Hohe tief Luft

Himmel von tiegeltuf (CC-BY-SA)Letzten Donnerstag hatte ich mir das neue philosophie Magazin (philomag) vorgenommen; eines von zwei in diesem Monat gestarteten Magazin, die sich das nicht zwangsläufig falsche Ziel gesetzt haben, auf ‚populärwissenschaftliche‘ Weise mit der Philosophie zu befassen. Für das philomag hatte ich ja am Ende zwar prinzipielle Sympathien übrig, doch wandelten sich diese in deutliche Enttäuschung ob des doch reichlich flachen zeit- und schöngeistigen Ansatzes, der sich als Philosophie tarnte. Positiver gewendet, sah ich aufgrund der Camouflage der ersten Ausgabe des philomags Luft nach oben. Dort wähnt sich, dem Titel nach, die Konkurrenz ja schon.

Jetzt fühle ich mich dreckig, ob des schäbig wortspielerischen Anreißers. So fühlt sich der Boulevard an? (Wer jetzt denkt, ich sollte mich daran gewöhnen, da ich bisher zu mehr nicht im Stande war – stfu!). Jetzt auch noch Verbalinjurien, um einem hypothetischen Fall vorzubeugen, es wird immer schlimmer. Zurück zu Hohe Luft: Natürlich ist auch der Name des Magazin schon ein Spiel mit Worten, das mindestens ebenso schlecht ist wie meines. Der herausgebende EMOTION Verlag sitzt in der Hoheluftchausse in Hamburg. Geschenkt.

Da sind wir dann aber schon bei einigen Vorurteilen, die in mir verhaftet sein könnten, die ich nicht unterschlagen will. Erstens Hamburg***, Stadt meiner Träume. Gegen philomags Berlin, die blendende Fassade. Soweit meine emotionalen Voraussetzungen, die – ich kann es nicht verhindern – mit Sicherheit auch hier ein wenig mitschwangen. Ausgleichend könnte meine Präferenz Hamburgs durch meinen Argwohn dem Verlag gegenüber ausgeglichen werden. Die emotion, in aller Kürze, gehörte zur Pflichtlektüre meiner Freundin und wurde danach zu meiner Klolektüre. Das Magazin fing als zumindest ansatzweise brauchbares populäres Heft zu psychologischen und verwandten Themen an, wuchs dann aber (oder degenerierte, wie ich finde) zu einer Hauspostille der Coaching-Szene heran. Die emotion unterschied dabei nur, dass sie sich auf eine überwiegend weibliche Zielgruppe von MBAlerinnen eingeschossen hatte, von den anderen Blättern. Kurzum und schnippisch, sie befasste sich zusehends mit der zweckrationalisierten Esoterik für BWL-Bachelorinnen und einige Bachelor. Meine Erwartung ist also nicht sehr hoch, wenn es um Hohe Luft geht.

Da ich schon am Donnerstag formale, personale und inhaltliche Aufgaben (grob) getrennt hatte, folge ich hier dem Schema. Meine Bewertungen sollen, soweit möglich, erst in die inhaltliche Darstellung einfließen.

Formales

Das Magazin ist wesentlich aufgeräumter als das philomag. Letztlich sind nur drei Segmente erkennbar, die einer einfachen Dramaturgie folgen: Eine Sammlung von Miniaturen auf den Seiten 6 bis 12. Diesem kurzen Einstieg folgt der weit überwiegende Teil, in dem die Artikel durchaus auch mehrseitig sein dürfen – immerhin 4 bis 6 Seiten pro Artikel. Den Abschluss bilden ab Seite 86 dann eine Bücherschau und die letzte Seite, wobei hier noch einmal Miniaturen in Form der ‚Denkstücke‘ Raum erhalten. Dies sind kleine, mal mehr, mal weniger erquickliche Gedankenspiele oder Kuriositäten aus der Geschichter der Philosophie. Es geht also wesentlich weniger kleinteilig zu als bei der Konkurrenz aus Berlin.

Personales

Während das philomag eindeutig auf ein breites Spektrum an Autorinnen und Autoren zurückgriff (was aus meiner Sicht nicht immer zum Vorteil des philomags war), ist hier da Gegenteil der Fall: Die meisten der Artikel wurden von Chefredakteur Thomas Vasek oder von Tobias Hürter verfasst. Das gibt Hohe Luft zwar einen klaren Vorteil gibt, der allerdings nicht zwangsläufig immer glücken muss. Nur nebenbei sei bemerkt, dass Frauen doch meistens nur dort Einfluss auf diese Ausgabe hatten, wo es um Design und künstlerische Begleitung der Artikel geht. Damit bin ich dann aber eigentlich schon im eigentlich inhaltlichen Teil.

Inhaltliches

Verglichen mit dem Spektrum an Artikeln im philomag ist das von Hohe Luft einerseits deutlich philosophischer angelegt, zugleich auch breiter, was das Spektrum philosophischer Ansätze angeht. Ein Artikel zur Farbenlehre und Bedeutung von Farben und ihrer Wahrnehmung und ein technikphilosophischer zu der Auslagerung von essentiellen Gedächtnisleistungen (Externalismus) stehen dort, aber auch deutlich klassischere Aspekte, wie etwa die um die Frage der Person oder der Emotionen versus Rationalität. Insgesamt ist, finde ich, hier mehr Philosophie enthalten, was sich auch am Aufbau der einzelnen Stücke erkennen lässt. Das Gute ist, dass sie alle dem Schema folgen, sich dem Thema erst mit Ansätzen aus der Geschichte der Philosophie immer weiter der aktuellen Positionen nähern, dabei stets abwägend vorgehen. Auch wird hier deutlich mehr Wert auf Gedankenspiele als Ausgangspunkt oder zumindest Verdeutlichung der Dringlichkeit der behandelten Themen genutzt. Das Schlechte ist, alle Artikel (die weder Fotoessay oder Interview sind) folgen diesem Schema. Das kann durchaus auch monoton werden. Vielleicht brächte dann doch eine Ausweitung der Autorinnen und Autoren etwas mehr Vielfalt hinein. Der Anspruch und Aufbau der Artikel ist insgesamt aber auffallend tiefer, als es in der ersten Ausgabe des philomags der Fall war. Ebenso sind die Interviews stärker auf konkrete Aspekte der Ansichten der Befragten ausgelegt, was für mich ein weiterer Beleg für das ernsthafte Interesse an philosophischen Themen in diesem Heft ist. Allemal werden bei Hohe Luft aber nicht bloß platte Dichotomien erörtert, sondern durch Gedankenspiele und vergleichsweise detailliertere Erörterung die Wesensmerkmale der Philosophie angedeutet, wie man sich abstrakt ein Thema, welcher Art auch immer, erarbeiten kann.

Aber auch bei Hohe Luft gibt es einige Ansätze für Kritik. Ich bin aber der Meinung, dass man sagen kann, Hohe Luft ist dem positiven Beispiel eines populären Magazins schon sehr nahe und damit dem philomag derzeit deutlich überlegen. Es ist ein strammeres, stimmigeres Konzept, dass nur an den Rändern die gewohnten Formatmuster heutiger Magazine annimmt. Es kann sich nicht ganz die journalistische Kleingärtnerei von Miniaturen und Kolumnen ersparen, hält diese jedoch in engen (und damit erträglichen) Grenzen. Gleichwohl hätten diese kleinen Bereiche deutlich origineller sein können, wenn man schon der Meinung ist, diese einzubinden.

Ist es so naheliegend, Platons sokratische Diaologe im Titel der letzten Seite zu referenzieren? Bei beiden Magazinen ist es wenig sinnvoll, die letzte Seite mit Fragen an eine bekannte Person aus der Unterhaltungsbranche zu füllen, doch ist bei Hohe Luft Christiane Paul immerhin noch mit einem kohärenten Text am Start, während Christoph Maria Herbst nur einige Sätze auf die Fragen hinklatschen darf. Aber das ist dann schon wieder kleinkariertere Kritik.

Es gibt eigentlich nur einen Teil, sogar nur eine Seite im ganzen Heft, die ich für überflüssig hielt. Was heißt überflüssig? Eigentlich ist es ein Unverschämtheit, die mich dazu veranlasste, mir ein Gedankenexperiment auszumalen, in dem alle Verantwortlichen des Magazins höllische Qualen litten, die ich aus rechtlichen Gründen nicht näher erläutern will. Es ist die Seite 53. An ihr ist eigentlich alles zum Kotzen, sie ist eine verlegerisch verursachte Lebensmittelvergiftung: Es kommt dünnflüssig zu allen Enden raus und man hat selbst dann noch erstickende Brechkrämpfe, wenn der Körper nichts mehr explosionsartig von sich geben kann. Kein ‚Anzeige‘ oder ‚Werbung‘ kennzeichnet diesen Dreck, nein, es steht dort ‚Hohe Luft und Hirnfick*‘. Großartige Unsitte der intrusiven Werbung und Lesermanipulation dieses rechtlich vielleicht sogar noch erlaubte Kaschieren von Werbung. Es ist aber noch schlimmer, dass Verlag und Herausgeber anscheinend keinerlei Problem damit haben, dass sich Hirnfick bei den Leserinnen und Lesern damit anbiedert, ihr Wässerchen mit einem bräsig-pseudointellektuellem Marketingsprech, das(vermeintlich) zielgruppengerecht mit angepasstem Ethno-Eso-Philo-Bullshit-Bingo-Buzzwords angereichert ist und das Ganze dann mit dem Satz „Die Philosophie eines besonderen Duftes“ einzuleiten. 97 Seiten sind voller ansehnlicher Beispiele, wie man den landläufig abgenutzten Begriff und dessen eigentliche Bedeutung und Anwendung deutlich macht – und auf einer lassen sie zu, dass sich Hirnfick ausbreitet und alles ins Wanken bringt**.

Gut, was bleibt? Hohe Luft ist von beiden Magazinen dasjenige, welches mehr abliefert und dem eigenen Anspruch eher gerecht wird. Ob es reichen sollte, dass es besser als das philomag ist, sei dahingestellt. Mir würde es sicherlich nicht reichen. Aber das Potenzial wäre da, wenn das Magazin Zeit hätte, ein eigenes Profil zu bilden. Es am Anspruch akademischer Zeitschriften zu messen ist lächerlich, man kann den Anspruch an ein solches Magazin durchaus senken. Beide Hefte bleiben aber noch unter dem erhofften Minimum. Hohe Luft kann dieses Minimum aus meiner Sicht aber ohne große Mühe erreichen. Das philomag bräuchte eine klarere Linie und durchgreifendere Änderungen.

BILDNACHWEIS: Himmel von tiegeltuf auf Flickr (CC-BY-SA)

*Name geändert, aber der Redaktion bekannt. Also dass der Name geändert wurde, nicht der Name. Journalistenehrenwort und so, ehrlich.

**Bitte beachten: Es sollen zu keinem Zeitpunkt die Anhängerinnen und Anhänger des Hirnficks beleidigt oder in Verruf gebracht werden. Gegen den Hirnfick ist nichts einzuwänden, sofern er einvernehmlich von einer oder mehreren reifen Personen vollzogen wird. Gemeint sind besonders, aber nicht ausschließlich die Herren Horkheimer und Adorno. Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

***Da sieht man schön, wie Vorurteile funktionieren. Der Verlag sitzt in Hamburg. Ich blende mal geflissentlich aus, dass die Redaktion in München sitzt.

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