Peter Carruthers: Kontraktualismus und Tiere – Teil 1

Auf geht die fröhliche Reise in den Kontraktualismus. Ehrlich, die Vertragstheorie ist nicht gerade meine starke Seite, aber genau dafür mache ich das hier ja auch. Was hat nun der Kontraktualismus für Tiere zu bieten?

Carruthers macht von Beginn an klar, dass er Tiere zunächst nicht als rationale Akteure betrachtet. Rationale Akteure aber stehen im Zentrum des Kontraktualismus. Danach wendet er sich Rawls zu (S. 78):

Nach Rawls haben wir uns die Moral als diejenige Menge von Normen vorzustellen, auf die sich rationale Akteure einigen würden, wenn sie sie hinter einem Schleier des Nichtwssens wählen würden.

Ah, der Schleier des Nichtiwissens. Klar, der darf nicht fehlen, wenn es um Rawls geht. Mir persönlich hat dieses Gedankenexperiment das Konzept der Gedankenexperimente auf lange Zeit madig gemacht. Dazu aber später mehr [*]. Im Kern geht es Rawls darum, Moral auf das festzulegen, worauf sich rationale Akteure einigen würden, wären sie nicht imstande, ihren sozialen Rang zu erkennen. So bliebe ihnen nur, Modelle zu entwickeln, in denen sie ihr Eigeninteresse verwirklichen können, aber im Austausch mit anderen Akteuren, die ebenfalls rational ihr Eigeninteresse durchsetzen wollen. Ein moralisches Normensystem ergebe sich dann aus den Verhandlungen der Akteure. Derart entstandene Normensysteme würden dann vertraglich festgehalten – Kontraktualismus, tada!

Carruthers interessiert nun erst einmal, wie es überhaupt möglich sein könnte, Tiere, die ja per definitionem keine rationalen Akteure seien, und ihre Rechte vertreten werden könnten. Um genau zu sein, es geht darum, einen Weg zu finden, Tieren diese Rechte aus kontraktualistischer Perspektive verleihen zu können. So könnte man annehmen, einem der Akteure könnte dieaufgabe gestellt werden, für die Rechte nichtrationaler Akteure einzutreten, sodass auch diese Interessen in den Gesellschaftsvertrag einfließen könnten.

Diese Variante lehnt Carruthers aus dem Grund ab, der in der Diskussion nun schon bekannt ist: Damit würden Tieren dieselben Rechte wie Menschen gegeben. Doch bräuchten sie doch diese Rechte, wie etwa das Recht auf Eigentum, nicht. Ein weiterer Grund sei, dass dann ebenfalls auch weiteren Entitäten Stellvertreter zugestanden werden könnten, wenn nicht sogar müssten, womit moralische Rechte ausufern würden [*2]. Der aus seiner Sicht wichtigste Einwand ist (S.80):

Doch der Haupteinwand gegen die Entscheidung, hinter dem Schleier des Nichtiwssens Vertreter tierlicher Interessen zuzulassen, lautet, dass sie willkürlich ist. Sie ist ohne eigenständige theoretische Begründung getroffen, einfach nur, um das gewünschte Ergebnis zu gewährleisten – dass Tiere einen moralischen Status haben sollen.

Im Anschluss befasst sich Carruthers dann mit Regans Ansatz, der letztlich impliziere, warum Akteure hinter dem Schleier des Nichtwissens, einem Zustand der absoluten Unwissenheit, nicht auch über ihre Spezies in Unwissenheit sein sollten. Damit deute Regan an, Akteure würden in diesem Zustand dann auch Regeln und Normen wählen, die diesem Umstand gerecht werden und in der Folge auch die Rechte der Tiere integrieren. Mit dem Ansatz Regans hat Carruthers zwei Probleme:

  1. Regan missinterpretiere Rawls dahingehend, dass dieser im Gegensatz zu Regans Auslegung keine tatsächliche metaphysische Unwissenheit annehme. Für Rawls habe das Gedankenkonstrukt lediglich das Ziel, störende Einflüsse bei der Ermittlung der moralischen Normen auszuschließen.
  2. Wichtiger sei aber, dass Regans Interpretation die Voraussetzung des Rawls’schen Konstrukts unterminiere, da dieses explizit für Menschen gedacht sei. Rawls wolle dahingegen gerade radikalen Objektivismus und „Exzesse des Intuitionismus“ (S.  84) vermeiden.

 

Gerade der letzte Punkt spreche aus Carruthers‘ Sicht gegen die Einwände Regans. Nun will Carruthers aber nicht den Eindruck erwecken, nur weil Tiere nach kontraktualistischer Sicht nicht über einen eigenen moralischen Status verfügen, man nach Belieben mit ihnen verfahren könne. Er nennt dies „zwei Varianten der indirekten Bedeutung“ (S. 84) der Tiere.

 

So, machen wir hier mal einen Punkt. Am Donnerstag folgt dann der Rest zu Carruthers‘ Kontraktualismus-Aufsatz.

 

Literatur:

  • Carruthers, Peter: Kontraktualismus und Tiere, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 78-91.

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