You Go Girl

Dicht gedrängt stehen die Menschen in der Ringbahn, schwitzen sich hemmungslos an. Die schlechte Laune schneidet die heiße Sommerhitze im Waggon. Die Stehenden blicken neidisch auf die Sitzenden, alles scheint erstarrt. Wer etwas Lebendiges sehen will, blickt auf ein kleines Mädchen, das feixend einen der begehrten Sitzplätze neben ihrer Mutter eingenommen hat. Sie lässt ihre Beine baumeln und ist mit Neugier und Spieltrieb geladen.

Die Kleine zurrt und zerrt an ihrem Sommerkleidchen und strahlt mit großen Augen in die leer starrenden Augenhöhlen der Pendler, sie summt, sie lacht, sie strahlt. Alle im Zug fürchten jede Bewegung, die Kleine aber ist voller Energie, als hätte sie irgendwo ein hitzebetriebenes Kraftwerk, das sie gerade antreibt. Ihre Mutter kann die Kleine, die kaum älter als sechs ist, nicht beruhigen. Der Mutter ist anzumerken, dass die Kleine ihr unangenehm wird. In einem Zug voll Griesgrämiger ist kindliche Laune die schlimmste Tortur, das scheint die Mutter zu ahnen, also beugt sie sich in regelmäßigen Abständen zur Tochter herunter, flüstert ihr ins Ohr. Die Kleine giggelt, hält kurz inne, dreht dann wieder auf. Sie kann nicht stillhalten, auch nicht wenn ihre Mutter die Hand beruhigend auf ihre Beine legt, wenn die Kleine auf den Sitz zu springen droht. Es gibt kein Halten für die Kleine.

Allen im Zug steht der Schweiß auf der Stirn, die Kleine aber dreht auf. Augen rollen, es wird geseufzt, die Kleine stört das nicht. Sie ist ein quicklebendiger Mensch in einem Zug der After-Work-Zombies. Als die Kleine wieder laut vor sich hin plappert, schnappt die Mutter die Kleine und redet ihr zischend ins Gewissen. Die großen Augen der Kleinen verengen sich, ihr wird der Ernst der Lage klar. Stumm bleibt sie eine Minute sitzen und schaut zum Fenster raus. Dann stößt sie einen Schrei aus, mit zur Decke des Waggons gereckten Armen springt sie auf, sie steht auf dem Sitz, mit  wild funkelnden Augen wartet sie, bis ihre Arme in Kampfhaltung gegenüber ihrer Mutter eingerastet sind, die Fäuste geballt. Die Mutter sieht ihre Tochter wortlos an, alle anderen Augen sind ebenfalls auf die Kleine gerichtet. Die lacht nur, zieht herausfordernd ihre linke Augenbraue hoch und ruft: „Auffe Fresse!“

Ich das Individuum, ihr die Herde

Die Kassiererin würdigte die Frau vor ihr keines Blickes, sie murmelte bloß: "Guten Tag." Die Frau starrte noch auf ihr Smartphone, schüttelte ihren Kopf, dann fiel ihr die Begrüßung der Kassiererin ein. "Ja, guten Tag.", sagte sie, ging einen Schritt vorwärts, um ihre Einkäufe besser zu erreichen. Einen Gegenstand nach dem anderen schleuderte sie in ihre Tasche, die Kassiererin reichte ihr im Akkord neue Artikel zu. Das elektronische Fiepen des Scanners kommentierte ihren Takt. Nach dem letzten Gegenstand rückte die Kassiererin beiläufig ihren weißen Arbeitsumhang gerade: "Wir haben noch Shampoo im Angebot, zwei für eins.", sie klang fragend. Die Frau bemerkte dies nicht, sie griff routinemäßig in ihre Tasche, zog ihr Portemonnaie heraus. Die Kassiererin sah sie weiter an, erst in diesem Augenblick sahen sich beide Frauen zum ersten Mal in die Augen. Die Kassiererin griff an ihr Namensschild, das locker an ihrem Umhang hing. Frau Wedelin stand darauf. Erst die unruhigen Blicke aus der Schlange vor der Kasse vermittelten den beiden das Gefühl, die Stille zwischeneinander zu durchbrechen.

"Hm?", machte die Frau.

"Shampoo, im Angebot, zwei für eins."

"Ah so, nee, danke."

"Dann vierunddreißig fuffzehn."

Die Frau sammelte fünfzehn Cent zusammen, kramte dann nach Scheinen. Ungläubig sah sie intensiver in das Geldfach ihres Portemonnaies. "What the?", flüsterte sie zu sich selbst. Die Kassiererin hatte bereits die fünfzehn Cent entgegengenommen und die Kasse geöffnet, da sagte die Frau: "Wissen Sie was, wir machen das anders." Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm Sie eine der Kreditkarten und hielt sie der Kassiererin hin. Auf der Karte stand in Maschinenschrift ihr voller Name.

"Sorry, nehmen wir nicht.", sagte die Kassiererin gelassen.

"Was, wieso?"

"Weil wir die nicht annehmen."

Die Frau rollte mit ihren Augen und sah verlegen in die Schlange der Wartenden. Ich registrierte zum ersten Mal die ganze Situation, bisher hatte ich alles als weißes Rauschen im Hintergrund aufgenommen, aber nichts davon rückte direkt in mein Bewusstsein vor. Doch ab diesem Moment war es anders, ab diesem Augenblick spielten beide Frauen mit meiner Zeit. Und die war knapp. Die Mittagspause hatte ich schon überzogen und in zehn Minuten musste ich ein wichtiges Gespräch führen. Es war nicht wichtiger als jedes andere Gespräch, es hätte auch nichts ausgemacht, wenn ich mich fünf Minuten später gemeldet hätte. Dennoch erschien es mir lästig, meine exakt geplanten Termine gestört zu sehen, nur weil zwei dahergelaufene Frauen es nicht schafften, eine solche Alltäglichkeit wie einen Bezahlvorgang zügig abzuwickeln. Hinter mir sahen das viele wohl genauso und die Frauen schienen das zu spüren.

"Geht wenigstens die hier?", fragte die Frau. Es klang aber weniger nach einer Frage, als nach einer Herablassung. Die Kassiererin schien das verstanden zu haben, statt auf die Frau einzugehen, nahm sie die Karte und steckte sie mit einer groben Handbewegung in den Kartenleser. Sie deutete mit der ganzen Handfläche auf das Gerät. Die Frau blickte zur Seite. Die weiteren Menschen in der Warteschlange waren dicht aufgerückt, also schob sie ihren Körper zwischen das Gerät und die Wartenden, obendrein deckte sie das Eingabefeld mit ihrer Hand ab. Die vier Ziffern hatte sie schnell eingetippt, doch das Gerät brauchte eine für alle gefühlte Ewigkeit, bis es ratternd Erfolg meldete. Die Frau atmete tief durch. Wortlos nahm sie Karte und Beleg entgegen.

Ich war erleichtert, denn endlich konnte es weitergehen. Lange genug musste ich schon warten. Ich hatte auch Besseres zu tun, als mich hier noch länger aufhalten zu lassen.

"Guten Tag.", hörte ich die Kassiererin.

"Ja, Tag.", antwortete ich, ich war nun endgültig genervt. Ich hatte nur zwei Dinge und musste nun schon viel länger hier in der Schlange stehen, mir gezwungenermaßen den Austausch der beiden Frauen anhören und meine Lebenszeit verglühen sehen. Das reichte mir. Automaten wären mir lieber gewesen, nicht dieser verantwortungslose Umgang mit meiner Zeit.

"Dreisechsundreißich."

Ich griff in meine Tasche nach dem Geld. Nur war es nicht da. Ich erschrak. Wo habe ich mein Geld gelassen?, dachte ich mir. Hinter mir hörte ich einen Seufzer. Hey, ich kann hier auch nicht nach Plan arbeiten, also halt mal die Füße still, sagte ich in Gedanken zu der Person, die hinter mir seufzte. Die Ungeduld wurde nicht kleiner, zumindest hörte ich deutlich das Tippeln mit den Füßen, während andere ebenfalls seufzten. Ich spürte die Blicke in meinem Rücken als ich meine Taschen durchsuchte. Mich kribbelte es nun im Nacken, wo ich mir die gebündelten Blicke der Wartenden ausmalte.

Und was guckt diese Kassiererin hier so genervt, die kann jetzt auch mal warten, ist ja nicht so, dass sie hier bisher mit Fleiß und Einsatzbereitschaft geglänzt hat. Als ich dann endlich mein Geld fand, fiel der Druck von mir ab, doch war ich mittlerweile auch wütend. Gibt echt keinen Grund, mir hier Stress zu machen., dachte ich mir, sagte aber nur: "Tschuldigung."

Ich nahm mein Wechselgeld und stopfte den Einkauf eilig in meine Taschen. Im Umdrehen sah ich einen jungen Mann kurz von seinem Smartphone aufschauen. "Wurde auch Zeit.", murmelte er und rückte dann an den Platz auf, den ich gerade noch belegt hatte.

Was soll’n das jetzt? Was will denn der Spinner von mir, hab das nicht mit Absicht gemacht. Oder was denkt der, das mir das Spaß macht?, in dem Moment war ich mir der Doppelmoral nicht mal bewusst, nicht mal im geringsten.

Der verfickte weiße Ritter

Vor dem Ausgang der Ringbahnhaltestelle stand ein stämmiger Kerl am Rande des Weges. Schon aus etwas Entfernung irritierten mich seine unvorhersehbaren Ausfallschritte, mal nach rechts, dann wieder nach links. Ich wollte meine Kopfhörer gerade aufsetzen, da hörte ich eine tiefe Männerstimme aus derselben Richtung: „Sie kommen nicht vorbei, ich rufe die Polizei! Was fällt Ihnen ein?“

Als ich ungefähr auf seiner Höhe war, konnte ich an seinen breiten Schultern und dem noch breiteren Bauch, der seine offene Jacke und das modische Hemd darunter spannte, vorbei sehen. Ich erschrak sofort. Hinter dem Mann, der im Vergleich wie ein Koloss wirkte, stand eine junge Frau. Sie war höchstens halb so alt wie der kräftige Mann im mittleren Alter. Er sprach auf sie herab, immer wieder von der Polizei. Sie sah verzweifelt aus, als ob sie schon minutenlang versuchte, dem Mann und seinen Drohungen auszuweichen. Nur ließ er sie nicht, er spiegelte jeden ihrer Ausfallschritte und verstellte ihr jeden Fluchtweg mit seinem ganzen Körper.

Sie suchte meinen Blick, ich sah ihre Angst. Instinktiv wollte ich mich raushalten, der Mann war zwei Köpfe größer als sie, immer noch einen größer als ich. Bevor ich einen Schritt an den beiden vorbei machen konnte, hörte ich mich fragen: „Was ist hier los?“

„Das geht Sie gar nichts an.“, grölte er zurück und beäugte sie dabei aufmerksam, um sie nicht entwischen zu lassen.

„Was hat sie Ihnen denn getan?“

„Da!“, seine Finger zeigten auf ein Papiertaschentuch auf dem Boden. „Das hebt sie gefälligst auf! Oder ich rufe die Polizei!“

Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet, seine Erklärung war so banal, ich musste lachen. „Das ist der Grund, warum Sie die Frau nicht gehen lassen?“

Die junge Frau bemerkte meine Fassungslosigkeit sofort. „Das ist alles.“, sagte sie. „Aber ich verpasse meinen Zug.“

„Dann heben Sie das auf. Sofort! Oder ich rufe die Polizei.“

Es reichte mir: „Lassen Sie es sein oder rufen Sie die Polizei. Das ist kein Grund, die Frau hier so anzugehen.“

„Finden Sie das auch noch richtig?“, er hatte alle Selbstgerechtigkeit in den Satz gepackt, so als könne er wirklich nicht fassen, dass ich nicht auf seiner Seite stand. Ich fasste ihn leicht am Arm, um ihn sanft davon abzuhalten, weiter im Weg zu stehen. Er parierte das mit noch lauterer Stimme: „Fassen Sie mich nicht an, ich rufe die Polizei.“

Allmählich schossen alle Botenstoffe über das Rückenmark, ein kalter Schauer durchfuhr mich. Ich ging jetzt ernsthaft von von einem handgreiflichen Ende der ganzen Auseinandersetzung aus. Wenn es denn so kommen würde, musste ich keine Rücksicht mehr kennen: „Rufen Sie die Polizei, die kommt allerhöchstens wegen Nötigung, Freiheitsberaubung oder ähnlichem. Durch Sie.“

Er lachte nur. Der Frau stieg die Verzweiflung nun auch in einem verzweifelten Lachen auf. Ich lachte auch, ungläubig. Die Frau und ich tauschten eilig Blicke aus, dann stellte ich mich mit meinem Rücken vor den Mann. Mit meiner Hand deutete ich ihr an, wo sie vorbei konnte. Dann stellte ich mich ihm in den Weg.

Ich spürte seinen runden Bauch auf meinem Rücken. In Gedanken stellte ich mich auf den hellen Blitz vor meinen Augen ein, wenn sein Schlag mich am Hinterkopf träfe. Fast konnte ich den imaginierten Griff seiner massiven Hände spüren, als ich mir seinen Griff nach meinen Nacken ausmalte. Überraschenderweise spürte ich schnell nur, dass er aufgab. Die junge Frau rief mir ein erleichtertes „Danke“ entgegen und huschte an uns vorbei in Richtung der Gleise.

Der Mann deckte mich mit lauten Sätzen ein, was ich mir denn einbildete, wie ich das nur unterstützen könnte, was für eine Schande das doch sei. Mir war es egal, denn er folgte mir, nicht aber ihr. Ich ging in die entgegengesetzte Richtung und hörte mir das alles an, bis es aus mir platzte: „Nehmen Sie doch einfach Ihre Selbstgerechtigkeit und heben sie sich für Leute auf, die das interessiert. Im Zweifel niemanden.“

Dann trennten sich unsere Wege, auch wenn ich ihn noch länger schimpfen hörte. Und jetzt sitze ich hier und bin wütend. Wütend, dass der selbsternannte weiße Ritter der Spießbürgerlichkeit natürlich nur den Mut hatte, eine viel jüngere, kleinere Frau aufzuhalten. Sobald aber auch nur ein Mann auf den Plan trat, kuschte er. Und ich ärgere mich, dass er und ich es wohl in ein paar Tagen vergessen haben, die junge Frau aber nicht. Sie wird es womöglich nie vergessen. Nur weil sie ein Taschentuch an den Wegrand warf. Nicht schön, aber kein Grund für diese Belästigung und Einschüchterung. Wahrscheinlich wird sie ihn nie vergessen. Ihn und all die anderen weißen Ritter in Rüstungen aus Selbstgerechtigkeit. Dieser eingebildete Edelmann auf dem hohen Ross der Heuchelei. Bei ihr traut er sich, bei mir nicht. Es wird nichts damit zu tun gehabt haben, dass sie kleiner war als er, schwächer und ihre Haut dunkler als meine oder seine. Dieser verfickte weiße Ritter.

Wie konnte ich nur gerade jetzt in die Piratenpartei eintreten?

Gestern Abend saßen wir nach der Fraktionssitzung der Piraten in Friedrichshain-Kreuzberg noch beieinander, da kam zur Sprache, wie leicht es doch eigentlich ist, die Piratenpartei mit einem gewaltigen Knall zu verlassen. Ihr auf ähnliche Weise beizutreten, so schien es uns, ist aber hingegen schwer bis unmöglich. Denn wer nicht an einem messianischen Rettersyndrom, also gelinde gesagt übersteigertem Ego, leidet, kann nicht mit Fanfaren in die Partei einmarschieren wie andere sich aus ihr verabschieden. Es braucht diese Fanfaren auch nicht, sondern nur eine rein subjektive, persönliche Beschreibung eines Neupiraten, warum er oder sie zu einer Zeit eingetreten ist, als Andere nur noch Rauchschwaden über einem Trümmerfeld aufsteigen sehen.

Ein Eintritt und die ersten zaghaften Schritte in der Piratenpartei sind ein längerer Prozess, der nicht explosionsartig geschieht. Hier also der Versuch, zu beschreiben, warum ich Ende letzten Jahres eingetreten bin, wie ich die Piraten bisher im Alltag erlebt habe, warum ich bleiben werde und warum ich die Berichte über das vorzeitige Ableben der Piratenpartei für maßlos übertrieben halte.

Motivation

Seitdem es die Piratenpartei gibt sympathisiere ich mit ihr in nahezu allen Bereichen. Aber vor allem imponiert mir, dass es eine Partei mit leidenschaftlichen Menschen ist. Menschen, die auf ihre individuelle Art anders sind, als diejenigen, die ich sonst in der Politik sehe. Kompetente Leute in einer Partei, die Kompetenz nicht an Äußerlichkeiten festmacht. Weil gute Politik eben beispielsweise auch mit bunten Haaren geht.

Dass ich erst vor kurzer Zeit Mitglied wurde und mich damit nebenbei zu Programm und Satzung bekannte, liegt an einer Fehleinschätzung: Ich hatte die verheerende Kommunikationskultur und die aggressiven Debatten weniger Lautstarker heillos überschätzt. Mich schreckte ab, wie einige wenige verbal mit Minderheiten und Minderheitenmeinungen umgingen.

Es hat also eine lange Zeit gedauert, bis ich den Schritt ging, um hinter die Wand des verbalen Furors zu schauen. Was mich hinter die Wand zog, waren nicht allein die Themen. Es waren die Menschen, die diese Themen in der Piratenpartei vorantreiben. Menschen, die ich ohne den Hauch von Neid für ihren Sachverstand und ihr Engagement bewundere. Es war nur ein Schalter in meinem Kopf und ein Schritt durch diese laute Wand. Mit dem umgelegten Schalter stellte ich mich darauf ein, den Lärm zu ignorieren, dann war der folgende Schritt ganz einfach. Denn motivierte Menschen motivieren mich.

Aktivierung

Hinter dieser Wand sah alles gleich nicht nur viel besser aus, es war es auch. Ich ging erst einmal zu einem Crewtreffen. Und wie gut das war. Vom ersten Moment an waren alle Piraten dort offen und aufgeschlossen. Nicht nur das, sondern auch aktivierend. Sie waren offen für alle Fragen und stellten mir selbst viele. Alles, was ich anfangs machen musste, war, Anwesenheit und Einsatzbereitschaft zeigen. Den Weg, wo und wie ich mich sinnvoll einbringen könnte, wiesen sie mir.

"Hast du Zeit und Lust hierbei zu helfen?" Diese Frage hörte ich immer häufiger. Statt mich zu grillen und meine Intentionen inquisitorisch in Erfahrung zu bringen, praktizierten sie ein anderes Verfahren: Sie lebten das Piratenideal der Partizipation. So kam dann auch die Idee auf, ich könnte nach drei Monaten in der Crew doch mal für vier Wochen die Urlaubsvertretung für den Kapitän machen. Ich fragte mich noch, ob es eine gute Idee sei, einen Neuling dafür zu nehmen, der die Leute und Strukturen ja gerade erst kennengelernt hatte. Die Gegenargumente aus der Crew waren so einfach wie überzeugend: 1. Wie sollen sonst Neupiraten die Strukturen kennenlernen und Verantwortung übernehmen, wenn niemand ihnen Aufgaben und Herausforderungen gibt? 2. Du kannst hier nichts kaputtmachen, was wir nicht gemeinsam wieder fixen können. 3. Mach es einfach.

Und so wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können. Ich arbeitete mich rein, las mich ein und nahm intensiver an den Debatten teil, als ich es mir nach so kurzer Zeit vorstellen konnte. Noch etwas fiel mir später auf: Ich war von allen schon lange als Pirat akzeptiert, integriert und aktiviert, da hatte ich mir selbst es noch gar nicht bewusst gemacht.

Zusammenarbeit

Dann kamen die ersten Versammlungen. Die gemütlichen Gebietsversammlungen waren ein überschaubarer Anfang. Ein absolut überzeugendes Erlebnis war aber die erste Landesmitgliederversammlung, an der ich teilnahm. Ich kam zur Tür hinein und gleich hieß es wieder: "Gut, dass du da bist. Willst du helfen?" Also half ich, wo ich konnte.

Wieder lernte ich etwas. Piraten können noch so verschieden sein, sie können ziemlich viel auf die Beine stellen. Sie kriegen es irgendwie hin, funktionierendes Internet für alle zu stemmen. Auch wenn sie es selbst als wackelig bezeichnen, ich war auf anderen Großveranstaltungen, wo so etwas ein aussichtsloses Unterfangen war. Ein Squad machte günstiges Essen für alle, während andere die Bildregie machen. Bildregie? Ja, es gab zwei verschiedene Säle, die in ständiger Verbindung standen. Einfach so, weil es geht. Und noch viel mehr.

Sah ich noch genauer hin, waren das aber auch noch Piratinnen und Piraten, bei denen ich mir sicher war, sie hatten bis gerade eben noch auf verschiedenen Kanälen das mit diesem Flügelstreit ausgefochten. Auf unterschiedlichen Seiten der Fronten. Da waren sie nun aber und reichten sich LAN-Kabel, machten Technik klar oder diskutierten Anträge. Ja, sie machten nicht nur Orga und Struktur, sie machten Inhalte. So wurde in größtenteils völlig entspannter und konzentrierter Arbeitsatmosphäre nicht nur ein neuer Landesvorstand gewählt, sondern auch das meiner Meinung nach größte und beste demokratische Experiment der letzten Jahrzehnte wurde beschlossen: die SMV. Und noch viel mehr.

Ebenso war auch die Gebietsversammlung in Friedrichshain-Kreuzberg am letzten Wochenende ein starkes Symbol für mich. Sie wurde organisiert von einer Crew, die neu ist. So neu wie viele der Piraten in der Crew. Am Ende haben sie eine tolle Versammlung gestemmt. Weil es geht, wenn Menschen sich reinhängen. Und wieder wurde miteinander gearbeitet, wenn beispielsweise aus einem inhaltlich guten, aber formal dürftigen Antrag innerhalb kurzer Zeit drei gute Alternativen entstehen. Alles möglich.

Wohin ich sehe, ich sehe Piraten, die miteinander arbeiten und Dinge bewegen, ja, sogar diese ominöse Sache mit der Politik gut raushaben.

Vertrauen

Wie gesagt, gestern nach der Fraktionssitzung saßen wir noch beisammen. Für mich war es eine besondere Sitzung. Es war die Sitzung, in der ich — wie auch zwei andere Piraten — offiziell Teil der Fraktionsversammlung wurde.

Ich war schon vorher bei Sitzungen der Fraktion. Als Gast musste ich mich mit aller Macht an die Freundlichkeit, Offenheit und Beteiligung dort gewöhnen. Erst einmal wurden mir Stimmkarten in die Hand gegeben, ich wollte sie intuitiv zurückgeben, da ich einen Irrtum vermutete. Aber nein, ganz dem Prinzip der Mitmachpartei verschrieben erhalten alle bei Fraktionssitzungen Stimmkarten. Es zählen zwar bei Abstimmungen nur die Karten der Fraktionsmitglieder, aber die Beteiligung der Gäste wird als Meinungsbild gewertet, ernstgenommen und bei Bedarf selbstverständlich thematisiert. Vor mir lagen also von Beginn an drei laminierte Karten in rot, gelb und grün. Sie bedeuteten, dass meine Meinung hier etwas wert ist, dass sie willkommen ist.

Seit gestern zählen diese Karten sogar etwas mehr, denn die Fraktion hat den Vorschlag der Gebietsversammlung angenommen und mich in die Fraktionsversammlung aufgenommen. Und auch das ist alles andere als Zufall, sondern das Ergebnis kontinuierlicher Willkommenskultur in der Fraktion und bei den Piraten, denen ich begegnete. Ich wollte es langsam angehen, mich nicht aufdrängen, doch aber Hilfe und Unterstützung anbieten, wo es mir möglich ist. Und selten habe ich erlebt, dass mir für diese Einstellung so viel Dankbarkeit und Ermutigung entgegengebracht wurde. Der Eindruck war klar: Meine Meinung wird geschätzt. Auch meine Einsatzbereitschaft. Und es war auch klar, dass ich als Neupirat noch nicht alle Kompetenzen und Kenntnisse über die Prozesse mitbringen könne. Doch es wurde sofort deutlich, wie sehr mir zugetraut wurde, mir das alles schon aneignen zu können. Denn jede Hilfe und Unterstützung, die ich leisten kann, ist schon etwas. Allein aus diesem Grund war es gestern ein besonderer Tag für mich Neupirat: Politische Arbeit und Beteiligung als Pirat wurden wieder mal schneller konkret, als ich es mir hätte vorstellen können. Und mir wird noch immer von allen Seiten das Vertrauen eingeimpft, meinen Teil zur richtig guten Arbeit dieser Fraktion beitragen zu können.

Probiert es aus, Vertrauen fühlt sich richtig gut an und ist ein ziemlich starker sozialer Motor. Dafür bin ich dankbar.

Diversität

Ich bin nicht so naiv, wie das vielleicht bislang klingt. Ich sehe auch, nicht alles ist rosig. Hier sind Menschen am Werk, also sind auch Reibungspunkte und Konflikte auf verschiedenen Ebenen vorhanden. Und am Ende des Tages ist es auch vor allem Arbeit. Ich will und werde aber keine Karteileiche sein, also ist Arbeit Teil meines Plans. Harte Arbeit ist genau das, was ich erlebt habe. Arbeit von und mit diversen Menschen. Ich mache mir nichts vor, die Fraktionen, die Crews, die Bezirke, sie alle sind verschieden. Dieser Landesverband ist nicht homogen, die ganze Partei ist es nicht. Muss sie doch auch gar nicht sein.

Ich will auch nicht den Fehler machen, den ich gestern angesprochen habe, mir diese Partei sprachlich und mental anzueignen, Besitz von ihr zu ergreifen, um damit den Weg zur eigenen Frustration zu pflastern. Es ist nicht meine Partei, sie gehört mir nicht, ich suche mir aber bewusst die Teile, die meinen Kenntnissen und Interessen liegen. Ich habe ein Auge auf die anderen Teile, die ich vernachlässigen muss, und ich trage dazu bei, die Konturen dieser Partei inhaltlich, ideell und, ja, ideologisch mit Leben zu füllen. Ich begegnete Menschen, die anderer Meinung waren, aber wie ich an offenem und ehrlichem Austausch interessiert sind, um gemeinsame Wege zu gehen.

All meine Erfahrungen im persönlichen Kontakt überstrahlen jedes Gate. Die Rauschwaden sind allerhöchstens ein schwacher Dunst. Lautstärke ist nicht alles, nicht mal wirklich wichtig. Die Verschiedenheit ist es aber, gerade wenn sie als Stärke interpretiert wird. Denn eine Partei benötigt nicht eine einzige Stimme, mit der sie spricht. Und wo verschiedene Meinungen sind, muss nicht Wirrwarr entstehen, sondern einfach Diskurs. So habe ich es hier persönlich erlebt, so leben es mir die Piraten im Alltag vor. All die Linken, die Liberalen, die Freifunker, die Queers, die Antifas, die Kernies, die Feministinnen, die Alten, die Jungen, die Datenschützer und wer oder was sie nicht alle sind. Alle sind vielschichtige und fast alle tolerante Menschen mit dennoch großen Gemeinsamkeiten und tollen politischen Ideen, selbst wenn ich sie nicht sofort teile.

Ich nehme mir die toleranten Piraten zum Vorbild. Wenn ich mal groß bin, will ich so sein wie sie.

Erkenntnis

Seit fünf Monaten bin ich Pirat. Ich lese Twitter, ich höre Mumble. Allein, ich kann es nicht glauben. Außerhalb davon, in direkter Interaktion, bereue ich meinen Eintritt überhaupt nicht. Alles andere als das. Auch ich ärgere mich, habe Unverständnis, bin manchmal bis zur Verunsicherung irritiert. Dann gehe ich unter Piraten außerhalb der enthemmten Medien und vieles davon löst sich sofort auf. Über den Rest diskutieren wir leidenschaftlich, hitzig, meist fair.

Das kann nicht nur mir so gehen. Denn ich habe eines gelernt in meiner kurzen Zeit als Pirat: Wir verstehen viel von technischen Netzwerken und akzeptieren deren Schwächen, arbeiten mit und an ihnen; wir haben aber noch nicht gut genug realisiert, was für ein gutes soziales Netzwerk wir eigentlich sind. Und wie gut und noch besser dies sein kann. Wir sollten auch dessen Schwächen akzeptieren und an ihnen arbeiten. Ich habe dieses soziale Netzwerk namens Piratenpartei erlebt. Es funktioniert aus meiner Sicht sogar trotz allem, kaum zu fassen. Deshalb habe ich eben dieses Wort benutzt, das mir in meiner bisherigen Zeit vorgelebt wurde, wenn es ernsthaft um Politik ging: Wir.

Wie immer

Mit seiner Gehhilfe stieß der alte Mann die Tür zum Wartezimmer auf. Die Gehhilfe schob er in eine eigentlich viel zu kleine Ecke direkt neben der Tür und einem Stuhl, auf dem eine erkältete Patientin darauf wartete, aufgerufen zu werden. Eine Metallstange der Gehhilfe klirrte gegen eines der Stuhlbeine, die Patientin verstand die Aufforderung und erhob sich weit genug, um den Stuhl unter sich verschieben zu können, damit der Alte seine Gehhilfe dort abstellen konnte. Er nickte ihr zu, sie sah ihn nur kurz an, denn er war schon wieder zur Tür hinaus.

Im Flur waren seine kurzen, zittrigen Schritte zu hören, bis er den Tresen im Flur erreicht hatte, hinter dem eine Arzthelferin saß. Mit reibender Stimme raunte er der ihr einen Gruß zu. Danach gewann seine Stimme an Kraft, als er sie fragte: "Was war denn letzten Freitag bei ihnen los?"

"Da war der 27.", sagte sie mit aller Ruhe, die eine Arzthelferin mit den Jahren so annimmt.

Der Alte nahm dies als Herausforderung an: "Und das war der dritte Weihnachtsfeiertag, oder was?"

"Öhm, nein." Sie schob währenddessen Papiere, auf denen Vermerke in schludriger
Ärztehandschrift wucherten, in Ordner.

"Ich stand hier vor der Tür – verschlossen. Rolläden überall unten."

"Am Freitag? Da hatten wir doch offen."

"Hören Sie mal, ich war da. 15 Uhr. Wie immer. Keiner da."

Nun sah sie ihn mit glänzenden Augen an und erklärte seelenruhig: "15 Uhr. Da haben wir freitags nie auf. Hatten wir auch noch nie."

"Das muss mir einer sagen, ich komme immer um 15 Uhr. Das geht ja so nicht." In seiner Stimme klang ehrliche Empörung mit. Für einen Moment konnte er keine Worte mehr finden, still sahen sich beide an, bis sie aus einem der Kästchen mit Flyern und Informationen, das zwischen den beiden auf dem Tresen stand, eine Karte zog. "Aber sie haben doch unser Kärtchen. Sehen Sie, da steht das alles drauf."

"Ich weiß, aber da gucke ich nie drauf. Das geht so nicht. Ich bin immer um 15 Uhr da. Immer." Sie hatte die Hand mit der Karte ausgestreckt, er ignorierte die Karte aber völlig. Er sah die Arzthelferin nur noch mit scharfem Blick an.

Sie ließ sich nicht sonderlich von ihm aus der Ruhe bringen. Ihr Blick wanderte kurz an einen anderen Ort, der nicht mehr in der Welt vor ihr lag. Sie konzentrierte sich, als bringe sie nun wesentliche Informationen vor ihren inneren Auge zusammen. Nach wenigen Momenten wurde ihr Blick wieder klarer, sie sammelte ihre Stimme: "Hm, na ja, jetzt sind sie ja auch da und es ist neun Uhr."

Er musste schmunzeln, winkte kurz ab und schlich ins Wartezimmer.

Und was für eines

Natürlich fühle ich mich gefährdet, wenn ein Fahrradfahrer mit für mich gefühlt irrem Tempo knapp an mir vorbeifährt. Dabei aus meinem Rücken kommt. Und natürlich schnauze ich solche Fahrerinnen und Fahrer an, sollten sie, wie heute geschehen, an der Eisdiele etwa fünfundsiebzig Meter später ihre Erfrischungen holen wollen.

Und es ist keine Ausrede, dass es sich nicht um eine Fußgängerzone handelte, in der sein Rasen stattfand. Stimmt, aber selbst auf einer ganz normalen Straße ist er zur Rücksichtnahme angehalten. Und selbst wenn es keine Bestimmung gäbe, gibt es kein Recht, mich so zu gefährden. Ich brauche nur einen Schritt nach rechts machen, schon fährt er mich, eigentlich uns, über den Haufen. Aber wir befanden uns in einem Verkehrsberuhigten Bereich.

In solch einer Zone gilt Schrittgeschwindigkeit. Schrittgeschwindigkeit, die der Fahrradfahrer nie im Leben gefahren ist. Denn je nach Meinung liegt sie bei drei bis maximal zehn Kilometern in der Stunde. Wenn ich konservativ schätze, war der Fahrer aufgrund der Länge der Hausfassade, die er nach mir passiert hatte, kurze Zeit später schon weit weg. Ich nehme eigentlich an, dass er nach einer Sekunde etwa fünf Meter von mir entfernt war. Ich nehme sogar mehr an, aber ich bleibe mal konservativ. Er war also mit mindestens

5m * 3600s = 18000m/h = 18km/h

immer noch schnell unterwegs. Gefährlich schnell für Fußgänger, die nicht wissen, was kommt. Es ist definitiv keine Schrittgeschwindigkeit mehr. Sein Abstand zu mir kann ebenfalls nicht sehr groß gewesen, wenn ich den Fahrtwind durch das Hemd spürte. Es wird also nicht besser.

Warum lege ich das alles so aus? Weil ich mich versichern muss, wie gerechtfertigt es war, den Fahrradfahrer nach seinem Verweis "Ich darf fahren wie ich will. Ist keine Fußgängerzone." ein Arschloch genannt zu haben. Was für ein Arschloch.

Wenn sie aber

"Hey!" Es hatte kurz vor diesem Ruf dumpf gerumpelt. Die offenkundige Überraschung ließ die Stimme vibrieren, ehe sie wieder Form fand. Mit dem letzten Laut verfestigte sich der Ruf, es folgte ein Schweigen, das gefährlich wirkte. Es war eine wütende Stille. So hing die Wut in der Luft.

"Was soll das?" Die Frage war ein bedrohliches Zischen. Das Zischen und der laute Ruf stammten von derselben Person, doch viele hätten wohl ihre Zweifel daran gehabt. Zu groß schien der Bruch zwischen dem Ruf und der Frage, ganze Welten trennten ihre Tonlagen. Es folgte das fehlende Glied zwischen beiden, ein ausuferndes Grollen, jeweils auf der ersten Silbe betont: "WA-rum TRE-ten SIE MICH?"

"Ihr Bein hat da nichts zu suchen.", antwortete eine zweite Stimme. Sie gehörte dem Anschein nach einem älteren Mann. Dieser schien alle Ruhe in seine Antwort legen zu wollen, an allen Rändern schwappte sein Tonfall jedoch in zittrigen Wellen über.

"Was?" Die Antwort fachte die Wut nur an. "Das ist doch kein Grund, mich hier zu treten." Mit jeder Silbe schwoll die Stimme an.

"Wenn sie aber…"

"Was ABER? Das ist kein Grund zu treten! Fick dich. Arschloch. Was für ein Penner! Was soll das? Das ist kein Grund zu treten…" Die Schimpfwörter hörten nicht mehr auf, unterbrochen nur von heftigem Schnaufen. "Deine Mutter…fickt … Fick deine Mutter. Du hinterletztes Arschloch, ey. Mich treten … einfach treten … warum? … der … Fick …"

Die Wut ließ nicht nach. Die erste Stimme wurde mit der Zeit nur leiser, bis sie irgendwo in der Ferne verschwand. Von der zweiten Stimme kam ohnehin nichts mehr.

Kennt ihr das Kitzeln in den Augen?

“Does anyone ever get this right? I feel no love.”, säuselte die Stimme in mein Ohr, bevor die Musik aus meinen Kopfhörern anzog. Das Schlagzeug setzte müde ein, da betrat ich die Bäckerei. Ich hörte nichts außer der Musik, nicht einmal meine Stimme, als ich artig “Guten Tag“ in den dunklen Verkaufsraum rief. Auf eine ebenso artige wie routinierte Antwort achtete ich gar nicht erst. Es war ja nur ein Reflex, genauso war es ein Reflex, dass ich um diese Zeit einen Bäcker suchte, um eine meist viel zu trockene oder kaum gebackene Brezel zu kaufen. Blinde Gewohnheit.

Ich ging an der ausladenden Theke vorbei, mir blieb nicht viel Platz zwischen der abgeschrägten Glasvitrine und den Stehtischen mit ihren Plastiktischdecken. In der hintersten Ecke, wo es noch am dunkelsten war, stand ein Kühlschrank. Ich konnte noch gut etwas trinken, um den trockenen Laugenteig runter zu bekommen. Ich nahm mir also eine Flasche Mineralwasser, mehr war nicht in dem Kühlschrank, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Die Beleuchtung ging nicht, die Tür hing auch sehr freizügig in den Scharnieren. Als ich den Kühlschrank schließen wollte, klemmte die Tür. Ich stemmte mich gegen sie, bis ich überzeugt war, nicht mehr tun zu können.

Aus meinen Kopfhörern sang immer noch die Stimme, sie hörte sich wenig hoffnungsvoll an. Das letzte Wort brach nur zögerlich hervor, nicht jubelnd, wie es eigentlich verwandt wird: “I speak, I breathe, I’m incomplete. I’m alive. Hooray.“ Ich setzte die Kopfhörer ab, um mich besser mit der Verkäuferin unterhalten zu können. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch so wenig von der Bäckerei gesehen, ich wusste eigentlich noch nicht, dass hinter der Theke eine Verkäuferin wartete. Aber die Erfahrung, auf die ich mich verließ, sagte, es wären in Bäckereien eigentlich immer nur Verkäuferinnen anzutreffen. Und so war es. Vor den beinahe ausverkauften Körben mit.Broten an der Wand stand eine Frau mittleren Alters. sie hatte rostbraunes Haar, das sie zu einem wirren Zopf gebunden hatte, aus dem sich aber schon einige Strähnen befreit hatten. Sie stand reglos in ihrer weiß-gelb gestreiften Schürze vor der Kasse und sah durch die große Glasfront auf die Straße hinaus.

„Ich nehme einmal das hier“, sagte ich und hob die Flasche auf die Theke, “und dann noch eine Brezel, wenn sie noch eine haben, bitte.“ Ich konnte keine Laugenbrezel sehen, ich wollte den Appetit darauf aber noch nicht aufgeben. Meiner Bitte folgte keine Reaktion. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Verkäuferin nicht auf die Straße blickte. Sie sah auf etwas, das mir verborgen war. Sie sah eine Erinnerung vor ihrem inneren Auge, einen Gedankenblitz, der sie mit ihrem Innenleben so verschmolz, dass sie keine Regung nach außen zeigte. Nur ihren flachen Atem bemerkte ich, ansonsten stand sie still an ihrem Platz. “Entschuldigung“, sagte ich, denn ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Es kam mir zu brachial vor, sie mit lauten Tönen oder hektischen Gesten vor ihrem Gesicht auf mich aufmerksam zu machen. Sie war eindeutig so weit in sich versunken, dass ich sie nur brutal hätte herausreißen können. Aber das wollte ich nicht. Da außer uns niemand im Laden war, beschloss ich, einfach noch einige Momente zu warten.

Es kam mir länger vor, als es wohl tatsächlich dauerte, doch ich war kurz davor, die Bäckerei unverrichteter Dinge zu verlassen, da sprach sie in ruhigem Ton: “Kennen sie das?“

Ich wusste nicht, ob sie mit mir sprach. Ihr Augen regten sich nicht, ihr Gesicht auch nur so weit, wie es für die Wörter notwendig war. Ich war mir also nicht sicher, wem die Frage galt und fragte dementsprechend zurück: “Was kenne ich?“

“Kennen Sie dieses Gefühl, wenn es in den Augen so kitzelt? Weil unter der Haut sich die Tränen sammeln. Aber nichts kommt raus. Haben sie das auch manchmal?“

“Ja“, sagte ich, “das kenne ich.“ Wäre ich noch ehrlicher gewesen, hätte ich ihr gestanden, gerade in diesem Moment von dem Gefühl überrollt zu werden. Mich erstaunte schon, dass ich überhaupt so direkt antworten konnte. Ich antwortete beinahe beiläufig, reflexiv sogar. Diese Reaktion von mir war aber Bannzauber genug, denn nun sah ich in ihren Augen wieder ein klares Bewusstsein. Wo immer sie in Gedanken war, sie war dort nicht mehr. “Geht es ihnen gut?“, fragte ich sie.

Sie lächelte als wäre es ihr peinlich. Als wüsste sie, dass für einen kurzen Blick dieser unsichtbare Schutzwall zwischen Menschen brüchig war. “Alles bestens. Ich war nur gerade abgelenkt.“ Sie nahm die Wasserflasche, scannte den Strichcode ein: “Darf’s noch etwas sein?“

Ich war so perplex, ich verneinte. Irgendwie, ich weiß nicht wie, wechselte das Geld für das Wasser den Besitzer. Ich verließ die Bäckerei, völlig in Gedanken versunken. Als die Tür hinter mir lag, setzte ich die Kopfhörer wieder auf. “Land of the free, lobotomy“, das hörte ich noch vom Gesang, danach machte ich die Musik wieder aus. Nach solcher Musik war mir gerade nicht mehr.

Amtsflucht

Ich lebe zwischen Regen und Traufe der asozialen Marktwirtschaft, zur einen Seite der Klotz der Agentur für Arbeit, auf der anderen eine identitätsgestörte Einrichtung. Sie wirkt immerhin etwas im Unklaren über das eigene Dasein. Selbst in der kurzen Zeit, die ich hier lebe, hat sie die großen Lettern über dem Haupteingang mehrmals gewechselt. Derzeit nennt sich das Gebäude Jobcenter, ganz unabhängig von seinem eigentlichen Zweck, der wohl schon seit jeher die Schikane ist.

Zu jeder Tageszeit strömen allerlei Menschen zu den Gebäuden. Manche von ihnen tragen seltsame Jogginganzüge, für die nicht einmal die Achtziger anrufen würden, um sie zurückzuverlangen. Andere werfen sich in Schale, anscheinend wollen sie einen möglichst guten Eindruck hinterlassen. Doch betreten sie die Gebäude durch ihre gläsernen Mäuler, werden sie zu Nummern zermahlen. Gleichwohl sie Kunden genannt werden, sollen sie nur dem gesellschaftlichen Verdauungssystem zugeführt werden.

Kein Wunder also, dass sich ein Schauspiel nun häufiger bestaunen ließ, das ich nur als Zeichen interpretieren kann, wie wenig Menschen mit diesen institutionellen Verachtungsmaschinen zu tun haben wollen. Vor dem Jobcenter ist eine Bushaltestelle, die Briefkästen des Amtes sind bloß zehn, vielleicht fünfzehn Schritte entfernt. Hält ein Bus, bricht manchmal Hektik aus. Kaum haben sich die Türen geöffnet, springt ein Mensch hinaus. In den Händen einige Umschläge, sprinten sie zu den Briefkästen. Die Luke quietscht, doch bevor sie metallisch krachend ihre Arbeit wieder einstellt, hat der Mensch schon wieder den Bus erreicht. Die Bustüren schließen sich.