Der erste Teil hat Cohens Argument beleuchtet, warum Tiere keine Rechte haben können. Der zweite Teil befasste sich mit meinen formal-inhaltlichen Einwänden. Nun kommt der abschließende dritte Teil zu praktischen Gründen, warum ich Cohens Meinung nicht uneingeschränkt oder nicht ohne weitere Erläuterung folgen kann.
Praktische Gründe
1. Der wichtigste praktische Einwand gegen Cohen kann nicht unter Vorgriff auf ein Buch erfolgen, dass ich erst später ausführlicher betrachten wollte, doch ist an dieser Stelle ein kleiner Aspekt in Animal Liberation von Peter Singer nicht zu unterschätzen. Hierin befasst sich Singer, der auch von Rechten für Tiere spricht, warum er es als Tierrecht bezeichnet, obwohl er eigentlich Gleichheit meint. Dabei bezieht er sich auch auf Benthams Ansichten zu Tieren und ihren Rechten (Singer S.8):
He talked of moral rights as a shorthand way of referring to protections that people and animals morally ought to have; but the real weight of the moral argument does not rest on the assertion of the existence of the right, for this in turn has to be justified on the basis of the possibilities for suffering and happiness. In this way we can argue for equality for animals without getting embroiled in philosophical controversies about the ultimate nature of rights.
In meinen Augen kann Singer deutlich machen, dass es sich bei dem Einwand, den Cohen macht, schlichtweg um eine Ausflucht aus einer inhaltlichen Diskussion handelt, in dem er auf formale Einwände abstellt. Singer geht davon aus, dass der Kern der Materie, die er Tierrechte nennt, sich nicht an den Begrifflichkeiten, sondern an ihren Inhalten aufhalten sollte. Dennoch, denke ich, kann man unter Berücksichtigung der formal-inhaltlichen Kritikpunkte aber schon dafür argumentieren, warum man dennoch von Tierrechten reden könnte. Simpel ausgedrückt: Mit Tierrechten ist doch schon ein deutlicher Unterschied zu Menschenrechten gemacht. Außerdem ist ein Recht in meiner Wahrnehmung stets, rein rhetorisch, von stärkerer Durchschlagskraft als eine Schutzpflicht.
2. In der Theorie mag die Annahme von der moralischen Fähigkeit zur Reflexion beim Menschen ja noch plausibel sein. In der Praxis überzeugt er mich in der vorgebrachten Form nicht. Zunächst einmal schließt er aus, dass Menschen doch nur aus Furcht vor Strafe moralisch handeln könnten. Warum, das ist mehr Behauptung als nachvollziehbar argumentiert. Ich schließe nicht aus, dass moralische von strafrationalen Gründen unterschieden werden könnten. Eine saubere Unterscheidung bleibt Cohen in diesem kurzen Auszug allerdings schuldig. Hinzu kommt, dass er ebenso schnell allen Tieren die moralische Reflexion abspricht. Das berührt dann aber schon den definitorischen Kern der Moral. Cohen legt nicht schlüssig dar, warum es sich bei seiner Negation tierischer Moral nicht doch um eine anthropozentrische Blickwinkelverschiebung handeln könnte, die Tieren nur primitvie Handlungen zurechnet, weil vergleichbare menschliche aus der Binnenperspektive komplexer erscheinen. Was ich meine ist, Cohen erläutert nicht ausreichend, warum es sich nicht doch nur um eine Illusion handeln könnte, die er gerne annimmt, weil sie ihm eben gut passt. Der Mensch kann sich eben leicht die Krone aufsetzen, weil er eben selbst in der Lage ist, den Begriff ‘Krone’ zu definieren und weil andere Lebewesen diese Definition nicht in menschenverständlicher Form anfechten können. Sind des Kaisers neue Kleider dann nicht wesensverwandt mit Cohens schönen Prämissen?
In der Summe finde ich also, dass Cohen seinen Ansatz nicht gut genug absichert und auch dass er manchmal die tatsächlichen Argumente der Tierrechtler gar nicht wahrnimmt. Ich sage damit nicht, dass ich eindeutig Partei für die Tierrechtler beziehen will. Ich bin lediglich nicht davon überzeugt, Cohen könnte ihnen mit seinem Text Paroli geboten haben. Das kann sich im Verlauf meiner Auseinandersetzung mit der Tierethik aber noch ändern – in beide Richtungen.
Literatur:
- Cohen, Carl: Warum Tiere keine Rechte haben, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 51-55.
- Singer, Peter: Animal Liberation. The Definitive Classic of the Animal Movement, New York 2009.
Zitat der Woche: Hans-Peter Friedrich « kulturproktologie
18. November 2011 at 20:53
[...] von Grundrechten kommen könnten, sofern diese anwendbar sind. Ich hatte ja schon einmal darauf Bezug genommen. Keine [...]