Ich bin im Nichts, ich muss hier raus

Was geht denn jetzt ab? Stehe mitten in der #pampa, Stunden der Telearbeit im Großraumbüro hinter mir, was sag ich, in den Knochen, was will ich wohl? Hier weg, ich will nur noch hier weg. Und dann kommt der Bus, dieser unsägliche Bammelbus, der mich zur Bimmelbahn bringen soll, mit dem ich eine halbe Stunde durch tote Wälder fahren soll, an verwaist wirkenden Attrappen uriger Dörfer.

Wenn der Bus in einer vergleichsweise großen deutschen Stadt nicht kommt, ist das ärgerlich; kommt er in der #pampa nicht, ist die Kälte alles, was bleibt. Nein, es regnet auch noch. Dieser Ort lebt nur von der Frischzellenkur, die ihm ein gigantischer Industriebrocken ihm morgens zuführt, abends aber wieder nimmt. Ich mag meine Arbeit, so richtig, aber außer ihr hält mich hier nichts.

Und jetzt fällt auch noch Twitter aus. Ich geb auf. #dammit

Alltagsrassismus: Muss man denn gleich ausrasten?

In der gegnerischen Spielhälfte, linksaußen am Sechzehnmeterraum, erhält ein Spieler den Ball. Sein Gegner steht etwas zu weit von ihm entfernt, so kann er den flach gespielten Pass mit einer schnellen Drehung in Richtung Grundlinie ziehen. Doch der Gegner sperrt den direkten Weg zum Tor. Der ballführende Angreifer nimmt das Tempo sofort raus, lässt den Ball zwischen seinen Füßen tanzen. In einer flüssigen Bewegung bückt er sich zum Ball, er nimmt ihn in beide Hände, dreht sich zur Tribüne hinter sich um. Wie ein Torwart beim Abschlag, so hält er den Ball vor sich, zieht mit dem rechten Bein ab. Den Ball trifft er allerdings nicht mit voller Kraft, dieser prallt vom Zaun vor der Tribüne ab. Der Spieler blickt hinauf zu den Stehplätzen, selbst als der Schiedsrichter ihn erreicht hat, er schaut zu den aggressiven Fans der gegnerischen Mannschaft. Sie schlagen in die Luft, johlen, schreien runter auf das Spielfeld. Weiterlesen

Wer glaubt, die Daten bei der Schufa kämen stets nachvollziehbar zustande?

Schnell noch Gemüse kaufen, ich hatte es bei meiner ersten Einkaufsrunde des Tages vergessen. Ich freute mich, vor der Kasse war keine Schlange. Wenn ich schon wegen meiner Vergesslichkeit Zeit verlor, dann immerhin nicht so viel. Durch das Dudeln gefühliger Verkaufsstimmen aus den Lautsprechern im Laden tauchte ich in den kühlen Dunst, der über dem frischen Gemüse lag. Dies noch, das noch – eins, zwei drei, fertig. Und hin zur Kasse.

Auf dem letzten Meter vor der Kasse war noch eine Person, die deutlich langsamer ging als ich. Die Person schien nicht entschlossen auf die Kasse zuzusteuern, ich hätte noch Gelegenheit gehabt, mich vorbeizuschieben. Während ich noch überlegte, ob und wie unhöflich es wohl wäre, hatte ein Automatismus mir die Entscheidung schon abgenommen. Für einen merklichen Bruchteil einer Sekunde muss ich gezögert haben. Die Person hatte mich bemerkt und ging nun zielstrebig auf das Band an der Kasse zu.

So zielstrebig wie es eben ging. Nun erst sah ich, es war eine alte Frau. Ihre Bewegungen waren langsam. Zitternd hievte sie den Einkauf aufs Band. Stück um Stück. Die Butter zitterte sie aus ihrer Rolltasche empor und ließ sie auf das Band fallen. Irritiert blickte sie der Butter hinterher, die im vergleichsweise rasenden Tempo vom Band zum Scanner getragen wurde. Die Kassiererin ließ die Butter vor der Lichtschranke liegen. „Lassen sie sich Zeit. Legen sie alles in Ruhe aufs Band.“

Genau das wollte ich eigentlich nicht hören. Nur beschweren konnte ich mich auch nicht. Die alte Frau braucht halt etwas länger, dafür kann sie nichts. So sah ich ihr bei jeder behäbigen Bewegung zu. Es dürften nur zwanzig Artikel gewesen sein. Für jeden einzelnen brauchte sie doch mindestens fünfzehn Sekunden. Zwischenzeitlich wuchs so doch eine stattliche Warteschlange ungeduldiger Großstädter heran. Eine zweite Kasse wurde aufgemacht, ich konnte gar nicht reagieren, da hatte sich der große Teil der Menschen hinter mir schon dort eingereiht. Also blieb ich hinter der alten Frau stehen, die kurz darauf eine Packung Wurst ablud und ihre Tasche tatsächlich in Richtung Kasse schob.

Als hätte sich eine enorme Spannung auch in ihr angestaut, legte die Kassiererin los. In der Zeit, in der die alte Frau gerade einmal ein Kilo Kaffee hervorgebracht hatte, war schon feinsäuberlich alles registriert. „Vierundzwanzigdreiundvierzig, bitte.“

Die alte Frau kramte in ihrer Jackentasche. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber nur ein tiefes Brummen war zu hören. „Wie bitte?“, fragte die Kassiererin. Die Kassiererin las angestrengt die Mimik im Gesicht der alten Frau. Für mich waren weder das Gesicht noch das Brummen zu entziffern. Der Kassiererin ging es ähnlich, so wiederholte sie die Summe, fügte aber noch an: „Möchten sie Geld abheben?“ Die Falten auf der Stirn der alten Frau schlugen weite Bögen, sie sah mit leerem Blick zur Kassiererin.

„Wollen sie noch Geld abheben? Wie auf der Bank.“

„Bank.“ Die alte Frau sprach das Wort so mechanisch aus, als wäre es nur von ihren Lippen abgeprallt, nachdem die Kassiererin es gesagt hatte. Sie reichte der Kassiererin ihre Bankkarte.

„Genau, wie auf der Bank.“

„Ja, ja, Bank. Genug. Fünfzig Euro.“

Kaum war es gesagt, flogen die Finger der Kassiererin über die Tasten. Sie zog die Karte durch das Lesegerät und wartete bis die alte Dame ihre Eingabe gemacht hatte. Beide lächelten, als endlich Einigkeit zu herrschen schien. Die Kasse öffnete sich. Die Kassiererin zog einen Fünfzig-Euro-Schein heraus, legte die Karte der alten Frau darauf und reichte beides herüber. Die alte Frau nahm es, verharrte dann auf dem Schein. „Was?“

„Aber sie hatten doch gesagt, sie möchten fünfzig Euro abheben.“

Patriarchales Entitlement auf Schienen

Der Zug rattert durch südhessische Landschaften. Die Strecke fahre ich beinahe täglich, sie interessiert mich nicht. Stattdessen bin ich in das Spiel auf meinem Telefon vertieft. Eine virtuelle Karte ablegen, eine aufnehmen. Abwarten, der Computergegner rechnet noch. Was um mich herum passiert nehme ich nicht wahr.

„Ey, Ey, Ey, Ey.“

Mein Blick schweifte hoch. Hinter mir musste ein junger Mann sitzen, der lautstark rief. Es war kein panischer Ruf, doch die Bestimmtheit seiner Laute ließ mich aufhorchen. Es tat sich nur in der folgenden Sekunde nichts.

Meine Aufmerksamkeit wanderte wieder zum Spiel zurück, ich konnte nicht entziffern, was der Ruf sollte. Mich penetrant umdrehen wollte ich auch nicht, so wichtig klang es nicht. Mit dem Spiel im Fokus, dämpfte sich meine Wahrnehmung wieder ab. Im Hintergrund hörte ich nur noch ein Murmeln einer männlichen Stimme, vielleicht war da noch ein zweiter Mann. Auf jeden Fall war gelegentlich noch eine helle Frauenstimme da, die aus dem Murmeln aufstieg.

Einige Momente musste es so gegangen sein. Ich spielte, hörte nur Hintergrundrauschen aus dem Großraumabteil. Ein Satz aber zog meine Wahrnehmung wieder in Richtung des Gesprächs: „Nein, ehrlich, ich muss jetzt gehen. Das hier ist meine Haltestelle.“ Ich musste den Satz erst verarbeiten, konnte ich ihn doch nicht gleich einordnen. So überhörte ich wieder die Antwort, es blieb männliches Murmeln.

Ein verlegenes Lachen der Person, der die Frauenstimme gehörte. „Nein, beim nächsten Mal. Ich muss hier raus.“ Ich hatte eine Weile gebraucht, doch kochte nun eine Befürchtung in mir hoch. Sie wurde stärker, als ich die Frau sagen hörte: „Wirklich, ich muss jetzt gehen. Beim nächsten Mal kannst du mich festhalten.“

Ich war überfordert. Hatte ich das richtig verstanden? Wurde sie auf dem Weg, den Zug zu verlassen, festgehalten? Eine Gedankenwelle brach tosend über mir zusammen. Ich konnte nicht sehen, was geschah. Als ich mich entschlossen umdrehen wollte, um definitiv einen Blick über die Rückenlehne werfen zu können, sah ich eine blonde Frau. Ein gefrorenes Lächeln im Gesicht, ging sie auf der Zugtür entgegen, sie schien darauf bedacht, nicht auffallen zu lassen, dass sie ihren Kopf gerade nur so weit zur Seite geneigt hatte, um noch einen Blick hinter sich werfen zu können. Es waren schnelle Schritte, die doch gebremst wirkten. Sie schien diesen Ort so schnell wie möglich verlassen zu wollen, ohne diesen Wunsch nach außen preiszugeben.

Mich bemerkte sie nicht, sie hielt nur Ausschau in die Sitzreihe hinter mir. Ich machte mich bereit aufzustehen, falls ihr jemand folgte. Ich beobachtete den Gang, in dem sie auf das Halten des Zuges wartete. Ungeduldig nutzte sie den ersten Spalt der sich öffnenden Türen, sobald die Öffnung auch nur genügend Raum versprach, zwängte sie sich hindurch. Den Bahnsteig hatte sie so schnell verlassen, dass ich es gar nicht mehr gesehen habe, in welche Richtung sie verschwand.

Fadenrauch

Gemütlich trotteten wir durch den künstlich geschaffenen Flur. Die Stellwände mit ihrem grauen Filz ragten gerade so hoch, dass sich im Großraumbüro Gänge und Plätze abzeichneten. Wir wollten ins Treppenhaus, eine Zigarette rauchen. Dort angekommen steckte ich mir eine an, hinter mir hörte ich das Reiben auf dem Zündstein ihres Feuerzeuges.

Sie hatte sich, die Zigarette im Mund, zur Flamme geneigt. Das geduldige Feuer, das jeder Raucher erwartet, flackerte für einen Augenblick allerdings lichterloh auf. Sie schreckte instinktiv zurück. Ich musste lächeln, denn sie sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, als ob sie fragen wollte: Was war das denn? Ihre Mundwinkel dehnten sich zu einem breiten Grinsen, die Lippen zogen an der Zigarette, um die Glut anzufachen. Eine Stichflamme, antwortete mein Lachen.

Ob sie diese Antwort noch wahrgenommen hatte, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich nicht. Der Blick, der gerade noch auf die Glut ihrer Kippe gerichtet war, wanderte höher. Über den Rücken der Zigarette, schielend an ihrer Nase vorbei bis in ihre Augenhöhle. So weit die Muskulatur ihrer Augen es erlaubte, drehte sich der Blick in ihren Schädel.

Wohin sah sie, was war da? Es muss sich innerhalb einiger Sekunden zugetragen haben, doch meine Erinnerung dehnt diese Momente aus. Oberhalb ihres Haaransatzes, über der Stirn schwebte ein kleiner Faden, der mit der Zugluft Wellen schlug. Mir schwante Böses, so übel, ich wollte es nicht glauben. Nicht, als ein weiterer Faden aus ihren Haaren stieg, auch nicht, als sie ein Brummen anschwellen ließ. Mein Unwille, zu glauben, was ich sah, lähmte mich. Auch wenn sich die Wirklichkeit nicht mehr leugnen ließ, stockte ich. Ich sah eine helle Funken sprühende Flamme unter ihren Haaren, sie blähte sich auf. Die versengenden Haare knisterten, aber ich wollte es nicht glauben.

Ich musste eine Hand ausgestreckt, aber innegehalten haben. Ich war mir aber keiner Bewegung bewusst. Was, Feuer, was, ihre Haare, was?, so drehten sich meine Gedanken um sich selbst. Sie musste mein Zögern gesehen haben: „Hau mich, hau mich, HAU MICH, HAU!“ Ich tat, wie mir geheißen wurde. Mit der flachen Linken, hämmerte ich auf ihren brennenden Kopf ein. Drei oder vier Schläge brauchte ich, um die Flamme zu ersticken.

„Du hast ja nur rumgestanden“, hörte ich sie sagen. Sie strich sich verkrustete Bündel aus den Haaren, die sanft zu Boden glitten. Der beißende Geruch stieg mir in die Nase. Ich zog die Nasenflügel zusammen, doch führte dies nur dazu, zwar weniger zu riechen, aber die verkohlten Haare auf der Zunge schmecken zu können. „Sorry, ich weiß auch nicht…“

Sie lachte und zog weitere Haarknäuel hervor. „Da gehen sie hin – meine grauen Haare.“

Es war nicht einmal eine Rötung auf ihrem Kopf zu sehen. Sie rieb zwar ihren Haaransatz, als ob es sich verbrannt anfühlte, aber weder sie selbst noch die herbeigeeilte Kollegin konnten Verbrennungen erkennen. Ihre Frisur fiel locker über den verbrannten Haaransatz, als wäre nichts gewesen. Es fiel gar nicht auf. Es roch nur streng und auf dem Boden lagen einige angesengte Haare. „Mit dir“, sagte sie, zog an dann ihrer Zigarette, „gehe ich so schnell nicht wieder rauchen.“

Bilde ich mir nur ein, dass meine linke Hand noch nach verbranntem Menschenhaar riecht?