Die Ideologie-Ideologen

Der aufgeklärte Mensch habe vor allem eines zu fürchten: die Ideologie. So scheint es. So fürchten anscheinend einige um den Zustand des kollektiven Bewusstseins der Menschheit, das von Ideologie befallen sein könnte. Nicht Ideologien, die Ideologie an sich. Ein memetisches Virus, die Zivilisationskrankheit schlechthin. Also nicht eine Folge zivilisatorischer Entwicklungen, die pathologische Ergebnisse herbeiführen. Die Ideologie ist Krankheit, die alles befalle, was als zivilisiert zu gelten habe. Daher müsse sie, also die Ideologie, mit allen Mitteln bekämpft werden.

Die Pathologisierung des Andersdenkens

Ideologie tötet. Punkt. Keine Widerrede. Immer. Sofort. Wenn nicht noch Schlimmeres. Deshalb muss ihr Einhalt geboten werden. Es ist der Kommunismus, der Kapitalismus, der Feminismus, die politische Korrektheit, der Globalismus, sie alle sind Ideologien. Aber Ideologie hat man nicht einfach, sie ist auch noch ansteckend. Selbst der aufgeklärte Verstand, diese selbsterhellte Übersteigerung der als ratio verdrehten Verstandeskraft ist trotz aller beschworenen Heilkräfte nicht in der Lage, die Ideologie zu kurieren.

Als Topos öffentlicher Diskurse ist die Pathologisierung der Ideologie damit aber vor allem Ausdruck dessen, was kritisiert werden soll. Ganz unabhängig von der ideengeschichtlichen Herkunft der Ideologie. In gewissen Kreisen ist der Ideologievorwurf das ultimative rhetorische Mittel, widerstreitende Argumente auszuhebeln.

Reaktionäre Ideologiekritik

Erstaunlicherweise sind weite Teile der "aufgeklärten" diskursiven Kombattanten dieser Herkunft des Ideologie-Begriffes gegenüber erstaunlich geschichtsvergessen. Da wird mit einem begrifflichen Urgestein der Aufklärung, das im Marxismus weiter formalisiert wurde, in einem verbalen Kunstgriff gewendet. Die Ideologiekritik der Aufklärung wandte sich so in neuem Gewand letztlich auch gegen sich selbst, weil ihre Vertreterinnen und Vertreter die historischen Ursprünge vergaßen.

Und so sitzen wir heute auf einem weitestgehend entkernten Ideologie-Begriff. Die Wand steht noch da, sie ist sogar abschreckender als jemals zuvor. Die Beliebigkeit, mit der mit dem Begriff um sich geworfen wird, hat ein enormes Ausmaß. Da war die Ideologie mal ein Begriff für den Aberglauben, sozialisiert und institutionalisiert. Die Verblendung allerdings geht nun von der semantisch entleerten Ideologie-Kritik aus. Von den Usurpatoren der aufgeklärten Vernunft, die in ihrer aufgeklärt strahlenden "Vernunftkritik" an Ideologie diesem Begriff jede Aussagekraft nehmen, diesen Mangel aber mit reichlich selbstgerechten Vorwürfen auffüllen.

Diskursive Handgranate

Fällt der Ideologie-Vorwurf, sollten alle schleunigst in Deckung gehen, denn niemand weiß, wann sie zündet. Diese Granate wird in den Diskurs geworfen, das ist die eigentliche historische Unverschämtheit, um eine Debatte zu beenden. Mit brachialen Mitteln. Mit verbaler Gewalt.

Ohne zu reflektieren, was eine Ideologie ausmache, wird sie oftmals nur blindlings "kritisiert". Aber wie war das mit totalitären Ideologien im 20. Jahrhundert? Da wurden Menschen aus fadenscheinigen Gründen pathologisiert, damit auch enthumanisiert. Der Mensch war kein Mensch mehr, er war eine Minderwertigkeit.

In einem ähnlichen Winkelzug wird heute von vielen Debattanten leichtfertig jede Gegenposition zur Ideologie degradiert. Als solche könne sie nicht ernsthaft verhandelt werden, sie ist kein Wert an sich, welche Argumente sie auch enthält. Im Namen der Aufklärung, wir reden nicht mit Ideologen. Nationalsozialisten und Rassisten dürfen ihre Meinung frei äußern, Ideologen nicht. Irgendwo muss ja eine Grenze gezogen werden.

Und so sind gegen die Ideologie und Ideologen alle Mittel recht. Sie kämpfen angeblich nicht mit redlichen Mitteln, also dürfen wir sie mit allen Mitteln bekämpfen. Eine revanchistische Ermächtigung zieht dann in Scharen von Sockenpuppen mit Unterstellungen, Anfeindungen, Beleidigungen und Drohungen los. Mit Mistgabeln der Freiheit bewaffnet sich der Mob der vermeintlich Aufgeklärten. Aber ist das nicht im eigentlichen, im ursprünglichen Sinne der aufgeklärten Ideologiekritik ideologisch, diskursive Widersacher zu brandmarken?

Da wird im Namen der Aufklärung ihr wichtigstes Ziel vernichtet. Mit ihren eigenen Mittel totalisieren unvernünftige "Aufklärer" die eigenen Ansichten. Imprägnieren sie auch noch mit "Vernunft" gegen die wertlose Ideologie. Auch seien die Ideologen auch noch selbst daran schuld, schließlich müssten sie nur zu den Bedingungen der "Vernünftigen" argumentieren, schon wären sie von der diskursiven Krankheit der Ideologie geheilt.

Diese Selbstgerechtigkeit und mangelnde Reflexion eigener Denkmuster ist einer der niederträchtigsten Aspekte des Umgangs mit den Errungenschaften der Aufklärung. Wenn die Aufklärung eines lehren sollte, dann die Furcht vor eilfertigen Selbstvergewisserungen und Trugschlüssen. Auch über das eigene Denken und Handeln. Gerade über das.

Newtown: Das Zeremoniell der Empathie

Diese Geschichte hat zwei Protagonisten, die sich gegenseitig verbunden haben zu einer schicksalhaften Kommunikationsgemeinschaft, in der die Rollen von Sendern und Empfängern im Fluss sind. Ich will mit dem einen Protagonisten beginnen, doch nur unter dem Vorbehalt, dass es keinen Grund jenseits der Willkür gibt, warum dieser und nicht der andere zunächst im Vordergrund steht.

Die Medien, oft auch gerade der Teil der Medienwelt, der sich den Qualitätsjournalismus hat lizenzieren lassen, sodass er fachgerecht auf einem Presseausweis Platz findet, schreibt sich die Leistung zu, Ordnung und Einordnung in die unübersichtliche Lage der Welt zu bringen. Dabei verkennen sie manchmal, vielleicht sogar in den schwierigsten Momenten des menschlichen Miteinanders, welches dann oft ein Gegeneinander ist, was auch zur Einordnung der kleinen Fragmente in das große Gefüge gehört: die Zurückhaltung, das Eingeständnis der eigenen Verunsicherung, die Unzulänglichkeit der eigenen Wahrnehmung und die Flut der Informationen.

Nicht zu wissen, was die Motive des jungen Mannes waren, der in Newtown zunächst seine Mutter und dann in einer Grundschule Kinder und Lehrer erschoss, mag unerträglich sein, ist aber kaum ein guter Grund, nun leidenschaftlich im Trüben zu fischen. Wie kommt es, dass dort, wo Menschen sterben, der Konjunktiv über die Hintergründe zum Leben erweckt wird? Wäre es zu verhindern gewesen? Der Täter habe auf allen Fotos einen kühlen, der Welt entrückten Blick gehabt. Waffen hätten nie im Umlauf sein sollen. Als ob den Toten damit geholfen wäre, wenn schnellstmöglich aus allen Teilen der Welt die reflexiven Interpretations- und Bewältigungsmechanismen des Journalismus auf den Tatort gerichtet werden.

Der Mainstream, unser zweiter Protagonist, verschlingt jedes noch so nichtige Bröckchen. Es als Sensationslüsternheit abzutun ist möglich, geht an der Sache aber doch vorbei: Es ist auch ein Bewältigungsmechanismus, die Tat, den Anschlag, das Massaker vermeintlich gänzlich in sich aufnehmen zu wollen. Schon einmal den Finger in eine klaffende Wunde gesteckt? Die Gier nach jedem morbiden Detail, ob geprüft oder nicht, schafft einen Schmerz, der auch aus der weitesten Entfernung spürbar wird. Aus den Augen verloren, wenn sie überhaupt gesehen wurde: die Ohnmacht, die ein solches Ereignis auslösen sollte.

Nicht spüren zu können, was die Opfer fühlten, die mit brutalster Gewalt niedergestreckt wurden, mag unerträglich sein, es ist aber keine gute Grundlage für Mitgefühl, dies zu simulieren. Empathie ist so eine Sache, die der Mainstream in ritualisiert hat; sie wird in wiederkehrenden Mustern zeremoniell ausgebreitet. Es ist die mechanische Empathie einer Konsumptionsgesellschaft, als ob den Toten damit geholfen wäre, die erlernten und vererbten Verdrängungs- und Sensibilisierungsmethoden an ihnen abzuarbeiten.

Was die beiden nun aber machen, das ist durch nichts mehr zu rechtfertigen: Sie stülpen eine widerwärtige narrative Schablone über alle undenkbaren Geschehnisse. Jedes Ereignis wird emotional überwältigt, gemustert und vermeintlich verständlich gemacht – nicht Verständnis der Situation, sondern emotionale Überwältigung der Ereignisse ist das Ziel. Die Wogen müssen geglättet werden, koste es, was es wolle. So werden zunächst die Täter in Grund und Boden verdammt, dann die Opfer nach heroischen Leistungen, in deren Abwesenheit tun es auch rührselige Lebensläufe, um schlussendlich möglichst schnell in einfache Lösungsvorschläge zu verfallen: Mal sollen es die Medien sein, Musik, Filme, Videospiel, was auch immer. Dann wieder der Waffenbesitz, die (sub-)kulturelle, ethnische, politische oder religiöse Zugehörigkeit. Für andere ist es die gesellschaftliche Verrohung, was genau diese aber ausmacht, ist nicht weiter wichtig.

Was auffällt, sie alle, die vielstimmig im Chor von Medien und Mainstream singen, sie haben in der Regel eine Lösung parat. Nur eine. Die eine Maßnahme, die auf Anhieb wird selig machen können. Und so gebiert der Zwang einen wahnhaften Zwang zur emotionalen Durchdringung der Schreckenstat, gleichgültig aller Oberflächlichkeit mit der über die Hintergründe spekuliert wird. Diese Oberflächlichkeit der selbst attestierten Empathischen hat weniger der beschleunigten Medienlandschaft zu tun, als mit der Aufklärung: Wesentlicher Kern der Aufklärung bleibt das Erstaunen – oder auch die negative Entsprechung: das Entsetzen. Auch dies ein emotionaler Reiz. Aber wie damit umzugehen ist, ist im Sinne der Aufklärung die eigentliche Revolution. Mit Nüchternheit.

Was spricht dagegen, ein unverständliches, dramatisches Ereignis erst einmal als solches hinzunehmen? Die Emotionalität hat und braucht ihren Raum, sie wird ihn auch verlangen. Doch im Stadium der emotionalen Aufladung schon ein Problem lösen zu wollen, ist törichter Unfug. Genau so ist es Unfug, auch nur zu verlangen, dass ein erstaunliches Ereignis binnen weniger Stunden oder Tage erklärbar sei und erklärt werden müsse. Das Erstaunen wäre sinnlos, wäre es so leicht bewältigbar. Das gilt auch für das Entsetzen. Doch gerade dann, wenn die Emotionalität verflogen ist, wäre Zeit zur Aufarbeitung. Zur intellektuellen Durchdringung der Tat, ihrer Motive und der Lösungswege.

Doch in unserer Geschichte ist noch kein gutes Ende absehbar, denn die Protagonisten haben sich mal wieder darauf geeinigt, in simplen Strickmustern zu handeln: Diese brachiale Pietät ist die heuchlerischste Pietätlosigkeit, zu der Medien und Mainstream sich regelmäßig hinreißen lassen.