Elementary: Konfektionsgröße Holmes

Fernsehserien, aus dem US-Fernsehen besonders, wird seit dem Jahrtausendwechsel eine strahlende Aura nachgesagt, mit der die besten Serien in Anspruch, Narrative und Struktur die Kulturlandschaft prägen, dem Film den Rang abgelaufen haben, vielleicht sogar am mutmaßlich unübertrefflichen Nimbus des Romans als höchster unter den Erzählformen kratzen. Neben berechtigtem Lob bleibt aber auch die Erkenntnis, dass US-Fernsehen nicht vorrangig als Kunst entsteht, denn es ist als Teil einer hegemonialen Kulturindustrie wie nahezu alles ein mit gigantischem Aufwand betriebenes Geschäft. Selbst die anscheinend so erhaben über dem Rest des Geschehens thronenden Breaking Bad, The Wire und wie sie alle heißen sind und bleiben an das Diktat des kommerziellen Erfolgs gebunden, auch wenn sie den Zwang zur Formatierung bis an den Rand des Machbaren strecken. Firefly, Joss Whedons Sci-Fi-Western, fand bei allen Lobeshymnen für den Sender nicht die Quote, wurde abrupt beendet.

Mit dem Druck der Wirtschaftlichkeit bringt das US-Fernsehen auch große, gewagte Themen in serieller Form unters Volk, aber in abgewogener Dosierung, die Welt hängt bei den künstlerisch ambitionierten Serien am Tropf der US-Einschaltquoten, Gedeih und Verderb hängen daran. Kein Wunder also, auch die Mehrheit der US-Serien entstammen starren Formatierungen. Enge dramaturgische Korsettformen werden um wechselnde Bäuche geschnürt, damit die Quote stimmt. Auch in den USA dominiert der Dreiakter-Uniformismus ganze Genres: House, Monk, The Mentalist, NCIS, und Klassenprimus der Einfallslosigkeit CSI, sie alle sind mit ihrer wiedergekäuten, unablässig gleichen Konvention Fischfarmen roter Heringe, bei dem ein immer gleicher Plot-Twist die Handlung ad absurdum führt. Sie alle sind Belege des abscheulichsten Quotenmagneten: dem klinischen Crime-Drama voller absonderlicher Übermenschen, deren soziopathologisches Verhalten Sympathie hervorrufen soll.

Aus diesem Umfeld stammt auch Elementary vom an Formatierungserfahrung reichen Robert Doherty. Als Crime-Drama reiht sich Elementary in seiner kühlen Zielgruppenberechnung in die obige Gruppe ein: Der urheberrechtlich unbedenkliche Sherlock Holmes, durch eine BBC- und die burschikose Hollywood-Adaption in modernem Gewand repopularisiert, wird als publikumsträchtige Marke im New York der Gegenwart wiederbelebt. Nun als emigrierter Ex-Abhängiger auf Entzug, der sich als kauzig-genialer Berater der örtlichen Polizei verdingt. Dem wortflutendem Holmes (Jonny Lee Miller) wird ein „sober companion“ aufgezwungen, Dr. Joan Watson (Lucy Liu) soll dem Suchtkranken bei der Entwöhnung helfen, wird aber, welch Wunder, zur einzigen Person, die hinter die eitle Maske des genialischen Detektivs schauen kann.

Als Format ist die Serie mit ordentlichen Mitteln ausgestattet, weiß als Unterhaltungsserie durchaus zu überzeugen. Besonders die Protagonisten entwickeln eine gelungene unterkühlte Beziehung zueinander, die nicht von romantischen Untertönen diskreditiert wird, zumindest vorerst nicht. Jonny Lee Miller spielt einen exaltierten Holmes, der glaubhaft intelligent und deswegen der Welt entrückt ist. Lucy Liu war ohnehin immer dann am besten, wenn sie mit stoischer Miene die Geschehnisse begleitete, ihr Watson ist eine erstaunliche Ergänzung zu Jonny Lee Millers jungenhaften Obsessionen.

Auch die Produktion besticht mit einer guten Ausstattung und gewissenhafter Inszenierung. Der schier unermessliche Schatz talentierter Schauspielerinnen und Schauspieler, die in den USA aber dann doch nur ein Statistendasein fristen, ist beängstigend. Woran es aber krankt, sind die Bücher. Im zähen Ringen um Aufmerksamkeit haben sich die Crime-Dramas in einer Spirale der Abstrusität verfangen. Es ist Ausdruck der Professionalität, dass es erkennbare Mechanismen in den Grundlagenkursen der Autorenschulen gibt, dies möglichst zu kaschieren. Mit ein wenig Sehgewohnheit sind die Marotten jedoch schnell als hässliche Zuschauermanipulationen durchschaut.

Eitel wirkt es, die Fall-Konstruktionen der Morde der Woche von Jonny Lee Miller in irrwitzigem Tempo vortragen zu lassen, damit ihre Flüchtigkeit im Staccato der Begründung untergeht. Hinzu kommt die einstudierte Ehrfurcht der Nebendarstellerinnen und Nebendarsteller, mit der sie der haltlosen Andacht zuhören, als wäre sie die unweigerlich rationale Deduktion, als die sie ausgegeben wird. Alles altbekannte Taschenspielertricks der modernen Erzählkunst. In Elementary nimmt sich das im Vergleich zur Konkurrenz zwar noch fast harmlos aus, bleibt doch störend.

Ärgerlich ist hingegen die Berechnung, wenn ein ums andere Mal gerade die Figuren eben nicht mal von den Schienen, auf die sie gesetzt wurden, abweichen, jede Entgleisung nur nach bekanntem Schema der Deehbuchpsychologie verläuft. Da aber bislang in den USA ein erstaunlich mäßiger Serienherbst zu verzeichnen ist, gehört Elementary zum besten Fernsehen dieser Saison, aber noch lange nicht in die Spitze. Crime-Drama, auch wenn es noch solide gemacht ist, geht halt immer runter, schmeckt aber nicht wirklich.

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