The Master: Manische Männer

Von der einen Seite bis zur anderen soll Freddie Quell den Raum mit geschlossenen Augen durchschreiten, er soll am einen Ende die Holztäfelung tastend beschreiben, am anderen das Glas des Fensters. Quell tut dies auf Geheiß des Meisters Lancaster Dodd, dem spirituellen Führer einer techno-esoterischen Sekte namens The Cause. Dodd bricht mit dieser tagelangen, womöglich wochenlangen Aufgabe den Willen des widerspenstigen Gefolgsmanns Quell. Wie jeder Guru, der etwas auf sich hält, greift dieser spirituelle Anführer über die seelische wie körperliche Züchtigung auf den Geist zurück, und demonstriert mit der Öffentlichkeit des totalen physisch-psychischen Zugriffs innerhalb der sektiererischen Gemeinschaft seinen Anspruch auf Totalität.

Paul Thomas Andersons The Master wird im Laufe der Zeit zu einer ähnlich stoischen Aufgabe. Andersons Filme forderten alle Geduld ein, belohnten Aufmerksamkeit und nicht selten auch Sitzfleisch aber mit teils ungeahnter Katharsis. Der Reiz von Andersons Filmen liegt in ihren Figuren, besonders in ihrer Menschlichkeit. Alle sind sie gebrochene, suchende Menschen am anderen Ende des Glücks, Teile einer ausgestoßenen Subkultur, Fragmente einer Schicksalsgemeinschaft oder Gefangene in sich selbst. So sehr sie getriebene Menschen sind, Andersons Figuren werden nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Fehler zu hervorragenden Projektionsflächen für Empathie. Und auch wenn nicht jede emotionale Investition sich lohnte — besser: belohnt wird — , sie war als solche nicht überflüssig oder müßig.

Seit There Will Be Blood aber blickt Anderson von den Getriebenen weg, hin zu den Wahnhaften. Die Menschen, deren Manie Anderson auch in The Master facettenreich anhand der Sekte The Cause darstellt, sind aber auf der Suche nach etwas gänzlich anderem, als dem persönlichen Glück. Ob nun der Ölmagnat Daniel Plainview oder Lancaster Dodd, beide sind Despoten. Sie suchen nicht verzweifelt, wenn vielleicht auch fruchtlos, nach Sozialität, nach einer Gemeinschaftlichkeit, Plainview und Dodd wollen über Andere herrschen.

Für mich entzieht Anderson damit seinem Film die essenzielle Grundlage, mich mit den Figuren ernsthaft beschäftigen zu wollen, denn mein Masochismus, mich mit den Sadismen Anderer befassen zu wollen, ist begrenzt. Und damit auch meine Empathie für das Duell von Quell und Dodd. Mit der steigenden Manie der Protagonisten sinkt meine Aufmerksamkeit für den Film, mit jeder Minute wich sie der letztlich enttäuschten Hoffnung, Anderson könnte noch im letzten Augenblick zu erkennen geben, warum er sich für diese Figuren interessiert.

Ohne Zweifel ist The Master ein glänzend gespielter Film und auch grandios in Szene gesetzt, was in vielen Situation für eine zunehmend konturlose Erzählung entschädigt. Wenn Anderson aber eben nicht daraus emotional Kapital schlägt, in seinem Film zerrüttete Menschen auf der verzweifelten Suche nach individuellem Glück zu zeigen, verkommt die Charakterstudie zu einem platten, pseudo-psychologischen Voyeurismus.

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