Carl Cohen: Warum Tiere keine Rechte haben (Teil 2 von 3)

Im ersten Teil habe ich erst einmal Cohens Position vorgestellt. Er geht dabei davon aus, dass Tiere keine Rechte haben könnten, da Rechte nur innerhalb der Sphäre menschlicher Moral Geltung haben könnten. Wo kein Mensch, da kein Recht. Das heißt aber auch nach Cohen nicht: kein Schutz. Meine kritische Auseinandersetzung mit diesem Ansatz möchte ich hier in geordneter Form wiedergeben.

Mein Eindruck ist, Cohen argumentiert aus der Position der von Kant geprägten Rechtsphilosophie mit einem moralischen Argument, dass an sich aber auch eine historische Komponente hat. Ich will mich damit befassen, warum Cohens Einwand aus meiner Sicht – zumindest in der im Sammelband kurz wiedergegebenen Form – letztlich kein geeignetes Mittel darstellt, menschliche Verhaltensregeln bezüglich des Tierschutzes nicht auch im Sinne von Tierrechten zu verstehen. Einige meiner Gründe könnten platt, andere widersprüchlich oder auch gänzlich falsch sein. Wer weiß, alle meine folgenden Gedanken könnten falsch sein. Mir geht es darum, den derzeitigen Stand meiner Beschäftigung mit Tierethik zu repräsentieren, indem ich bisherige Argumente und einige eigene gegen Cohens Ansatz stelle. Das sind in einer groben Typologie dann zunächst formal-inhaltlicheund Gründe.

Inhaltlich-formale Gründe

1. Cohen wirft der Tierrechtsbewegung vor, die Kategorien zu verwechseln, wenn sie von Tierrechten spreche, da Rechte formal nicht Tieren zugeschrieben werden könnten, da sie nicht der moralischen Sphäre des Menschen zugehörig seien, in der Rechte aber überhaupt nur Anwendungen finden könnten. Sicherlich ist dies ein Argument, das formal und vor allem auch aus seiner historischen Tradition heraus vorgebracht werden kann. Cohen scheint aber in dem im Sammelband ausgewählten Text nicht einmal zu bemerken, dass die Tierrechtsbewegung genau daran arbeitet, auf der Grundlage, die vernünftigerweise Menschen Rechten gewähre, auch aufgrund ihrer Wirkungsweise die Tiere einbeziehen zu wollen. So scheint Cohen gar nicht zu erkennen, dass es zu den Argumenten der Tierrechtsbewegung gehört, beispielsweise deontologisch auf einen inhärenten Wert abstellen zu wollen, nicht aber auf eine moralisch singuläre Befähigung des Menschen. Die Tierrechtler beziehen sich auf den inhärenten Wert oder andere Begrifflichkeiten, die sich nicht auf eine moralische Fähigkeit, weil es Menschen gibt und geben könnte, denen aus eigenem, fremden oder schlicht durch Schicksal (nennen wir es mal so) diese Fähigkeit nicht gegeben war oder genommen wurde. „Sollen diese Menschen keine Rechte haben?“, fragen die Tierrechtler. „Sicher“, sagt der Menschenrechtler. „Wenn ja, wir stimmen dem ohnehin zu, müssen dies aber Gründe sein, die nichts mit moralischer Befähigung oder anderen rein dem Menschen zugeschriebenen Fähigkeiten zu tun haben können. Sind das nicht Gründe, die eine Grenze ziehen, die weit über den Menschen hinaus gehen?“ Das ist die Frage der Tierrechtler. Cohen scheint das gar nicht zu erkennen. Er wirkt doch sehr wie ein Handballer, dem man einen Fußball ins Feld rollt. Da schon ein Ball auf dem Feld ist, drischt er den anderen weg, ohne sich zu fragen, wo der Ball herkommt und wo er landen wird. Hauptsache, er kann sein Spiel regelgerecht fortsetzen. Bei dieser metaphorischen Umschreibung des Problems, das ich bei Cohen sehe, sind zwei Dinge anzumerken: Erstens will ich damit kein Strohmann-Argument aufbauen, sondern lediglich verdeutlichen, was mich an Cohens Ansatz stört, doch finde ich keine bessere Möglichkeit, mein Unbehagen auszudrücken, als dieses zu umschreiben. Zweitens, nachdem diese wichtige Anmerkung gemacht ist, kann ich meine Reaktion auf Cohen auch noch innerhalb der metaphorischen Darstellung weiter ausbauen. Cohen ist dabei also der Handballer. Nimmt man an, die Person, die den Fußball ins Feld rollte, wolle von Cohen wissen, warum er den Ball mit dem Fuß wegschlug. Was wäre Cohens Anwort in meiner Wahrnehmung seines Arguments: „Weil ich Handballer bin, das sind die Regeln, so wie ich sie kenne. Mit dem Fuß habe ich den Ball getreten, weil es schneller ging.“ Da fragt der Fußballer: „Das war aber ein Fußball, komisch oder?“ „Nein, ich bin Handballer.“, antwortet Cohen. „Hast Du aber gesehen, dass dein Handball-Spielfeld innerhalb eines Fußballfeldes liegt? Sieh mal da hinten, etwas weiter hinter dem einen Handballtor ist noch ein größeres; hinter dem anderen Handballtor auch noch ein zweites für Fußball.“ Cohens Antwort: „Ich bin hier, um Handball zu spielen, so habe ich das immer gemacht.“

Also, ich greife auf dieses Beispiel zurück, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich Cohen richtig verstehe. Ich kann falsch liegen. Verstehe ich ihn aber richtig, dann hat er nicht realisiert, dass die Regeln, wie er sie kennt, herausgefordert wurden. Aber – und das ist wichtig – mit Mitteln der Regeln, die Cohen selbst verteidigen will.

2. Der zweite formale Grund hat ebenfalls mit den Argumenten der Tierrechtler zu tun. Ist aber etwas anders gelagert, denn oben wurden besonders die deontologischen Argumente betrachtet, die Cohen kritisiert. Die Argumente der Utilitaristen scheint Cohen gar nicht zu berühren. Wahrscheinlich ist dies von Cohen auch so gewollt, schließlich will er die Tiere und ihre Interessen gar nicht schutzlos stellen. Dabei sieht er aber nicht, dass Singer auch von Rechten spricht. Singer hat auch einen Grund dafür. Dies ist aber eher ein praktischer, weshalb ich diesen dort genauer ansprechen will.

3. Ein dritter Punkt ist sehr heikel und auch wortklauberisch. Wahrscheinlich sogar wortklauberischer, als ich Cohens Position wahrnehme. Der Vollständigkeit halber bringe ich ihn aber mal vor. Cohen sagt, nur Menschen könnten Träger von Rechten sein, weil nur sie über moralische Reflexion verfügten. Doch kennt das Recht aber auch andere Entitäten, die Träger von Rechten sein können, dabei aber kein Mensch im eigentlichen Sinne sind: In Deutschland nennt man diese beispielsweise juristische Personen. Als solche verfügen diese juristischen Personen über Rechtsfähigkeit, zu deren Merkmalen gehört, dass eine juristische Person Rechte und Pflichten innehaben könne (Ich sollte hier immerhin anmerken, dass ich aus anderen Gründen ein erhebliches Problem mit juristischen Personen habe, aber dazu vielleicht in Zukunft mehr.). Man sieht, worauf mein Einwand hinausläuft. Da könnte man dann einwänden, dass es ein wenig krumm argumentiert sei, einem Philosophen aus dem angelsächsischem Raum mit deutschem Recht zu kommen. Das ist richtig, aber anscheinend gibt es auch im englischsprachigem Raum mit seinem in der Regel deutlich abweichendem Rechtssystem eine Entsprechung. Dennoch könnte man einwänden, dass Cohen sich nicht auf positives Recht, also gesetzlich kodifiziertes, sondern sich auf den darüber angesiedelten rechtstheoretischen Raum beziehe. Dagegen kann ich weniger gut kontern, weshalb ich eingestehe, dass dies mein Argument ins Wanken bringen könnte – aber nur könnte. Deshalb hier mein Einwand: Da, wie dargestellt, das menschliche Recht, welches immerhin seinem Wesen nach auf den von Cohen im Anschluss an Kant betonten Rechtsprinzipien beruht, aus dem sich auch die Gesetze ergeben, eine, ich nenne es mal, fingierte nicht-menschliche Person ergibt, die Rechte und Pflichten tragen kann, warum kann man nicht analog Tieren, die immerhin real und auch (zumindest Säugetiere; vgl. Rollin) bewusstes Leben sind, einen ähnlichen Status geben? Dieser Status muss nicht den Rang von Menschenrechten haben. Aber das verlangt auch kein Tierrechtler, sie verlangen lediglich spezifischere, basalere Tierrechte, die sich wohl aus derselben Quelle speisten wie auch die Menschenrechte.

4. Der vierte mögliche Grund ist fast schon etwas peinlich. Da ich mir aber heute für nichts zu dumm bin, soll auch das angesprochen werden: Cohen schreibt selbst, dass Menschen Tieren gegenüber erhebliche Pflichten haben. Aus dem Umstand, wie Rechte und Pflichten sich zumindest umgangssprachlich gegenseitig ergänzen, kann doch andeutungsweise geschlossen werden, dass Cohen gewissermaßen in die Luft springt, sich aber zu landen weigert. Wie gesagt, es ist vielleicht ein bauernschlauer Grund. Singer hat aber einen praktischen Grund, der mit meiner Wahrnehmung übereinstimmen könnte.

Die praktischen Gründe lagere ich dann aber doch in einen abschließenden dritten Teil aus.

 

Literatur:

  • Cohen, Carl: Warum Tiere keine Rechte haben, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 51-55.

2 Gedanken zu „Carl Cohen: Warum Tiere keine Rechte haben (Teil 2 von 3)

  1. Meiner Meinung nach gibt es noch eine viel wichtigeres Argument gegen Cohen, nämlich das in der Tierethik so oft verwendete Argument der nicht-paradigmatischen Fälle. Denn wenn sich laut Cohen der Begriff des Rechts nur auf eine Gemeinschaft aus moralischen Akteuren sinnvoll anwenden lässt, was ist dann mit Kleinkindern oder geistig Behinderten, die nicht „vernünftig“ handeln können? Diese dürften ja dann auch nicht Träger irgendwelcher Rechte sein…

    1. Stimmt. Weiß nicht, warum ich es ausgelassen habe. In meinem letzten Punkt deute ich nicht-paradigmatische Fälle entfernt an.

      Entschuldige übrigens bitte, dass die Freigabe der Kommentare etwas gedauert hat.

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