Die biophile Björk

Endlich. Jetzt konnte ich das Album doch lang genug hören, um mir eine erste Meinung bilden zu können. Und ich bin doch sehr begeistert von dem, was Björk da wieder geschafft hat. Sie bestätigt in meinen Augen die Wahrnehmung, tatsächlich eine eigene Sphäre in der Musik entwickelt zu haben, die sich der Kategorisierung entzieht. Bisher konnte ich zwar immer mal eine leitende Idee oder Richtung erkennen, das waren stets aber nur grobe Geschmacksmuster einer Stilrichtung, die Björk einschlug, aber keineswegs ihr gesamtes Schaffen vereinnahmte.

So ist es dann auch bei Biophilia, das aus meiner Sicht klanglich wieder deutlich zur elektronisch klingenden Musik neigt. Das heißt nicht, dass es tanzbar ist. Es wird von ruhig entfalteten Strukturen dominiert, doch wenn die Songs einmal Fahrt aufnehmen, dann in Form von stampfenden (Break-)Beats. Ich habe den Vorgänger Medulla nicht mehr in den Ohren, doch meine ich, dass dies dort noch nicht ganz so stark ausgeprägt war.

Ich lasse mal außer Acht, dass dieses Album von einigem Marketinggetöse umgeben wurde, das mehr darauf abzielte, die Originalität des Albums als ‚App-Album‘ hervorzuheben. Das ist, gerade bei Björk, eigentlich nicht nötig. Aufgrund ihrer Experimentierfreude war aber zu erwarten, dass ihr Konzept, an natürlichen, biologischen orientierte elektronische Musik auch visuell zu bearbeiten, sich nicht nur auf ein schnödes Album konzentriert. Das ist dann aber mehr Feuerwerk als bedeutsam.

Was zählt ist, dass Björk nicht enttäuscht. Ein wenig bin ich zwar mittlerweile an ihre Strukturen und idiosynkratischen Elemente gewöhnt, doch entsteht aus dieser Gewöhnung keine Sättigung. Björk bleibt die intensive Auseinandersetzung wert. Doch eines ist mir aufgefallen: Mehr als auf den vorangegangenen Alben folgten die Songs einem vorhersagbaren Schema. In diesem Fall kann man einen Song von Biophilia idealtypisch auf eine Laufzeit von viereinhalb Minuten beziffern. Diese Laufzeit teilt sich dann eigentlich nach dem Makro des herkömmlichen Popsongs ein. Einleitendes Thema, Strophe, Refrain mit Thema, Wiederholung der ersten drei Schritte, Übergang (in der Regel beruhigtes Thema), aufbrausendes Finale (unterlegte, harte Drum-Betten).

So berechnend erschien mir bisher kein Album von Björk. Doch muss ich sagen, dass besonders die mir auffälligen Songs nach diesem Schema verlaufen. Vielleicht überzeugen sie mich gerade deshalb. Es schadet auf keinen Fall, ist mir nur so aufgefallen. Crystalline ist so aufgebaut, Moon, Hollow und letztlich auch Mutual Core ebenso. Wie gesagt, es sind aber auf Anhieb auch die stärksten Songs. Die anderen stehen nicht hintenan, bedürfen nur einiger weiterer Durchgänge.

Alles in allem ist Björks Biophilia ein sehr gelungenes Album. Ihr geht mit Sicherheit nicht die Puste aus, auch wenn man doch an mancher Stelle zu schnell hinter die wunderbare Fassade blicken kann. Insgesamt, wenn man noch die Texte berücksichtigt, ist das Album die schönste und erträglichste Form der Esoterik. Esoterik, die als Kunst verstanden wird. In diesem Fall die Verbundenheit von menschlicher Künstlichkeit (elektronischer Musik, die selbst auch analoge Instrumente simulierend umfasst) und die Inspiration durch natürliche Prozesse. So kann ich es mir dann doch gefallen lassen, da es in meinen Augen nicht macht, was der Esoterik sonst nicht fehlt. Das Album kennt keinen – bloß postulierten – Wahrheitsanspruch, nur einen ästhetischen. Und diesen erfüllt es.

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