Inkommensurable Philosophie – Philosophie Magazin

Diesen Monat gingen zwei Magazine an den Start, Leserinnen und Lesern mit Philosophie nahezukommen. Das ganze Unterfangen nimmt derzeit schon sofort als Überlebenskampf zwischen den beiden Magazinen aus, dessen Ende noch nicht feststeht. Fakt ist, seit letzter Woche gibt es das philosopie Magazin und Hohe Luft (Hier mal eine schöne betriebswirtschaftliche Präsentation zum Magazin). Hohe Luft wird erst einmal als Testballon in Form einer Sonderausgabe der emotion gestartet . Heute schaue ich mir eines dieser beiden Magazine mal an. Die Entscheidung für das philosophie Magazin fiel mir heute leicht, da ich noch 6 € hatte, aber die zwei weiteren für Hohe Luft fehlten. Das kommt dann aber nächste Woche dran.Vorab noch die Anmerkung, dass mir sporadische Eindrücke eigentlich missfallen. Und endgültige Urteile aufgrund einer kurzen Auseinandersetzung kommen mir immer nutzlos vor (Man könnte natürlich meinen Artikel von gestern nehmen, um mir Inkonsistenz vorzuwerfen. Akzeptiert.). Also soll an dieser Stelle nur eine Sammlung der Auffälligkeiten stehen, die ich selbst auch nur dahingehend für gültig halte, dass sich im Laufe der Entwicklung eines Magazins viele Kinderkrankheiten abstellen lassen, die ich hier vielleicht bemängele. Ich will auch zumindest formale, personale und inhaltliche Aspekte unterscheiden.

Der formale Aufbau

Die Pionierausgabe des Magazin kommt in einer einfachen Struktur daher. Der Einstieg nach Editorial und Inhaltsverzeichnis soll leicht sein. Aus diesem Grund folgt doppelseitge Unsere Frage (In dieser Ausgabe naheliegend: Was ist Philosophie). Die Beantwortung erfolgt durch eine Vox Pop. Keine Dichter, keine Denker, die breite Masse soll erst einmal ihre Assoziation zum Besten geben. Ebenso leicht geht es weiter mit dem Sinnbild (Bild von einem unter Wasser vorgetragenen Protest gegen Syriens Präsidenten Assad, versehen mit einem Blaise-Pascal-Zitat). Es folgen kurze Appetithäppchen von Philosophen, die sich in der internationalen Presse geäußert haben. Ebenfalls unter dem Etikett des Zeitgeistes firmieren dann noch ein Überblick zum Weltgeschehen (Proteste an der Wall Street, Wahlen in Tunesien, Kernforschung am CERN und zweit weitere), das sich dann Radar Echos zum Weltgeschehen nennt, ein Pro & Contra (Hat die Natur immer Recht?), Juli Zehs Urteilskraft/Gerichtskolumne (Sprachunterrichtsausschluss von verschleierten Frauen in Kanada) und die Post an die Gegenwart und in der in aller Kürze fünf geschichtliche Positionen zu einem Thema (Wie vernünftig sind Staatsschulden?) vorgestellt werden. Etwas länger fällt ein Essay zu Vladimir Jankélévitchs Reaktion auf die Verbrechen des Nationalsozialismus, die in seiner Abwendung von allem Deutschen resultierte, dann aber von einem deutschen Lehrer herausgefordert wurde, aus. Den Abschluss des ZeitgeistSegments bildet die Mitschrift einer Unterhaltung von Julian Assange mit Peter Singer (Der Mann ist echt unausweichlich heutzutage, oder?).

Im Zentrum dieser Ausgabe steht das Dossier: Warum haben wir Kinder? Ein Artikel, der auf einer TMS-Emnid-Umfrage basiert, in der die Befragten zu ihren Gründen für das Kinderhaben befragt wurde, macht den hier den Anfang. Dann ein Interview mit Élisabeth Badinter zur Mutterschaft und Frauenrolle in der Moderne. Diesem Interview folgt eine Auflistung von Pro und Contra Positionen aus verschiedenen Zeitaltern der (europäischen) Geschichte. Weitere Artikel befassen sich mit dem impliziten Egoismus der (bewussten) Kinderlosigkeit und den Argumenten dafür.

Dann folgt, auf Seite 58 von 98, Die Philosophen: Meiner Wahrnehmung nach ist es so angelegt, dass hier der ‚harte Kern‘ der Philosophie dargestellt wird. Beispielsweise, indem eine Philosophin oder ein Philosoph im Gespräch sein sollen, die in der heutigen Zeit von Bedeutung sind. In diesem Fall ist es eines mit Axel Honneth. Nach sechs Seiten folgt noch ein Doppelseite mit Miniaturen zum philosophischen Denken, bis dann lang und breit ein Klassiker des Denkens zu Wort kommt. Aristoteles wird biographisch vorgestellt, dessen Grundbegriffe kurz angerissen und anschließend dürfen Daniel Kehlmann, Brigitte Falkenburg und Julian Nida-Rümelin kundtun, Was bleibt – also in Sachen Aristoteles. Dies alles ist Ergänzung zum beiliegenden Heftchen ‚Über die Freundschaft‘ aus Aristoteles‘ ‚Nikomachische Ethik‘.

Nun folgt der Ausklangin Form einer breiten Bücherschau zum Thema Philosophie des Geldes, Gert Scobels Kolumne. Airen darf sich noch zu Wort melden mit einem Aufsatz zu mexikanischem Wrestling, dann auch Florian Henckel von Donnersmarck (Tabubruch in Kung Fu Panda). Nach diesem und jenem, solchem und wollchem, die letzte Seite: Sokrates fragt – Christoph Maria Herbst.

Das Personal

Es ist, wie sich schon oben erkennen ließ, eine Auswahl aus vielen, nicht nur philosophisch aktiven Persönlichkeiten, die sich hier in einem breiten Spektrum an Themen auslassen dürfen. Sicherlich wären Axel Honneth und Peter Singer als relevant zu nennen, die Kolumnistinnen wie etwa  Juli Zeh oder von Donnersmarck waren zunächst etwas überraschend. Um so erstaunlicher aber, dass gerade diejenigen schon anfangs explizit als Denker in diesem Heft angeworben werden, die entweder erst einmal wenig naheliegend erscheinen oder nur sehr kurz zu Wort kommen. Wie etwa Kehlmann und Nida-Rümelin (jeweils ein kurzer Absatz), Gert Scobel und Julie Zeh (Kolumne), der Fotograf Trevor Good (Titelfoto) und einige mehr. Die – ich will niemandem zunahetreten – philosophischen Schwergewichte, die ohnehin schon etwas unterrepräsentiert sind, werden weniger exponiert angepriesen. Honneth und Singer werden zwar auf dem Cover erwähnt, aber doch eher periphär.

Inhaltliches

Es kann hier nur eine sehr subjektive Auswahl erfolgen, das vorweg. Auffällig war aber in meinen Augen der Hang zur Dichotomie, simplem Pro und Contra. Gerade das Segment Zeitgeist hat häufig nur versprente Zitate und dichotome Ansätze zu bieten. Darüber hinaus überwiegt das Essayistische die reflektierenden Artikel – gerade eben auch im Zeitgeist und dem Dossier. Die Kolumnen sind da mal auszunehmen, da Reflexion nicht unbedingt Sinn und Zweck von Kolumnen ist. Doch fällt auch bei den Kolumnen auf, dass diese eher aus der Peripherie der die Philosophie umgebenden Bereiche stammen: Rechtswissenschaften, Kultur etc. Generell haben kurze Erklärkästen Vorrang, dazu mit nur sehr sporadischen Erklärungen.

Bis jetzt war meine Meinung und Bewertung dieser ersten Ausgabe wohl schon in dem bisher Geschriebenen enthalten, da ich nicht sehr nüchtern bleiben konnte. Ich will nicht zu destruktiv und nörglerisch erscheinen, weswegen ich mich als enttäuscht bezeichnen würde. Sicherlich war ich von der Idee angetan, ein durchaus populäres Magazin zur Philosophie zu begrüßen. Natürlich heißt populär auch, Abstriche bei der Tiefe des Inhalts zu machen. Meine Enttäuschung ist aber, dass die vorliegende Ausgabe des Magazins mehr zeitgeistig ist als aufklärerisch oder erhellend, schöngeistiger als gehaltvoll. Das muss nicht so bleiben, dass sehe ich ein. Ein guter Anfang sieht für meine Begriffe aber anders aus.

Gerade die Neigung zur Dichotomie widerspricht schon grundlegendsten Ansätzen der Dialektik, wenn man darunter auch nur so etwas simples wie These, Antithese und Synthese versteht. Mit Pros und Contras deckt man zwar zwei Bedingungen ab, aber die gehaltvolle Synthese bleibt aus. Die Vox-Pop-Elemente sind mir ebenso ein Dorn im Auge. Sicherlich, sie gehören in die heutige Medienlandschaft. Aber muss und kann ein Philosophie-Magazin sich nicht erlauben, origineller zu sein, als die Seiten mit sinnlosen Meinungsumfragen zu füllen. Philosophie mag manchen als Anhäufung von Sprechblasen erscheien, dieses Magazin belegt aber anschaulich – aber unbeabsichtigt – das Gegenteil.

Aus meiner Warte sind die Schwerpunkte falsch gesetzt. So löblich es ist, Aristoteles vorzustellen, was soll damit bezweckt werden? Wenn es der Zweck sein soll, Philosophie populär zu machen, entspricht es nicht meiner Auffassung von Popularisierung, einen Text (auch noch in kürzestem Auszug) zu veröffentlichen und vorzustellen, der nun wirklich allen zugänglich ist. Auch übertreffen die Begleittexte zu Aristoteles nicht das Niveau anständiger Wikipedia-Artikel hierzu. Wenn der Zweck wäre, ohnehin philosophisch Interessierte anzusprechen, ist das kalter Kaffee. Also wozu? Weil es günstig war?

Andersherum wäre ein Schuh daraus geworden: Als Booklet ein Auszug aus einem zeitgenössischem Text aus der Philosophie, die sich mit heute akuten Fragen beschäftigt. Dies, um zu belegen, wie gegenwärtig die Philosophie ist. Das ist doch ihr Vorteil, man darf in ihr Fragen stellen und Gedanken äußern, die nirgends sonst erlaubt wären. Der Tabubruch als hypothetischen Mittel der Reflexion ist doch das eigentümliche der Philosophie. In einer krawalligen Medienlandschaft könnte man belegen, dass Krawall auch in theoretischer Form von Nutzen ist, wenn man mit Kalkül auf die Kacke haut. Das macht, in meinen Augen, die Philosophie aus.

Ich brauche keinen glattgebügelten Denker-Biedermeier. Doch davon bietet dieses Magazin reichlich. Ich will das gar nicht an den Köpfen festmachen, das ist eine Sache des Geschmacks. Ich persönlich habe zu wenig Nonkonformismus gefunden, den die Philosophie ausmacht. Aber genau das wäre doch auch, finde ich, anschlussfähig in der breiteren Masse. Ihr wollt Lärm, Ekel, Tod, Verzweiflung und all das Gewese? Dann kommt zur Philosophie, da darf man das denken. Klar, was kann Honneth über Anerkennung und die Finanzwelt sagen, was er nicht schon in besserer Form – halt nur auf mehr Platz – geschrieben hat. Egal, darum geht es mir nicht. Mir fehlt die Herausforderung der Leserinnen und Leser. Ein durchaus auch eigenbrötlerischer Ton, der die Philosophie immer auch auszeichnet. Nur gelegentlich findet sich dieser. Hilal Sezgins Kritik an einem der ersten erschienenen Sammelbände der deutschen Animal Studies (ausgerechnet!), den sie als zu dekonstruktivistisch beschreibt und vor allem: oft ohne das Tier im Blick zu haben. Noch überraschender: von Donnersmarcks kleiner Gedanke zur Unerbittlichkeit, die im Kinderfilm Kung Fu Panda zu erkennen ist, mit der besagter Panda seinen wehrlosen Widersacher umbringt. Von Donnersmarck, ausgerechnet, dachte ich mir. Schade, dass seine Anmerkungen nur so nichtig sind, wenn man sich vorstellt, was noch alles in diesem Magazin gesagt und geschrieben werden könnte. Aber seine Geisteshaltung ist eine, die dem Magazin deutlich besser zu Gesicht stünde. Wenn er der Harmlose unter den Zähnefletschenden wäre – nicht der Beißendste wie in dieser Ausgabe -, dann wäre viel gewonnen. Den Dorn im Auge suchen, den Finger in die Wunde legen, verfickt nochmal, intellektuelle Radaubruderschaft. Alles, nur nichts, was so sicher und damit mutlos ist. Anders ausgedrückt: das philosophie Magazin hat jede Menge Luft nach oben.

Bonus Content

So, ich fasse hier noch einmal die Meinung des Experten (der Kommunikationsdesigner in der WG) zusammen: Er beschreibt den Satz der Artikel als mutig, da er wenig Rand an den Seiten lässt, sich aber in Gänze viele freie Flächen gönnt. (Man könnte es auch als fehlenden Inhalt bezeichnen, aber der Designer meint, das ist wagemutig. Anm. d. Red.).  Aber unspektakulär.

Weniger angetan, geradezu angewidert ist er von der Typo. O-Ton: „Warum hängt schon im Titel das im i und das wiederum im l? Ergibt keinen Sinn.“

Gesamturteil: Langweilig. Unentschlossen. Nicht schlüssig.

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