Podiumsmonologe

Letzte Woche saß ich mal wieder in einer Podiumsdiskussion. Sie war wie jede Podiumsdiskussion, die ich bislang erlebte, irgendwo zwischen sinnlos und einschläfernd angesiedelt. Als inhaltliches Format ist es genauso überflüssig wie ih naher Verwandter die Talkshow oder der Stiefbruder Vorlesung. Es ist ein antiquiertes Format, dessen einzige Daseinsberechtigung noch die Tradition zu sein scheint. Aber was macht es mir so madig, wenn vier bis sechs Menschen auf Zuruf einer weiteren Person mit Moderationsstatus ihre Zeit und ihr Fachwissen an ein atemloses Wettrennen um die ohnehin immer knappe Gesprächszeit verschwenden?

Mit der Moderation steht und fällt es. Ich weiß nicht wie, die meisten Moderationen, die ich erlebt habe, kriegen das Zeitmanagement nicht mal hin. Da werden offene Fragen reihum gestellt, die im Fachwissen schmorenden seiern dann los, ungebremst von jeder zeitlichen Vorgabe. "Jetzt haben sie fünf Minuten ihren Namen buchstabiert, nun müssen wir aber auf den Punkt kommen. Schließlich wollen die anderen auch noch dasselbe machen." Moderation braucht Strenge und Disziplin, soll so ein geleiteter Dialog zwischen vielen Menschen funktionieren. Erlebt habe ich das nur äußerst selten.

Doch die meisten Podiumsdiskussionen zerfasern schon von Beginn an in kleinteilige innere Monologe, die auf schlängelnden Wegen verbalisiert werden. Wie schön könnten die Diskussionen sein, wenn sie denn genau das sein dürften. Aber der Diskurs kommt oft viel zu kurz, wenn die Diskutanten nicht angehalten werden prägnant und pointiert ihre Gedanken auszutauschen.

Es fehlt an der Debattenkultur, das fällt mir immer wieder auf. Auch ich bin schuldig genug, die deutsche Schwäche des Zerdenkens und Zerredens zu befeuern. Aber es bräuchte eine Kultur, in der Diskussionen gefochten werden, statt einen Wettbewerb daraus zu machen, wer den schwersten und größten Brocken heben und vors Publikum werfen kann. Ich wünsche mir eine elegantere Form der Diskussion, die zielgerichteter moderiert ist, schneller auf den Punkt kommt und tatsächlich mit Information unterhält, als einfach nur Sauerstoff im Raum auszutauschen.

Debattenkultur im Netz: Derailing for Dummies

Eines ist im Internet wie im realen Leben sicher: Je länger man sich dort herumtreibt, umso größer die Wahrscheinlichkeit des Konflikts mit anderen Positionen und Meinungen. Über alles wird gestritten, wenn nicht, dann ist es immerhin möglich über alles zu streiten. Wer dies quasi leidenschaftlich betreibt, macht sich über kurz oder lang verdächtig, ein Troll zu sein. So ist es halt.

Es gibt einige Gradmesser, um die Stichhaltigkeit eines Arguments zu prüfen. Die skeptische Bewegung im Netz greift in der Regel auf klassische logische Irrtümer zurück. So lassen sich einige Argumente von Beginn an aussieben.

Eine perfidere Strategie ist die des Derailings. Sich damit auseinanderzusetzen ist deutlich schwieriger. Das Derailing baut letztlich als Trollphänomen gerade darauf, keine ernsthafte Diskussion führen zu wollen. Wer logische Fehler begeht, muss nicht zwingend die Absicht haben, damit eine Diskussion zu stören – und lässt sich dementsprechend leicht und gern korrigieren.

Das Derailing kommt allzu gern dort vor, wo es um gesellschaftliche Minderheiten geht. Auf Derailing for Dummies werden einige der häufigsten Strategien genannt, die eine Diskussion richtig vorbildlich aushebeln und so eine vernünftige Debatte im Keim ersticken.

Eine der ’schönsten‘ Derailingstrategien ist das „But it’s true„. Es ist mein persönlicher Liebling unter all den hübschen Pseudoargumenten. Wer kann schon etwas gegen die Wahrheit sagen? Und es funktioniert überall und immer. Es muss nicht einmal wahr sein, was da behauptet wird, aber es schadet auch nicht. Der Trick ist, dass hier vorgegeben wird, dass nur die Wahrheit allein ein relevantes Kriterium der argumentativen Auseinandersetzung sei. Sie ist ein wichtiges Kriterium, aber nicht das alleinige. Beispiel gefällig? 1 + 1 = 2. Das ist wahr. Und wird auch immer wahr sein. Es sagt einiges aus, aber nicht alles. Damit wird noch keine Diskussion aus den Gleisen gehoben, es bedarf einer penetranten Universalisierung der Wahrheitsaussage, um daraus einen vollwertigen Hebel zu machen. Ist etwa die Frage, ob Gruppe X bei gleicher Leistung schlechter entlohnt wird als Gruppe Y, ist die Aussage 1 + 1 = 2 nicht sehr hilfreich. Sie bleibt wahr, aber ist nicht in adäquatem Kontext angewandt. Mit einigem Geschick kann nun von der ursprünglichen Diskussion abgelenkt werden, indem nun über diese Gleichung gestritten wird. Wer die Gleichung ins Spiel gebracht hat, kann sich immer darauf zurückziehen, wie wahr die Gleichung ist und darauf pochen, dass diese Wahrheit auch bitte anerkannt würde.

Spannend wird es natürlich auch im Fall einer nicht haltbaren Wahrheitsaussage, die bei genauerer Betrachtung nicht haltbar ist. Das ist dann die Krönung des „But it’s true“. Es wird dann nicht nur anhand einer nicht adäquaten Behauptung der eigentliche Aspekt in den Hintergrund gerückt, die Debatte dreht sich auch nur noch um Für und Wider der Annahmen der Wahrheitsaussage.

Unter diesem Aspekt ist Derailing for Dummies einfach nur interessant. Ich kann mir die Frustration ausmalen, wenn ständig solche argumentativen Hebel ein letztlich wichtiges Thema negieren. Auf der anderen Seite steht aber auch, dass der Vorwurf des Derailings auch exzessiv vorgebracht werden kann. Dazu trägt Derailing for Dummies ebenso bei, da die dort beschriebenen Aussagen und Positionen grundsätzlich für absichtliche Ablenkungsmanöver gehalten werden. Manches Mal kann dabei folgendes Problem entstehen.

Muss auch nicht sein. Lebenszeit ist kostbar.

Bilddquellen: liftarn CC-BY-SA 3.0; xkcd CC BY-NC 2.5