Sleepy Hollow: Schläfrig hohl

Washington Irvings The Legend of Sleepy Hollow lädt zu neuen Interpretationen ein. Da wäre zunächst das mittlerweile längst abgelaufene Urheberrecht der 1820 veröffentlichten Erzählung, mit der sich eine bekannte Geschichte ohne lästige Lizenzen und Tantiemen an Hinterbliebene wiederbeleben lässt. Reizvoll ist aber auch der Inhalt: eine schaurige Mär um einen Reiter ohne Kopf.

Schon in Tim Burtons Sleepy Hollow wurde ordentlich an den Stellschrauben gedreht, braucht so ein ausgewachsenes Starvehikel doch einen geeigneteren Protagonisten als den vor Aberglaube in die Flucht geschlagenen Ichabod Crane aus Irvings Mär. In der 1999er Verfilmung ist Crane zwar noch immer ein Sonderling, aber einer, der eher zum Helden taugt, der sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit beinahe futuristischen Ermittlungsmethoden dem Irrglauben der Dorfbewohner und dem Übernatürlichen in den Weg stellt. War Crane schon bei Burton aus der Zeit gefallen, ist er es in der neuen TV-Serie umso mehr. Vermutlich um die Geschichte noch näher zur Zuschauerschaft zu tragen, werden der kopflose Reiter sowie Ichabod Crane, der nun gänzlich zum Widerstandskämpfer gegen die Briten im Unabhängigkeitskrieg hochgejazzt wurde, in die Gegenwart geworfen. Da gibt es dieses beschauliche Örtchen Sleepy Hollow noch immer, nun müssen wir also nicht mal mehr auf moderne Technik in unseren düsteren Sagen verzichten.

Mit ausreichend Popcorn und in geselliger Runde müsste das doch für kurzweiligen Grusel reichen. Müsste. In Wahrheit ist es eine so berechnete wie konfuse Enttäuschung. Für die Serie zeichneten unter anderen Alex Kurtzman und Roberto Orci verantwortlich, die das hervorragende Fringe hervorbrachten oder auch am Reboot von Star Trek im Kino ihren Anteil hatten, sie stecken aber auch hinter solchen Abgründen wie den Transformers-Verfilmungen. Und an letztere erinnert Sleepy Hollow viel zu oft. Schmerzhafte Dialoge treiben die Fremdschamesröte ins Gesicht, da hilft auch nicht, dass Tom Mison seinem Ichabod Crane hin und wieder heitere Momente abringt. Ansonsten wirkt Crane aber wie ein Fremdkörper — nicht in der Zeit, doch in der Narrative. Unterm Strich erstickt alles unter dem dicken Teppich wild gestreuter Mythologie und tumben Sprüchen.

Darunter leidet vor allem auch die von Nicole Beharie gespielte Abbie Mills. Mills steht als junge Ermittlerin der örtlichen Polizei im Zentrum der Ereignisse und hat auch noch weitere Verbindungen zu den aus der Zeit Gefallenen. Als starke Figur taugt Mills in Sleepy Hollow leider nicht. Weil Beharie nicht viel mehr machen braucht, sie muss nur die Verwirrung über die Drehbücher direkt in Mills kanalisieren, da bleibt kaum noch Raum für eine runde Figur. Schade, denn Beharie spielt charismatisch und so viele schwarze Frauen gibt es im Fernsehen leider immer noch nicht. Weder Beharie noch die Anlage der Figur trifft also die Schuld. Es liegt einzig an dem enormen Tempo, mit dem die Autoren eine historische Verschwörung an die nächste übernatürliche Erscheinung klammern. Selten hat eine Serie so schnell überdreht wie dieses wild mit Verweisen und Blut um sich werfende Sleepy Hollow.

Ganz so als ob die gefürchteten Anlaufschwierigkeiten einer Serie mit Gewalt überrannt werden sollen, prescht die Serie unerbittlich nach vorne. Vergisst aber, sich zu versichern, ob überhaupt noch jemand folgen kann. Und wie immer wenn die Nachvollziehbarkeit auf der Strecke bleibt, sammelt die Gleichgültigkeit die Reste auf.

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