Biffy Clyro: Opposites

Nach quälend langer Zeit mit unzähligen Anläufen gelingt mir noch immer kein runder, satter Artikel zum neuen Album der Schotten Biffy Clyro. Dann eben mit dem Kopf durch die Wand. Opposites schraubt sich im Gehörgang fest, und dort nisten sich Biffy Clyro gepflegt ein, denn es gibt kaum einen Song auf Opposites, dem nicht zumindest etwas abzugewinnen ist. Skylight ist vielleicht so ein Ausreißer nach unten, es weckt üble Erinnerungen an das Behind Blue Eyes-Cover von den Nu-Metal-Dünnbrettbohrern Limp Bizkit. Ganz schlimm.

Ansonsten macht Opposites bei aller Eingängigkeit einen weiten Bogen um solcherlei Peinlichkeiten. Irgendwo im manisch-depressiven Traumland ist Opposites angesiedelt. Ein beinahe schon barockes Album, in dem Traum und Alptraum sehr dicht beieinander liegen, nur dass hier Plüschfiguren in Regenbogenfarben bluten. Ja, ein barockes Carpe diem. Memento mori schallt uns da entgegen. Das Spektrum ist breit, Spanish Radio, Victory Over the Sun, The Thaw oder Moder Magic Formula zeigen die Bandbreite der Schotten.

Doch es gibt, zumindest für mich, ein großes Aber. Opposites ist in den meisten Momenten ergreifender Rock-Bombast, es gibt kaum ein Entrinnen aus den Sirenenrufen. Biffy Clyro haben diese Emotionalität mit einem widerlichen Trick erschaffen: In jedem, wirklich jedem Song, werden die Refrains, wenn nicht gleich auch Strophen, mehrstimmig gesungen. Stadiontaugliche Chöre oder rotzige Gang-Shouts, immer kommen Biffy Clyro und bringen die Familie mit. Auf die Dauer ist diese monotone Pluralisierung der Gesangsmelodien ermüdend, eigentlich sogar emotional erpressend. Noch schlimmer wird es, wenn wie auf Trumpet or Tap die Streicher die Tränendrüsen bedienen. Den Rest gibt den Songs aber Produzent Garth Richardson, der den Songs jede individuelle Note nimmt, indem er sie über denselben Bogen des Plastiksounds zieht.

Opposites will wie ein episches Album klingen, dieser Wille ist in jedem Ton zu hören. Biffy Clyro bemühen aber platte Klischees, diese erheuchelte, aufgesetzte Epik ist für mich reinste Gaukelei. Aber immerhin ist es jetzt raus.

Biffy Clyro: Black Chandelier

Angekündigt ist sie schon seit letzter Woche, doch ist dies auch wieder nicht meine Besprechung von Biffy Clyros Opposites. Ich winde mich heraus, drehe mich um mich selbst, es will einfach nicht passen. Wahrscheinlich liegt es an Opposites‚ bipolarer Störung. Ich mag dieses Album, wirklich, und ich verachte die Eindimensionalität der Mittel, die Biffy Clyro einsetzen, um dieses Album mit passiv-aggressiver Gewalt auf Verehrungswürdigkeit zu trimmen; die Schotten wollen Opposites angebetet wissen, das höre ich ganz genau. Die Formel steckt schon in Black Chandelier:

Black Chandelier ist in allen mir bekannten Versionen der zweite Song, es enthält schon alle Versatzstücke, die sich im Verlauf des Albums wiederholen und wiederholen. An die Versionierung Double Edition und der Single Edition muss ich mich auch erst gewöhnen, das ändert aber nichts an meiner Kritik, in der Double Edition wird bloß nur noch deutlicher, wie Biffy Clyro manipulieren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Aber für heute muss das reichen, ich werde noch einige Tage brauchen, bis ich es noch besser ausdrücken kann.

Deftones – Koi No Yokan

Jede Band hat ihre Krisen zu überwinden, zumal dann, wenn sie wie die Deftones seit über zwei Jahrzehnten besteht. Bringt das Quintett aus Sacramento ein neues Album heraus, wird ihre Geschichte heruntergespult und nach Motiven abgesucht, um einen analytischen Bogen zu spannen. Seifenopereske Referenzen sollen das jeweils vorliegende Album charakterisieren, jedes noch so unbedeutende Ereignis der Bandgeschichte wird aufgebauscht, von den schwerwiegenden ganz zu schweigen. Schwer ist das bei den Deftones, deren Mitglieder abseits der Musik einige Schicksalsschläge hinnehmen mussten, nicht. Einerseits macht der unverwechselbare Sound und die Herangehensweise der Deftones an ihre Musik den Gang in die Küche, wo sich angeblich prächtig psychologisieren lässt, einfach, auf der anderen Seite sind diese Versuche schlicht unnötig.

Es gilt also dem zwanghaften Reflex zu widerstehen, sich ein Deftones-Album über die Biographien der Musiker zugänglich zu machen. Allein über die Musik muss es gehen, und siehe da, es geht prächtig. Die Deftones haben sich im Raum irgendwo zwischen Alternative und Metal eine Nische geschaffen, von der aus sie mühelos in alle Richtungen beweglich bleiben. Wesentlich, schon immer war es bei der Band so, ist die emotionale Dichte, die gerade dem Metal so gerne abgesprochen wird, wenn er noch immer als Spielbecken langhaariger Kopfnicker mit Mittelalterfetisch verstanden wird.

Die Deftones aber sind von ganz anderem Kaliber, ihre Musik baut auf der metallenen Schwere auf, um sie zu ergänzen, erweitern und schließlich zu überwinden. Im Ergebnis war jedes Deftones-Album eine abstrakte Reflexion psychischer Abgründe, für Hörerinnen und Hörer eine intime Erfahrung. Die Themen zog Sänger Chino Moreno also vorwiegend aus der persönlichen Erfahrung, doch entstand nicht etwa plakative Weinerlichkeit wie im zurecht verdrängten jugendlichen Wehklagen des Emo, die Deftones sind einer intellektuell und emotional tieferen Auseinandersetzung verschrieben.

Auf Koi No Yokan ist das die einzig offenkundige Erkenntnis: Die Band klingt wie nur sie selbst es kann. Wer auch immer ihre Musik beschreibt, wird Vergleiche aus den verschiedensten musikalischen Himmelsrichtungen ziehen, kaum ein Vergleich wird der Band vollends gerecht. Auch das ein Zeichen der Eigenständigkeit, das sie Assoziationen weckt, die sich aber nie vollends decken. Das ist aber kein musikalischer Stillstand, es ist die kontinuierliche Verfeinerung ihrer Methode, den Metal über seine emotionalen Grenzen zu heben. Mit jedem Album fügen sie neue Facetten hinzu, sie zu benennen fällt schwer, auch wenn sie jederzeit hörbar sind.

Tempest ist so ein Song, den nur die Deftones in dieser Form spielen können. Sie verstehen sich auf die Dramaturgie, die den Song langsam aufbrausen lässt. Sich darin zu verlieren, ist ihr erklärtes Ziel:

Ein geduldiger Aufbau mit Morenos eigenwilliger Gesangstechnik, die sich den glatten Tönen entzieht. Morenos Stimme ist die zerbrechliche Seite der Deftones, ob er nun summt, stammelt, schreit oder schnaubt; zusammengehalten wird dies von breit schwingenden Gitarren, meist in nur wenigen Akkorden, und der klaren Rhythmik Abe Cunninghams am Schlagzeug. Für sich betrachtet scheinen die einzelnen Elemente beinahe unspektakulär, in der Summe aber schwirren Gedanken und Emotionen wild umher. Nicht zuletzt Frank Delgado, der mit seinen Samples und Effekten weit mehr ist als der einstmals standesgemäße NuMetal-DJ, fügt subtile Wendungen in den Klang der Band ein. Kaum vorzustellen, wie sehr die Band verflachen würde, wäre Delgado nicht fähig, in aller Zurückhaltung den Sound der Kollegen zu konterkarieren. Neigen sie zur Verdichtung, entzerrt er den Klang, werden sie zu laut, holt er sie mit säuselnden Tönen und sanftem Rauschen wieder ein.

Im Grunde bleibt also alles beim Alten, die Deftones machen ein neues Album – und es ist berauschend, sinnlich, beklemmend, atmosphärisch und prachtvoll. Doch selbst für diese Verhältnisse bleibt nur zu sagen, es gehört zu ihren besten und lässt in allen Farben träumen, gerade auch den düsteren. Daher sind die Deftones eine persönliche Band, nicht wegen ihrer Geschichte, sondern wegen der Gedanken, die sie in Bewegung setzen.

Coheed and Cambria – The Afterman: Ascension

Wie soll ich mir die Peinlichkeit ersparen, wenn sie so naheliegend ist? Coheed and Cambria haben sich in einem musikalischen Konzeptkosmos eingerichtet, der so wirr und wild wuchert wie Claudio Sanchez‘ Haupthaar. Sanchez durchsetzt den Progrock der aus dem US-Bundesstaat New York stammenden Band noch immer mit der Handlung der Amory Wars. Einer drallen Weltraumsage, in der vor lauter Pathos kaum noch Luft zum Atmen bleibt. Die Band selbst ist Teil des Konzepts, ist sie doch nach einigen Protagonisten benannt. Wohin das alles führt, das war für die Musik der Band lange Zeit nicht relevant. Sanchez schrieb vertrackte Songs mit assoziativen Texten, die sich sowohl in gesamte Bild des Puppenspielers Sanchez fügten, aber auch eine lebendige Eigenständigkeit hatten.

Nach dem in jeder Hinsicht überragenden In Keeping Secrets of Silent Earth: 3 hat Sanchez – damit auch die Band – den Faden verloren. Die Arrangements litten spürbar unter der Hybris, mit der Sanchez die Story aufblähte, medial streute und essenziell verwässerte. Die Geschichte wurde größer, ihre einzelnen Teile unbedeutender. Die eigenen Verkünstelung vernichtete die auf In Keeping Secrets perfekt austarierte Mixtur poppiger Melodien in morbidem Rockbombast.

Auf The Afterman: Ascension ist es nicht anders. Die Handlung interessiert kaum noch, das Konzept ist reiner Tand. Wieso sollte es mich noch kümmern, dass auch hier natürlich ein Konzept hinter dem Album steht. So groß ist es, es bedarf einer Zweiteilung. Der originellerweise Descension betitelte zweite Teil wird Anfang des nächsten Jahres erscheinen. Die erzählerische Inflation vereinheitlichte das Tempo der Songs. Die Songstrukturen wurden der Narrative einer unübersichtlichen Rahmenhandlung unterworfen.

Auch auf Afterman gibt es noch jene Stücke, die Songs sein dürfen. Wie etwa Key Entity Extraction I: Domino the Destitute. Eine eigenwillige Konstruktion, aber nachvollziehbar. Auch das feine Titelstück selbst ist entspannt und wird reduziert aufgebaut. Doch für jeden dieser Songs gibt es ein Gegenstück, theatralisch und verworren. Goodnight, Fair Lady fängt an, so wie jeder Midtempo-Song von Coheed beginnt. Etwas abseitigeres Timing, tuckernder Bass und die gekonnten, zugleich allzu bekannten Breaks.

Auf den unerträglichen Rumpelrock von Key Entity Extraction II: Holly Wood the Cracked muss ich nicht weiter eingehen, er ist weniger symptomatisch, als es manche denken könnten. Technisch sind Coheed noch immer eine beeindruckende Band, musikalisch wären sie es auch, wenn sie eine Unbeschwertheit und vor allem die Refrains wiederfinden könnten, die frühere Alben hatten. Eins noch: Das ganze Brimborium dilettantischer Sci-Fi-Mystik in den Zwischenstücken hätte sich die Band nun auch mittlerweile sparen können. Bedeutungsschwanger gehauchte Satzhülsen machen keinen Tiefgang.