Der Schwarm, die Intelligenz und das Wiederkäuen

Den Netzoptimismus kann ich mir nicht abgewöhnen, aber völlig mitgehen auch nicht. Nicht mehr. Ich schiebe es auf altersbedingte Misanthropie, die ich aus Sorge um meinen Ruf vorzugsweise als Realismus bezeichne. Soll heißen, der Glaube an die rosige Zukunft der Menschheit durch das Internet oder Technik ganz allgemein fiele mir deutlich leichter, wenn der Faktor Mensch nicht Teil dieser Rechnung wäre.

Es muss aber nicht immer eine pseudo-anthropologische Grundtendenz sein, die mich dazu bringt, den Fortschritt nicht mit jedem Startup einzuläuten, denn das Etikett Fortschritt verkauft ein Startup nun einmal teurer, selbst wenn der faktische materielle, ökonomische oder kulturelle Nutzen bei näherer Betrachtung unterhalb jeder Relevanz liegt.

Für mich ist Codecademy so ein Beispiel für die revolutionäre Geste der kostenlosen Bildung für alle, die bei Lichte betrachtet dem Vorschlag gleichkommt, Menschen die Liebe zur Kunst mittels Malen nach Zahlen nahe bringen zu wollen. Codecademy ist nicht gescheitert, denn das grundlegende Versprechen löst es ein: Menschen können die Grundlagen einiger essentieller Script- und Auszeichnungssprachen lernen. Hierzu stehen für JavaScript, Ruby, PHP, Python und andere vorgefertigte Kurse bereit. Als interpretierte Sprachen bieten sie sich geradezu an, da es vergleichsweise einfach ist, einen Editor und den jeweiligen Interpreter im Browser zur Verfügung zu stellen.

Die ersten Schritte bei Codecademy dürfte für Neugierige erstaunlich leicht nachvollziehbar sein. In diesen Bereichen ist Codecademy erstaunlich, könnte sogar Hürden einreißen oder so weit senken, dass sie nicht mehr abschreckend wirken. Danach wird die Luft aber wieder dünn, denn wenn die ordentlichen Pfade der größeren Lerninhalte begangen sind, ziehen neue Hürden auf. Es gibt keinen Fingerzeig über das mechanisch erlernte Wissen hinaus.

Die Idee ist blendend, das Lösungsmuster ist im Netz altbewährt. Der Schwarm wird es schon richten. Irgendwie, egal wie. Denn Codecademy hat nur ein klappriges Gerüst zusammenhängender Übungen mit etwas, das einem didaktischen Konzept ähnlich sieht. Darüber hinaus sollen Kurse von der Community erstellt werden. Selbst nach langer Zeit bei Codecademy verstärkt sich der Eindruck, das der Pflege der Kurse keinerlei Beachtung geschenkt wird.

So reihen sich dann von Laien verfasste Kurse aneinander, die inhaltlich entweder reine Lückentests sind, sodass höheres Verständnis kaum entsteht, geschweige denn, die Fähigkeit eigene Ideen umzusetzen, oder dieses Verständnis wird vorausgesetzt. Die Qualitätssicherung besteht bloß aus einer plumpen Sternskala zur Bewertung des Kurses und unübersichtlichen Foren, in denen sich die Stimmen der Verwirrten überschlagen.

Moderation oder gar Redaktion kann ein dermaßen irritierter Schwarm kaum leisten. Das Versprechen universellen Wissens verkümmert so zum Stimmengewirr des Halbwissens in der vernetzten Masse. Das heißt allerdings nicht, dass sie nicht möglich wäre, die vernetzte Bildung zu geringem Preis, doch sind die bisherigen Lösungsansätze der Startups – denn es ist nicht Codecademys spezifisches Problem – eher technokratischer Idealismus verbrämt mit dem Idyll der Weisheit des Massen.

Doch was ist es für ein Wissen, das in redundanten Aufgaben vermittelt wird? Bildung, selbst in der geringsten aller Definitionen, ist nicht die mechanische Reproduktion von Fertigkeiten. Dieses Bildungsideal ist allerdings metrisch wieder schwer zu greifen, da ist es doch besser, nur das Wiederkäuen von Informationen zu messen und als Bildungsleistung vorzugaukeln. Von dem Ideal der Bildung als befreiendem, befähigendem, ermächtigendem menschlichen Werkzeug ist das weit entfernt. Ingenieurswissenschaftlich betriebene Aufklärung ist das, mehr nicht. Schade, denn im Netz allgemein wie auch bei Codecademy sind wirklich fantastische Inhalte zu finden. Den Zugang hat das Netz erleichtert, das Finden ist noch immer die Herausforderung.

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