Nach dem ersten und zweiten Teil also nun der Abschluss zur moraltheoretischen Konzeption von Tierrechten bei Rollin.
Für Kant war Vernunftbegabung das Kriterium, den Menschen als Zweck an sich zu betrachten. So dürften Menschen nach Kant also nicht diskriminiert oder degradiert werden zu reinen Nutzgegenständen. Doch Rollin sieht es etwas anders (S. 49):
Wir haben erläutert, dass nicht Rationalität das Kriterium ist, das etwas zu einem Objekt moralischer Rücksicht macht, sondern vielmehr das bewusste Leben selbst und die mit dem Leben verbundenen Interessen und Bedürfnisse.
Rollin verwirft aber nur Kants Kriterium zur Bewerung, wann eine Entität zu einem Zweck an sich selbst wird. Doch überzeugt es ihn moraltheoretisch, Entitäten eine Zweck an sich zuzugestehen. Moralische Berücksichtigung ist dadurch ausgedrückt, dass ein Wesen als ein Zweck an sich angesehen wird. Auf der Grundlage seiner Ausführungen zu Interessen von Tieren, zieht Rollin die Grenze dann erst, nachdem auch deren Interessen als zweckbegründend eingestuft sind. Mensch und Tier sind Lebewesen mit Interessen, die moralisch berücksichtigt werden müssen; Pflanzen und andere Entitäten unterhalb dieser Grenze aber nicht.
Ich hatte ja schon in den vorangegangen Teilen angedeutet, dass mich Rollins Argumentation reizt, weil es ihm aus meiner Sicht gut gelingt, das zu definieren, was Regan bloß axiomatisch vorausgesetzt hat. Bei Rollin sind Tiere aufgrund ihrer Interessen, die sich für moralische Akteure leicht erkennen lassen sollten, moralische Objekte. Ebenso gelingt Rollins der Sprung hin zu einer Theorie von moralischen Rechten, die von anderen Akteuren nicht hintergangen werden dürfen.
Seine Position lässt sich zunächst nicht so leicht angreifen wie etwa die von Singer oder Rollin, so wie sie in dem kleinen Sammelband dargestellt werden. Die meisten meiner Fragen, die ich bezüglich des tierethischen Diskurses habe, werden von ihm einfach und verständlich geklärt: Warum sollte man Tieren nicht als Sachen behandeln? Weil sie Interessen haben! Wie weit sollte ich bei der Interessenberücksichtigung gehen? Gib ihnen moralische Rechte, ihre Interessen würdig zu berücksichtigen! Warum nicht auch Pflanzen berücksichtigen? Weil sie nur Bedürfnisse haben, aber keine Interessen! Darf ich Tiere überhaupt als Mittel meiner Interessen einsetzen? Nur wenn deren Interessen an einem würdigen Leben nicht übergangen werden!
Literatur:
- Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 40-50.