Podiumsmonologe

Letzte Woche saß ich mal wieder in einer Podiumsdiskussion. Sie war wie jede Podiumsdiskussion, die ich bislang erlebte, irgendwo zwischen sinnlos und einschläfernd angesiedelt. Als inhaltliches Format ist es genauso überflüssig wie ih naher Verwandter die Talkshow oder der Stiefbruder Vorlesung. Es ist ein antiquiertes Format, dessen einzige Daseinsberechtigung noch die Tradition zu sein scheint. Aber was macht es mir so madig, wenn vier bis sechs Menschen auf Zuruf einer weiteren Person mit Moderationsstatus ihre Zeit und ihr Fachwissen an ein atemloses Wettrennen um die ohnehin immer knappe Gesprächszeit verschwenden?

Mit der Moderation steht und fällt es. Ich weiß nicht wie, die meisten Moderationen, die ich erlebt habe, kriegen das Zeitmanagement nicht mal hin. Da werden offene Fragen reihum gestellt, die im Fachwissen schmorenden seiern dann los, ungebremst von jeder zeitlichen Vorgabe. "Jetzt haben sie fünf Minuten ihren Namen buchstabiert, nun müssen wir aber auf den Punkt kommen. Schließlich wollen die anderen auch noch dasselbe machen." Moderation braucht Strenge und Disziplin, soll so ein geleiteter Dialog zwischen vielen Menschen funktionieren. Erlebt habe ich das nur äußerst selten.

Doch die meisten Podiumsdiskussionen zerfasern schon von Beginn an in kleinteilige innere Monologe, die auf schlängelnden Wegen verbalisiert werden. Wie schön könnten die Diskussionen sein, wenn sie denn genau das sein dürften. Aber der Diskurs kommt oft viel zu kurz, wenn die Diskutanten nicht angehalten werden prägnant und pointiert ihre Gedanken auszutauschen.

Es fehlt an der Debattenkultur, das fällt mir immer wieder auf. Auch ich bin schuldig genug, die deutsche Schwäche des Zerdenkens und Zerredens zu befeuern. Aber es bräuchte eine Kultur, in der Diskussionen gefochten werden, statt einen Wettbewerb daraus zu machen, wer den schwersten und größten Brocken heben und vors Publikum werfen kann. Ich wünsche mir eine elegantere Form der Diskussion, die zielgerichteter moderiert ist, schneller auf den Punkt kommt und tatsächlich mit Information unterhält, als einfach nur Sauerstoff im Raum auszutauschen.

Besitzanzeigende Füllwörter und sinnentleerte Symbolpolitik

Eigentlich ist es eine Petitesse, geradezu kleingeistig, sich mit dem zu beschäftigen, was mich gerade umtreibt: Besitzanzeigende Fürwörter. Genauer: Possessivpronomen in Bezug auf Institutionen. Noch genauer: Ebenjene Besitzverhältnisse klärende Wörter auf eine Partei bezogen. Aber sie sind für mich in manchen Zusammenhängen zunehmend Symptom einer fatalen politischen Haltung.

#NotMyBlumentopf oder #MeineLieblingstüte. Ja, wir haben es alle so oder so ähnlich schon mal mindestens im Affekt gesagt. Und ja, das sind unproblematische Fälle. Ich mag etwas, ich mag es nicht. Als Wesen mit Tendenz zum Eigensinn neigen wir dazu, die Dinge, die wir schätzen, für uns zu vereinnahmen. Ich nehme es erst einmal als meins wahr, selbst wenn ich es mit anderen teilen muss. Damit lässt sich in diesen unproblematischen Fällen sehr gut leben.

Ärgerlich aus einer demokratietheoretischen Sicht wird es aber dann, wenn diese persönlichen Affektmuster auf Parteien übertragen werden. Leider fliegen diese Wertungen derzeit allzu oft unreflektiert durch die Luft. Ganz im Sinne von Le parti, c’est moi wird mit den Possessivpronomen um sich geworfen, dass es ein Graus ist: #NotMyBuVo. Aber eine demokratische Partei kann nicht besessen werden, sie wird gemacht, durch die politischen Handlungen und Maßnahmen in einem Diskurs. Und ebenjener Diskurs wird stark gestört, wenn hinter den mit Possessivpronomen gewürzten Einschätzungen tatsächlich zu vermuten ist, dass da Menschen glauben, sie besäßen Vorrechte auf den Kurs, das Programm und die Organisation einer politischen Partei.

Wenn Menschen sich mit einer Partei identifizieren, ist das eine hervorragende Sache. Wird diese Partei aber quasi verdinglicht zu persönlichem Hab und Gut mit gerade eben nur noch jenen Werten und Zielen, die ihr Besitzer oder die Besitzerin ihr zuweist, dann geht der eigentlich Sinn einer Partei in einer Demokratie verloren. Eine Partei hat, ich verkürze jetzt mal, die politische Willensbildung und auch die Partizipation an politischen Prozessen zur Aufgabe. Sie ist kein monolithisches Gebilde und sollte es auch gar nicht sein. Nochmal, sie dient der Willensbildung. Wie soll sich politischer Wille bilden, wenn er nicht auch fluktuierend ist? Wo Menschen im Diskurs an Themen arbeiten, kann es nur um Konsens gehen, nicht um die politische Wahrheit. Und ein Willensbildungsprozess kann ebensowenig besessen werden wie dessen Ergebnisse.

Das heißt leider auch, dass manche im Laufe der Zeit die Identifikation mit dieser Partei verlieren können; dass die Partei anscheinend oder tatsächlich nicht mehr den ursprünglichen persönlichen Werten oder Zielen Einzelner entspricht. Es heißt aber nicht, dass diese Partei nicht das macht, was sie soll. Ganz im Gegenteil: Dass eine Partei sich wandelt und Willensbildung praktiziert, ist ihr ultimatives Lebenszeichen. Das heißt auch, in einer Partei gibt es viele Formen, aktiv und konstruktiv an der Willensbildung und weiteren Parteiaufgaben teilzunehmen und Einfluss über den innerparteilichen Diskurs zu nehmen. Dazu gehört nicht, die eigene Vorstellung der Partei absolut zu setzen und in wütende Symbolpolitik zu verfallen. Wer tatsächlich glaubt, eine Partei besitzen zu können, hat den Kern der demokratischen Prozesse einfach komplett verfehlt.

Das Ziel sollte sein, dass eine Partei mithilfe innerparteilicher Diskurse Sinn stiftet, nicht aber, dass besitzergreifende Disputanten dafür sorgen, dass der demokratietheoretische Sinn aller Parteien stiften geht. Deswegen halte ich manche Verwendung besitzanzeigender Fürwörter auf Parteien bezogen für höchst problematisch.

Die Ideologie-Ideologen

Der aufgeklärte Mensch habe vor allem eines zu fürchten: die Ideologie. So scheint es. So fürchten anscheinend einige um den Zustand des kollektiven Bewusstseins der Menschheit, das von Ideologie befallen sein könnte. Nicht Ideologien, die Ideologie an sich. Ein memetisches Virus, die Zivilisationskrankheit schlechthin. Also nicht eine Folge zivilisatorischer Entwicklungen, die pathologische Ergebnisse herbeiführen. Die Ideologie ist Krankheit, die alles befalle, was als zivilisiert zu gelten habe. Daher müsse sie, also die Ideologie, mit allen Mitteln bekämpft werden.

Die Pathologisierung des Andersdenkens

Ideologie tötet. Punkt. Keine Widerrede. Immer. Sofort. Wenn nicht noch Schlimmeres. Deshalb muss ihr Einhalt geboten werden. Es ist der Kommunismus, der Kapitalismus, der Feminismus, die politische Korrektheit, der Globalismus, sie alle sind Ideologien. Aber Ideologie hat man nicht einfach, sie ist auch noch ansteckend. Selbst der aufgeklärte Verstand, diese selbsterhellte Übersteigerung der als ratio verdrehten Verstandeskraft ist trotz aller beschworenen Heilkräfte nicht in der Lage, die Ideologie zu kurieren.

Als Topos öffentlicher Diskurse ist die Pathologisierung der Ideologie damit aber vor allem Ausdruck dessen, was kritisiert werden soll. Ganz unabhängig von der ideengeschichtlichen Herkunft der Ideologie. In gewissen Kreisen ist der Ideologievorwurf das ultimative rhetorische Mittel, widerstreitende Argumente auszuhebeln.

Reaktionäre Ideologiekritik

Erstaunlicherweise sind weite Teile der "aufgeklärten" diskursiven Kombattanten dieser Herkunft des Ideologie-Begriffes gegenüber erstaunlich geschichtsvergessen. Da wird mit einem begrifflichen Urgestein der Aufklärung, das im Marxismus weiter formalisiert wurde, in einem verbalen Kunstgriff gewendet. Die Ideologiekritik der Aufklärung wandte sich so in neuem Gewand letztlich auch gegen sich selbst, weil ihre Vertreterinnen und Vertreter die historischen Ursprünge vergaßen.

Und so sitzen wir heute auf einem weitestgehend entkernten Ideologie-Begriff. Die Wand steht noch da, sie ist sogar abschreckender als jemals zuvor. Die Beliebigkeit, mit der mit dem Begriff um sich geworfen wird, hat ein enormes Ausmaß. Da war die Ideologie mal ein Begriff für den Aberglauben, sozialisiert und institutionalisiert. Die Verblendung allerdings geht nun von der semantisch entleerten Ideologie-Kritik aus. Von den Usurpatoren der aufgeklärten Vernunft, die in ihrer aufgeklärt strahlenden "Vernunftkritik" an Ideologie diesem Begriff jede Aussagekraft nehmen, diesen Mangel aber mit reichlich selbstgerechten Vorwürfen auffüllen.

Diskursive Handgranate

Fällt der Ideologie-Vorwurf, sollten alle schleunigst in Deckung gehen, denn niemand weiß, wann sie zündet. Diese Granate wird in den Diskurs geworfen, das ist die eigentliche historische Unverschämtheit, um eine Debatte zu beenden. Mit brachialen Mitteln. Mit verbaler Gewalt.

Ohne zu reflektieren, was eine Ideologie ausmache, wird sie oftmals nur blindlings "kritisiert". Aber wie war das mit totalitären Ideologien im 20. Jahrhundert? Da wurden Menschen aus fadenscheinigen Gründen pathologisiert, damit auch enthumanisiert. Der Mensch war kein Mensch mehr, er war eine Minderwertigkeit.

In einem ähnlichen Winkelzug wird heute von vielen Debattanten leichtfertig jede Gegenposition zur Ideologie degradiert. Als solche könne sie nicht ernsthaft verhandelt werden, sie ist kein Wert an sich, welche Argumente sie auch enthält. Im Namen der Aufklärung, wir reden nicht mit Ideologen. Nationalsozialisten und Rassisten dürfen ihre Meinung frei äußern, Ideologen nicht. Irgendwo muss ja eine Grenze gezogen werden.

Und so sind gegen die Ideologie und Ideologen alle Mittel recht. Sie kämpfen angeblich nicht mit redlichen Mitteln, also dürfen wir sie mit allen Mitteln bekämpfen. Eine revanchistische Ermächtigung zieht dann in Scharen von Sockenpuppen mit Unterstellungen, Anfeindungen, Beleidigungen und Drohungen los. Mit Mistgabeln der Freiheit bewaffnet sich der Mob der vermeintlich Aufgeklärten. Aber ist das nicht im eigentlichen, im ursprünglichen Sinne der aufgeklärten Ideologiekritik ideologisch, diskursive Widersacher zu brandmarken?

Da wird im Namen der Aufklärung ihr wichtigstes Ziel vernichtet. Mit ihren eigenen Mittel totalisieren unvernünftige "Aufklärer" die eigenen Ansichten. Imprägnieren sie auch noch mit "Vernunft" gegen die wertlose Ideologie. Auch seien die Ideologen auch noch selbst daran schuld, schließlich müssten sie nur zu den Bedingungen der "Vernünftigen" argumentieren, schon wären sie von der diskursiven Krankheit der Ideologie geheilt.

Diese Selbstgerechtigkeit und mangelnde Reflexion eigener Denkmuster ist einer der niederträchtigsten Aspekte des Umgangs mit den Errungenschaften der Aufklärung. Wenn die Aufklärung eines lehren sollte, dann die Furcht vor eilfertigen Selbstvergewisserungen und Trugschlüssen. Auch über das eigene Denken und Handeln. Gerade über das.

Soziale Werbung – und warum wir sie nicht brauchen

Mit der Tür ins Haus zu fallen ist keine schlechte Eigenschaft, um eine Diskussion anzustoßen. In diesem Sinne ist mspro die Expertise im ‚Auf-Türen-durch-dein-mentales-Wohnzimmer-reiten‘ überhaupt nicht abzusprechen. Im Falle von Werbung ist sozial führt ihn die polemische Ausrichtung seines Textes, die ich sonst schätze, aber in den roten Bereich der fatalen Komplexitätsreduktion. Die Tür, ich bleibe mal bei dem Bild, ist schon im mentalen Flur so abgeschmirgelt, dass sie Papier zu nennen noch reichlich optimistisch wäre. Seine Annahme ist nicht falsch, für meine Begriffe aber auch nicht ausreichend.

Die Sache mit der Umverteilung

Seine Argumentation klingt überzeugend einfach, denn Werbung sei ein Mittel der Quersubventionierung zu Gunsten der Ärmeren Gesellschaftsteile. Nehmet den Reichen, gebet den Armen:

Denn das, was erreicht werden soll ist schließlich, dass der Empfänger der Werbung sein Geld für die beworbenen Produkte ausgibt. Je mehr Geld er hat, desto mehr wert ist seine Aufmerksamkeit. Daraus folgt: die Daten und die Aufmerksamkeit der Besserverdienenden quersubventionieren zu einem nicht unwesentlichen teil meinen Medienkonsum. Und den von vielen anderen Leuten mit wenig Geld.

Das klingt einleuchtend. So funktionieren weite Teile der sozialen Netzwerke im Web. Es ist auch offenkundig eine Umverteilung, das ist kaum zu bestreiten. Gegen die Umverteilung von oben nach unten malt er das Bild einer verhärmten Elite, die sich mit Geld exklusive Clubs hält. Der vermeintliche Plebs muss draußen bleiben. Dagegen wirken werbefinanzierte Umverteilungsnetzwerke geradezu egalitär. Doch schon sein Beispiel zeigt, dass diese Umverteilung nicht alternativlos ist. Er spricht app.net an, das einstmals nur durch eine Bezahlschranke erreichbar war, doch ist dieser Dienst mittlerweile geeignet, sein Argument zu entkräften. Seit Anfang des Jahres gibt es – im Funktionsumfang eingeschränkte – kostenlose Accounts. Was geschieht da? Umverteilung.

Dieses Mal aber nicht über den Umweg der Werbung. Die zahlenden Nutzerinnen und Nutzer subventionieren die kostenlosen Accounts. Dieses Freemium-Modell ist so neu auch nicht mehr. Ein Paradebeispiel ist github, wo zahlungskräftige Nutzerinnen und Nutzer sich private Repos erkaufen, damit aber die Open-Source-Öffentlichkeit finanzieren. Denn solange dort Code frei zugänglich gemacht wird, ist die Nutzung kostenlos.  So alternativlos ist die von mspro angenommene Umverteilung der Werbung also nicht. Ähnliche Umverteilungsmechanismen sind etabliert, erfolgreich und haben alle Vorteile der werbefinanzierten Umverteilung. Heben die Nachteile der Werbung aber auf.

Ist Umverteilung durch Werbung sozial?

Werbung hat eine soziale Funktion innerhalb heutiger ökonomischer Kontexte, ihre gesellschaftliche Funktion macht sie aber allein noch nicht gesellschaftsdienlich. Diese Ambivalenz des Begriffs des Sozialen ist weniger problematisch, denn es gibt keinen Grund, warum Werbung nicht sozial im Sinne von gesellschaftsdienlich sein könnte. mspro zeigt klar, dass sie eine gesellschaftlich wünschenswerte, sogar globale Umverteilung ermöglichen kann. Die Frage ist aber, ob Werbung hierfür ein gutes Mittel und daher Werbefinanzierung wünschenswert ist?

Aus meiner Sicht sprechen viele Argumente gegen werbefinanzierte Umverteilung, die nicht einfach dadurch geschwächt werden, dass mspro sie zur Verfremdung summiert:

Werbung ist nervig, für Werbung werden Daten gesammelt, Werber sind sowieso doof und überhaupt ist Werbung mindestens eine der schlimmsten Ausformungen des Kapitalismus. Einself.

So einfach ist es allerdings nicht, Werbekritik zu widerlegen. Die Datenschutzaspekte lasse ich dabei mal außen vor, mir geht es vorrangig um die Aspekte der Kommunikation. Damit meine ich Kommunikation wie die Sprachwissenschaft beispielsweise sie annimmt, nicht den Euphemismus, mit dem sich Werbung parasitär an die tatsächliche Kommunikation angeschlichen hat. Aus kommunikativer Sicht hat die Werbung erhebliche Nachteile:

  • Je umfangreicher die Werbung, desto geringer die Aufmerksamkeit für tatsächliche soziale Interaktion. Werbung entwickelt eine perfide kommunikative Zentrifugalkraft, die weit über das hinausgeht, was Mainstream-Kommunikation genannt werden kann. Sie bindet auch finanzielle Mittel in Werbeetats und zwingt ihre Bedingungen der Kommunikation auch anderen sozialen Institutionen auf, die nicht die finanzielle Ausstattung haben, gleichberechtigt mit ihr um Aufmerksamkeit konkurrieren zu können.
  • Werbung will keine gleichberechtigte Kommunikation. Sie will ihre Botschaft unwidersprochen etablieren. Wird ihre kommunikative Vormachtstellung hinterfragt, kritisiert oder attackiert, wehrt sie sich mit überbordenden Kräften. Werbung ist eine übermächtige Kommunikationsteilnehmerin. Und sie duldet keinen Widerspruch.
  • Werbung manifestiert mit ihrer Kommunikationskraft soziale Rollen und Muster, die nicht wünschenswert sein können. Gegen die negativen Folgen sozialer Uniformierung, Normierung, Diskreditierung und Diskriminierung durch Werbung sind ihre kommunikativen Vorzüge marginal.
  • Werbung macht abhängig von den Meinungen und Positionen Dritter. Werbung hat eine eigene Agenda, die nicht nicht zwingend sozial im gesellschaftsdienlichen Sinn sein muss. Sie kann diesem Sinn sogar widersprechen. Dennoch wird bei werbefinanzierter Umverteilung die inhaltliche Kontrolle indirekt an die Werbeindustrie abgegeben. Das heißt nicht, dass dies in alternativen Umverteilungsmechanismen nicht der Fall wäre, dass Eliten Inhalte kontrollieren, aber es ist ein wesentlicher Unterschied erkennbar. In Freemium-Umverteilungen entscheiden sich zahlende Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise bewusst für die Netzwerke, weil sie ihren sozialen Wünschen entsprechen. Ihr Antrieb ist also die soziale Interaktion, für die sie gerne zahlen und subventionieren. Werbung zahlt dagegen nicht für soziale Interaktion, sondern für Eingriffe in soziale Interaktion.
  • Werbung, das scheint mspro einzugestehen, interessiert sich nur mittelbar für die Interessen, Meinungen und Gedanken der ärmeren sozialen Schichten, nämlich nur, solange sie für die reicheren Schichten als Projektionsfläche sozialer Interaktion dienen. Gerade wegen der von mspro angenommenen egalitären Motive der Umverteilung, halte ich die mittelbare Abhängigkeit weiter Teile der globalen Gesellschaft in Diskursen für überaus problematisch.

Aus meiner Sicht reichen allein die kommunikativen Folgen von werbegestützter Umverteilung, um nach Alternativen zu ihr zu suchen. Ich will noch kurz darauf verweisen, dass es durchaus auch noch kritische Punkte gibt, die zu den Rahmenbedingungen der Ungleichverteilung von finanziellen Mitteln heutzutage zu sagen wären, aber das würde den Rahmen sprengen.

Werbung kann sozial sein, ist aber nicht erstrebenswert

Für mich ergibt sich ein einfacher Schluss. Werbung kann sozial sein, muss es aber nicht. Und sie ist es in den meisten Fällen auch nicht.  Ihre intrinsischen kommunikativen Mechanismen widersprechen nicht grundsätzlich einer sozialen, also gesellschaftsdienlichen Funktion, dauerhaft allerdings gerät sie in Konflikt mit diskurstheoretisch notwendigen Bedingungen. Allein deshalb reicht mspros Annahme nicht aus, um werbefinanzierte Umverteilung gutheißen zu können. Alternative Modelle, auch wenn sie noch lange nicht problemlos sind, verfügen nicht über das störende, übergriffige Potenzial, soziale Interaktion und Kommunikation zu beeinflussen, behindern oder verhindern zu wollen. Werbung kann also durchaus, da hat mspro recht, sozial sein. Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Fragt lieber: Wird sie jemals sozial genug sein?

Im Namen der Redefreiheit, her mit den Trollen

John F. Nebel kann sich auch noch so abmühen, der unfertige Versuch einer aufgeräumten Definition von Zensur, die auch die Informationskontrolle durch Konzerne, Verbände oder Individuen berücksichtigt, überzeugt mich überhaupt nicht. Das liegt nicht an der Annahme einer möglichst ungestörten Kommunikation zwischen Menschen, die implizit mitschwingt. Auch die Erweiterung der Zensur ist wenig problematisch, wenn zwischen staatlicher und nicht-staatlicher Zensur unterschieden wird, wobei diese Differenzierung noch um eine Trennung nach Legitimität des Eingriffs unterschieden wird1. Nebel übersieht die Tragweite des Begriffs Informationsfluss. Am Anfang wirkt das wie ein hervorragender Gradmesser für Zensur, ob nun staatlich oder nicht. Auf jeden Fall sieht Nebel es so. Ein Blog sperrt Kommentare und macht dies nicht einmal sichtbar, ein Unternehmen verbietet bestimmte Inhalte in seinen Portalen, ein Staat inhaftiert Redakteure missliebiger Zeitungen. Alles Zensur, erst recht, wenn es nicht transparent gemacht wird:

Doch überall, wo intransparent Information unterdrückt wird, ist der Fluss der Information gestört und für Außenstehende nicht mehr nachvollziehbar. Insbesondere bei der zunehmenden Macht von Konzernen im Hinblick auf Informationskontrolle ist das ein ernstzunehmendes Problem.

Diese Form der Freiheitlichkeit beißt sich an der Information fest. Sie soll frei sein, fließen und alles durchströmen. Die Kommunikation sieht diese Vorstellung von Zensur aber nicht. Dass sie aber nicht dasselbe sind, hat eine entscheidende Bedeutung. Denn, mit Watzlawick gesprochen, es ist nicht möglich, nicht zu kommunizieren. Nicht zu informieren schon. Kommunikation != Information.

Erst einmal entsteht schon information overkill, aber darauf will ich nicht hinaus. Information ist ohne Kommunikation kaum möglich, zumindest fruchtlos, aber es gibt Kommunikation, die nicht-informativ im Sinne eines freien Diskurses ist. Sie ist emotional, psychisch oder auch sozial. Aus diesen nicht-informativen Kommunikationsformen entstehen Informationsstörungen. Diese Störungen sollten aber gerade die Information nicht beeinträchtigen. An dieser Stelle fällt für mich Nebels Begriff zusammen. Trolle, Stalker, Spammer, wer auch immer eine Kommunikation von und über Information mit nicht-informativer Kommunikation beeinträchtigt oder unterbindet, sollte in kommunikative Schranken verwiesen werden. Das als Zensur zu bezeichnen klingt für mich widersinnig, gerade wenn Information das ultimative Ziel ist.

Das war jetzt viel Bürokratendeutsch. Ich versuche es mal in Form einer Abwandlung eines alten Ausspruchs: Es kommt nicht allein darauf an, dass Information fließt, sondern wohin und wie schnell. Die Information muss auch manchmal vor nicht-informativer Kommunikation geschützt werden. Das wäre aber Zensur nach Nebel, womit wir paradoxerweise wieder am Anfang stehen. Die Frage bleibt, wer darf wann wie viel Einfluss auf Kommunikation nehmen, um Information für alle zu gewährleisten. Mit lockeren kommunikativen Zügeln und Transparenz ist nicht viel gewonnen. Leider.

1 Zum Legitimitätsvorbehalt eines Problemlösungsprozesses könnte ich schon einiges sagen. Nicht viel Nettes. Das liegt daran, dass unter dem Deckmantel der Legitimität viel zu oft ein Konsens vermittelt wird, der allerdings nicht halten kann. Denn das Wie, das Wer oder Womit des ursprünglichen Problems wird hübsch in eine Legitimitätsfrage ausgelagert, um eine Abstraktionsstufe erhöht und dann nur noch in kleinem Kreise weiter verhandelt.Priblem nicht gelöst, aber rhetorisch ausgehebelt. Die Juristen haben nach diesem Prinzip mit dem Rechtsstaat eine Ordnungsstruktur geschaffen, die oberflächlich gesellschaftliche Konflikte durch Gesetze zu lösen vorgibt. Wie wir aber alle wissen, ist durch Recht selten Klarheit geschaffen, dass liegt daran, dass die Juristen ihre Konflikte in die Gesetzeskommentare transferierten.