Normalgewichtige Normalgewichtung

Wenn es denn schon heißt, dass die Adipositas die Europäer bis 2030 in eine Krise gestürzt haben wird, dann frage ich mich, was bis dahin normal sein wird. Nehmen wir mal als Beispiel ein paar Zeilen aus der Wirtschaftswoche:

Auch die Deutschen legen Pfunde zu, heißt es in einem WHO-Bericht. Demnach sind in manchen Ländern 2030 nur noch wenige normalgewichtig.

Soll also heißen, ab spätestens 2030 werden die übergewichtigen Menschen in diesem Land und Europa normalgewichtig sein? Demnach würde ich auch nicht mehr fürchten, dass Übergewichtige und Adipöse einem Stigma unterliegen werden, wie es in einer weiteren Stelle heißt:

Doch nicht nur gesundheitliche Probleme belasten die Betroffenen. Gerade stark fettleibige Menschen (BMI ab 35) sind zudem oft Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt […]

Wäre nicht eher zu fürchten, dass stark dürrleibige Menschen ab 2030 mit Repressalien rechnen müssen? Ich mag mich irren, aber was ist schon normal? Warten wir also gespannt auf die nächste WHO-Studie, die uns belegen wird, dass ab 2059 weltweit etwa 98 Prozent der Überalterten ab dem Lebensalter von mindestens 80 Lebensjahren eine höhere Sterblichkeitswahrscheinlichkeit haben als Normalalternde, die bloß 25 Jahre aufm Buckel haben.

Inhärenter Unwert

Wenn ich viele der Kommentare höre zu dem tödlichen Burggraben Europas, dann wünsche ich mir selektive Gehörlosigkeit. Bis zur Fassungslosigkeit braucht es bei mir einiges: Es fängt mit Unverständnis an, geht über Entrüstung, Abscheu, Wut, Trauer, brutale Wut, Verzweiflung, Galgenhumor, Guillotinenhumor bis Waterboardinghumor hin zur Fassungslosigkeit. Wer diese erreicht, muss also einige Stationen nehmen. Und doch schaffen es viele der Zeitgenossen mit anscheinend spielender Leichtigkeit, alle Hürden zu überwinden, um mich mental mit ihrer gutbürgerlichen Menschenverachtung zu verletzen.

Mir hilft nur eines, um wieder Fassung zu erlangen, um mir vor Augen zu führen, woher diese Menschenverachtung kommt. Aus der Angst. Es ist die Angst der Besitzstandswahrer, die alles erreichte selbst erlangt, aber sämtliche Fehler nicht zu verantworten haben. Diejenigen, die Angst um ihr Hab und Gut haben, zu dem auch ihre Kinder gehören. Es sind die Lebensoptimierer, die das Leben aus Angst vor dem eigenen Untergang nicht leben, sondern verwalten wollen. Diese karrierebetrunkenen Ich-Kommunitaristen mit ihren hübschen Sparkonten, Aktienpaketen und Lebensversicherungen.

Woher kommt dieser Angstaffekt, der gleichgültig macht vor den Toten, den der Wohlstand produziert? Aus der inneren Furcht, dass Armut, Leid und Hunger ansteckend sein könnten. Sie beängstigt die Vorstellung, fremde Menschen könnten die Wertlosigkeit, die sie offenkundig haben, auf sie übertragen. Und so irrational viele dieser Ängste sein mögen, in dem Punkt haben sie recht: Mein, dein, unser, euer aller Leben ist genauso wenig wert, wie die der Menschen, die durch aktive oder passive Gleichgültigkeit sterben. Wenn die Besitzstandswahrer dann doch nur begreifen würden, dass ihr Wert nur steigt, wenn wir den der anderen Menschen anerkennen und steigern. Es ist unmöglich, Menschen abzuwerten, ohne sich dasselbe anzutun.

Ein Gauck, wer Böses denkt

Blankes Entsetzen, pulsierende Wut, so fühlt er sich an, dieser Tugendfuror, den ein zum Bundespräsidenten erhobener Seelenhirte regelmäßig auslöst. Und welche Seelen der Mann zu schützen gedenkt, offenbart er in einfachen Worten, denn der Verrat an sich, das Whistleblowing, brauche eine höhere Rechtfertigung. So bleiben kümmerliche Einsichten eines Mannes, dessen Blindheit vor Tyrannei sich offenbart:

Gauck forderte Informationen dazu, welchen Rechtsbruch Snowden denn aufgedeckt habe. "Dann wächst mein Verständnis für solche einzelne Personen."

Dies ist das herablassende Verhalten eines Mannes, dessen Ego ihn zum Richter über Anstand, Sitte und Moral erhebt. Nicht der demokratische Diskurs macht frei, sondern konformes Verhalten nach dem Gusto eines Mannes, dessen Gebaren aristokratische Züge nicht verbergen kann. Eines Bundespräsidenten ist die wohlgefällige Bücklingshaltung gegenüber allem, was den Stallgeruch abgehangener Freiheitsbegriffe verströmt, nicht würdig. Da werden in seliger Gefühligkeit Tränen geweint, die zeigen, wie persönlich es ist, wie wenig Würde er dem Amt zu geben bereit ist.

Mit dem ‚Verrat‘ hält der Begriff Einzug, der Snowdens Verhalten per se inkriminiert, dessen Offenlegungen von oberster Stelle diskreditiert. Es ist die subtile Meinungsmache, die den Totalitarismus kaschieren kann. Denn Freiheit endet nicht, wenn Ketten gelegt werden, sondern auch wenn Amtsträger ihr Amt verabsolutieren. Wenn ihr Amt Rechtfertigung fordert, statt, wie es sein müsste, sich durch Taten zu legitimieren. Joachim Gauck ist von allen Bundespräsidenten, das zeigt sich deutlich, derjenige, dessen absolutistische Geisteshaltung mit dem Amt unvereinbar ist. Das Bundespräsidialamt ist keine Kanzel, es ist keine Verwirklichung eines konformistischen Egos. Und Freiheit endet nicht dort, wo die Vorstellungskraft eines alten Tausendsassas der Anbiederung an den Kapitalismus endet. Gauck hat das ohnehin fragwürdige Amt in unvorstellbarer Weise beschädigt, wieder einmal.

Deutschlands europäische Vormacht im Nullsummenspiel

Nun komme ich nicht mehr dazu, irgendetwas Sinnvolles dazu zu schreiben. Habe heute viereinhalb Stunden Holger dabei zugehört, wie er Steffen zuhört, als jener die vermeintliche Euro-Schuldenkrise in ein anderes Licht rückt. Was wir daraus lernen können:

  • Warum es Bankenkrisenschuldenkrise heißen muss.
  • Wie Ratingagenturen ein paradoxes Geschäftsmodell hochziehen.
  • Was passiert, wenn Volkswirtschaft mit betriebswirtschaftlichen Mitteln betrieben wird.
  • Warum Deutschland erst die (süd-)europäische Konkurrenz ins Abseits wirtschaftete und sich nun als Retter gebärdet.
  • Dass staatliches Sparen die wirtschaftliche Abwärtsspirale nur befeuern wird.
  • Wieso ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro nicht das bringt, was sich manche davon erhoffen.
  • Warum hohe Besteuerung von Reichen einerseits gerecht ist und zugleich auch nicht so hoch ausfällt, weil sie ja wiederum über das umverteilte Vermögen Umsätze generieren können.

All das berücksichtigt, ist das ein ordentliches Pensum in viereinhalb Stunden. Macht nicht Spaß, muss aber sein.

Ein Lob auf das Feigenblatt

Der alljährliche Gradmesser für das eigene Abweichen vom musikalischen Massengeschmack fand dieses Jahr ausgerechnet in einem autoritären Staat statt, das kann ein freiheitsliebendes Europa freilich nicht kommentarlos auf sich sitzen lassen. Genausowenig darf ein Ereignis dieses Ausmaßes mit allzu grober Kritik an den politischen Rahmenbedingungen getrübt werden. Übrigens wäre doch die Veranstaltung und die europäische Aufmerksamkeit gerade die perfekte Lösung, das Regime zur Lockerung der Repressalien und Demokratisierung des Systems aufzufordern. Schließlich habe sich die EBU doch explizit Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesangswettbewerbs zusichern lassen. Mit solchen Zugeständnissen ausgestattet, wird es den Europäern doch möglich sein, dauerhaft Risse in der autoritären Fassade zu hinterlassen. Mal sehen, welche kritischen Stimmen finden sich denn in der Show?

„Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan. Europa beobachtet Dich.“ [AFP]

Das sagte Anke Engelke bevor sie pflichtbewusst die Ergebnisse aus Deutschland verkündete. Doch ist diese leiseste Form der Kritik nicht zwiespältig?

Einerseits mag es ein kümmerliches Ergebnis sein, dass sich unter allen Beteiligten lediglich Engelke bemüht sah, einen Seitenhieb zu fahren. Sehr fein, eine Komödiantin übt Kritik an der Staatsautorität. Ohne Engelke nahetreten zu wollen, das Gesagte wird in Aserbaidschan doch mit einiger Sicherheit als Spott von Hofnarren verhallen. Die symbolische Wirkung verfehlte nur bei denen ihre Wirkung nicht, denen sie eher galt. Eben dem Europa, das mit dem Wunsch nach Unterhaltung nach Baku blickte und doch eine Spur der Kritik demonstrieren wollte. All diese Europäer konnten sich nun gepflegt zurücklehnen.

Andererseits hat es durchaus den Ruch teutonischer Arroganz, die in Zeiten der Wirtschaftskrise doch langsam überhandnimmt. Deutschland, das wirtschaftlich im Vergleich geradezu prosperiert, schwingt sich zum einzigen Retter Südeuropäischer Misswirtschaften auf. Deutschland, das nach dem Jahresreport 2012 von Amnesty International gerne auch Rüstungsexporte in autoritäre Regime erlaubt, muss sich da nicht weiter um Widersprüche kümmern. Besser einige Akte symbolischen Unwillens gegenüber fragwürdigen Geschäftsparnern und dann aber zack zurück zur Normalität. Davon findet sich auch etwas bei Anke Engelke, schließlich stellte sie ihren kritischen Worten noch einige voran, die den obligatorischen Dank für die Organisation der Veranstaltung geschickt national wendete: Sie dankte den beteiligten Deutschen, die als Konstrukteure und Organisatoren von Düsseldorf gleich noch in Baku tätig waren. Sieh her, Europa, wir Deutsche üben verantwortungsbewusst Kritik an der Autokratie – und trotzdem können die Autokraten nicht ohne uns. Denn auch das ist europäische und besonders deutsche Freiheitsliebe. Autokraten haben Geld, der Herrscher aus Aserbaidschan aufgrund reicher Bodenschätze jede Menge. In Krisenzeiten können solche Geschäfte nicht verdorben werden, wo doch deutsche Wertarbeit geleistet werden kann.

Und so bleibt Engelkes Kritik bemüht und ihr persönlich sogar nicht als unaufrichtig anzukreiden. Aber letztlich hat Engelke nicht mehr als ein Feigenblatt geliefert, das bei näherer Betrachtung ein fataler Symbolismus deutscher Betriebsblindheit ist. Hauptsache (gefühlter) Europameister in allem.