Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere (Teil 3 von 3)

Nach dem ersten und zweiten Teil also nun der Abschluss zur moraltheoretischen Konzeption von Tierrechten bei Rollin.

Für Kant war Vernunftbegabung das Kriterium, den Menschen als Zweck an sich zu betrachten. So dürften Menschen nach Kant also nicht diskriminiert oder degradiert werden zu reinen Nutzgegenständen. Doch Rollin sieht es etwas anders (S. 49):

Wir haben erläutert, dass nicht Rationalität das Kriterium ist, das etwas zu einem Objekt moralischer Rücksicht macht, sondern vielmehr das bewusste Leben selbst und die mit dem Leben verbundenen Interessen und Bedürfnisse.

Rollin verwirft aber nur Kants Kriterium zur Bewerung, wann eine Entität zu einem Zweck an sich selbst wird. Doch überzeugt es ihn moraltheoretisch, Entitäten eine Zweck an sich zuzugestehen. Moralische Berücksichtigung ist dadurch ausgedrückt, dass ein Wesen als ein Zweck an sich angesehen wird. Auf der Grundlage seiner Ausführungen zu Interessen von Tieren, zieht Rollin die Grenze dann erst, nachdem auch deren Interessen als zweckbegründend eingestuft sind. Mensch und Tier sind Lebewesen mit Interessen, die moralisch berücksichtigt werden müssen; Pflanzen und andere Entitäten unterhalb dieser Grenze aber nicht.


Ich hatte ja schon in den vorangegangen Teilen angedeutet, dass mich Rollins Argumentation reizt, weil es ihm aus meiner Sicht gut gelingt, das zu definieren, was Regan bloß axiomatisch vorausgesetzt hat. Bei Rollin sind Tiere aufgrund ihrer Interessen, die sich für moralische Akteure leicht erkennen lassen sollten, moralische Objekte. Ebenso gelingt Rollins der Sprung hin zu einer Theorie von moralischen Rechten, die von anderen Akteuren nicht hintergangen werden dürfen.

Seine Position lässt sich zunächst nicht so leicht angreifen wie etwa die von Singer oder Rollin, so wie sie in dem kleinen Sammelband dargestellt werden. Die meisten meiner Fragen, die ich bezüglich des tierethischen Diskurses habe, werden von ihm einfach und verständlich geklärt: Warum sollte man Tieren nicht als Sachen behandeln? Weil sie Interessen haben! Wie weit sollte ich bei der Interessenberücksichtigung gehen? Gib ihnen moralische Rechte, ihre Interessen würdig zu berücksichtigen! Warum nicht auch Pflanzen berücksichtigen? Weil sie nur Bedürfnisse haben, aber keine Interessen! Darf ich Tiere überhaupt als Mittel meiner Interessen einsetzen? Nur wenn deren Interessen an einem würdigen Leben nicht übergangen werden!

Literatur:

  • Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 40-50.

2 Gedanken zu „Bernard E. Rollin: Moraltheorie und Tiere (Teil 3 von 3)

  1. Ich mag die Teleologie als ethische Position nicht. Dadurch wird die Quelle der moralsichen Erheblichkeit von subjektiver Intentionalität (zumindest teilweise) außerhab der betreffenden Person selbst verortet: Nämlich im Telos. Bei Menschen würde wir einen vergleichbaren Andsatz glaub’ zunächst für eine Parodie halten und in zweiter Ordnung vermutlich wegen der krassen Gerinschätzung individueller Freiheiten in der Lebensgestaltung zurückweisen. Und aus theoretischen Gründen finde ich den Standpunkt auch problematisch: Letztlich scheint mir das Argument für jeden konkreten Telos auf einen naturalistischen Appell Fehlschluss hinauszulaufen. Das wird immer irgend wie eine Fremdbestimmung, die sich einer analytischen Überprüfbarkeit entzieht. – Sogar entziehen muss, weil sie ja normativ ist.

    Und wenn du Rollin attraktiv findest, weil er für einen inhärenten Wert von Tieren auch argumentiert, dann ist’s vielleicht auch ganz instruktiv, auf seine anwendungsorientierten Texte zu schauen. Dort wird dann klar, dass er bspw. Zuschreibungen vom inhärenten Wert oder des Würdebegriffs für völlig kompatibel mit der Vorstellung hält, dass Tiere weiterhin Eigentum, etwa wie das im Schweizer TschG gehandhabt wird oder wie es der Kunzmann in seinem Büchlein zum Würdebegriff bei Tieren vertritt. Eine abolitionistische Position, lässt sich bei Rollin beim besten Willen nicht rauslesen.

    1. Auf die Tierethik bei Rollin habe ich nur damals kurz geschaut. Es wäre aber sicherlich spannend, noch mehr zu lesen.

      Deine Bedenken bei der Teleologie kann ich sehr gut nachvollziehen. Auf Anhieb würde ich, nachdem ich es noch einmal überflog, annehmen, dass Rollin ja gerade ein telos in dem Lebenwesen annimmt. Anders ausgedrückt, ein telos ist jedem Lebewesen umtrennbar inne. Aber vielleicht überspann ich den Bogen gerade auch mit dieser Interpretation.

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