The Internet should…

Ist es eine neue Schule der experimentellen Philosophie, wenn die Google-Suche genutzt wird, um ethische Erkenntnisse zu gewinnen? Von Mountain View aus gehen die Autokomplettisten ins Netz, um diesem den aktuellen Stand um die Ethik abzugewinnen. Dabei müssen sie nur eine beliebige Aussage in die Suchmaschine tippen, schon gibt ihnen der Algorithmus Antwort, was der idealisierte Netzmensch als Summe einzelner Aussagen davon hält. Dannsind die Autokomplettisten nur noch einen naturalistischen Fehlschluss davon entfernt, daraus tatsächlich irgendeine wertvolle Information filtern zu wollen.

So treiben die Auswüchse uns immer wieder zu affektivem Entsetzen, wenn wir etwa anhand der Autovervollständigung erfahren, dass jenes Netz, das wir so lieb gewonnen haben, doch von einer Reihe, sagen wir einfach mal, simpel gestrickter Menschen genutzt wird. So toben sich die Antisemiten aus:

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Das ist eine Ansammlung höchst widerlicher Aussagen. Die Erkenntnis, dass Antisemitismus existiert, wird aber hoffentlich nicht erst durch diese Autovervollständigung bewusst. Es ist ja noch nicht einmal so, dass nur der Antisemitismus hier prominent in der Autovervollständigung auftaucht. Wir haben da noch die Islamophoben.

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Oder die Verachtung gegenüber denjenigen, die eben nicht glauben.

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Und die Verachtung gegenüber Menschen endet auch nicht bei der Glaubenszugehörigkeit. Alle Merkmale, die uns Menschen angeblich in unserem Wert als Menschen so unterschiedlich machen sollen, sind bei Google in der Autovervollständigung vertreten. Zum Beispiel darf plumper Rassismus nicht fehlen. Wo kämen wir da hin?

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Was sagt es also wirklich aus, wenn wir Google als Gradmesser für den Zustand der Menschlichkeit befragen. Nichts, das wir nicht schon vorher gewusst haben. Wenn wir nur mal kurz innehalten, wird auch klar, warum das so ist. Es muss sogar so sein. Google hat einen ausgewachsenen Algoritmus, um das Netz zu durchforsten, aber dieser Algorithmus kann nicht mehr tun, als eine wie auch immer gewichtete Repräsentation dessen, was im Netz vorhanden ist, wiederzugeben. Und – ich mache es mal sehr einfach – das Kriterium der Häufigkeit wird gerne als eine Indikator für Relevanz herangezogen. Das ist nicht besonders geschickt in vielen Situationen, aber oftmals schlicht nicht anders zu handhaben. So wird dann aber klar, warum die Autovervollständigung uns gerne mit Schmutz bewirft: Sie hält uns vor, was am häufigsten im Netz vorzukommen scheint. Intuitiv ist das durchaus nachvollziehbar, denn leider sind Rassismus, Sexismus und andere Ausgrenzung nicht nur oft mehrheitsfähig, sie sind auch schnell gesagt – oder eben geschrieben. Daher sollte es uns nicht schocken, wenn ein Suchalgorithmus derart zentrifugale Kräfte für verbalen Dreck entwickelt und uns das zeigt. Ganz im Gegenteil sollte es uns wundern, wenn zu einem Thema eben nicht der Schmutz aufschlägt.

Nehmen wir etwas die Suchbegriffe lesbians should und gays should. Bei all meinen Versuchen, gab Google hier gar keine Suchergebnisse aus. Meine auf Erfahrung basierende Vermutung ist. Da werden selbst für Google die möglichen Autovervollständigungen allzu heftig, sodass sie einfach mal komplett ausgesetzt werden. Oder – sehr viel zynischer, aber vielleicht noch realistischer – Google ist eine Suche nach Homosexualität generell zu heikel. Wer weiß?

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen. Selbst der beste Algorithmus kann dem Netz nicht wirklich Neues abgewinnen. Er kann nur reproduzieren, was Menschen in das Netz tragen. Mit allen Schieflagen werden also auch nur gesellschaftliche Normen, Regeln und Werte gespiegelt. Kein Wunder also, dass bei einer Suchanfrage auf Englisch, das die immer noch christlich dominierten Industrienationen beherrscht, gerade die Ergebnisse für das Christentum harmlos ausfallen.

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Google wirft nur auf uns zurück, was wir ohnehin schon über die Welt wissen konnten, wenn wir bislang nicht vollkommen teilnahmslos durch sie gingen. Daher überrascht mich nur die Überraschung mancher, was denn bei einer Autovervollständigung denn so an Unfug herauskommt. Ehrlich, das haben die Überraschten nicht gewusst? Diese Leute sollten sich mehr Gedanken über die Welt machen, in der sie leben.

Linkgebliebenes 8

Heute kommt die kleine Rundumschau mal ohne Sexismus-Themen aus, das war dank #aufschrei zu viel für mich. Gut, fast. Da wäre die Sache mit einer fiesen Masche der Glee-Verantwortlichen, die eine herrliche urheberrechtliche Volte schlugen. Elyse von skepchick.org findet aber auch auch noch seltsame Vergewaltigungsapologetik in derselben Glee-Folge.

Tjaha, nur gut, dass faz.net noch klare Fronten kennt. Schließlich nehme der Antiamerikanismus, von übelsten Negativklischees geprägt, in der deutschen Bevölkerung seit Jahren zu. Die ‚Analyse‘ der Beweggründe macht dabei keine Gefangenen, die Freund-Feind-Kennung des Textes ist so feinjustiert wie die einer Drohne. Und es müssen Klischees sein, denn beispielsweise schätzen die Deutschen die wissenschaftliche Leistung der USA nicht genug, doch würde mich nur mal interessieren, wie viele Nicht-Amerikaner in diesem Wissenschaftsbetrieb tätig sind?

Das war dann doch mehr Eindimensionalität, als gut für mich ist. Die Augen zu schließen ist halt Realitätsverweigerung, nicht Komplexitätsreduktion. Esst mal ein leckeres Gericht mit Quinoa. Beim Guardian lässt sich schön nachlesen, warum unsere Welt nicht plump gut oder schlecht ist, sondern erst mal komplex. Sehr kompliziert.

Noch mehr Komplexität gefällig? Freie Meinungsäußerung heißt eben manchmal auch das hier, wenn niemand einschreitet. Und jetzt hatte ich großspurig eine Linkumschau minus Sexismus-Themen versprochen, kann aber nicht davon lassen: Lena Schimmel macht #aufschreistat. Feine Sache das, aber in Java.

Vor der tausendfach verschachtelten Welt fliehe ich, viele andere auch, in eine andere, scheinbar simplere. Klassischer Eskapismus eben, doch die Kultur, die entsteht, schwappt in größere, ganz und gar wirkliche Kontexte über. Verteidigung wird notwendig? Vielleicht.

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