Linkgebliebenes 9

Dann lacht mich eben aus, ich halte Super Hexagon für eines der besten Spiele aller Zeiten, und ich finde nicht, eine Inflation der Superlative zu betreiben. Terry Cavanagh hat einen Arcade-Titel in Perfektion gemacht, Super Hexagon ist frustrierend und beruhigend in einem perfekten Gabzen, am Ende ringt es mir, der mit beiden Füßen auf dem Boden der Tatsachen geblieben ist, die Vokabel ‚meditativ‘ ab:

Außerdem hatte ich es zwar angesprochen, nur nicht deutlich genug: chipzel hat kongeniale Chipmusik für Super Hexagon gemacht und noch mehr davon. Eigentlich überhaupt nicht mein Metier, das Elektronische. Wenn’s halt gut ist.

Verschwendete Zeit? Nicht wirklich, versucht es mal in monotonster Schreibtischarbeit. Ein „Spiel“, geschrieben zu Ehren von David S. Gallant, dessen I Get This Call Every Day wirklich eine fantastisch effektive Erzählung und Frustbewältigung ist. Was Gallant seit Erscheinen des Spiels widerfahren ist, wurde hier in schön übersichtlicher Form kompiliert. Wie sieht’s aus? Lust selber mal Spiele zu machen? So schwer ist das auch nicht.

Und überhaupt, das ist bislang eine ziemlich gut gelaunte Linkscheuder heute. Die Befindlichkeit wird auch immer besser, wozu auch dieser Animationskurzfilm Paperman beitragen dürfte. Mit der Zeit nimmt es mit der Zauberhaftigkeit ein wenig Überhand, verliert aber nie ganz den Charme.

Und da ist sie doch noch, die Spaßbremse, es riecht beißend nach verbranntem Gummi, so schmeckt das Wort ‚karzinogen‘ auf der Zunge: Bin schon allein mit diesem Artikel der Abmahnung zwei Schritte näher, was bette ich auch mir nichts, dir nichts Videos über Youtube ein? Dann doch gleich lieber die Furcht vor den Advokaten im Flimmern und Rauschen der deutschen Medienlandschaft ertränken.

Wenn die Stimmung doch schon mal abgekühlt ist, können wir gleich auch noch mal den Finger in die Wunde legen. Schließlich hat sich das Land, das sich selbst das Etikett angeheftet hat, Heimat der Dichter und Denker zu sein, dabei verschweigt, dass der Großteil des gestriegelten Höhenkamms schon lange unter der Erde liegt, nun, dieses Land musste ja einige Tiefschläge in der kulturellen Landschaftspflege hinnehmen. Das ist auch über dem großen Teich aufgefallen. Da wäre einerseits der sagenhafte Einsatz eines gewissen Denis Scheck, der im Namen der Kunst, der Freiheit und überhaupt einen Sprung in die pechschwarze Schuhwichse wagte, und doch nur als mit Alltagsrassismus begossener Literaturwart wieder rauskam.
Und auch das größte Vehikel der deutschen Populärkultur fand Erwähnung, auch wenn nichts wirklich Bahnbrechendes in dem Artikel steht. Aber man wird doch wohl auch in der deutschen Fernsehlandschaft davon träumen dürfen, dass bessere Zeiten anbrechen mögen, selbst wenn dies hieße, nur mit der Zeit Schritt zu halten. Wann lernt Deutschland, dass kein Blick so verklärt ist, wie der in die Vergangenheit.

I Get This Call Every Day: Kein Spiel, ein Kommentar

Was ich an Indie-Games liebe? Sie versuchen erst gar nicht mit den großen Maschinen mitzuhalten, sie suchen sich ihre Nische, sei sie noch so klein. I Get This Call Every Day ist im eigentlichen Sinne kein Spiel. Es ist kurz, frustriert und hat kaum Interaktionsmöglichkeiten. Was es besonders macht? Es ist kurz, hat kaum Interaktionsmöglichkeiten, frustriert und ist nahezu unerträglich. Es simuliert den fiktiven Alltag eines Call-Center-Mitarbeiters – *Spoilers* -, den ein Anruf unweigerlich ins Verderben führt. Der Weg dahin führt durch verschiedene Höllen.

Es ist kein Spiel, aber ein sozialer Kommentar, schlägt damit ungefähr in dieselbe Kerbe wie etwa Tamatipico. Ich war auch da, auf der einen wie der anderen Seite. Vielleicht habe ich mich deshalb in der letzten Stunde verzweifelt durch den Dialog geklickt. Wieder und wieder, in der Hoffnung, es könnte doch irgendwo ein Ausweg versteckt sein. Deutlicher könnte dieser Kommentar auch nicht ausfallen, denn so wenig es ein Spiel ist, es hat etwas zu erzählen. Mit Konsequenzen für den Entwickler.

Der Kanadier David S. Gallant war bis vor kurzem im Telefondienst beschäftigt, es wundert kaum, dass er diesen Job nicht sonderlich mochte. Wer Telefonarbeit in der heutigen Zeit liebt, im In- wie Outbound, kann kaum bei Sinnen sein. Wohin mit all der Frustration und der angestauten Wut? Bei dem wenigen Geld, das immer nur gerade reicht, aber für nichts entschädigt? Gallant aber hat anscheinend den falschen Weg gewählt, denn es kam die (durchaus einkalkulierte) Aufmerksamkeit, mit ihr die Wahrnehmung. Und, unsereins ahnt es schon, es kam allem Anschein nach die Kündigung.

Damit hatte das Spiel für Gallant immerhin einen Endgegner, gleichwohl im realen Leben, gegen den er verloren hat. Vielleicht wollte er sogar? Wie gesagt, ich kenne die Gleichgültigkeit, die entsteht, wenn man solche Arbeit macht. Er hat aber auch erreicht, dass ich ihm ein wenig Geld für eine Stunde ‚Spielspaß‘ rübergeworfen habe. I Get This Call Every Day macht mürbe, damit nachdenklich und das ist großartig.