Der Reader ist tot, lang lebe der Reader

Anfang März erreichte mich die Botschaft, der Reader werde dieses Jahr eingestellt. Die Begründung dafür klang auch einleuchtend: Der Aufwand lohne sich bei der geringen Anzahl aktiver Nutzerinnen und Nutzer schlicht nicht. Bald schon solle Schluss sein, weshalb ich meine Feeds bei Bedarf sichern solle. Diese kurze Mail war für mich kein Schock, machte mich aber nachdenklich, wann ich das letzte Mal diesen Reader benutzt hatte. Es muss schon lange her sein, vor meinen Augen entstand kein Bild mehr aus der Erinnerung. Da geht wieder ein Reader dahin. Hinter dem großen Raubtier blieb in der Fressordnung kaum noch etwas für die kleineren übrig. RSS-Reader sind schon vor langer Zeit zur Monokultur verkommen, da machte ich mir nichts vor.

Aber ich konnte ganz gut damit leben, solange die Bestie Google Reader mir noch ein paar Brocken vor die Füße warf. Da kümmerte es mich nicht, von der Einstellung des Simplenews Readers zu hören, es war der Lauf der Dinge. Der kleine Konkurrent konnte untergehen, das störte mich kaum, war es doch auch der Beweis der Stärke des Riesen. Ja, Anfang März war es noch völlig unvorstellbar, dass der Reader jemals etwas anderes meinen würde als den Feed-Aggregator von Google. Bis gestern Nacht die ersten Klagen aufkamen. Heute Morgen war es endgültig Gewissheit:

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Die Begründung für diesen Schritt liest sich fast genau so wie beim sehr viel kleineren Konkurrenten: Schwindende Nutzungszahlen, Aufwand zu groß ohne Ertrag, konzentrieren uns auf wichtigere Dinge. Und da war sie wieder, diese Stimme, die unbeirrt flüstert: RSS ist tot. Aber kann das sein? Wie kann, ganz laienhaft gesprochen, ein so simples und effizientes Markup wie RSS so kläglich scheitern, dass sich die Verbreitung in der breiten Öffentlichkeit so nicht einstellen konnte? RSS-Reader machten für mich das individualisierte Nachrichtenprogramm möglich. Schund neben Kunst, Sex zusammen mit Prüderie, Nippes und Hippes, es war aber immer gerade das, was mich interessierte. All das ist nicht tot, es wird im Hintergrund noch genutzt werden, davon gehe ich aus. Die Massentauglichkeit ist für RSS aber nun endgültig zu den Akten gelegt. Aber das ahnte ich schon immer.

Fernab dieser Bedenken war der Schock für mich auch nicht verwunderlich. In der Zeitrechnung des Netzes ist Google Reader ein Dinosaurier, der viele andere Anwendungen kommen und wieder gehen sah. Mein Vertrauen in den Reader beruhte auf dieser impliziten Ewigkeitsklausel, die er ausstrahlte. Vielleicht war es nicht massentauglich, aber der Reader würde bleiben, das ließ ich mir von gegenläufigen Indizien wie der nachlassenden Pflege durch Google nicht verderben. Ich brauchte den Reader, also schuf ich eine prächtige kognitive Dissonanz, in der Google Reader ewig währte. Die Meldung vom Aus riss mich aus der verzerrten Welt, ich landete hart auf dem Boden der Tatsachen. Es tat aber nicht so weh wie die Frage, was nach dem Google Reader kommen würde.

Dann fiel mir wieder ein, warum ich mich damals bei bei Simplenews angemeldet hatte. Und bei Bloglines auch, bei Netvibes und vielen anderen. Ich hatte gefühlt alle Reader schon probiert, einige waren richtig gut, wurden aber eingestellt, weil Google Reader als kostenloser Dienst von Google kleinen Entwicklern Ketten um den Hals legte, an denen sie meist recht schnell erstickten. Ich landete immer wieder bei Google. Aber hieß das nicht auch, dass ich immer auf der Suche nach einer Alternative war? War der Google Reader nicht schon seit langer Zeit ein Dorn in meinem Auge?

Ja, der Google Reader war zu gut, um ihn zu verlassen, bereitete aber auch immer Kopfschmerzen und ein komisches Gefühl im Magen. Und genau das fiel mir im Laufe des Tages wieder ein, ich wollte immer schon weg, konnte aber aus Gewohnheit nicht. Jetzt geht es nicht mehr anders, Alternativen müssen her. Und war das nicht der Grund, warum ich überhaupt so viel Software ausprobiere? Ich finde jeden Tag haufenweise vielversprechende Anwendungen, probiere einige, kaufe manche. Der Spaß liegt im Finden von guten Tools. Ab 1. Juli werde ich spätestens wieder reichlich Grund für die Suche haben. Und bis dahin werden sicher noch neue Apps aufkommen, denn der rücksichtslose Fleischfresser ist dann nicht mehr.

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Bild 1: newsify in Standardansicht

Ohne RSS-Feeds geht für mich ja gar nichts, auch wenn der größte Teil der Netzwelt anscheinend blendend ohne auskommt (Da es sich anbietet, eine feine Anleitung und Hintergründe zu RSS beim How-To-Geek.). Aus verschiedenen Gründen komme ich, zwar nur mit erheblichen Schmerzen, am Google Reader nicht vorbei. Meine Geschichte mit dem Google Reader ist zu lang, um schnell mal abgefrühstückt werden zu können, also spare ich sie mir.

Der Vorteil des Google Readers ist seine insgesamt sehr runde Oberfläche, weshalb ich auch von mobilen Geräten immer Apps verwendete, die mit dem Reader synchronisierten. Bislang waren dies die kostenlose Version von MobileRSS und das schicke Flipboard. MobileRSS ist dabei erste Wahl, zwar mangelt es der App an dem Feinschliff in der Optik, doch insgesamt war sie zuverlässig und schnell. Genau da liegt meiner Meinung nach bei Flipboard der Hund begraben. Es ist das genaue Gegenstück zu MobileRSS schick, aber in der Benutzung sehr viel zeitraubender. In Bruchteilen der Zeit, die ich bei Flipboard für dieselbe Zahl von Artikeln brauche, kann ich mit MobileRSS die Neuigkeiten und Nachrichten durchforsten.

Bild 2: Dieselben Artikel in Kachelansicht

Jetzt aber kommt mit newsify eine App daher, die das beste beider Welten miteinander gut in Einklang bringt. Optisch ist newsify dem spartanischen MobileRSS weit voraus, verzichtet aber auf den 3D-Blättereffekt, der Flipboards Markenzeichen ist. Meine ersten Gehversuche mit newsify zeigten, dass die Lesegeschwindigkeit darunter allerdings kaum leidet. Ich bin sehr schnell durch die ungelesenen Artikel, ohne die mühselige Kleinteiligkeit Flipboards. Auch in Sachen Einstellungen wartet newsify mit einer Vielfalt auf, die mit der von MobileRSSvergleichbar ist. Für mich ist es ungemein wichtig, das Laden von Fotos nur in Drahtlosnetzwerken zu erlauben und ähnliche vermeintliche Kleinigkeiten. Schön ist auch, die Darstellung der Artikel in einer Stapelansicht oder mit moderner wirkenden Kacheln (Bild 2)anordnen zu können.

Einzig umständlich ist, die Artikel nur in ihrer jeweiligen Detailansicht markieren oder weiterleiten zu können. Da hätte sich die UI die clevere Wischgeste von MobileRSS, mit der weitere Optionen für einzelne Artikel schnell zur Hand sind, abschauen können. Doch ist dies eine Marginalie, newsify hat eindeutig Potenzial, MobileRSS den Rang abzulaufen. Derzeit ist die außerordentlich praktische App noch kostenlos zu haben, denn zumindest nach App-Beschreibung im Store, behält sich der Entwickler vor, zu einem späteren Zeitpunkt Geld dafür zu verlangen.

Rock on mit Yahoo Pipes

Nachdem Yahoo Pipes nun allgemein vorgestellt wurde, will ich es ein wenig plastischer machen. Da ich die Musik auf Kultprok etwas vernachlässigt habe, bin ich in mich gegangen. Dabei fiel mir auf, dass ich eigentlich viele Neuveröffentlichungen nicht mehr im Blick habe. Dann, dachte ich mir, baue ich doch mal eine Pipe, in der ich einige Quellen für Neuveröffentlichungen bündele. Gesagt, getan. Ich präsentiere im Folgenden meine Pipe für neue Alben aus Rock, Pop und Metal. Nichts Weltbewegendes darf hiervon erwartet werden. Es dürfte aber doch einen genaueren Eindruck vermitteln, was mit Pipes möglich ist. Weiterlesen