Im Namen der Redefreiheit, her mit den Trollen

John F. Nebel kann sich auch noch so abmühen, der unfertige Versuch einer aufgeräumten Definition von Zensur, die auch die Informationskontrolle durch Konzerne, Verbände oder Individuen berücksichtigt, überzeugt mich überhaupt nicht. Das liegt nicht an der Annahme einer möglichst ungestörten Kommunikation zwischen Menschen, die implizit mitschwingt. Auch die Erweiterung der Zensur ist wenig problematisch, wenn zwischen staatlicher und nicht-staatlicher Zensur unterschieden wird, wobei diese Differenzierung noch um eine Trennung nach Legitimität des Eingriffs unterschieden wird1. Nebel übersieht die Tragweite des Begriffs Informationsfluss. Am Anfang wirkt das wie ein hervorragender Gradmesser für Zensur, ob nun staatlich oder nicht. Auf jeden Fall sieht Nebel es so. Ein Blog sperrt Kommentare und macht dies nicht einmal sichtbar, ein Unternehmen verbietet bestimmte Inhalte in seinen Portalen, ein Staat inhaftiert Redakteure missliebiger Zeitungen. Alles Zensur, erst recht, wenn es nicht transparent gemacht wird:

Doch überall, wo intransparent Information unterdrückt wird, ist der Fluss der Information gestört und für Außenstehende nicht mehr nachvollziehbar. Insbesondere bei der zunehmenden Macht von Konzernen im Hinblick auf Informationskontrolle ist das ein ernstzunehmendes Problem.

Diese Form der Freiheitlichkeit beißt sich an der Information fest. Sie soll frei sein, fließen und alles durchströmen. Die Kommunikation sieht diese Vorstellung von Zensur aber nicht. Dass sie aber nicht dasselbe sind, hat eine entscheidende Bedeutung. Denn, mit Watzlawick gesprochen, es ist nicht möglich, nicht zu kommunizieren. Nicht zu informieren schon. Kommunikation != Information.

Erst einmal entsteht schon information overkill, aber darauf will ich nicht hinaus. Information ist ohne Kommunikation kaum möglich, zumindest fruchtlos, aber es gibt Kommunikation, die nicht-informativ im Sinne eines freien Diskurses ist. Sie ist emotional, psychisch oder auch sozial. Aus diesen nicht-informativen Kommunikationsformen entstehen Informationsstörungen. Diese Störungen sollten aber gerade die Information nicht beeinträchtigen. An dieser Stelle fällt für mich Nebels Begriff zusammen. Trolle, Stalker, Spammer, wer auch immer eine Kommunikation von und über Information mit nicht-informativer Kommunikation beeinträchtigt oder unterbindet, sollte in kommunikative Schranken verwiesen werden. Das als Zensur zu bezeichnen klingt für mich widersinnig, gerade wenn Information das ultimative Ziel ist.

Das war jetzt viel Bürokratendeutsch. Ich versuche es mal in Form einer Abwandlung eines alten Ausspruchs: Es kommt nicht allein darauf an, dass Information fließt, sondern wohin und wie schnell. Die Information muss auch manchmal vor nicht-informativer Kommunikation geschützt werden. Das wäre aber Zensur nach Nebel, womit wir paradoxerweise wieder am Anfang stehen. Die Frage bleibt, wer darf wann wie viel Einfluss auf Kommunikation nehmen, um Information für alle zu gewährleisten. Mit lockeren kommunikativen Zügeln und Transparenz ist nicht viel gewonnen. Leider.

1 Zum Legitimitätsvorbehalt eines Problemlösungsprozesses könnte ich schon einiges sagen. Nicht viel Nettes. Das liegt daran, dass unter dem Deckmantel der Legitimität viel zu oft ein Konsens vermittelt wird, der allerdings nicht halten kann. Denn das Wie, das Wer oder Womit des ursprünglichen Problems wird hübsch in eine Legitimitätsfrage ausgelagert, um eine Abstraktionsstufe erhöht und dann nur noch in kleinem Kreise weiter verhandelt.Priblem nicht gelöst, aber rhetorisch ausgehebelt. Die Juristen haben nach diesem Prinzip mit dem Rechtsstaat eine Ordnungsstruktur geschaffen, die oberflächlich gesellschaftliche Konflikte durch Gesetze zu lösen vorgibt. Wie wir aber alle wissen, ist durch Recht selten Klarheit geschaffen, dass liegt daran, dass die Juristen ihre Konflikte in die Gesetzeskommentare transferierten.

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