Nationalistisches Internet: Der Kosmopolitismus endet hier

Gelegentlich sind es die vermeintlich kleinen Anlässe, die einen Gedanken ins Rollen bringen, der sich ungebremst durchs Hirn wälzt, viele weitere Gedanken an sich reißt und am Ende dann im Bewusstsein zerschellt, wo die Kraft des nervlichen Aufpralls den Gedanken in tausende schmerzhafter Splitter zerreißt. Zwei widerstreitende Meldungen bewirkten das erst vor Kurzem bei mir. Der Bundesgerichtshof bezweifelt die Legalität eingebetteter Videos, will heißen, der BGH zweifelt an der urheberrechtlichen Unbedenklichkeit eingebetteter YouTube-Videos zum Beispiel. Andererseits sieht ein US-Gericht YouTube gerade nicht zu ausladenden Copyright-Filtern verpflichtet. YouTube, oder jedes andere transnationale1 Internetunternehmen, sieht für Nutzerinnen und Nutzer gleich aus, hat aber unterschiedliche Wirkungen auf sie. Es gibt viele Gründe, auch bessere, darauf zu kommen, dass eine bestimmte Perspektive die Quelle dieser Ungleichheit ist: Die Nation und ihr hässliches Wirkprinzip des Nationalismus.

Es sind Gerichte zweier unterschiedlicher Staaten, deren Rechtssysteme sind aus verschiedenen Traditionen in spezifische Formen gewachsen. Das ist nicht neu. Doch ist etwas anders, ich sehe die Unterschiedlichkeit der Rechtssysteme nun im täglichen Leben. Als Blogger droht mir, was anderen Bloggern und Bloggerinnen in anderen Ländern nicht droht. Auch, das muss ich zugeben, genieße ich (noch) Vorteile der Meinungsäußerung, die mich nicht unmittelbar in Gefahr bringen; andere Bloggerinnen und Blogger setzen in repressiven Staaten oder gegen sie ihr Leben auf’s Spiel.

Doch dieses kurze Beispiel zeigt, dass etwas im Argen liegt, wenn das Internet nur in nationalen Grenzen verarbeitet wird. Das Internet als grenzen- oder schrankenlos zu bezeichnen ist eine bestenfalls utopische Vorstellung. Es entstehen Grenzen überall im Netz, entlang von Sprachen und Kulturen, an Geschlechtergrenzen und Interessen, religiöse und weltanschauliche. Diese Grenzen sind allerdings soziale Grenzen, also transnationale Grenzen. Sie verlaufen nicht in nationalen Bezügen.

Die Identität eines Menschen ist nicht an Nationale gebunden. Lebensweltlich spielt sich das Leben der meisten Menschen in viel kleineren Netzwerken ab, als im nationalen Rahmen. Mit dem Zugang zum Internet2 florierte eine neue Form der persönlichen Überbrückung räumlicher Identitätsbezüge. Digital vermittelte, aber durch und durch personale Identitäten finden sich zu Netzwerken zusammen, die nicht als virtuell diskreditiert werden sollten. Mir sind Menschen emotional näher, denen ich persönlich nie begegnet bin. Sie sind mir näher als Nachbarn, die ich jeden Morgen aus Höflichkeit im Hausflur grüße. Ich habe Anteil am Leben der Menschen, die ich nur über das Netz kenne, sie an meinem. Unser soziales Band3 bindet und stärker aneinander, als an unsere direkten Mitmenschen.

Aber das Internet, das so frei wie behauptet leider nie war, wird Tag um Tag enger geschnürt, es wird national domestiziert. Oder renationalisiert. Für im nationalen Korsett Denkende ist die Renationalisierung des Netzes eine Naturalisierung der konventionellen Identitätsbezüge. Sie muten allen Menschen das Motto zu, warum Freunde in der Fremde suchen, wenn dich so viele Menschen um mich herum sind. Doch dieser Nationalismus ist eine Fiktion. Ich habe als ‚Deutscher‘ wenig gemein mit ‚den Deutschen‘, was mit den Menschen in Greifswald oder Sindelfingen ist, berührt mich nicht. Ich habe keinerlei Bezug zu ihnen. Ich habe aber Bezug zu Menschen überall auf der Welt. Uns stehen viele soziale Grenzen im Weg, einige haben wir überwunden. Unsere kleinen transnationalen Netzwerke sind aber von Nation gefährdet, wir haben nicht das, was uns eigentlich selbstverständlich ist; wir haben nicht die gleichen Rechte und Pflichten im Netz. Wir werden in politische Grenzen eingehegt, die unserer alltäglichen Erfahrung zuwiderlaufen.

Genau deshalb bin ich kosmopolitischer Idealist, ich träume kleinere Utopien als den Weltstaat, aber den Traum von transnationalen, persönlichen Beziehungen theoretisch überall auf der Welt, den gebe ich nicht wegen nationaler Spießbürgerlichkeit auf. Die politische Kleinkariertheit wirkt sich auf meine sozialen Beziehungen, dringt in sie vor und trennt sie sogar. Das nehme ich nicht widerstandslos hin. Ich lasse mir von niemandem einfach vorschreiben, wo und wie ich meine sozialen Kontakte pflege. Der Kosmopolitismus des Netzes darf nicht enden.

1 Ich erlaube mir einige Freiheiten, was die Begrifflichkeiten angeht, doch eine Unterscheidung zwischen ‚international‘, ‚transnational‘ und ‚kosmopolitisch‘ muss ich machen. Um es nicht komplizierter zu machen, nutze ich sie als Synonyme für ‚zwischenstaatlich‘, ‚oberhalb wie unterhalb des Nationalen‘ und ‚weltumspannend‘.

2 Der Zugang zum Internet ist eine völlig eigene Ungerechtigkeit, die aus ganz pragmatischen Gründen hier ausblende.
3 Gerne hätte ich vom ’sozialen Netzwerk‘ geschrieben, doch dieser Begriff ist vergiftet.

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