Die Ausnahme bestätigt den Menschen

Mir ist aufgefallen, dass die Tierethik – oder besser: deren Verfechterinnen und Verfechter – sich mit einer gewaltigen Annahme der Gegenseite herumschlagen muss, die mal implizit, mal deutlich herausgestellt angenommen wird. Viele Theoriegebilde berufen sich darauf, aber auch häufig dass Bauchgefühl. Wie? Aber der Mensch ist doch etwas anderes als Tiere? (Damit ist nicht immer, aber oft auch gemeint: Der Mensch ist doch etwas besseres als Tiere?Mir geht es gar nicht darum, vollends zu begründen, warum diese Ansicht falsch ist, sondern erst einmal nur zu betonen, dass sie es ist, die von tierethischen Positionen überwunden werden muss. Begrifflich lässt sich diese intentionalistische, aber auch in rationalistischen Argumentationen vertretene Annahme über die (moralische) Stellung des Menschen als Anthtropozentrismus oder als menschlicher Exzeptionalismus (‚human exceptionalism‘) bezeichnet.

Es gibt auf beiden Seiten der Debatte unterschiedliche Facetten der Begrifflichkeit. Für mich ist erst einmal nur interessant, dass dies einer der wesentlichen Unterscheidungspunkte zwischen den beiden Parteien zu sein scheint. Ich glaube, dass Problem kann dadurch erklärt werden, dass man menschlichen Exzeptionalismus (ME) noch einmal in einen deskriptiven und einen normativen Teil aufgliedert. Der deskriptive ME ist meines Erachtens der Teil, der den Tierethikern nahesteht. Sie erkennen an, dass der Mensch (hier wie bei den Vertretern der Gegenseite wird von einem fiktiven Durschnittsmenschen und dessen Eigenschaften ausgegangen) über charakteristische, distinktive Merkmale verfüge, die den Menschen von anderen Spezies unterscheiden lassen. Daraus folgt allerdings keinerlei für die Moraltheorie relevante Wertung, es ist eine Zustandsbeschreibung der realen biologischen Welt.

Der normative ME dagegen, den ich in der Regel von Gegnerinnen und Gegnern der Tierethik vertreten sehe, macht genau das, was der deskriptive – aus welchen Gründen auch immer – nicht annimmt: Der normative ME wertet den Menschen als die höchste Form des Lebens, die hierarchisch bedeutendste Lebensform etc. Der Unterschied liegt also nicht darin, dass beide Parteien darüber zerstritten wären, dass Menschen prinzipiell von anderen Spezies zu unterscheiden sind oder nicht. Darüber herrscht Einigkeit. Der Unterschied besteht darin, dass beide Seiten sich nicht darauf einigen können, ob aus dieser distinguierten Position des Menschen in der biologischen Welt auch eine moralische Sonderposition abzuleiten ist.

Ich habe eine Tendenz, für welche der Seiten ich mich entscheiden würde, sofern man mich dazu drängen würde, Stellung zu beziehen. Unabhängig davon habe ich aber besonders mit einer Argumentation bezüglich der mit dem normativen ME begründeten Ablehnung der Forderung nach Tierrechten. Ich kann es noch nicht endgültig in Worte fassen, aber mein bisheriger Stand ist folgender: Wenn also, dem normativen ME folgend, Tierrechte abzulehnen seien, weil moralische Rechte nur moralischen Akteuren zuzugestehen sei, also nur dem Menschen, weil dies der einzig bekannte moralische Akteur sei, dann habe ich aber nicht erklärt, warum ein moralischer Akteur nur anderen moralischen Akteuren Rechte zugesteht. Macht es nicht gerade den moralischen Akteur aus, dass er oder sie, überhaupt zwischen Gut und Böse, Gut und Schlecht unterscheiden kann? Warum sollte gerade die einzige Entität, die dazu imstande ist, diese Fähigkeit nur auf sich beziehen. Was, beispielsweise, wenn ein moralisches Wesen vernunftgemäß zu der moralischen Bewertung kommt, dass eine bestimmte Handlungsweise bezüglich einer amoralischen Entität falsch ist? Muss sie diese nicht unterlassen gerade weil sie die Falschheit ihres Tuns erkannte.

Was ich meine ist folgendes: Wenn – angenommen – der normative ME korrekt ist, folgt daraus nicht eher, dass er dem moralischen Wesen die moralische Abwägung überall dort zur Pflicht macht, wo sie der angewandt werden muss? Und nicht nur dort, wo es dem moralischen Wesen genehm ist? Das hieße dann aber genau das Gegenteil von dem, was viele Vertreterinnen und Vertreter des normativen ME annehmen, nämlich dass der moralische Exzeptionalismus nicht der Persilschein zu beliebigem Umgang mit amoralischen Entitäten wäre, sondern – wenn man so will – eine moralische Bürde. Einfacher ausgedrückt: Moral ist nicht vor allem dort zu erwarten, wo es angenehm, unproblematisch und einfach ist.

 

Weiterführende Links zum menschlichen Exzeptionalismus (subjektive Auswahl):

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