Game of Characters

Seit längerer Zeit lege ich meine Gedanken zu der von HBO Serie von George R. R. Martins A Song of Ice and Fire zurecht; und auch wenn ich mir den Vergleich der Serie mit dem Buch sparen kann, weil ich die Bücher nicht gelesen habe, will mir nicht gelingen, meine Eindrücke zu dieser erstklassigen Serie festzuhalten. Eine Auffälligkeit, die mich besonders anspricht, muss ich aber loswerden. Solange Game of Thrones zwar eine Fantasy-Serie ist, die sparsam mit den Elementen des Genres umgeht, werde ich wohl von ihr begeistert bleiben.

Der klassischen Definition von Low Fantasy entspricht die Serie nicht, doch ist sie in entscheidendem Maße fernab der Bahnen, die mir Fantasy in der Regel madig machen. Was da in der Regel in der Fantasy kreucht und fleucht ist interessant, wird mit der Zeit durch strikte Archetypisierung doch zu eintönig. Wie behandelt Fantasy die Figuren? Nach Konfektionsgrößen. Alles muss geordnet aus seiner Schublade genommen, später wieder fein säuberlich dort abgelegt werden. Der Waldläufer, die Ritter, die Prinzessinen, die Orks, die Tyrannen, sie alle müssen ihrem jeweiligen Schema entsprechen. Erben sie aus dem bloßen Umstand ihrer Zugehörigkeit zu einem Archetyp die weiten Teile ihrer Fähigkeiten, werden diese plump höchstens noch durch eine besondere Neigung oder Begabung individualisiert. Das ist Schreiben nach Zahlen – oder Filmen, Erzählen, was auch immer. Zinnfigur nehmen, Farbe drauf, fertig ist die Fantasy.

Nicht so in Game of Thrones, wo die Archetypen zwar vorhanden sind, allerdings nur als soziale Plakette der fantastischen Welt, die sie bevölkern. Hat ihr Stand auch Einfluss auf ihr Verhalten oder ihre Chancen, in der Welt zu bestehen, er vereinnahmt sie nicht. Wo in der Fantasy gerne die Figur durch ihre archetypische Herkunft verabsolutiert ist, die Fremdwahrnehmung und -zuschreibung zum Maßstab wird, ist dies in Game of Thrones nur die äußere Hülle einer Figur, die noch stärker von ihren persönlichen Erfahrungen geprägt ist. In der Serie werden Figuren psychologisiert, in vollem Bewusstsein der entstehenden Brüche.

Das Erzählen in Game of Thrones zieht seine Spannung eben daraus, dass die Figuren auch zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung changieren müssen. Die Zinnfiguren werden lebendig in dem Maße, wie ihre eigenen Interessen mit der Wirklichkeit ihrer Persona kollidieren. Aus dem Schattenspiel vorgefertigter Verhaltensmuster aus dem Kabinett der Fantasy, die vor Berechenbarkeit nur so triefen, werden dramaturgisch ausgefeilte Kammerspiele zwischen eigensinnigen, allein ihren Zwecken dienenden Individuen.  Dass sie überhaupt Interessen haben, ist nur möglich, weil die Serie sich darauf einlässt, die Schablonen der Fantasy von diesen Figuren so weit es geht fernzuhalten. Insofern spielt die Serie nicht in unserer realen Welt, ihre Figuren stammen emotional wie psychologisch aber aus ihr. Auch wenn sie über magische Fähigkeiten verfügen können.

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