Philipp Balzer et al.: Menschenwürde versus Würde der Kreatur

Die Autoren unterscheiden „drei Formen einer kontingenten Würde von der inhärenten Menschenwürde“ (S. 61), wobei die drei ungleich verteilten Formen der kontingenten Würde die ästhetische, die soziale und die expressive Würde sind. Wichtiger Unterschied zur Menschwenwürde sei dabei, dass kontingente Würde angeeignet und verloren werden kann, nicht aber die inhärente Menschenwürde.

 

Die Autoren arbeiten dabei mit einer Minimalkonzeption von Menschenwürde. Diese Menschenwürde sei es, die durch Erniedrigung verletzt wird, womit klargestellt sei, dass diese Würde keinerlei physisches Gut sei, sondern ein menschlicher Anspruch. Als Minimalkonzeption dessen, was eine Erniedrigung darstelle, operieren die Autoren mit der Selbstachtung. Der Gedanke ist: Kann ein Mensch sich durch Handlungen anderer Menschen oder strukturelle Phänomene nicht selbst achten, gilt dieser Mensch als erniedrigt. Folglich beruhe eine derartige Konzeption der Selbstachtung auf einer vorausgesetzten praktischen Wahrnehmung des eigenen Selbst. Daraus ergebe sich wiederum ein sehr weit reichendes Problem: Was ist beispielsweise mit Säuglingen und anderen Menschen, die nicht über eine solche Voraussetzung verfügen? Sollen diese außen vor gelassen werden? Nein, finden die Autoren. Um auch solchen Menschen eine inhärente Würde zugestehen zu können, greifen sie auf etwas zurück, was ich jetzt einmal empathische Extension nenne. Mir ist gerade danach. Im Kern heißt dies, denjenigen Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht über die Fähigkeit zur Selbstachtung verfügen, kommt dennoch Menschwürde zu, da andere Menschen ein emotionales Interesse an ihnen haben und ihnen somit diese Würde zugestehen.

 

So weit alles klar. Was ist dann aber mit den Tieren, da bisher nur von Menschen die Rede war, die über die kognitiven Fähigkeiten zur Selbstachtung verfügen sollen? So könnten Primaten über die Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung verfügen, doch sei den Autoren zufolge zweifelhaft, ob Primaten auch über eine Vorstellung ihres Selbst und dessen Verfassung verfügten, dass sie sich erniedrigt fühlen könnten.

Bei Primaten sei dies zwar noch zweifelhaft, bei anderen Kreaturen aber völlig klar, dass diese nicht über die geeigneten Voraussetzungen zur Selbstachtung verfügten – und schon gar nicht auf Pflanzen und Mirkoorganismen. Was aber dann mit deren Würde? War es das?

Da im Verfassungsartikel [der Schweizerischen Bundesverfassung] auch solchen Lebewesen eine inhärente >Würde< zugesprochen wird, bedarf der Begriff der >Würde der Kreatur< einer von der Menschenwürde losgelösten, eigenständigen inhaltlichen Bestimmung. Ein plausibler Weg, diese inhaltliche Bestimmung im Rahmen der intendierten eingeschränkt biozentrischen Position vorzunehmen, könnte sein, daß Kreaturen ein inhärenter Wert zukommt. (S.67)

Dieser Wert sei dann ein moralischer, der allen Kreaturen innewohne. Nicht ein Nutzwert. Die Autoren merken aber an, warum dann nicht etwa aber auch Maschinen oder anderen Entitäten Rechnung getragen werden sollte.

Die Antwort geht davon aus, daß Organismen, Pflanzen und Tiere als Wesen beschrieben werden können, denen (i) ein individuelles, eigenes Gut zukommt, die (ii) individuelle Ziele verfolgen und die (iii) als organische Einheiten zu bezeichnen sind. (S.68)

Damit kreieren die Autoren also einen inhärenten Wert für alle Kreaturen. Den Vorteil ihrer Konzeption (vor allem in Abgrenzung zu denen, die auf eine Leidensfähigkeit abstellen) sehen sie darin, dass hier keine subjektivistische Position bezogen wird, bei der auf das Leid abgestellt wird. Das Leid könnte Lebewesen technisch oder medikamentös genommen werden, womit sie also wiederum keinerlei Ansprüche mehr hätten. Ihr inhärenter Wert bliebe ihnen aber. Doch sehen die Autoren, dass der Verfassungsgeber hier auch eine Güterabwägung zulasse. Der inhärente Wert also nicht absolut sei.  Außerdem seien inhärente Werte potenziell hierarchisierbar, somit also auch wieder Abwägungen möglich. Inhärente Würde sei damit also nicht mit Menschenwürde gleichzusetzen. Sie zeitigten unterschiedliche Ergebnisse, bei ähnlichen Mechanismen.

 

Ich sage nur: Wahnsinn. Einfach Wahnsinn. Ich habe erhebliche Bauchschmerzen bei diesem nächsten Würde-Ansatz. Noch kann ich nicht sagen, wo genau dieses Unwohlsein herrührt. Sicherlich aber auch daher, dass mir hier doch sehr rechtspositivistisch argumentiert wird. Man hat ein Verfassung in der Schweiz, in der steht etwas drin, was praktische Folgen haben würde. Da diese Folgen im Extrem den Autoren nicht sinnvoll erscheinen, basteln sie sich ein Konzept, in dem dann doch vieles beim Alten bleiben kann. Das passt mir hier sicherlich nicht.

Zumal verstehe ich nicht, wie sie die Unterscheidung zwischen Menschen machen, die nicht zur Selbstachtung fähig sein könnten, und anderen Lebewesen. Die empathische Extension gelte nur für Menschen? Aber warum? Wenn Menschen anderen Menschen, die aber nicht von sich aus über Selbstachtung verfügten, dennoch Würde haben können, warum können andere Lebewesen nicht auch in den Genuss der empathischen Extension kommen? Nur weil sie keine Menschen sind? Sicherlich, ich könnte es falsch verstanden haben, aber falls nicht, stinkt hier etwas gewaltig.

Andererseits hatte ich bisher den Einwand, den die Autoren gegen die Ansätze, die über die Leidensfähigkeit argumentieren, noch nicht bedacht. In der Konsequenz sehe ich dann aber doch keinen Unterschied zum Utilitarismus, da die Autoren auch hier bei der inhärenten Würde wieder in einem Zustand landen, in dem Güterabwägungen möglich sind. So erscheint es dann doch so, dass Lebewesen ein schwacher Anspruch zugesprochen wird, der von menschlichen Interessen aber ausgehebelt werden kann – und darf. Damit klingt es dann doch sehr nach Elfenbeinturm für mich – oder nach der moralischen Rechtfertigung des Unmoralischen. Das Problem wird auf eine Abstraktionsebene höher gehievt, in der Hoffnung, dass nicht auffällt, dass damit überhaupt keine Lösung angedeutet wurde. Beinahe schon theologisch.

 

Literatur:

  • Balzer, Philipp/Rippe, Klaus Peter/Schaber, Peter: Menschenwürde versus Würde der Kreatur, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 61-72.

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