Singer: Tierversuche

Mein Plan ist ja nun geändert, seitdem ich weiß, dass ich Tierethik für das Studium verwenden kann. Der Fokus richtet sich ja jetzt mehr auf Singer, Regan und Carruthers. Deshalb folge ich dem Büchlein ‚Texte zur Tierethik‘ nicht mehr dem ursprunglichen Verlauf. Stattdessen springe ich die Abteilung des Büchleins, den ich mir eigentlich ersparen wollte. Der Titel des zweiten großen Abschnittes in diesem Buch heißt ‚Tiere in der Wissenschaft‘. Im Gegensatz zu dem vorangegangenen Abschnitt, in dem es mehr um theoretische Grundlagen und Diskurse zur Tierethik geht, wird hier ein Feld der praktischen Anwendung betrachtet. Für mich ist das aus dem Grund interessant, dass Singer natürlich auch zu Tierversuchen Stellung bezogen hat.

Wie aus den bisher von ihm in der Theorie vertretenen Positionen abzuleiten ist, hat Singer erhebliche Schwierigkeiten mit der Forschung zum Wohle der Menschheit an Tieren. Für ihn ist es Ausdruck des Speziesismus, dass hier ein geradezu paradoxer Rechtfertigungsreflex seitens der Forschung bestehe. Die Wissenschaft rechtfertige die Versuche mit dem Nutzen, den diese für die Menschhheit haben können. Zugleich ist das aus Singers Sicht ein indirektes Eingeständnis der Vergleichbarkeit physiologischer und psychologischer Prozesse von Mensch und Tier, aus der er das Verbot solcher Versuche ableitet. Anders ausgedrückt, wenn Mensch und Tier nicht in dem Maße vergleichbare Eigenschaften hätten, wäre die Forschung zum Wohle des Menschen sinnlos. Da die Wissenschaft aber zumindest indirekt eine solche Vergleichbarkeit annehme, entstehe die Notwendigkeit, diese vergleichbar empfindsamen Lebewesen zu schützen. Für Singer hat diese Argumentation freilich einen Vorteil: Egal, was man annimmt, es läuft auf den Schutz der Tiere hinaus. Vorausgesetzt, seine moralischen Argumente werden als gültig anerkannt.

Es geht Singer aber nicht allein um diese allgemeine Erkenntnis der aus seiner Sicht nicht zu rechtfertigenden Tierversuche. Er setzt schon vor diesem Argument mit einem weiteren an: Selbst wenn der Streit nicht zu klären wäre, ob durch Tierversuche menschliches Leiden verhindert werden könnte und sollte, bliebe noch der Aspekt, dass zumindest alle Forschung, die sich nicht auf die Minderung von menschlichem Leid bezieht, keinerlei Rechtfertigung habe. Konkret, Tierversuche zur Bestätigung der Unverträglichkeit von Kosmetika wäre beispielsweise nicht zu rechtfertigen. Dennoch nehme sie und ähnliche Forschungsgebiete einen großen Teil der Forschung durch Tierversuche ein. Ein weiteres Beispiel wären Experimente für militärische Zwecke.

Aus Singers Sicht sind zumindest all diejenigen Tierversuche, bei denen schon vorab erkennbar ist, dass sie keine Auswirkungen und Ergebnisse für den Menschen bringen, nicht haltbar. Auch jene nicht, die nur ganz geringe Aussichten auf eine Auswirkung auf den Menschen versprechen. Diese Forschung sei ein klarer Verstoß gegen den utilitaristischen Grundsatz der gleichen Interessenberücksichtigung.

Singer sieht es als eine fatale Argumentation innerhalb der Diskussion an, dass sie darauf reduziert wurde, die Versuchsgegner vor die Wahl zu stellen, ob sie lieber massenhaft Menschen sterben sehen wollten (was die Folge des Tierversuchsverbots wäre) oder doch in Kauf nehmen, Menschen zu heilen, aber auf Kosten unzähliger Tierleben. Für Singer ist dies eine falsche Dichotomie. Viele, wenn nicht gar der meiste Teil, der Tierversuche halten nicht her, was das Argument vorgibt, da sie schlicht keine Auswirkung auf die Vermeidung menschlichen Leidens haben. Außerdem merkt er an, dass die Forscher dann aber auch bereit sein müssten, Experimente an verwaisten und unheilbar hirngeschädigten Menschen durchzuführen.

Dann kommt aber eine Stelle, die Singer bei der Tierrechtsbewegung sicherlich unbeliebt gemacht hat. Sie ist eng mit seiner Betonung der gleichen Interessenberücksichtigung verknüpft. Er schließt nämlich nicht aus, dass ein solches Dilemma entstehen könne, in dem menschliches mit tierischem Leben verrechnet werden müsste. Wenn der Vorteil für den Menschen in diesen – wie Singer betont – extrem seltenen Situationen die Nachteile für Tiere überwiege, sei aus seiner Sicht nichts gegen Tierversuche einzuwänden. Dennoch scheint Singer diese Situation nicht oft gegeben und nur nach eingehender Interessenabwägung möglich zu sein.

Für mich sind hier alle entscheidenden Positionen Singers in sehr kompakter Weise zusammengefasst. Es ist ein simple Argumentation mit großen Folgen. Auch zeigt sie auf, was aus Sicht der Tierrechtsposition eines Tom Regan nur falsch sein kann. Dass Singer auch eine Form der ultima ratio kennt, bei der tatsächlich seiner utilitaristischen Ansicht nach Tierversuche erlaubt sein können, macht ihn für Regan zu einem Beispiel des moralischen Versagens des Utilitarismus.

Literatur:

  • Singer, Peter: Tierversuche, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 232-235.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.