Der Parkplatz

Ich musste mir das Auto meiner Freundin, wie ich es hin und wieder tue, leihen. Besagtes Gefährt steht dann in der Regel in der Tiefgarage ihres Mehrparteienhauses. Das Problem an der Sache ist, dass die Parkplätze dort sehr knapp bemessen sind; so knapp, dass ich das sich der Verdacht aufdrängt, die Garage wäre in Zeiten gebaut worden, in denen Autos durchschnittlich nur einen Meter breit waren. Das kann zwar nicht sein, weil das Haus sicherlich erst ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat und auch wegen meiner Zweifel, ob Autos jemals so schmal gebaut wurden (Selbst das ‚Rollermobil‘, ich hau mich weg, Isetta hat knapp 1,40m.). Aus diesem Grund war es immer eine Plage, wenn der Parkplatz neben dem meiner Freundin besetzt war. Da kam zwar nicht oft vor, was mich wunderte, doch erfuhr ich heute die Erklärung.

Unbewusst wurde so der Fahrer oder die Fahrerin des Wagens auf dem anliegenden Platz somit oftmals aus dem simplen Grund verwunschen, dass es eine enorme Arbeit war, das Auto sicher zu parken, sofern der Platz besetzt war. Seit heute werde ich aber nicht mehr so leichtfertig fluchen, wenn ich wieder mal kurbeln muss. Denn ich begegnete dem überaus freundlichen und geselligen älteren Herrn, dem der Wagen gehört. Auf dem Weg in die Garage hielt er mir die Tür auf, was uns in die Situation brachte, in dem Gang ein wenig Smalltalk zu halten. Schnell lachten wir über seine und meine Anekdoten.

Als wir bei den Fahrzeugen angekommen waren, bemerkten wir erst, dass wir Parkplatznachbarn sind und versteiften uns noch weiter ins Gespräch. Der Mann, wie es sich eigentlich für einen gestandenen Pensionär gehören sollte, hatte reichlich zu erzählen. Und damit ist nicht gemeint, dass er mich mit unzähligen ungebetenen Ratschlägen oder wirren Geschichtchen belästigte. Nein, dieser Mann hatte ordentlich was erlebt.

Er war bei der Marine, erzählte er. Er hat also jahrelang die Welt bereist. Erst in diesem Moment fiel mir auf, dass er zum nasalen Ton des norddeutschen neigte, was ihn mir als gebürtigem Nordlicht gleich noch sympathischer machte. So erzählte er von seinen Reisen, Stippvisiten im Kanzleramt in Bonn. Einer Einladung zu – ausgerechnet – Nixon ins Weiße Haus. Und vielen weiteren nahezu geschichtsträchtigen Erlebnissen. Aber er hatte auch die Schattenseiten der Länder erlebt, die er bereist.

Ich hätte ihm noch Stunden zuhören können, wahrscheinlich hätte er noch Stunden erzählen können. Doch nach einer halben Stunde brachen wir wieder auf. So wird dann aus einer Tiefgarage ein Ort der Begegnung. Auch nicht schlecht. Wer hätte es gedacht, wo man doch allerhöchstens ein halbgares ‚Guten Tag‘ austauscht. Einziger Nachteil: Jetzt kann ich mich nicht mehr über die Anwesenheit des Wagens ärgern, wenn er denn mal da ist. Doch das kommt gar nicht so oft vor, denn es zieht den Mann wohl noch immer ans Meer, weshalb er sich die Zeit zwischen Darmstadt und der deutschen Küste aufteilt.

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