Ich das Individuum, ihr die Herde

Die Kassiererin würdigte die Frau vor ihr keines Blickes, sie murmelte bloß: "Guten Tag." Die Frau starrte noch auf ihr Smartphone, schüttelte ihren Kopf, dann fiel ihr die Begrüßung der Kassiererin ein. "Ja, guten Tag.", sagte sie, ging einen Schritt vorwärts, um ihre Einkäufe besser zu erreichen. Einen Gegenstand nach dem anderen schleuderte sie in ihre Tasche, die Kassiererin reichte ihr im Akkord neue Artikel zu. Das elektronische Fiepen des Scanners kommentierte ihren Takt. Nach dem letzten Gegenstand rückte die Kassiererin beiläufig ihren weißen Arbeitsumhang gerade: "Wir haben noch Shampoo im Angebot, zwei für eins.", sie klang fragend. Die Frau bemerkte dies nicht, sie griff routinemäßig in ihre Tasche, zog ihr Portemonnaie heraus. Die Kassiererin sah sie weiter an, erst in diesem Augenblick sahen sich beide Frauen zum ersten Mal in die Augen. Die Kassiererin griff an ihr Namensschild, das locker an ihrem Umhang hing. Frau Wedelin stand darauf. Erst die unruhigen Blicke aus der Schlange vor der Kasse vermittelten den beiden das Gefühl, die Stille zwischeneinander zu durchbrechen.

"Hm?", machte die Frau.

"Shampoo, im Angebot, zwei für eins."

"Ah so, nee, danke."

"Dann vierunddreißig fuffzehn."

Die Frau sammelte fünfzehn Cent zusammen, kramte dann nach Scheinen. Ungläubig sah sie intensiver in das Geldfach ihres Portemonnaies. "What the?", flüsterte sie zu sich selbst. Die Kassiererin hatte bereits die fünfzehn Cent entgegengenommen und die Kasse geöffnet, da sagte die Frau: "Wissen Sie was, wir machen das anders." Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm Sie eine der Kreditkarten und hielt sie der Kassiererin hin. Auf der Karte stand in Maschinenschrift ihr voller Name.

"Sorry, nehmen wir nicht.", sagte die Kassiererin gelassen.

"Was, wieso?"

"Weil wir die nicht annehmen."

Die Frau rollte mit ihren Augen und sah verlegen in die Schlange der Wartenden. Ich registrierte zum ersten Mal die ganze Situation, bisher hatte ich alles als weißes Rauschen im Hintergrund aufgenommen, aber nichts davon rückte direkt in mein Bewusstsein vor. Doch ab diesem Moment war es anders, ab diesem Augenblick spielten beide Frauen mit meiner Zeit. Und die war knapp. Die Mittagspause hatte ich schon überzogen und in zehn Minuten musste ich ein wichtiges Gespräch führen. Es war nicht wichtiger als jedes andere Gespräch, es hätte auch nichts ausgemacht, wenn ich mich fünf Minuten später gemeldet hätte. Dennoch erschien es mir lästig, meine exakt geplanten Termine gestört zu sehen, nur weil zwei dahergelaufene Frauen es nicht schafften, eine solche Alltäglichkeit wie einen Bezahlvorgang zügig abzuwickeln. Hinter mir sahen das viele wohl genauso und die Frauen schienen das zu spüren.

"Geht wenigstens die hier?", fragte die Frau. Es klang aber weniger nach einer Frage, als nach einer Herablassung. Die Kassiererin schien das verstanden zu haben, statt auf die Frau einzugehen, nahm sie die Karte und steckte sie mit einer groben Handbewegung in den Kartenleser. Sie deutete mit der ganzen Handfläche auf das Gerät. Die Frau blickte zur Seite. Die weiteren Menschen in der Warteschlange waren dicht aufgerückt, also schob sie ihren Körper zwischen das Gerät und die Wartenden, obendrein deckte sie das Eingabefeld mit ihrer Hand ab. Die vier Ziffern hatte sie schnell eingetippt, doch das Gerät brauchte eine für alle gefühlte Ewigkeit, bis es ratternd Erfolg meldete. Die Frau atmete tief durch. Wortlos nahm sie Karte und Beleg entgegen.

Ich war erleichtert, denn endlich konnte es weitergehen. Lange genug musste ich schon warten. Ich hatte auch Besseres zu tun, als mich hier noch länger aufhalten zu lassen.

"Guten Tag.", hörte ich die Kassiererin.

"Ja, Tag.", antwortete ich, ich war nun endgültig genervt. Ich hatte nur zwei Dinge und musste nun schon viel länger hier in der Schlange stehen, mir gezwungenermaßen den Austausch der beiden Frauen anhören und meine Lebenszeit verglühen sehen. Das reichte mir. Automaten wären mir lieber gewesen, nicht dieser verantwortungslose Umgang mit meiner Zeit.

"Dreisechsundreißich."

Ich griff in meine Tasche nach dem Geld. Nur war es nicht da. Ich erschrak. Wo habe ich mein Geld gelassen?, dachte ich mir. Hinter mir hörte ich einen Seufzer. Hey, ich kann hier auch nicht nach Plan arbeiten, also halt mal die Füße still, sagte ich in Gedanken zu der Person, die hinter mir seufzte. Die Ungeduld wurde nicht kleiner, zumindest hörte ich deutlich das Tippeln mit den Füßen, während andere ebenfalls seufzten. Ich spürte die Blicke in meinem Rücken als ich meine Taschen durchsuchte. Mich kribbelte es nun im Nacken, wo ich mir die gebündelten Blicke der Wartenden ausmalte.

Und was guckt diese Kassiererin hier so genervt, die kann jetzt auch mal warten, ist ja nicht so, dass sie hier bisher mit Fleiß und Einsatzbereitschaft geglänzt hat. Als ich dann endlich mein Geld fand, fiel der Druck von mir ab, doch war ich mittlerweile auch wütend. Gibt echt keinen Grund, mir hier Stress zu machen., dachte ich mir, sagte aber nur: "Tschuldigung."

Ich nahm mein Wechselgeld und stopfte den Einkauf eilig in meine Taschen. Im Umdrehen sah ich einen jungen Mann kurz von seinem Smartphone aufschauen. "Wurde auch Zeit.", murmelte er und rückte dann an den Platz auf, den ich gerade noch belegt hatte.

Was soll’n das jetzt? Was will denn der Spinner von mir, hab das nicht mit Absicht gemacht. Oder was denkt der, das mir das Spaß macht?, in dem Moment war ich mir der Doppelmoral nicht mal bewusst, nicht mal im geringsten.