Seinfeld – „The Airport“ Security

Wer lange einen Bogen um eine Serie macht, muss mit dem Altern der Serie leben. So ging es mir mit Seinfeld. Hin und wieder hatte ich eine Folge schon vor Jahren gesehen, aber mit der Zeit dachte ich, es brächte nicht mehr viel, jetzt noch damit anzufangen. Wie alt würde der Humor sein, schließlich ist die Serie bald 25 Jahre alt? Ich habe meine Sorgen doch noch überwunden und mit der Serie angefangen.

Natürlich, der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte wird deutlich, wenn es quasi keine Mobiltechnologie gibt, allenfalls mal ein Anrufbeantworter abgehört wird —von einem Telefon mit Wählscheibe aus. Das muss man sich mal vorstellen. Oder wenn jemand den Weg in einen Vorort nicht findet, weil er keine Karte dabei hat. Keine physische Karte, so eine zum Aufklappen. Mit heutigen Navis wäre die Odyssee durch fremder Leute Vorgärten nicht passiert. Schon gar nicht in den scheußlich kubistisch gemusterten Neonhemden der jungen Neunziger.

Aber weit gefehlt, der Staub hat sich nur an der Oberfläche festgesetzt. Im Kern baut sich Seinfeld um menschliche Unzulänglichkeiten herum auf. Herrlich wuseln Elaine, Kramer, George und Jerry sich durch peinliche Situationen, in die sie sich meist selbst gebracht haben und die sie nur noch schlimmer machen, weil sie nicht zu ihren Fehlern stehen. Das ist zeitlos, denn es geht mir und den meisten wohl genauso mit unseren Schwächen. Es fällt überhaupt nicht schwer, sich über die Macken der Vier zu amüsieren, ein wenig lacht man dabei halt auch immer über sich.

Nur bei einer Folge konnte ich bislang nicht lauthals lachen, obwohl ich wollte. Folge 12 der vierten Staffel heißt schlicht "The Airport" und bringt die vier aus verschiedenen Gründen an besagtem Flughafen zusammen. In der Zwischenzeit ist, das wurde mir unangenehm deutlich, so viel passiert, alles Gezeigte war mit der Welt wie sie heute an Flughäfen funktioniert nicht mehr unter einen Hut zu bringen. "The Airport" ist für Menschen der Post-9-11-Welt kaum zu ertragen. Wie sollen wir in unserer Vorstellung denn auch die Schere zwischen den skurrilen Handlungen der Folge und der heutigen Repression nicht wahrnehmen? Mal ehrlich, die Vier wären ihrem Verhalten nach heute sehr wahrscheinlich im Knast oder schlicht tot.

In Zeiten der Terrorabwehr, die begrifflich für die politisch gewünschte, alltägliche Repression herhalten muss, hätten die Eskapaden der vier Protagonisten ein jähes Ende gefunden. Elaine flieht vor ihrem lästigen Sitznachbarn von der Holzklasse in die erste Klasse. Die Zurechtweisung der Flugbegleiterin ist nachvollziehbar. Heutzutage hätte aber wohl schon einer der notorische Sky Marshalls eingegriffen und Elaine aus dem Verkehr gezogen. George schafft es irgendwie mit lauthals hinausposaunter Einstellung, sich nur Zugang zum Flug verschaffen zu wollen, in das Flugzeug. Da wüsste ich gerne, wie heute reagiert würde, sollte jemand erklärtermaßen gar nicht fliegen wollen, sondern "nur mal eben ins Flugzeug". Kramer selbst schießt den Vogel ab, nein, er ist der Vogel, der mit Sicherheit abgeschossen werden würde. Er erschleicht sich auch Zugang zum Flugzeug und flieht nachdem er von Bord geschleppt wurde. Er landet sogar auf dem Rollfeld. In den Neunzigern ging das vielleicht noch als komödiantische Überzeichnung durch, heute wäre Kramers ganzer Erzählstrang schon nach einer Minute mit einer gezielten Tötung durch ein Sondereinsatzkommando geendet. Hier bitte dann die Lacher aus der Konserve.

Nur Jerry hätte, wenn ich es mir recht überlege, auch heute unbeschadet überstanden. Er flog allerdings auch in der Ersten. So wären alle bis auf Jerry heute nicht einmal ansatzweise heil aus der Sache gekommen, obwohl sie auch noch mildernde Umstände hatten. So als Weiße*. Wäre einer der Protagonisten etwa arabischer Abstammung verdächtig, die Folge hätte noch ganz andere Wendungen parat gehabt. Insofern fand ich es durchaus aufschlussreich, dass es bei aller Überzeichnung den Autoren möglich war, überhaupt eine solche Folge zu schreiben. Damit hält sie ungewollt der heutigen Überwachungsstaatlichkeit den Spiegel vor. Früher war manchmal sogar besser, weil freier.

* Seinfeld ist sowieso eine sehr weiße Serie. Zahnpastamarketing würde sich wünschen, die Zähne seiner Models wären so bleich. Überall weiße Mittelschicht, wo man auch hinschaut. Aber das lenkt ein wenig ab.

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