Angel: Wechselbalg

Ich erkläre mir Spin-offs von Fernsehsendungen grundsätzlich ökonomisch. Mangels persönlicher Bekanntschaft stelle ich mir das durchschnittliche Führungspersonal bei Sendern als fleischgewordenen Konservatismus vor, der in schicke Anzüge gepresst wurde. Und als aufrechter Konservativer muss so ein Sendermenschchen jede Neuerung fürchten. Innovation kostet Geld, garantiert aber noch lange nicht, dass die Investition sich auszahlt. Da ist es doch besser, wenn einer Erfolgsserie ein wenig Fleisch aus der Hüfte geschnitten wird. Mit dem Konservenfleisch und ein wenig dramaturgischem Fleischkleber, lässt sich doch prächtig ein neues Serienskelett füllen. Dabei könnten dann immerhin einige Synergieeffekte das verhasste Quotenrisiko minimieren. Bei Angel dürfte die Motivation nicht anders gewesen sein.

Da wird aus der Erfolgsserie der beliebte, aber in Buffy größtenteils auserzählte Angel samt patentiertem Hundeblick nach Los Angeles versetzt. Ja, die Stadt der Engel, wir haben verstanden. Allzu offensichtlich ist in der ersten Staffel erkennbar, wie eine erwachsenere, maskulinere Serie entworfen wurde. Als Crime-Noir ist Angel angelegt, stark episodisch. Die erste Staffel hat ihre Momente, ist aber meist dröges Fernsehen, denn sie ist ein durchschaubarer Zielgruppenstaubsauger. Die Serie krankt im ersten Jahr an dem Geburtsfehler, der die meisten Spin-offs ruiniert. Die sind als Produktvariation gedacht, die Erweiterung einer Marke. Mehr nicht. Wie es von der Schokolade nun Kekse gibt, dann Eis und darauf dann Tafeln kombiniert mit einer Schokoriegelfüllung, so sind auch diese Serien verkommene ökonomische Geschwülste. Kein Spin-off zeigt dies deutlicher als das zunächst auch mit Crime auf ältere Zielgruppen schielende Baywatch Nights, das sich uninspiriert in eine Mysteryserie wandelte, als die Zielgruppe fernblieb.

Angel aber erfindet sich neu, macht ähnlich wie die Ursprungsserie eine erstaunliche Wandlung durch. Mit der dritten Staffelist nicht nur ein runder Stamm an Figuren gefunden, auch die Handlung baut sich streng aufeinander auf. Die Serie erzählt nun seriell. Noch deutlicher als bei Buffy wird Angel zu einer von der Entwicklung ihrer Figuren angetriebene Serie. Allerdings endet sie unverhofft nach einem frühzeitigen Aus. Programmverantwortliche kriegeb halt Angst, wenn eine Serie sich spürbar ändert.

Buffy the Vampire Slayer: Mosaikform des Fernsehens

Als Serie ging Buffy the Vampire Slayer an mir vorüber. Ich sah hin und wieder eine Folge der deutschen Ausstrahlung, war immer gut unterhalten, gefesselt hat sie mich damals nicht. Ich sah es als gut gemachten Trash, der mich nicht in den Bann zog. Die einzig plausible Erklärung, die mir hierfür einfällt, ist, dass die Serie für mich damals zu weiblich dominiert gewesen sein könnte. Viel klügere Aufsätze und Bücher wurden in der Zwischenzeit geschrieben, alle können besser begründen, warum Buffy gerade wegen seiner starken Motive, die den Mainstream nicht sprengten, aber subversiv unterliefen, eine bedeutende Serie ist. Buffy hat starke Frauenfiguren, ja, aber es hat vor allem aber auch eine Atmosphäre der Emanzipation im durchaus geschlechterübergreifenden Sinn der Selbstverwirklichung. Damit kann ich mich heute voll und ganz identifizieren.

Aber, wie gesagt, es gibt bessere Aufsätze zur Bedeutung der Serie für Emanzipation und den Feminismus. Buffy ist für mich aber auch auf der Ebene der Fernsehgeschichte eine Besonderheit. Ich würde sie als Mosaikform bezeichnen. Ich reize den Griff in die Biologie metaphorisch vielleicht zu sehr aus, aber ich finde es treffend: Buffy fing als eine Serie unter vielen an. Ihr Unterscheidungsmerkmal war eine jugendliche Superheldin. Doch das war nur etwas mehr als ein Gimmick wie etwa drei attraktive, dauergewellte Agentinnen auf Verbrecherjagd oder ein sprechendes Auto. Über alle Staffeln hinweg wandelte die Serie sich, sie bildete Züge eines Fernsehens aus, das uns heute mit seinem Mut und erzählerischer Kraft begeistert. Daher ist sie für mich eine Mosaikform. Sie trägt und vereint in sich Eigenschaften eines nicht vergangenen, aber herausgeforderten Fernsehens und denen der modernen Serien.

Das ursprüngliche, über Jahrzehnte etablierte Fernsehen war im Grunde streng episodisches Erzählen prototypsicher Geschichten. Viel passierte, kaum etwas geschah. Alles blieb wie es war. Das moderne Fernsehen ist seriell, es verfügt über komplexe, staffellange oder noch längere Erzählbögen. Es interessiert sich für seine Figuren. Beide sind verwandte mediale Erzählformen, aber sie verhallten sich wie tradierte Volkssagen zum modernen Roman.

Buffy war eine kleine Serie als sie anfing. Ein kurzweiliger Spaß bei kleinem Budget, so sah sie aus. Ein sehr seichter Rahmen umspannte das gute Dutzend der Folgen in der ersten Staffel, er ist jedoch kaum der Rede wert. Erst zur zweiten Staffel deutete sich aber an, dass die Autorinnen und Autoren ein Merkmal des episodischen Fernsehens aufgaben: die Ereignisse im nur dem Namen nach sonnigen Sunnydale, unter dem ein Höllenschlund Dämonen ausspuckte, hinterließen Spuren. Das klassische Fernsehen kannte körperliche Schmerzen, auch Verwundungen, aber nichts, das sich nicht recht schnell überwinden ließe. In Sunnydale erlitten Buffy und ihre genial betitelte Scooby Gang im besten Fall körperliche Verletzungen, meist reichten die Verletzungen tiefer in ihre Psyche, da also, wo es richtig wehtut. Zuerst schrieben sich die Autorinnen und Autoren die Verpflichtung, sich für die Figuren zu interessieren, in die Protagonistin, dann aber weiteten sie dies auf alle wiederkehrenden Figuren aus.

Buffy kann nach den Geschehnissen der ersten Staffel nicht einfach in ihr normales Leben zurückkehren. Sie muss sich in ihrem Umfeld neu justieren. Schon in der vierten Staffel erging es allen anderen Protagonistinnen und Protagonisten ähnlich. Sie wurden Gezeichnete. Und sie wurden erwachsen. Eine schlechtere, eine episodische Serie, hätte diese Figuren für immer in der High School konserviert. Alles Übel wäre pünktlich zum Ende jeder Folge beseitigt, damit sich hübsche Jugendliche in die Arme fallen können. Aber Buffy gibt sich diese Blöße nicht. In einem beinahe übertrieben symbolischen Akt feiert die Serie aber die komplette Zerstörung der Schule, um den Übergang ins Erwachsensein zu unterstreichen1.

So rückte Buffy die Figuren und ihr Leben in einer, zugegeben, fantastischen Welt in den Fokus. Eine Welt die nicht heil war, hier starben Menschen. Unschuldige Kinder starben. Es ist eine vielschichtigere Welt, in der die Fronten zwischen Gut und Böse nicht von den Masken- und Kostümbildnern gezogen wurden. Dass die Serie trotz der Zerstörung und Düsternis, die ihre Figuren befällt, eine Serie blieb, bei der gelacht werden konnte, ist Zeichen ihrer Qualität. Es zieht seine Komik aus der Kollision von Superhelden mit der harten Realität. Da muss eben auch irgendwoher das Geld kommen, dann muss die Vampirjägerin eben auch arbeiten gehen. Aber auch dabei setzt das Motiv sich fort. Alle haben sehr menschliche Probleme, selbst die Monster. Die Serie nutzte geschickt aus, dass die Leiden der Figuren sich auch physisch manifestieren konnten. Die Kämpfe gegen Dämonen waren zunehmend bewusste Verkörperungen innerer Konflikte der Figuren. Buffy hat dies nicht perfektioniert, aber mitgeholfen, lang gezogene Erzählstränge im Mainstream zu etablieren, die uns menschliche Figuren in allem Facettenreichtum nahebringen. Es trug das Wesen des alten Fernsehens noch in sich, formte aber das neue Fernsehen erkennbar aus.

1 Die spätere Rückkehr könnte mir zwar die schöne Deutung ruinieren, im Zweifel würde ich aber den Versuch unternehmen, auch das noch in meine Argumentation einzubinden.

Serien-Bildungslücken: Buffy

Ich werde nicht mehr um die Serie herumkommen. Auch wenn ich mich erfolgreich widersetzt habe, Buffy ist dann doch zu groß, um die Serie nur in Ausschnitten gesehen zu haben. Allerdings kann ich nach zwei Folgen schon sagen, dass ich zumindest in der ersten Staffel für mein langes Warten bestraft wurde.

Die erste Strafe für mich ist die ganz und gar altbackene Inszenierung der Serie. 1997 ist gar nicht so lange her, doch die Serie wirkt optisch auf mich nach einer größeren Zeitreise, die mehr als etwas über fünfzehn Jahre in die Vergangenheit geht. Ich will nicht voreilig sein, denn ich habe bislang nur die einleitende Doppelfolge aktuell gesehen und einige Erinnerungen an einige spätere Folgen. Buffy hat aber eindeutig ein sehr langsames Erzähltempo, das mich sehr hart getroffen hat. Auch knirscht es an allen Ecken und Enden hölzern, die Regie hat bei Fernsehserien in den letzten Jahren eine Qualität gewonnen, die nicht mit den Neunzigern zu vergleichen ist. Um es mit Buffy zu sagen:

Buffy

Deal with that outfit for a moment.

Giles

It’s dated?

Buffy

It’s carbon-dated.

Dieses Zitat zeigt eine große Qualität, die so leicht nicht veraltet: Die Dialoge sprühen vor Witz. Das lässt mich allen Staub, der auf der Serie liegt, locker vergessen. Ich will endlich mitreden können, also gebe ich mir die volle Ladung Buffy.