You Go Girl

Dicht gedrängt stehen die Menschen in der Ringbahn, schwitzen sich hemmungslos an. Die schlechte Laune schneidet die heiße Sommerhitze im Waggon. Die Stehenden blicken neidisch auf die Sitzenden, alles scheint erstarrt. Wer etwas Lebendiges sehen will, blickt auf ein kleines Mädchen, das feixend einen der begehrten Sitzplätze neben ihrer Mutter eingenommen hat. Sie lässt ihre Beine baumeln und ist mit Neugier und Spieltrieb geladen.

Die Kleine zurrt und zerrt an ihrem Sommerkleidchen und strahlt mit großen Augen in die leer starrenden Augenhöhlen der Pendler, sie summt, sie lacht, sie strahlt. Alle im Zug fürchten jede Bewegung, die Kleine aber ist voller Energie, als hätte sie irgendwo ein hitzebetriebenes Kraftwerk, das sie gerade antreibt. Ihre Mutter kann die Kleine, die kaum älter als sechs ist, nicht beruhigen. Der Mutter ist anzumerken, dass die Kleine ihr unangenehm wird. In einem Zug voll Griesgrämiger ist kindliche Laune die schlimmste Tortur, das scheint die Mutter zu ahnen, also beugt sie sich in regelmäßigen Abständen zur Tochter herunter, flüstert ihr ins Ohr. Die Kleine giggelt, hält kurz inne, dreht dann wieder auf. Sie kann nicht stillhalten, auch nicht wenn ihre Mutter die Hand beruhigend auf ihre Beine legt, wenn die Kleine auf den Sitz zu springen droht. Es gibt kein Halten für die Kleine.

Allen im Zug steht der Schweiß auf der Stirn, die Kleine aber dreht auf. Augen rollen, es wird geseufzt, die Kleine stört das nicht. Sie ist ein quicklebendiger Mensch in einem Zug der After-Work-Zombies. Als die Kleine wieder laut vor sich hin plappert, schnappt die Mutter die Kleine und redet ihr zischend ins Gewissen. Die großen Augen der Kleinen verengen sich, ihr wird der Ernst der Lage klar. Stumm bleibt sie eine Minute sitzen und schaut zum Fenster raus. Dann stößt sie einen Schrei aus, mit zur Decke des Waggons gereckten Armen springt sie auf, sie steht auf dem Sitz, mit  wild funkelnden Augen wartet sie, bis ihre Arme in Kampfhaltung gegenüber ihrer Mutter eingerastet sind, die Fäuste geballt. Die Mutter sieht ihre Tochter wortlos an, alle anderen Augen sind ebenfalls auf die Kleine gerichtet. Die lacht nur, zieht herausfordernd ihre linke Augenbraue hoch und ruft: „Auffe Fresse!“

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