Anybeat, anywho?

Ein neuer Versuch eines sozialen Netzwerkes kommt reichlich ambitioniert daher, wenn es um die ‚exklusive‘ Berichterstattung auf Mashable geht. Dort darf Dmitry Shapiro, einer der Gründer von Anybeat, dem besagten neuen Player auf dem Feld der sozialen Netzwerke, reichlich reflektiv breittreten, was ihm am Herzen liegt. Man möchte einen sozialen Raum schaffen, in dem der freie Austausch von Meinungen wichtiger sei, als die persönliche Identifizierung der Nutzerinnen und Nutzer. Man fördere also die Pseudonymität der Nutzerinnen und Nutzer. Das schaue ich mir doch einmal an, wenn so hehre Ziele herangezogen werden.Gerne hätte ich mich schon einmal genauer in Anybeat umgesehen, doch komme ich leider etwas zu spät, da man dort zwar die Tore geöffnet hat, es aber wohl doch eine tägliche Beschränkung der Neuaufnahmen gibt. Gut, dafür kann ich dann doch noch Verständnis aufbringen, da man sicherlich das System nicht instabil werden lassen will.

Aber eines fiel mir dann schon bei dem Anmeldeversuch auf: Man scheint erstens auf die Pseudonymität doch nicht so viel Wert zu legen, denn schließlich kann man sich mit dem eigenen Facebook-Profil anmelden. Zudem scheint man zwar Pseudonymität nach eigenen Worten fördern zu wollen, da ist dann aber aus meiner Sicht schleierhaft, warum es einer Geschlechtsbestimmung braucht, die dann überflüssigerweise auch nur Männlein und Weiblein zulässt. Gerne hätte ich mir doch für mein Pseudonym schon ein wenig mehr Flexibiltät gewünscht, wenn man denn diesen Punkt ernstnehmen würde.

Was ist dann von Shapiros leidenschaftlich vertretener Aussage zu halten, in der er die Pseudonymität und deren soziale Funktion feiert:

I think pseudonimity, using the Internet for casual conversations and not just formal ones, is critical. […] It was the reason I fell in love with the Web: AOL chatrooms. I found the conversations I had there to be extremely meaningful. If you ever had a conversation with a stranger and you found that the stranger might have understood you in a way that your closest friends didn’t, that’s what we’re trying to facilitate.”

Ja, was soll man davon halten, wenn es schon an so kleinen Dingen auf der Startseite hapert, um dies für glaubwürdige Aussagen zu halten? Mal sehen, vielleicht spiegelt sich diese Einstellung Shapiros doch irgendwo wieder. Vielleicht in der etwas kargen Vorstellung des Unternehmens? Eher nicht, es steht da ohnehin nicht wirklich viel. Und zur Pseudonymität gar nichts. Vielleicht in der Privacy Policy? Ich bin keine Kenner von Datenschutzrichtlinien, aber auf mich wirkt es alles sehr beliebig. Bestenfalls könnte man sagen, es sieht wie jede andere Datenschutzrichtlinie auch aus. Von der Pseudonymität ist aber auch hier nichts zu lesen. Ganz im Gegenteil scheint hier der Fokus darauf zu liegen, doch möglichst viele persönliche Daten zu sammeln. Man schaue sich nur mal an, was in der Privacy Policy unter dem Punkt ‚What personal information can I access?‘ auflistet:

Company allows you to access the following information about you for the purpose of viewing, and in certain situations, updating that information. This list will change as the Website changes.

  • Real name
  • Account and user profile information
  • User e-mail address
  • Username and password
  • User preferences

Soso, also Klarnamen werden jetzt schon gespeichert, sofern man diese angibt. Es mag an mir liegen, aber für mich klingt das nicht nach Förderung der Pseudonymität. Und die Liste der gespeicherten und gesammelten Daten kann dann im Laufe der Zeit noch wachsen. Na ja, so langsam fürchte ich, der gute Herr Shapiro hat da entweder einen grundsätzlich anderen Begriff von Pseudonymität und davon, wie man diese fördert, als ich oder er hat nur ein wenig heiße Luft fabrizieren wollen, um Aufmerksamkeit für sein Projekt zu erhaschen. Anscheinend geht es genau darum, den Start von Anybeat werbewirksam zu verkaufen und dabei auszunutzen, dass Google+ und Facebook wegen Klarnamen-Politik kritisiert wurden.

Nur schade, dass es eine auf den ersten Blick recht plumpe Werbestrategie ist. Ich kann meine Vermutung nicht durch die Nutzung des Netzwerks erhärten oder gar abschwächen, da ich mich heute ja nicht anmelden kann; mich beschleicht aber das Gefühl, dass Anybeat hier ein Merkmal angedichtet wurde, über das es nicht verfügt. Aber dann, Hand auf’s Herz, wozu brauche ich dann Anybeat? Bei Anybeat scheint man selbst schon nicht sehr optimistisch – oder wie soll man diese Aussage auf der Seite deuten:

We don’t expect Anybeat to replace Facebook, Twitter, or any other service that you currently use. Instead, we hope that you will find it to be a casual place to gather and communicate with interesting people.

Ja, wenn sie also nur ein komplementäres Netzwerk lockerer virtueller Zusammenkünfte sein wollen, dann muss ich sagen, reicht es mir nicht aus. Die Förderung von Pseudonymität – besser noch: Anonymität – wäre schon was gewesen, um es für mich interessant zu machen. Anscheinend ist es damit aber doch nicht so weit her, da Shapiro ein wenig mehr Schaum geschlagen hat als nötig wäre.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.