Boysetsfire – While A Nation Sleeps

Eine ganze Nation im Tiefschlaf, While A Nation Sleeps, die Bildsprache ist noch die alte. Boysetsfire lösten sich vor Jahren auf, mit ihnen ging der besondere Postcore, melodisch fundierte Agitation mit harten Kanten. Der Phoenix, der ihr früheres Album Tomorrow Come Today zierte, stünde Boysetsfire auch auf dem Reunion-Album gut zu Gesicht.

Es ist, als hätten Nationen arglos im Tiefschlaf die Jahre verloren, in denen Boysetsfire nicht aktiv waren. Das typische Auf und Ab der Band klingt wie damals, als The Misery Index das letzte Zeichen war. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben, aber Boysetsfires emotionales Pathos gegen soziale Missstände und den alles verzehrenden Kapitalismus ist unverändert. Sind sie in der Vergangenheit gefangen? Sicherlich nicht. Die Zeit verstrich, nichts änderte sich.

Und so steigt sie wieder auf, diese Wut. Sie bricht sich Bahn unter schweren Wellen von Heads Will Roll oder Everything Went Black, konterkariert vom melodischeren Midtempo eines Closure Phone Call1. Mittlerweile sind die Akkordfolgen oft bandtypisch, lange aber noch nicht verbraucht. Noch immer vereinen sie die Extreme in ihrer Musik, die abstrakten Klassenkampf emotional erfahrbar macht, sie personalisieren Wut und Verzweiflung.

Boysetsfire sind damit noch immer eine Ausnahme, selten war dies so komprimiert wie gegen Ende des Albums. Never Said, Wolves of Babylon und Altar of God sind als Dreigespann eine Miniatur der Wirkkraft und vielschichtigen Erzählungen einer Band, die das Politische nicht vom Individuellen, die Agitation nicht von der Romantik trennen will. Oder glücklicherweise nicht kann.

1 14.06.20013: Ich meine natürlich Phone Call, Closure ist ein typischer Punksong, der schnell ist, den Lärm aber abgerüstet hat. Ich hasse es, wenn meine Notizen mich in die Irre führen.

Queens of the Stone Age – …Like Clockwork

Die einzige Konstante der Queens of the Stone Age ist Josh Homme. Irgendwo zwischen Sessionband und Herrenclub gehen nur die Joints noch häufiger rum, als die Namen und Gesichter der jeweiligen Besetzungen der Alben. Wer Namedropping liebt, kann sich an der Ahnengalerie der Band ergötzen. Jeder Song fluktuiert mit den Musikern. Mehr noch als die jeweiligen Musiker prägt jedoch die Variante des gerauchten Krauts. Jahre ist Era Vulgaris, das letzte Album.schon her. Da zwinkert der umtriebige Homme nun mit …Like Clockwork herüber, die Augen blutrot, seine Lider hängen tief. Ein zaghaftes Grinsen.

Dieses Album kommt aus vergangenen Zeiten, als der Rock noch harte Arbeit unter sengender Sonne war. Eingängig will Homme gar nicht sein, so rumpelt sich Keep Your Eyes Peeled selbstbewusst monoton ins Album. Damit wären alle Leichtsinnigen vertrieben, die unvorbereitet ans Album kamen. Rockmusik ist Arbeit, Gefälligkeit kann gefälligst draußen bleiben. Sind die Popper vertrieben, da lässt I Sat By The Ocean doch die entspannte Seite raus. Homme sitzt grinsend am Strand, winkt den Poppern hinterher. Der Schelm.

Und so ist …Like Clockwork wieder das, was Homme immer macht. Nicht ganz ernstgemeinte Seriosität im tanzenden Rockzirkus. Dabei lässt er aber auch schon Muster erkennen. Smooth Sailing ist hier die obligatorische Schrulle, die sich Homme bisher auf jedem Album auch gönnte. Ein nervtötendes Stück atonaler Entrümpelung, fachmännisch plump, gerade deswegen so überflüssig. Ansonsten trieb der Rausch Homme dieses Mal aber nicht die Einsamkeit aus, die inmitten der Sessions unter Freunden doch tief zu sitzen schien. The Vampyre of Time and Memory ist ebenso wie I Appear Missing ein Bruch in der hypermaskulinen Attitüde des ewigen Lausbuben. Gerade die Tatsache, dass Homme so offenkundig Menschen, um sich zu scharen vermag, lässt seine Vereinsamung in Fairweather Friends schmerzlich durchbrechen: “Is there anyone out there?/Or am I walking alone?/Well, I turned around and found that you’d gone before the first rain could fall.“ Dann klagen Gitarren über emotionale Gewitter.

Clutch: Earth Rocker

Wenn eine Band wie Clutch über Jahrzehnte hinweg die eigene Bekanntheit steigert, ist diese Langlebigkeit wohl einem besonderen Starrsinn geschuldet. Wo andere an der Industrie und auch sich selbst ausgebrannt sind, glühen die mittlerweile ergrauten Herren aus Germantown in Maryland immer noch vor. Seit Anfang der Neunziger pflegen sie einen speziellen retro-futuristischen Sound. Auch ihr neues Album Earth Rocker klingt nach einem Artefakt vergangener Zeiten, in denen Rock harte Arbeit an schweren Akkorden war. Wenn es denn so einfach wäre bei Clutch. Die Band ist vor allem eine Chimäre, ein grotesker Hybrid.

Wohlgemerkt ist der stumpfe Rock bei Clutch vielschichtiger als es sich zunächst anhört. Stramm stampfende Songs spulen vermeintlich überholte Klischees herunter, darüber Neil Fallons tiefer Sprechgesang. Mehr scheint nicht dahinter zu stecken. Ein trügerischer Schein, denn Clutch brechen die simplen Strukturen geschickt auf. Der maskuline Stoner Rock ist eine Fassade für eine Band, der ihre Leidenschaft für das Jammen anzuhören ist.

Blues schwingt mit, derber Metal der Siebziger auch und die Anleihen bei vielen anderen Genres sind auf Dauer nicht zu überhören. Wie auf allen ihrer Alben, bändigen Clutch ihren Spieltrieb nicht, so verleiben sie sich alles ein, was ihnen in den Sinn kommt. Da fällt erst gar nicht auf, dass der Kopf nicht in den üblichen Takten des Proll-Rocks nickt, gerade Dan Maines und Jean Paul Gaster an Bass und Schlagzeug schmuggeln reichlich Abwechslung in Songs wie Mr. Freedom und Book, Saddle, & Go.

Auch Fallons Texte lösen die Vorstellung von einer stumpfen Band auf, die thematisch so beschränkt ist wie ihre Musik. Clutch verschieben gerne Takte und drehen sich in Rhythmen hinein, Fallon nimmt dann auch noch Anlauf und taucht tief in griechische Mythologie ein, bohrt in der Menschheitsgeschichte rum und kramt religiöse Bilder und Sagen hervor. Schnell wird es vor Mythen, Fantasy und Science-Fiction unübersichtlich. Da geht es schnell so zu wie Crucial Velocity, das eine ganz typische Fallon-Mär erzählt:

Nach einigen ruhigeren Alben, binden Clutch auf Earth Rocker nun wieder Backsteine ans Gaspedal. Es fängt mit dem robusten Titelsong an, der sich unermüdlich ins Ohr beißt und endet nach wilder Fahrt in einem großartig kratzbürstigem Werwolf von einem Song. The Wolf Man Kindly Requests… zeigt deutlich, dass hier eine Band hervorragender Techniker wieder einmal mit Einfalt kokettiert, um allen, die nicht rechtzeitig aus dem Weg kamen, das Kunsthandwerk des Südstaaten-Rocks um die Ohren zu hauen. Clutch sind auf Earth Rocker nach mehr als zwanzig Jahren Bandgeschichte glücklicherweise immer noch das hochbegabte, trotzige Kind, das sie schon immer waren.

Coheed & Cambria: The Afterman – Descension

Eigentlich muss ich nur…kann ich nicht einfach? Warte mal, wenn ich das hier ändere und an der anderen Stelle da hinten was abschneide, dann… Ja, das klappt. Gibt mir mal jemand den Kleber? Das tut dann nämlich auch so, muss ich gar nicht viel mehr zu schreiben. Reicht vollkommen, hier gerade die Songtitel auszutauschen. Das weg, und das weg, dann können Number City und Key Entity Extraction V: Sentry the Defiant rein. Jetzt muss ich nur noch warten, bis der Kleber getrocknet ist. Eins Mississippi, zwei Mississippi. Und? Hält! Mit dem Finger drüber fahren, fühlt sich okay an, ich spüre zwar, dass das aufgeklebt ist, aber auch nur weil ich es weiß. Andere merken das gar nicht, da gehe ich jede Wette ein. Also mache ich das noch ein paar Mal, dann ist das feine Selbstplagiat fertig. Oder ich spare mir auch die Arbeit und verweise schnell auf meinen Artikel zum ersten Teil des The Afterman -Doppelalbums, der ist, von den genannten Songs abgesehen, noch voll gültig.

Der zweite Teil verhält sich absolut wie der erste Teil, sie sind aus einem Guss. Das bringt die positiven wie negativen Aspekte des ersten Teils mit sich. Aber i h kann nicht von Coheed & Cambria lassen, denn sie sind nur an ihren eigenen Glanztaten gemessen schwach geworden, schreiben aber ansonsten immer noch progressiven Rock, der von weit oben zum Mittelmaß hinab schaut. Außerdem gibt es für mich gerade an heutigem Datum für mich einen ganz persönlichen Grund, Coheed zu hören, der mich nostalgisch an die Band bindet.

Biffy Clyro: Opposites

Nach quälend langer Zeit mit unzähligen Anläufen gelingt mir noch immer kein runder, satter Artikel zum neuen Album der Schotten Biffy Clyro. Dann eben mit dem Kopf durch die Wand. Opposites schraubt sich im Gehörgang fest, und dort nisten sich Biffy Clyro gepflegt ein, denn es gibt kaum einen Song auf Opposites, dem nicht zumindest etwas abzugewinnen ist. Skylight ist vielleicht so ein Ausreißer nach unten, es weckt üble Erinnerungen an das Behind Blue Eyes-Cover von den Nu-Metal-Dünnbrettbohrern Limp Bizkit. Ganz schlimm.

Ansonsten macht Opposites bei aller Eingängigkeit einen weiten Bogen um solcherlei Peinlichkeiten. Irgendwo im manisch-depressiven Traumland ist Opposites angesiedelt. Ein beinahe schon barockes Album, in dem Traum und Alptraum sehr dicht beieinander liegen, nur dass hier Plüschfiguren in Regenbogenfarben bluten. Ja, ein barockes Carpe diem. Memento mori schallt uns da entgegen. Das Spektrum ist breit, Spanish Radio, Victory Over the Sun, The Thaw oder Moder Magic Formula zeigen die Bandbreite der Schotten.

Doch es gibt, zumindest für mich, ein großes Aber. Opposites ist in den meisten Momenten ergreifender Rock-Bombast, es gibt kaum ein Entrinnen aus den Sirenenrufen. Biffy Clyro haben diese Emotionalität mit einem widerlichen Trick erschaffen: In jedem, wirklich jedem Song, werden die Refrains, wenn nicht gleich auch Strophen, mehrstimmig gesungen. Stadiontaugliche Chöre oder rotzige Gang-Shouts, immer kommen Biffy Clyro und bringen die Familie mit. Auf die Dauer ist diese monotone Pluralisierung der Gesangsmelodien ermüdend, eigentlich sogar emotional erpressend. Noch schlimmer wird es, wenn wie auf Trumpet or Tap die Streicher die Tränendrüsen bedienen. Den Rest gibt den Songs aber Produzent Garth Richardson, der den Songs jede individuelle Note nimmt, indem er sie über denselben Bogen des Plastiksounds zieht.

Opposites will wie ein episches Album klingen, dieser Wille ist in jedem Ton zu hören. Biffy Clyro bemühen aber platte Klischees, diese erheuchelte, aufgesetzte Epik ist für mich reinste Gaukelei. Aber immerhin ist es jetzt raus.

Soundgarden – King Animal

Schon in ihrem Namen tragen Soundgarden das Geheimnis ihrer Anziehungskraft. Und was für ein Garten es ist, den die Herren, so muss man sie ihrem Alter entsprechend nennen, da pflegen. Nichts hat ihre Musik mit der spießbürgerlichen Parzelle ordentlich abgesteckten Grüns zu tun, die sorgsam gepflegt und nach Vorschrift bepflanzt wird, um nach getaner Arbeit bei einem Bier den Stolz zu haben, Herr über die paar Quadratmeter domestizierter Natur zu sein. Ebensowenig wie die Kleingärtnerei sie interessiert, halten Soundgarden auch nicht an die Vereinsstatuten des Rock: weg mit der hingerotzten Berechenbarkeit gleichgeschalteter Dreiminüter, die belanglose Rebellenattitüde proklamieren. Soundgarden ließen den Songs lieber ihren Lauf, was sollte daran sein?

Schon auf dem großartigen Badmotorfinger Anfang der Neunziger kümmerten sie sich nicht um Grenzen und Vorschriften. Dann hatten sie eben wüsten Metal neben bluesigen Nummern, da durften Bläser im Hintergrund jubilieren, während die Gitarren breite Riffs ausspuckten. Superunknown war dann der endgültige Höhepunkt der inspirierten Gleichgültigkeit gegenüber allen Statussymbolen des Rockestablishments. Es ist noch immer leidenschaftlich depressiv, wüst, weinerlich, aufbrausend und nach allen Regeln der Kunst verhaltensgestört, doch solange es große Songs waren, wurde Gefälligkeit gerne außen vor gelassen.

Been Away Too Long ist selbstverständlich ein verlockender Titel für den Opener des Reunion-Albums, da konnten sie nicht widerstehen. Er gibt das Tempo des Albums vor, ist im gehobenen Midtempo angesiedelt, das fügt sich aber ins Bild. Soundgarden haben Alben gerne mit einer eher schleppenden Nummer eröffnet, als mit einem Tosen. Darauf folgt das markante Non-State Actor, hier ist alles wieder genau da, wo es bei Soundgarden hingehört: der Takt entzieht sich schön der Tanzbarkeit, dennoch verliert er sich nicht in sinnlosen Eskapaden. Wenig später stellt sich dann die Frage, was Kim Thayil mit den Tausender-Songtexten hat. A Thousand Days Before ist unverkennbar von ihm, selbst wenn der Titel ihn nicht verraten würde, hypnotisch singende Gitarren, entrückte Rhythmik. Ganz sicher ein Höhepunkt wie das folgende Blood on the Valley Floor, das bleierne Gitarrenakkorde im Schleichgang zu Grabe trägt, es muss Erinnerungen an das hervorragende 4th of July wecken.

Nach Bones of Birds ist aber urplötzlich der Schwung raus. Cornell verfügt noch immer über die rauchige Stimme, in der die Stimmbänder zum Bersten gespannt sind, mit Leichtigkeit bringt er so Spannung in die zweite Hälfte des Albums, und kann doch nicht verhehlen, wie sehr die Hooks auf King Animal fehlen. Attrition ist der Tiefpunkt, es ist der einzige Song, der noch Tempo hat, sich aber mit plumpem Vorwärtsdrang dem gefürchteten Altherrenrock bedrohlich nähert. Glücklicherweise ist King Animal bis dahin schon ordentlich auf Touren gewesen, sodass die routinierte Band die Fliehkraft nutzt, um sich ohne weitere Aussetzer auf Albumlänge zu bringen.

Die Rückkehr mit King Animal ist gelungen, wobei sich der Sturm und Drang aus den wüsten Grunge-Zeiten gelegt hat. Das Album ist, wie die Band schon mit dem bis dahin letzten Album Down on the Upside aufzeigte, einen Schritt in ruhigere Gefilde gegangen. Soundgarden haben sich im Midtempo gefunden, aus dem sie kaum ausbrechen, weshalb die Dramaturgie des Albums im Vergleich zu ihren frühen Glanzstücken etwas verblasst. Aber noch imer wuchert die Musik wie es ihr gefällt. Ergraut ist die Band vielleicht, angestaubt ist ihr Klang noch lange nicht.

Coheed and Cambria – The Afterman: Ascension

Wie soll ich mir die Peinlichkeit ersparen, wenn sie so naheliegend ist? Coheed and Cambria haben sich in einem musikalischen Konzeptkosmos eingerichtet, der so wirr und wild wuchert wie Claudio Sanchez‘ Haupthaar. Sanchez durchsetzt den Progrock der aus dem US-Bundesstaat New York stammenden Band noch immer mit der Handlung der Amory Wars. Einer drallen Weltraumsage, in der vor lauter Pathos kaum noch Luft zum Atmen bleibt. Die Band selbst ist Teil des Konzepts, ist sie doch nach einigen Protagonisten benannt. Wohin das alles führt, das war für die Musik der Band lange Zeit nicht relevant. Sanchez schrieb vertrackte Songs mit assoziativen Texten, die sich sowohl in gesamte Bild des Puppenspielers Sanchez fügten, aber auch eine lebendige Eigenständigkeit hatten.

Nach dem in jeder Hinsicht überragenden In Keeping Secrets of Silent Earth: 3 hat Sanchez – damit auch die Band – den Faden verloren. Die Arrangements litten spürbar unter der Hybris, mit der Sanchez die Story aufblähte, medial streute und essenziell verwässerte. Die Geschichte wurde größer, ihre einzelnen Teile unbedeutender. Die eigenen Verkünstelung vernichtete die auf In Keeping Secrets perfekt austarierte Mixtur poppiger Melodien in morbidem Rockbombast.

Auf The Afterman: Ascension ist es nicht anders. Die Handlung interessiert kaum noch, das Konzept ist reiner Tand. Wieso sollte es mich noch kümmern, dass auch hier natürlich ein Konzept hinter dem Album steht. So groß ist es, es bedarf einer Zweiteilung. Der originellerweise Descension betitelte zweite Teil wird Anfang des nächsten Jahres erscheinen. Die erzählerische Inflation vereinheitlichte das Tempo der Songs. Die Songstrukturen wurden der Narrative einer unübersichtlichen Rahmenhandlung unterworfen.

Auch auf Afterman gibt es noch jene Stücke, die Songs sein dürfen. Wie etwa Key Entity Extraction I: Domino the Destitute. Eine eigenwillige Konstruktion, aber nachvollziehbar. Auch das feine Titelstück selbst ist entspannt und wird reduziert aufgebaut. Doch für jeden dieser Songs gibt es ein Gegenstück, theatralisch und verworren. Goodnight, Fair Lady fängt an, so wie jeder Midtempo-Song von Coheed beginnt. Etwas abseitigeres Timing, tuckernder Bass und die gekonnten, zugleich allzu bekannten Breaks.

Auf den unerträglichen Rumpelrock von Key Entity Extraction II: Holly Wood the Cracked muss ich nicht weiter eingehen, er ist weniger symptomatisch, als es manche denken könnten. Technisch sind Coheed noch immer eine beeindruckende Band, musikalisch wären sie es auch, wenn sie eine Unbeschwertheit und vor allem die Refrains wiederfinden könnten, die frühere Alben hatten. Eins noch: Das ganze Brimborium dilettantischer Sci-Fi-Mystik in den Zwischenstücken hätte sich die Band nun auch mittlerweile sparen können. Bedeutungsschwanger gehauchte Satzhülsen machen keinen Tiefgang.

Gaslight Anthem – Handwritten

Mehrere Wochen habe ich Handwritten gegeben. Ich kann nicht sagen, mich gezwungen zu haben, dem Album noch eine weitere Chance zu geben, wenn es nach einem weiteren Durchhören nicht haften blieb. Gerne schmiss ich es wieder an. Wippte mit den Fingern, nickte mit dem Kopf, glücklich wurde ich damit nicht. So begehe ich jetzt die Todsünde.

Die Todsünde ist, einen nicht-offiziellen Song von der Deluxe-Ausgabe herauszupicken, an dem ich mein Problem mit dem Album festmache. Auch noch ein Cover. Sliver ist ein stupides, hingerotztes Brett aus der Frühphase Nirvanas. Bei Gaslight Anthem wird daraus ein domestiziertes Liedchen, das beiläufig konsumiert werden kann. Bei Cobain lag immerhin noch dessen Verzweiflung in der Stimme, Fallon ebnet es im Cover ein.

Für mich ist das repräsentativ für das gesamte Album, das sich nach lustlos heruntergespulter Nostalgie anhört. Dann wollen Gaslight Anthem eben Heartland Rock, kein Problem damit. Aber warum schimmert in den besten Momenten dann der ebenfalls gecoverte Tom Petty durch, warum grüßt Springsteen aus der Ferne? Und warum sollte ich nicht deren beste Alben einfach wieder auflegen, stattdessen Handwritten hören? Das Album gibt darauf keine Antworten. Womöglich soll es auch nur ein Echo des guten alten, handgemachten Rocks sein, der die amerikanische Seele atmet. Immerhin ist es nicht schlechter als die Vorbilder, nur auch nicht besser.

Deichkind – Befehl von ganz unten

Es war kalt, der Wind flutete, hungrig nach Körperwärme, durch die Schrebergartensiedlung. Ich ließ mit schnellen Schritten die ebenmäßig rechteckigen Parzellen an mir vorbeifliegen, ich war spät dran. Schon mehr als eine Viertelstunde hatte ich verloren, anscheinend nur weil die Bahn nicht auf Minusgrade und vereiste Gleise vorbereitet war. Früher hätte ich mir weniger Sorgen gemacht, den Mann warten zu lassen, der in seinem Kabuff inmitten der uniform begrünten Flächen mit mir verabredet war.

Vor zwei Jahren hätten wir noch darüber gelacht, er war zu dieser Zeit stets entspannt. „Was’n los, schon da?“, hätte er gefragt. Breit wären die Worte über seine Lippen gekommen. Zeit war ihm nicht wichtig, sie war eine zähe Masse, die er nach Belieben zu zerren oder stauchen wusste – er half mit halluzinogenen Mitteln nach. Bei unserem Telefonat wenige zuvor war nichts mehr davon zu hören. Er klang klarer, gesetzter, übel gelaunt.

Was auch immer mich geritten hatte, ihn anzurufen, ich kann es nicht mehr sagen. Doch ich wollte mit ihm sprechen, das neue Deichkind-Album war draußen und deren Musik war das einzig verbindende Element zwischen uns. Wann haben wir uns eigentlich zum ersten Mal getroffen? Meine Erinnerung ist verblasst, vom Alkohol zerfressen, ich weiß es nicht mehr. Es muss aber um die Zeit gewesen sein, als er, Gerhardt K., seinen Niedergang als einer der eifrigsten Lobbyisten der deutschen Tonträgerindustrie begann. Wir beide liebten die Musik der Hamburger, wie auch ich. Sie hatte größenwahnsinnig gute Beats, die von unbekümmert rotzigen Texten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt wurden. Es war gymnasiales Prollen. Bitte ziehen Sie durch und Noch fünf Minuten, Mutti waren das, was die Hamburger Schule des Hip-Hop ausmachte: Fähig genug, um gezielt die eigene Größe zu verweigern – und bekifftem Lächeln.

„Komm [s] rein“, sagte Gerhardt. Ich war mir sicher, er bemerkte erst beim Aussprechen der Begrüßung, wie unangebracht das unbewusst eingehängte ’sie‘ bei unserer gemeinsamen Vorgeschichte war. So schien es, dass er es mitten im Satz zerkaute und hoffte, ich hätte es nicht wahrgenommen. Ich schüttelte seine Hand und trat ein. „Was verschafft mir die Ehre?“

Er sah mich kaum an. Mir drängte sich der Gedanken auf, er wolle die ganze Sache so schnell wie möglich hinter sich bringen. Ich war ein Teil seiner Vergangenheit, den er abgelegt hatte. Ich wusste das. Ich wusste, dass er nicht mehr der Vizepräsident oder was auch immer bei dem Lobbyverband war. Und seine Grade hatte er unlängst verloren, ich wollte ihn wegen der schwebenden Verfahren nicht darauf ansprechen. Gerhardt hatte, wie sich durch selbst oberflächliche Untersuchungen herausstellte, weite Teile seiner Promotion abgeschrieben. Es ist ein längere Geschichte, die nicht hierher gehört. Nur so viel, das erste zivilrechtliche Verfahren hatte er verloren, was sollte er auch zu seiner Verteidigung sagen. Er hatte es getan und sich dabei nicht einmal große Mühe gegeben, den Ideenklau zu verbergen. Als es Jahre später aufflog, war er im Lobbyverband wegen seines nicht mehr zu verheimlichenden Drogenkonsums, der ihn auch zu der reichlich selbstverliebten Verleihung des nach ihm selbst benannten Siegels für die Musik von Deichkind führte, schon auf dem absteigenden Ast. Die Affäre um seine Promotion war die willkommene Gelegenheit, ihn endlich loszuwerden. Im Prozess war er ein Wrack, ich hatte die Bilder gesehen, also die vom ersten Prozess. Im zweiten Prozess hatte er die Übersicht völlig verloren, wie alle anderen auch. Denn im zweiten Prozess war er auf einmal Nebenkläger (oder was auch immer, wie gesagt, es war seltsam), da derjenige, der im ersten Zivilprozess erfolgreich gegen Gerhardt vorging, nun selbst in Misskredit wegen derselben Arbeit geraten war, die er als seine ausgab. Es ist ein schwebendes Verfahren, deshalb will ich nicht ins Detail gehen. Aber es darf gesagt werden, dass in dem Verfahren auch darum geht, dass Gerhardt, der entlarvte Kopierer, selbst bei einem Abschreiber abschrieb. Dieser nachweislich kopierte Zweite, der den Anschuldigungen nach aber selbst nur ein Plagiat lieferte, streitet sich mit einer Dritten, ob es nun tatsächlich ein Plagiat war.

Das ging mir durch den Kopf, bis ich bemerkte, Gerhardt noch eine Antwort schuldig zu sein. „Nichts wirklich, ich dachte nur“, ja, was dachte ich? „Neues Deichkind-Album.“, das war alles was ich ihm hinwarf. Seine Miene änderte sich nicht, die Körperhaltung sehr wohl. Er machte einen Schritt zurück und stammelte: „Ich hab’s mir schon gedacht. Ich kann aber nicht. Ich hab’s mir angehört.“

Was er nicht konnte war unsere Tradition aufrechtzuerhalten. Bei jedem bisherigen Deichkind-Album zogen wir um die Häuser. Er, der alte Lobbyist, und ich der vergleichsweise junge Herumtreiber. Wir becherten und zechten, er nahm alles, was er in die Finger kriegen konnte, ich war dazu schon zu betrunken. Und im Hintergrund lief Deichkind. Es war der Soundtrack unserer Eskapaden durch welche Stadt auch immer, es war egal. Wir brauchten nur Deichkind und Alkohol, die Musik und den Suff.

„Ich mach das nicht mehr“, sagte er. „Das hat lange genug gedauert, ich bin trocken.“ Es klang, als hätte er einen Entzug von Deichkind gemacht, doch er meinte den Alkohol, die Drogen.

Ich sagte ihm, dass ich es verstehen könnte. „Nicht schlimm, ich wollte nur. Es war eben eine Tradition.“

„Ich weiß“, seine Stimme klang gleichgültig. „Bin ich es? Oder Deichkind? Beide? Das ist nicht mehr das, was es mal war.“

Ich wusste, unser Treffen würde schon hier enden. Er hatte Recht. Er war nicht mehr der Lobbyist, ich nicht mehr der Herumtreiber und Deichkind weder Kind noch vom Deich.

„Deichkinds Musik kann man doch nur noch in Promille und bpm messen. Über den stumpfen Beat werden Worte geworfen, die in einem Assoziationsspiel noch einen Sinn ergeben könnten. Oder für Betrunkene.“ Während er das sagte, fiel mir im Hintergrund eine Urkunde auf, die mit schwülstigen Worten seine Verdienste als Vorsitzender des örtlichen Verbands der Schrebergärtner pries. Es tat weh, doch es half nichts. Waren wir Spießer geworden?

Ich ließ die trostlos deutsche Hütte hinter mir. Meine Verabschiedung war kurz und schmerzlos. Auf dem Weg zum Bahnhof fiel mir die einzig vernünftige Antwort ein. Wir alle sind auf unsere Weise Spießer geworden. Gerhardt K., ich und Deichkind. Der Unterschied ist, Deichkind scheinen noch zu saufen. Das könnte helfen.

PJ20 Preaching to the Choir

Offene Enden und Stränge gehören anscheinend zu den täglichen Einträgen. Eine Ankündigung kann ich hier aber erfüllen: Ich habe mir sowohl die Doku als auch kurz das dazugehörige Doppelalbum zu Gemüte geführt. Eines ist sicher, ich bin nicht der Typ für solche Projekte. Cameron Crowe liefert erstaunlich wenig ab, wenn man berücksichtigt, dass er enge Kontakte zur Band und Szene in Seattle hat.

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