Nahe Frankfurt

Auf dem Weg nach Darmstadt musste ich in einer der miefigsten Städte des Taunus umsteigen. Während ich am Bahnsteig auf den Zug wartete, der bald kommen musste, hastete ein junger Mann die Treppen zum Bahnsteig hinauf. Sein Blick haftete schon auf den Stufen an der Anzeigetafel, doch keiner der Namen auf der Tafel schien ihm etwas zu sagen. Kopfschüttelnd ging er auf mich zu. "Fährt der Zug hier auch zum Hauptbahnhof in Frankfurt?", sagte er, die Worte getrennt von tiefen Atemzügen.

"Ja.", antwortete ich.

"Und…", er wurde vom einfahrenden Zug übertönt. Er wollte gegen den Lärm anschreien, merkte jedoch schnell, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Erst als der Zug nur noch im Schritttempo fuhr, setzte er wieder an: "… und wann fährt der nächste in diese Richtung?"

"Um diese Uhrzeit?", ich fuhr die Strecke schon lange nicht mehr regelmäßig, also konnte ich nur mutmaßen. "In einer Stunde. Wenn überhaupt noch einer später fährt." Ich bestieg den Zug. Erst als ich mich hingesetzt hatte, bemerkte ich, dass er mir in den Zug gefolgt war. Er nahm mir gegenüber Platz, sein Brustkorb hob sich und sank noch immer im Takt seiner schweren Atemzüge. Mir stand der Sinn nicht nach einer weiteren Unterhaltung. Nicht weil er mir seltsam vorkam, ich hatte nur einen anstrengenden Tag hinter mir. Alles, was ich wollte, war, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ich nahm mein Telefon und spielte Super Hexagon.

Er starrte aus dem Fenster in die Nacht, er konnte also zu dieser Tageszeit nur eine schwarzes Wand und vorüberziehende Lichtstreifen sehen. Manchmal schüttelte er den Kopf, dann lachte er ungläubig. In anderen Augenblicken hörte ich ihn leise lachen, gefolgt von einem "So eine Scheiße.". Ich weiß nicht, ob er damit versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen, aber in mir entstand der Eindruck, er wolle etwas erzählen. "Wo hat die mich ausgesetzt?", zischte er. Damit hatte er mich.

"Was ist denn los?", sagte ich. Er sah mich nur an und musste lächeln. "Ich bin seit heute morgen unterwegs. Habe bei der Mitfahrzentrale eine gute Verbindung von Erfurt nach Frankfurt gefunden. War erst auch alles okay. Die ist dann aber so langsam gefahren, das hat Stunden gedauert." Er schüttelte den Kopf. "Und dann hält die eben an dem Bahnhof da und sagt mir, das ist hier Endstation. Und ich fragte, ob das Frankfurt ist. Und sie sagt, dass wäre nah genug dran. Aber sie hat ausdrücklich gesagt, sie fährt mich nach Frankfurt."

"Klingt nicht nett. Hast du irgendwas angestellt?"

"Nein. Ich war immer ruhig, ich hab nichts gemacht. Ich war auch so überrascht und bin sofort ausgestiegen aus ihrem Auto. Dann hat sie mir für meinen Zwanziger nur einen Euro rausgegeben. Wir hatten aber siebzehn ausgemacht."

"Hm, hört sich wirklich nicht nach der feinen Art an.", sagte ich.

"Egal, ich hoffe, jetzt kommt keine Kontrolle. Ich habe ja keine Scheißfahrkarte." Er lachte noch, dann fügte er hinzu: "Aber du kannst denen doch sagen, dass ich gar nicht anders konnte. Das ist ein Notfall."

"Ich glaube nicht, dass ein Kontrolleur sich davon beeinflussen lässt.", antwortete ich.

So saßen wir eine Weile im Zug, unterhielten uns. Er kam aus Erfurt, um in Wiesbaden die Familie zu besuchen. Er hatte also selbst von Frankfurt aus noch ein Stück vor sich. Allmählich konnte ich mit einem Blick aus dem Fenster schon Frankfurt am Horizont glühen sehen, da eilte eine Gestalt an uns vorüber, baute sich ganz hinten im Waggon auf. Hinter mir hörte ich vom anderen Ende des Waggons eine tiefe Stimme: "Fahrkartenkontrolle."

Das war für meine Zugbekanntschaft zu viel, seine Gesichtszüge entglitten ihm völlig, sein ganzer Körper schien urplötzlich von der Stimme in Spannung versetzt. Er sah aus, als hielte es ihn nicht mehr auf dem Sitz, doch wüsste er nicht wohin. Ich sah im Hintergrund die ersten Betonsteine eines Bahnsteiges, der Zug müsste gleich halten. Nervös sah ich ihn an. "Scheiße, ich muss hier raus.", sagte er.

"Noch nicht. Bleib sitzen.", ich wusste genau, wenn er hastig aufgestanden wäre, hätte er alle Aufmerksamkeit der Kontrolleure auf sich gezogen. So, auf dem Sitz wartend, hatte er noch eine Chance, auch wenn er die Anspannung kaum noch aushielt, wie schnell die Kontrolleure von beiden Seiten auf uns zu kamen, während der Zug langsamer wurde, doch nicht zum Stillstand kam.

"Noch nicht.", sagte ich. Er sah mich an, also könnte er sich kaum noch beherrschen. Seine Augen brüllten die Anspannung hinaus. Der Zug fuhr noch immer in gemächlicher Geschwindigkeit, es hatten sich aber noch keine anderen Fahrgäste zum Aussteigen an die Türen gestellt. Ich sah den Schwarzfahrer an, er zitterte, auch wenn er es unterdrücken wollte. Endlich schien der Zug zum Stillstand zu kommen, von den Türen war das typische tiefe Pfeifen zu hören, das die Türsperre freigab. Gerade wollte ich Jetzt! sagen, da sprang zwei Sitzbänke hinter dem Schwarzfahrer ein junger Kerl auf, rannte mit großen Schritten zur Tür. Es wurde laut, die Kontrolleure rannten dem Kerl hinterher. Die Flucht endete aber an der Tür, wo die Kontrolleure ihn einholten. Es wurde geschrien, alle Menschen wandten sich nach dem Lärm um. Nur meine Zugbekanntschaft nicht, er grinste und schlich, noch leicht zitternd, zu einer anderen Tür auf den Bahnsteig.

Ich wandte mich ab, schüttelte wohl meinen Kopf, weil ich nicht glauben konnte, was für ein Glück er gehabt hat. Vor mir ließ sich eine Person auf dem Sitz nieder, ich sah schon wieder auf mein Telefon. "Na?", hörte ich eine bekannte Stimme. Als ich aufsah, saß er vor mir und grinste breit. Meine Verwunderung musste mir im Gesicht gestanden haben, denn er erklärte sofort: "Die haben den Typen auf den Bahnsteig geführt, um seinen Perso zu prüfen. Da bin ich wieder eingestiegen."

Ich lachte, er lachte. Bis unsere Wege sich am Hauptbahnhof in Frankfurt trennten.

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