Piraten be gone: Eine aussagekräftige Lücke

In einer weiteren Runde der Demaskierung eines großen Teils der Piratenpartei gibt sich nun Bundesschatzmeisterin Swanhild Goetze die Blöße. Dabei offenbart Goetze die tief in großen Teilen der Partei verwurzelte mechanistische Vorstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit. Sie übertragen dabei Konzepte der Informatik blind auf eine Makroperspektive der Gesellschaft. Gesellschaften funktionieren allerdings nicht rückstandlos in klassischer Schaltlogik. Und auch Gleichheit funktioniert nicht, indem sie wegdefiniert wird. Freiheit wird nicht durch konfliktlose Namensräume ermöglicht, wenn die Existenz dieser unterschiedlichen Namensräume Teil des verhandelten Problems ist.

Das will vielen Piraten und auch mancher Piratin nicht in den Kopf, sodass sie sich auf eine Position der Neutralität zurückziehen, die alles ist, nur nicht neutral. Ein Beispiel findet sich in der Einführung eines Textfilters im Sync-Forum der Piratenpartei. Gegen dieses Tool regte sich Widerstand, denn es filtert die Texte im Forum, ob ein Binnen-I oder ähnliche Mechanismen zur Sichtbarmachung von Geschlechtern und Lebensformen zu unterdrücken. Nun lehnte die Bundesschatzmeisterin einen Antrag ab, der die Entfernung des Plugins zum Ziel hatte. Die Begründung (via) ist dabei teilweise hanebüchen, aber bezeichnend hanebüchen für eine Partei, deren intellektuelle Konturlosigkeit und naive Gesellschaftsbilder schmerzvoll offenkundig werden.

Aber was spricht gegen das Plugin? Und warum ist die Begründung von Goetze so traurig?

Mechanistische Texteingriffe

Das Plugin beruht auf einem Add-On für Mozillas Firefox und Google Chrome mit dem schönen Titel Binnen-I be gone. Es ist eine kleine Ansammlung von regulären Ausdrücken, die sich auf das Binnen-I wie bspw. in BürgerIn bezieht. Die eingeschobene Endung -In wird schlicht im Wort ausgeschnitten. Ähnlich wird mit dem gender gap umgegangen. Aber optional können zumindest in Binnen-I be gone auch Dopplungen wie beispielsweise Bürgerinnen und Bürger auf ein schlichtes Bürger eingedampft werden. Technisch ist das äußerst simpel, damit auch stupide gelöst und kann zu völlig verwirrenden Situationen führen. Beispielsweise ergibt allein dervorangehende Satz bei aktiviertem Add-On keinen Sinn mehr. Da hilft im Zweifel auch keine Whitelist. Es ist also eine plumpe sprachreinigende Maßnahme, die aber jederzeit den Sinn eines Textes unbemerkt verschieben kann. Wenn der Sinn nicht gleich völlig kollabiert. Es wird also zugunsten eines vorgeblichen ästhetischen Empfindens der völlige Verlust jeglicher kommunikativen Funktion von Texten in Kauf genommen.

Die Unsichtbarmachung der Sichtbarmachung

Die sprachlichen Konzepte hinter dem Binnen-I und anderen sprachlichen Figuren haben vor allem eine Aufgabe. Sie sollen Menschen und Menschengruppen auch sprachlich sichtbar machen, die bislang in Sammelbegriffen wie dem generischen Maskulinum vereint waren. Verkäufer_in oder Verkäufer*In sollen auf textueller Ebene schon verdeutlichen, dass hier eigentlich ein inklusives Neutrum verwendet werden soll, das es im Deutschen so aber nicht gibt. Sie sind sprachliche Eingriffe, die bewusst die sprachliche Norm brechen. Denn diese sprachliche Norm soll hinterfragt werden. Es geht gar nicht so sehr darum, ob dieses Mittel geeignet ist, eine soziale Veränderung herbeizuführen. Es geht einzig und allein darum, dass Autorinnen und Autoren diese sprachlichen Markierungen bewusst einsetzen, die Markierungen sind Teil ihrer Aussage. Selbst wenn es ihnen inhaltlich um etwas anderes geht, bleibt für sie wichtig, sprachliche Normen zu hinterfragen. Ein Add-On wie Binnen-I be gone greift dort in die Aussage, den Sinn eines Textes ein und verändert diesen im Kern. Sie beschneiden die Meinung von anderen Menschen, die ihre Worte bewusst gewählt haben.

Und die Piraten?

Ja, was ist mit denen? Ist irgendeiner Leserin oder einem Leser aufgefallen, dass ich hier immer Piraten und Piratinnen geschrieben habe? Nein, habe ich nicht? Und was, wenn doch? Meine Rede, es schafft Unsicherheit auf allen Seiten, wenn in die inhaltliche Auseinandersetzung eingegriffen wird. Wie hat Swanhild Goetze sich aus der Affäre zu ziehen versucht?

Es kann niemand vermeiden, dass sich jemand für sich das Browser-Plugins http://binnenibegone.awardspace.com/ installiert, von dem die Option im Forum entnommen wurde. Auch in diesem Fall wird der Text für den Empfänger anders dargestellt, als es der Sender beabsichtigt hatte.

Ja, klar. Genau das sollte es auch sein, eine Entscheidung der einzelnen Personen. Nur weil Menschen sich einen Baseballschläger kaufen können, um damit auf wessen Köpfe auch immer einzuschlagen und es ihre freie Entscheidung ist, dies gegebenenfalls zu unterlassen, muss ich nicht jedem Menschen, der meine Wohnung betritt, einen solchen Holzknüppel in die Hand drücken. Oder sollte ich es als freundlicher Gastgeber doch tun, nur damit meine Gäste ihre Freiheit ausleben können? Das kann nicht Goetzes Ernst sein. Was schreibt sie noch?

Es gibt Menschen, die möchten gerne nur schnell einen Text überfliegen, um zu wissen, worum es im Großen und Ganzen geht, aber sie möchten sich nicht allzusehr inhaltlich mit dem Geschriebenen befassen. Auch diesen Menschen möchte ich es ermöglichen, sich schnell einen Überblick verschaffen zu können.

Und genau dieser Leserschaft soll es leicht gemacht werden, sich selbst vorzuenthalten, dass es der Verfasserin oder dem Verfasser wichtig ist, sprachlich die Vielfältigkeit menschlicher Daseinsformen zu verdeutlichen? Das versteht Goetze unter Neutralität? Es wird aber noch besser.

Sofern wir vor jeglicher technischer Neuerung vor Programmierung immer erst diskutieren und entscheiden müssten, würden viele Dinge niemals programmiert werden.

Schon mal was von Technikfolgenabschätzung gehört? Das heißt nicht etwa, eine Technik zu entwickeln, erst einmal einzusetzen und dann die Folgen abzugrenzen. Gerade vor und während der Entwicklung einer Technik sollen die möglichen Folgen schon abgewogen werden. Und ehrlich, bei nicht einmal 125 Zeilen Regex-Code können manche Piratin und einige Piraten nicht mehr abschätzen, worauf die Textersetzungen abzielen? Sie können nicht sehen, dass sie hier eine Infrastruktur zur selektiven Beschneidung und Verfremdung von fremden Inhalten propagieren. Alles unter dem Deckmäntelchen der Freiheitlichkeit und des Austausches von Meinungen?

Da hilft aus meiner Sicht auch nicht, dass nun im Zuge des Protests gegen das Plugin und die brüchige Verklärung als Service am Kunden eine Erweiterung eingeführt wurde. Ist das Plugin aktiv, soll nun am Ende des veränderten Textes folgender Text eingeblendet werden:

In diesem Beitrag wurden Genderformen entfernt, hier klicken, um die unveränderte Originalversion zu sehen

Das macht es nicht mehr besser. Allein der Umstand, selektive Beschneidung von Meinungen zu erlauben, lässt mich an der Glaubwürdigkeit einer Partei zweifeln, die sich Freiheitsliebe, Schutz von Meinungsäußerungen und die Ausweitung bürgerlicher Rechte auf die Fahnen geschrieben hat. Herzlichen Glückwunsch, die Piratenpartei ist im Sync-Forum jetzt auch ein Unterdrücker.

10 Gedanken zu „Piraten be gone: Eine aussagekräftige Lücke

  1. Ich kann dem Artikel schon was abgewinnen, die Argumentation ist schon recht in Ordnung.
    Allerdings, dass durch dieses Plugin „der völlige Verlust jeglicher kommunikativen Funktion von Texten in Kauf genommen“ wird ist defacto irrelevant.
    Ich verwende dieses Plugin schon einige Jahre, ich hatte vielleicht ein oder zwei Situationen, wo wirklich eine inhaltliche Veränderung stattfand.
    Und die merkt man auch schnell.
    Vielmehr ist diese Gendersprache Ausdruck tiefster Ideologie und genauso tief verwurzelter Blödheit und sprachlicher Einfalt.
    Und ja, das Argument, schnell einen Text überfliegen zu wollen, lass ich sehr wohl gelten.
    Ich tät allerdings den Benutzern mit Hinweis auf das Browserplugin die „Manipulation“ freistellen.

    Mit freundlichen

    1. Ich habe keine lange Erfahrung mit dem Plugin, dennoch müssen wahrgenommene Zahl der Sinnenentstellungen nicht mit der tatsächlichen übereinstimmen.

      Ich bezweifle auch stark den Sinn der Ideologiekritik. Wenn ein Text nur kursorisch gelesen wird und zugleich Ideologie abzulehnen sei, blendet doch das Plugin das Kritikwürdige aus.

      Aber die Verwendung der Begrifflichkeit einer ‚Ideologie‘ stört mich schon. Es ist an einer Ideologie der Inhalt entscheidend, nicht aber, dass sie Ideologie an sich ist. Hinter FOSS steckt ebenso eine Ideologie wie hinter Freiheit und Menschenrechten oder auch hinter Gemeinschaftsbegriffen.

      Undifferenzierte Ideologiekritik ist ebenso eine potenzielle Ideologie, wenn hinter ihr vermeintliche Normalität und Mainstreaming versteckt werden. Die Perfidie steckt dann in genau der Annahme, alles sei als Ideologie abzulehnen, was von der als Normalität bezeichneten Ideologie abweicht.

  2. Liebe Piraten

    Eins ist wohl ganz klar! Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht.

    Allerdings sehe ich keinen Zusammenhang zwischen Sprache und Meinungsfreiheit. Ich denke das muß strickt getrennt gesehen werden. Alle diese Tricks, Dinge zu manipulieren im Internet sind mir sehr suspekt, und ich für mich würde so etwas einfach nicht benutzen.

    Viel schlimmer, als dass hier versucht wird Texte zu manipulieren finde ich allerdings die zensierung und zerstörungen von Anträgen, die inhaltlich perfekt sind, aber immer jemand sich an Form oder Formulierung stößt.

    Ich habe noch keinen LPT erlebt, wo nicht 90 % der gestellten Anträge sich mit Formalien unserer eigenen innerparteilichen Regeln behandelt werden und höchstens 10 % der Anträge etwas mit Inhalten zu tun hatten, die für der Wahlkampf wichtig wären.

    Ich würde mir für unseren BPT ein von der Basis gewähltes Gremium von max 10 Leuten wünschen, die, die Anträge nach innerparteilichen Formalien und Anträgen, mit Inhalten für den Wahlkampf sortieren, so dass diese Anträge zuerst behandelt werden könnten, damit wir endlich in den Wahlkampf starten können.

    Dies ist wieder mal ein gute Beispiel dafür, dass wir noch weit entfernt
    davon sind die von uns verlangte Transparenz und Inklusion in der Partei
    zu leben.

    Die Piratenpartei ist Dank unserer Transparenz Strukturen, der Spiegel
    einer nicht funktionierenden Gesellschaft.
    Aber auch hier überwiegt die positive Seite.
    In keiner Partei in Deutschland sind Minderheiten und Menschen aller
    Gesellschaftsschichten zu finden. Das gibt es nur bei uns.
    Wir leben offen aus, was in dieser Gesellschaft nicht funktioniert.
    Ganz klar werden wir von der Öffentlichkeit als die in sich
    zerstrittende Partei emfunden, weil der Bürger nun mal lieber eine heile
    Welt hat.
    Auch die meisten Piraten hätten wohl gerne eine heile Welt, aber
    Demokratie und Inklusion sind nun mal die größte Herausforderung, die
    wir uns gestellt haben.
    Wir müssen innerparteilich an diesen Dingen arbeiten, denn wenn das bei
    uns funktioniert, funktioniert das möglicher Weise auch in weiten Teilen
    der Bevölkerung.

    Nachdem es sich hier bei diesem Fall nun um eine kleine Gruppierung der
    PP geht nehme ich das jetzt mal als Beispiel für unsere eigene
    Intolleranz mit der wir manche Gruppen oder Menschen nicht aktzeptieren
    wollen oder können.

    Ja am Anfang waren wir alle nur Piraten, egal welches Geschlecht.
    Aber wir waren neu und haben uns nicht mit internen Problemen beschäftigt.
    Es ist völlig normal, dass egal was man neu anpackt sich mit der Zeit
    Fehler, Schwächen und Konflikte einstellen, ganz egal, ob in Firmen oder
    in Parteien das ist überall gleich.
    Jetzt beginnt der Abschnitt, Fehler zu beheben an Schwächen und
    Konflikten zu arbeiten um für all diese störenden Elemente
    zufriedenstellende Lösungen zu finden.
    Viele empfinden die Piratencon als Störfaktor ,aber warum ?
    Ich bin weder Feministin, noch kann ich wirklich nachvollziehen, warum
    viele Frauen so denken. Das liegt ganz einfach daran, dass ich nie
    Nachteile hatte ,sondern eher Vorteile ,weil ich eine Frau bin.
    Aber trotzdem aktzeptiere ich diese Gruppe und finde sie auch für die
    Partei wichtig, weil es viele Frauen gibt, die so denken , weil eben
    unsere Gesellschaft nicht so funktioniert, wie wir das gerne hätten.
    Gerade weil wir auch mit diesem Thema transparent umgehen, wird die ein
    oder andere Wählerin uns wählen, weil sie sich und ihre Meinung von
    dieser Gruppe vertreten fühlt

    Deshalb bitte ich alle immer wenn sie sich ärgern sich unsere Werte in
    Erinnerung zu bringen. Inklusion, Toleranz, Transparenz.

    LG Susanne Bischoff
    @moddestyblaise

  3. Mir gehen diese ganzen Genderdiskussionen nur noch gewaltig auf den Sack, sollen die Gender Ideologen egal welcher Fraktion doch bitte zu den Grünen oder Linken Gehen. Die Piratenpartei als Freiheitspartei hat solche Bevormundung nicht nötig.

    1. und weil ihr so freiheitsliebend seid und andere menschen ausschließt (siehe dein kommentar), seid ihr auch so frei unterzugehen. wer emanzipatorische bewegungen und meinungen als ideologie bezeichnet kann sich mit der PdV, AfD usw. gemeinsam auf Sonstige-Prozente freuen.

      1. Ich will mich nicht bevormunden lassen wie ich zu sprechen habe, meine Sprache gehört immer noch mir und die wird nicht gegendert !

        Hab echt keinen Bock mich da irgendwie von irgendwelchen schrägen Moralvorstellungen bevormunden zu lassen wie ich zu sprechen habe. Und ja ich bin für absolute Gleichberechtigung. Aber hab was gegen solche Bevormundung, ich bin frei und mir kann niemand diktieren wie ich zu sprechen habe. Wer solch authoritäre Politik betreiben will ist bei den Linken und Grünen bestens aufgehoben.

        1. @Tux…
          Du machst genau denselben Fehler wie viele, mit denen ich über gegenderte Sprache diskutiert habe: Es sind nicht die Gendersternchensetzer, die anderen autoritär etwas vorschreiben, sondern deren Gegner. Wer Sternchen setzt, outet sich als Angehöriger einer Minderheit und nimmt absichtlich in Kauf, dafür schief angeguckt zu werden (bzw. will das sogar).

          Einfacher wird das vielleicht deutlich, wenn man mal am anderen Ende des Spektrums das N-Wort (das mit einem ‚g‘ – das andere ist sowieso jenseits von Gut und Böse) betrachtet. Wer das verwendet bringt eine gewisse Anschauung (oder bestenfalls Ignoranz) zum Ausdruck (und zwar eine, die ich nicht mag), und bekommt das gesagt (auch wenn man ihn nicht zwingen kann, die Ausdrucksweise zu ändern).

          Wenn hier jemand „bevormundet“, bist also Du das, nicht die andere Seite.

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