Die vorbereitende Sprechstunde

Irgendwas läuft in meinem Kopf nicht richtig. Ehrlich, da stimmt was nicht. Da habe ich gestern einen Termin ausgemacht, für Vorbesprechung zur Abschlussprüfung, die bald ansteht. Und was habe ich mir einen Kopf gemacht, weil der Professor auf meine Mail mit einigen Fragen antwortete, dass ich besser in seine Sprechstunde kommen sollte. In meinem Hinterkopf rumorte es. Ich war felsenfest davon überzeugt, er habe etwas an meinem Konzept auszusetzen und bittet mich jetzt, kurz vor der Prüfung, zum Rapport. Um mein Konzept einzudampfen.

In meinem Magen schlug es seit gestern Wellen, ich war unfassbar aufgeregt. Schlecht war mir, auch heute morgen noch. Ich hatte kaum geschlafen. Eigentlich wollte ich heute Morgen dann noch einmal mein Konzept durchgehen, damit ich wenigstens bestens gerüstet vor den Scharfrichter trete. Doch auch daraus wurde nichts. Die nervösen Blitze, die mir mein Scheitern verkündeten, ließen mir nur zwei Stunden Schlaf. Den auch nur in das Zeitfenster der Vorbereitung auf das Gespräch hinein. Ich war also gänzlich unvorbereitet, meine letzte Beschäftigung mit dem Prüfungsthema war vor zwei Wochen. In der Zwischenzeit hatte ich mich nur auf das zweite Prüfungsfach versteift.

Meinem Empfinden nach brandete nun also die Säure an den Innenwänden meines Magens auf. Einzige Beruhigung waren die wenigen Songs, die ich nun doch von Björks neuem Album hörte, als ich auf dem Weg zur Uni war. Dort gab ich schnell noch einige Bücher ab, damit ich beschäftigt war, bis die Zeit reif für den Termin war.

Um halb elf schlug die Stunde der Wahrheit. Ich ging in das Büro des Professors, gab ihm die Hand und setzte mich auf den Stuhl, den er mir anbat. Schon an diesem Punkt hätte mir auffallen können, dass er alles andere als streng wirkte. Mir hätte eigentlich auffallen müssen, wie freundlich er mich begrüßte. Er schüttelte mir energisch die Hand und lächelte mich freundlich an. In meinem Kopf herrschte zu diesem Zeit aber so reger Betrieb, mich auf die Auseinandersetzung vorzubereiten, dass diese Zeichen anders gedeutet wurden. Eine Stimme in meinem Kopf sagte mir, er lasse mich nun auch noch zappeln. Diese dramaturgische Raffinesse, die ich ihm unterstellte, mich zunächst einmal in Sicherheit zu wiegen, bevor er mich im Anschluss vernichtete, ließ mich nur noch mehr fürchten, was da denn kommen möge.

„Dann erzählen Sie mal, wie der Stand der Dinge bei Ihnen ist?“ Damit eröffnete er das Gespräch. Ich dachte: „Raffiniert, jetzt lässt er mich ins offene Messer laufen.“ In Windeseile musste mir ein Schlachtplan einfallen. Doch wollte der sich nicht zeigen, also versuchte ich, Zeit zu gewinnen. Also fing ich ganz allgemein an, gab einen kurzen Überblick über meine Literatur. Dann setzte ich bei den theoretischen Grundlagen an, um dann mehr und mehr ins Detail zu kommen. Er ließ mich reden.

Gelegentlich unterbrach er mich mal, wies auf einige Verständnisschwierigkeiten hin. Nachdem diese aber aus dem Weg geräumt waren, ließ er mich wieder gewähren. Ich nutzte die Gelegenheit, ich wollte ihn nicht oft zu Wort kommen lassen. Meine Hoffnung war, ihm möglichst viel Zeit zu nehmen, meine Ansätze zu pulverisieren. Seine Offensive würde zweifellos kommen, aber immerhin nicht langwierig sein.

Nach etwa zwanzig Minuten ging mir der Stoff aus, ich hatte mich ja nicht mehr vorbereiten können. Ich war mir nicht sicher, ob er mir die Furcht ansehen konnte, aber nun konnte ich ohnehin nicht mehr anders. Mit ängstlich fragendem Blick, das war meine Wahrnehmung, saß ich ihm gegenüber. Stammelte nur noch kurz: „Das, so ungefähr, wollte ich dann in der Prüfung ausführlicher und fundierter besprechen.“

Er lehnte sich in seinem Stuhl vor, ein verschmitztes Lächeln huschte über sein Gesicht. „Ich glaube, die Prüfung haben wir eigentlich gerade gemacht. Oder?“

Ich war baff, musste verlegen lächeln. Bestimmt brachte ich noch ein „Na ja, das muss schon ausführlicher sein“ hervor, dann fiel aber alle Last von mir ab. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Das sagt man doch nicht so dahin, oder? Was soll das jetzt heißen? Diese Fragen schossen durch meinen Kopf, als ich sein Büro verließ. So verwirrt war ich, dass ich ihm ein schönes Wochenende wünschte. Als mir auffiel, was für ein dummer Abschied das an einem Dienstag war, stürzte ich fassungslos aus seinem Büro und schleuderte noch eine halbgare Erklärung für diesen Fehler in den Raum hinter mir. Dann war alles vorbei.

Irgendwas stimmt nicht mit meinem Kopf. Ich bin mir ganz sicher. So sicher ich mir eben sein kann.

2 Gedanken zu „Die vorbereitende Sprechstunde

    1. Jaha, da war ich echt von den Socken. Ich mache meine Plan einfach fertig, unterfüttere alles und dann sollte es laufen.

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