

Tiere, so Rollins, verfügten über vor allem ein Recht: Das Recht, von anderen Wesen als moralisches Objekt anerkannt zu werden. Ein Recht, welches sie nicht zu Eigentum oder Gebrauchsgegenständen macht – seien sie nun Haustiere oder Forschungsgegenstände.


Rollin wird damit für mich immer spannender, da dieser Aufsatz weit mehr Fleisch an den Knochen hat, als beispielsweise der von Regan. Die Art, wie Rollin seinen Kern, das telos des Lebens, gegen einfache Kritik schützt, ist eindrucksvoll. Die Grenze, wo Leben beginnt, das schützenswert ist, und vor allem, warum es schützenswert ist, ist sehr fein begründet. Im abschließenden Teil geht es dann um Tiere als Zweck an sich.

Literatur:

  • Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 40-50.

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