Seinfeld – „The Airport“ Security

Wer lange einen Bogen um eine Serie macht, muss mit dem Altern der Serie leben. So ging es mir mit Seinfeld. Hin und wieder hatte ich eine Folge schon vor Jahren gesehen, aber mit der Zeit dachte ich, es brächte nicht mehr viel, jetzt noch damit anzufangen. Wie alt würde der Humor sein, schließlich ist die Serie bald 25 Jahre alt? Ich habe meine Sorgen doch noch überwunden und mit der Serie angefangen.

Natürlich, der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte wird deutlich, wenn es quasi keine Mobiltechnologie gibt, allenfalls mal ein Anrufbeantworter abgehört wird —von einem Telefon mit Wählscheibe aus. Das muss man sich mal vorstellen. Oder wenn jemand den Weg in einen Vorort nicht findet, weil er keine Karte dabei hat. Keine physische Karte, so eine zum Aufklappen. Mit heutigen Navis wäre die Odyssee durch fremder Leute Vorgärten nicht passiert. Schon gar nicht in den scheußlich kubistisch gemusterten Neonhemden der jungen Neunziger.

Aber weit gefehlt, der Staub hat sich nur an der Oberfläche festgesetzt. Im Kern baut sich Seinfeld um menschliche Unzulänglichkeiten herum auf. Herrlich wuseln Elaine, Kramer, George und Jerry sich durch peinliche Situationen, in die sie sich meist selbst gebracht haben und die sie nur noch schlimmer machen, weil sie nicht zu ihren Fehlern stehen. Das ist zeitlos, denn es geht mir und den meisten wohl genauso mit unseren Schwächen. Es fällt überhaupt nicht schwer, sich über die Macken der Vier zu amüsieren, ein wenig lacht man dabei halt auch immer über sich.

Nur bei einer Folge konnte ich bislang nicht lauthals lachen, obwohl ich wollte. Folge 12 der vierten Staffel heißt schlicht "The Airport" und bringt die vier aus verschiedenen Gründen an besagtem Flughafen zusammen. In der Zwischenzeit ist, das wurde mir unangenehm deutlich, so viel passiert, alles Gezeigte war mit der Welt wie sie heute an Flughäfen funktioniert nicht mehr unter einen Hut zu bringen. "The Airport" ist für Menschen der Post-9-11-Welt kaum zu ertragen. Wie sollen wir in unserer Vorstellung denn auch die Schere zwischen den skurrilen Handlungen der Folge und der heutigen Repression nicht wahrnehmen? Mal ehrlich, die Vier wären ihrem Verhalten nach heute sehr wahrscheinlich im Knast oder schlicht tot.

In Zeiten der Terrorabwehr, die begrifflich für die politisch gewünschte, alltägliche Repression herhalten muss, hätten die Eskapaden der vier Protagonisten ein jähes Ende gefunden. Elaine flieht vor ihrem lästigen Sitznachbarn von der Holzklasse in die erste Klasse. Die Zurechtweisung der Flugbegleiterin ist nachvollziehbar. Heutzutage hätte aber wohl schon einer der notorische Sky Marshalls eingegriffen und Elaine aus dem Verkehr gezogen. George schafft es irgendwie mit lauthals hinausposaunter Einstellung, sich nur Zugang zum Flug verschaffen zu wollen, in das Flugzeug. Da wüsste ich gerne, wie heute reagiert würde, sollte jemand erklärtermaßen gar nicht fliegen wollen, sondern "nur mal eben ins Flugzeug". Kramer selbst schießt den Vogel ab, nein, er ist der Vogel, der mit Sicherheit abgeschossen werden würde. Er erschleicht sich auch Zugang zum Flugzeug und flieht nachdem er von Bord geschleppt wurde. Er landet sogar auf dem Rollfeld. In den Neunzigern ging das vielleicht noch als komödiantische Überzeichnung durch, heute wäre Kramers ganzer Erzählstrang schon nach einer Minute mit einer gezielten Tötung durch ein Sondereinsatzkommando geendet. Hier bitte dann die Lacher aus der Konserve.

Nur Jerry hätte, wenn ich es mir recht überlege, auch heute unbeschadet überstanden. Er flog allerdings auch in der Ersten. So wären alle bis auf Jerry heute nicht einmal ansatzweise heil aus der Sache gekommen, obwohl sie auch noch mildernde Umstände hatten. So als Weiße*. Wäre einer der Protagonisten etwa arabischer Abstammung verdächtig, die Folge hätte noch ganz andere Wendungen parat gehabt. Insofern fand ich es durchaus aufschlussreich, dass es bei aller Überzeichnung den Autoren möglich war, überhaupt eine solche Folge zu schreiben. Damit hält sie ungewollt der heutigen Überwachungsstaatlichkeit den Spiegel vor. Früher war manchmal sogar besser, weil freier.

* Seinfeld ist sowieso eine sehr weiße Serie. Zahnpastamarketing würde sich wünschen, die Zähne seiner Models wären so bleich. Überall weiße Mittelschicht, wo man auch hinschaut. Aber das lenkt ein wenig ab.

Hannibal: Fernsehen kannibalisiert sich selbst

In und an Hannibal ist so gut wie alles falsch. Wo nur anfangen, wenn eine Serie in ihrer Einfalt nur noch von ihrer dreisten Gewaltverherrlichung übertroffen wird. Hannibal ist eine dekadente Serie, so satt von menschlichem Leid wie ihr Protagonist.

Die Serie greift wie schon einige Verfilmungen auf Thomas Harris‘ Red Dragon zurück, in dem der geniale psychologische Strippenzieher und Menschenfresser Hannibal Lecter zur zentralen Figur eines immer abstruseren Blutfestes wird. Nichts gegen Blut in Serien per se, aber so inkohärent setzte in letzter Zeit keine Serie auf ausgefeilte Tötungen. Aber das war es auch schon, nur der Tod ist schön anzuschauen, ganz so, als ob das schon für eine ganze Staffel reichen könnte. Darüber hinaus gibt es absolut nichts, was diese Serie auszeichnen könnte. Mads Mikkelsen gibt den undurchschaubaren Kannibalen, interpretiert ihn allerdings als gesichtslosen Hobbykoch menschlicher Innereien, der als Figur nur deshalb nicht blass ist, weil für fahle Gesichtsfarbe der von Hugh Dancy gespielte FBI-Sonderermittler Will Graham zuständig ist. Graham ist eine überfrachtete Figur, die unter ihrer besonderen Gabe einer Quasi-Hellsichtigkeit leidet. Diese Fähigkeit allein gibt die Serie schon der Lächerlichkeit preis, weil sie absolut unglaubwürdig in Szene gesetzt wird. Da bauen sich im Geiste Grahams Morde in solchem Detail zusammen, dagegen wirkt CSI wie eine Vorlesung in moderner Forensik.

Hannibal driftet so einerseits in die Mystery ab, will aber auch noch als Thriller wahrgenommen werden. Das scheitert aber vor allem an einer haarsträubend zerfaserten Erzählung. Da werden Rückblenden an Visionen gestrickt und Vergangenes mit Zukünftigem verwoben. Alles ist so wirr, es zwingt die Vermutung auf, der ganze wirre Brei aus angedeutete. Narrativen sei doch Absicht, um die Zuschauerinnen und Zuschauer so sehe zu verwirren, dass sie Respekt für die Serie entwickeln können. Die Zerstückelung des Narrativs ist das eigentlich fatale Massaker, das die Serie vorführt. Ohne Rücksicht auf Sinn und Verstand wird dann Lecter auch noch zu dem Mastermind umgedichtet, das hinter allen Morden durch andere Täter steht. Lecter selbst ist am Ende das größte Problem der Serie.

Hannibal Lecter ist eine seltsame Erscheinung in der Popkultur. Die Serie und ihre Beliebtheit machen dies noch offensichtlicher. In anderen Serien haben serienmordende Protagonisten wie beispielsweise Dexter ein ethisches Feigenblatt. Mit seinem moralischen Kodex, der nur das Töten von Verbrechern erlauben soll, verfügen diese Mörder vor dem Publikum über eine vermeintliche Rechtfertigung. Für Dexter ist Sympathie möglich. Schließlich ist er am Ende auf eine verquere Weise auf der Seite des Guten, verzeihliche Aussetzer mal beiseite. Hannibal Lecter ist keine Figur, die eine solche Rechtfertigung für notwendig erachtet.

Lecter schlägt deswegen aber gerade eine morbide Bewunderung entgegen. Eigentlich müsste er gefürchtet sein, denn seine Taten sind bestialisch. Nun ist Lecter aber ein ausgewiesener Connaisseur. Er ist nicht die Bestie, die wir uns so gerne als Serienmörder vorstellen. Ein feiner, distinguierter Bildungsbürger ist er. Lecter, der Kannibale, ist als solcher gerade ein Genussmenschen, gerade auch im Töten. Und mehr noch ist er ein Kulturmensch, besonders im Vernichten. Über alle Jahrzehnte hinweg und egal, wer ihn schrieb, in der Figur des kultivierten Kannibalen, der den Genuss des menschlichen Fleisches beinahe schon als intellektuelles Ereignis zelebriert, wurde der Archetyp des Serienmörders domestiziert. Damit ist er, nun ja, nicht nur als amoralische Figur verdaulich, sondern wir genießen das sadistische Genie hinter all der Gewalt.

In allen Erscheinungsformen, von den Romanen bis zur aktuellen Serie, wurde nie mehr aus Lecter gemacht, als diese bewundernswert abscheuliche Kunstfigur. Lecter ist noch immer nur ein billiger Schockeffekt, der beweist, wie bereitwillig Menschen in ihrem Medienkonsum selbst die größte Unmenschlichkeit herbeisehnen, sie sogar genießen, wenn sie nur durch Wortschatz und Maßanzüge als kultiviert kaschiert wird. Das tröstet aber nicht darüber hinweg, dass Lecter in dieser Serie noch deutlicher in einer wirren Rahmenhandlung zum Genius des Schlachtens verklärt wird. Die Serie feiert das Massakrieren ohne sich Gedanken um eine schlüssige Erzählung zu machen. Sie ist im schlimmsten Falle ein blutiger Zirkus für niedere Triebe. Hannibal ist eine Verschwendung von Zeit, nicht weil sie gegen den guten Geschmack ist, sondern weil sie so interessant ist wie eine zehnstündige Dokumentation aus einem Schlachtbetrieb. Wer darin Interessantes findet, ist einfach erst einmal suspekt.

Parks & Rock

Da habe ich beide Serien schön parallel gesehen und mich immer gefragt, was es ist, das Parks & Recreation dem häufiger gelobten 30 Rock voraus hat. Amy Poehler ist sicherlich nicht prinzipiell lustiger als Tina Fey. Was macht es also, dass ich bei Parks & Rec regelmäßig schallend lachen muss, während 30 Rock mich gut amüsiert, aber lange nicht mitreißt?

Lange genug habe ich gegrübelt. Ich habe es dann aber aufgegeben, denn ich kam nicht dahinter. Und kaum denke ich nicht mehr bewusst darüber nach, da fliegt es mir von selbst zu: die Figuren in Parks & Recsind es. Sie sind mir einfach näher. Glaubwürdiger, liebenswerter, unterhaltsamer. Da ist eine schrille Truppe von Lokalpolitikerinnen und Beamten versammelt, an denen ich tatsächlich interessiert bin.

Und im Gegensatz zu 30 Rock sind sie weniger gimmicky. Sie haben Marotten, die sie gerade so menschlich für mich machen, sie sind seltsam und manchmal lache ich auch über sie. Sie sind aber nicht der Gag selbst, der ständig der gleiche ist. Das allein macht es schon aus, wenn die Figuren in Pawnee wirklich Entwicklung zeigen, in 30 Rock immer seltsam fremd bleiben.

Mit Luther gegen deutsche Einfalt

Einst war die deutsche Kulturlandschaft doch mal gefürchtet für ihre Abgründe. Geradezu verschrien waren sie doch, die großen Dichter und Denker aus Krautingen für ihre kopflastige Marter. Die geschundenen Seelen, emotionalen Brachen, der wortreich inszenierte Morast in den deutschsprachigen Köpfen. Obacht, das hier wird eine Beweislastumkehr.

Ja, wo sind sie denn die Beweise für die deutsche Schwermut, die härter ist als der in nationalistisch angehauchten Wendungen beschworene Stahl aus diesem Lande? Ich sehe sie nicht, die große Kultur. Und für diesen Niedergang mache ich nicht die Unterschicht verantwortlich, die ja gerne dafür herhalten muss, sondern die Oberen und ihr schnauzbärtiger Appendix namens Mittelschicht. Diejenigen, die sich das ergraute Haar mit dem Höhenkamm in einen Seitenscheitel gelieren.

Das deutsche Fernsehen und die hiesigen Fernsehproduktionen sind die geistige Fehlgeburt eines unbeweglichen sozialen Ungetüms. Im Geiste den alten Schreiberlingen und reimenden Lustmolchen verschrieben sind sie. Also faktisch tot. In Bildern festgehaltene Totenstarre einer Kulturindustrie, die das kulturelle Erbe in Grund und Boden glorifizierte, und dann noch die Arroganz besaß, neben den sterbenden Ideen und Geschichten auch noch keine weiteren zu erlauben.

Dieses Land hat den Schund verdient, den es produziert. Mittelmäßige Geschichtchen in Einakter-Erzählbögen für durchschnittliche Deutsche. Was ein Oxymoron ist, deutsch ist Durchschnitt. Wohl schon immer gewesen, trotz aller Selbstbeweihräucherung. Und all das fällt mir ein, wenn ich eine Serie sehe, die beileibe nicht finanziell außerhalb des in Deutschland Machbaren liegt. Doch ist es unvorstellbar, dem mediokren deutschen Gemüt diese durchaus plakativen Abgründe hinzuwerfen, die selbst die kleinste Figur darin ausmacht. Eine Serie der BBC ist es. Das erhärtet den Verdacht, dass es eine Retourkutsche ist, den Deutschen ihr halbgares Fernsehen vorzuführen, indem mit einfachsten Mitteln Qualität produziert und dabei sogar das einstige Alleinstellungsmerkmal mit eingebaut wird. Es muss als Beleidigung gegen das deutsche Fernsehen gemeint sein. Würde die Serie sonst ausgerechnet Luther heißen?

Pool Champions: Show weg

Wasser. Da gibt der deutsche Sprachschatz redensartlich vielerlei her, doch es ist mir zu verlockend, auch nur eine der Redensarten zu bemühen. Es reicht allein ein Wort für die von RTL am Freitagabend ins Programm gehievte Show Pool Champions – Promis unter Wasser: Katastrophe. Eine uneingeschränkte. Unter den Shows, in denen RTL mit schöner Regelmäßigkeit und Menschenverachtung den restlichen Ruhm der Z-Prominenz verbrennt, bleibt Let’s Dance die Ausnahme, wohl weil die Verantwortlichen des Senders im Tanzwettbewerb aus unerfindlichen Gründen eine Herabwürdigung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erkennen, die nicht vorhanden ist.

Aber schon bei den Pool Champions zeigt die Senderhülse aus Köln wieder ihr verzerrtes Menschenbild. Formal lehnt sich die neue Sommerloch-Show beim Sendeplatzvorfahren Let’s Dance an. Die prominenten, aus Gründen der Einfachheit verwende ich den Begriff mal locker, Wassersportler treten in einem Wettbewerb gegeneinander an. Zunächst buhlen sie um die Noten einer ebenfalls unter erweiterten Kriterien zustande gekommenen Fachjury, letztlich aber um die Gunst des Publikums.Da fangen die Probleme schon an.

Die bemühte Jury sorgt sich nicht um Kohärenz, verteilt lieber unverblümt Noten nach dem Gießkannenprinzip. Schon in der ersten Sendung betrieben sie eine Inflation bei der Notenvergabe. In Let’s Dance nötigt die Jury seit jeher zu steter Verbesserung. Eine Note hat ihren hohen Preis, sie ist nicht für bloße Anwesenheit zu haben. Nicht so bei Pool Champios. Als Sieger des Abends darf sich gerade die Person fühlen, die ihre Missachtung der Show und ihrer Regeln offenherzig zur Schau stellt. Der wüste Sprung ins Wasser war aufschlussreich unter Gesichtspunkten der Schwerkraft interessant, mit aller vorgeschobenen Sportlichkeit aber hatte es nicht einmal entfernt zu tun. Dennoch wurde der Wagemut mit der Höchstnote bedacht. Als Trainer der Prominenten dürften sich manche fragen, wofür sie überhaupt Zeit investieren, wenn es letztlich nicht auf die sportliche Leistung ankommt.

Die Show spult einen zotigen Individualismus ab, der nicht die Geschichten von Ehrgeiz, Überwindung und Leidenschaft erzählt, die Let’s Dance so besonders machen. Einspieler zu den Prominenten bemühen sich darum, jede Kontur vermissen zu lassen. Bei dem Moderatorenpaar ist es ähnlich. Sie buhlen um die Aufmerksamkeit für ihre billigen Kalauer, die sie monoton auswendig wiedergeben. Ansonsten grinsen sie lediglich den Tätigkeitsnachweis ihrer Dentisten in die Kamera, wenn sie die Prominenten aus dem Becken gezogen haben, um sie mit Lob zu überschütten.

RTL ist es mit beneidenswerter Konsequenz gelungen, die eigene Verachtung für das Fernsehen und die Menschheit an sich in eine Unterhaltungssendung zu transferieren, die auf einem Niveau stattfindet, dessen eskapistischer Wert ungefähr eine ebenso gute Laune hinterlässt wie die thematisch entfernt verwandten Sondersendungen zum mitteleuropäischen Hochwasser. Ohne allerdings durch einen Nachrichtengehalt gerechtfertigt zu sein. Stattdessen vermittelt der Sender mal wieder das Gefühl, die Fluten gleich selbst auslösen zu wollen, wenn er denn dürfte, weil das Desaster so besser zwischen Werbeblöcke geschoben werden kann. So zynisch muss man auch erst einmal werden.

Serienebbe

Läuft denn gerade nichts mehr, was sich zu sehen lohnt? Habe alle Lieblingsserien mehrfach durch, kriege Entzugserscheinungen. Kann nichts sehen, muss Apparat zerstören.

Macht’s auch nicht besser. Ich muss irgendwoher noch Nachschub finden, zum ersten Mal seit Jahren sitze ich auf dem Serientrockenen. War der Herbst wirklich so schwach letztes Jahr, dass es nicht durch’s ganze Jahr reicht?

Zombieland: Hilfe, meine Zombies spinnen

In den USA fordern neue Medienunternehmen die eingesessenen Produktionsfirmen und Fernsehsender mit eigenproduzierten Inhalten heraus. Netflix hat seinen Beitrag zum Niedergang des Videoverleihs über Ladengeschäfte geleistet, zunächst wurde auf Videoverleih im Versand, nun aber vermehrt im Streaming gesetzt. Allein, es reicht wohl nicht, vom Content anderer Unternehmen und deren Lizenzierungsdschungel abhängigzu sein. In der letzten Zeit schob der Dienst einige beachtliche Serien an. Kein Wunder, dass die Netzbestie Amazon ebenfalls versucht, Serien selbst zu schaffen. Über hauseigene Portale lanciert der nicht gerade sympathische Gigant einige Piloten. Das Publikum soll entscheiden, welche in Serie gehen sollen. Zombieland ist unter den Testballons derjenige mit eingebauter Aufmerksamkeit wegen der recht gelungenen Filmvorlage. Und Zombies gehen ja immer.

Der amüsante Film lebte von der hervorragenden Besetzung, sie hoben selbst platte Kalauer noch über die Schmerzgrenze. Zwar sind die USA voller talentierter, namenloser Schauspielerinnen und Schauspieler, aber die fade halbstündige Horror-Komödie kann auch von der passablen Zweitbesetzung nicht mehr erträglich gespielt werden. Diesem Zombieland steht die Leichenblässe mieser Produktionsbedingungen im Gesicht.

Zombies sind Zugpferde mit günstigen Haltungskosten, denn es braucht ja kaum mehr als leer gefegte Straßen, etwas Gekröse und Kunstblut, schon können unbeleckte Darstellerriegen durch die Zombiekalypse gescheucht werden, sofern sie glaubwürdig eine Waffe halten und Dialoge auswendig können. Für Amazon mag die Rechnung sogar aufgehen, erzählerisch ist Zombieland ein mauer Abklatsch seines filmischen Vorfahren. Es ist kein wandelnder Toter im Sinne etwa der Frühneunziger, als RTL, den unsäglichen Anlauf unternahm, die Drehbücher von Married with Children einzudeutschen und mit Ruhrpottbarock zu verramschen. Zombieland riecht nicht ganz so streng, RTL hat den kreativen Tod schon seit Jahrzehnten hinter sich, doch erinnert mich Zombieland in grottenschlechten Momenten an den Dilettantismus eines europäischen Medienunternehmens.

Revolution: Der Dystopie geht der Saft aus

Im Jahre 2012 fiel in den USA der Strom aus. Nicht bloß für einen kurzen Moment, auch nicht wenige Tage, der Strom kam nicht mehr wieder. Alle elektrischen Geräte waren nutzlos geworden. Besonders hart traf es Drehbuchautoren von Revolution, die nun keinen Zugriff mehr auf ihre kostbaren Handbücher für kreatives Schreiben hatten. Sie hätten sie nicht in der Cloud sichern sollen. Also taten sie, was getan werden musste, sie griffen auf einen veralteten Teilausdruck von tvtropes zurück, den ein Praktikant mal machen musste, weil dies als lehrreiche Erfahrung verkauft wurde, die ein unbezahlter Praktikant halt machen muss. Und sie haben wirklich alles aus tvtropes herausgeholt, was die Seiten so zu Dystopien hergaben.

Die Welt, die Revolution zusammenbrechen lässt, ist ein wahrgewordener Alptraum der Tea-Party-Bewegung. Die USA rühmen sich, eine hochzivilisierte Gesellschaft zu sein. Revolution traut dieser Gesellschaft aber zu, nur einen totalen Stromausfall zu brauchen, um völlig zusammenzubrechen. Nach nur fünfzehn Jahren ohne Strom sind die Staaten gar nicht mehr so einträchtig oder geeint. Sie sind in autoritäre Systeme zerfallen, die von Rechtsauslegern wie Glenn Beck immer als sozialer Teufel an die Wand gemalt werden. Allerdings bleibt die Serie auch auf diesem Niveau. Da dient dann das in einer der Republiken durchgesetzte Waffenverbot als Kennzeichen der oppressiven Obrigkeiten, eine Angst von Rechtsaußen also.

Durch alle Facetten der Serie zieht sich eine Ideenlosigkeit, die nach einigen Folgen kaum noch zu ertragen ist. Revolution ist eindimensional. Ihre ganze Ausrichtung ist schon problematisch, denn die Protagonistin auf eine Rettungsmission zu schicken, um ihren entführten Bruder zurückzugewinnen, erweist sich als Belastung. Durch den so erzeugten Zeitdruck soll Spannung aufgebaut werden, den Figuren schnürt die Serie damit die Luft ab. Also wird bei der Charakterisierung der Figuren Scherenschnitte eingesetzt. Tatsächlich dürfen sich Rebellinnen gegenüber Kinder ironiefrei mit "I’m one of the good ones." ausweisen. An anderer Stelle zieht die Serie einen allzu verdächtigen mit den Aufständischen in Syrien. Hier die Guten, da die Bösen. Expositorische Dialoge sind ein Markenzeichen von Revolution; ebenso die völlig dramaturgische Überladung der einzelnen Episoden. Fast panisch flieht die Serie vor jeder ruhigen Minute, die inhaltliche Leere könnte auffallen. Einen Fluchtversuch des Entführten noch in einen Gewittersturm zu versetzen zieht die Spannung nur ins Lächerliche.

An Revolution ist allein die platte Erzählung ein Rückfall in archaische Zeiten. Und Elizabeth Mitchell taugt mittlerweile, so bedauerlich das ist, nur noch als Warnung vor Serien, an denen sie beteiligt ist.

Let’s Dance: Flauschtango

Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht über das beliebteste Medium der Deutschen lästere. Auch ich zähle zu dem Kreis der selbsterklärten Avantgarde, die kein gutes Haar am Fernsehen lässt, also am deutschen Fernsehen. Ich habe meine Gründe, sehr viele sogar. Doch bügele ich die Fernsehlandschaft manchmal auch zu glatt. Es gibt es noch, das Fernsehen, das ist, was es zu sein verspricht.

Letzten Freitag fiel bei mir erst der Groschen, das selbst das niederträchtige RTL ein großes Feigenblatt in seinem Programm hat. Erst meine Freundin brachte mich darauf. "Wir gucken das nicht meinetwegen", sagte sie. Und sie hatte Recht. Sie sieht Let’s Dance gerne mit, doch bin ich die treibende Kraft dahinter, dass keine Sekunde der Show verpasst wird. Nicht erst seit diesem Jahr. Mir fiel auf, ich hatte bis heute keine Staffel verpasst. Warum war mir das nicht aufgefallen? Warum war mir sogar ein wenig peinlich, es einzugestehen? Dann fiel mir ein Grund ein, warum ich die Sendung so mag. Und noch einer, dann noch einer. Hier also nur einige davon.

Die meisten, wenn nicht sogar alle Casting-Shows und Promi-Reality-Shows kommen nicht ohne künstlich erhöhte Superlative aus. Unter der Suche nach einem Superstar, der besten Stimme, einer Königin oder König oder so ähnlich macht es keine Sendung. Sie kleben sich das schmierige Banner der Wichtigkeit an die Brust. Doch keine Show kann dieses Versprechen nur annähernd einhalten, sofern die Vorstellung von Superlativen nicht mit erschreckend niedriger Halbwertzeit und auch sonst reduzierten Ansprüchen umdefiniert wird. Let’s Dance legt die Messlatte deutlich realistischer an. Es ist ein Tanzwettbewerb, also suchen sie das beste Tanzpaar. Bei allem Pomp und Glitzer, der dem Tanzen anhaftet, nimmt sich die Show bescheiden in diesem Punkt aus. Ebenso befreiend ist die allgemeine Neigung aller Beteiligten, sich nicht über billige Rührgeschichten und Human-Interest-Stories abseits des Tanzens zu profilieren. Hier und da blitzt diese Fernsehkrankheit zwar auch bei Let’s Dance auf, schnell pendelt sie sich aber wieder ein.

Das liegt auch daran, dass in den Trainings und Proben genug Geschichte zu erzählen ist, selbst wenn nur die Kamera draufgehalten wird. Auf bleiern inszenierte Dramatik verzichtet die Show glücklicherweise und zeigt die schweißtreibende Arbeit hinter den Tänzen. Hier rackern sich unbekanntere und bekanntere Gesichter der Medienlandschaft unter der Anleitung ihrer professionellen Tanzpartnerinnen und Tanzpartner ab, um ihren Körpern einen halbwegs vorzeigbaren Tanz abzuringen.

Im Gegensatz zu anderen Shows erzählt Let’s Dance kleinere, aber umso menschlichere Geschichten. Viel zu oft erweist sich deutsches Unterhaltungsfernsehen als Inkubator der öffentlichen Erniedrigung. Nicht so bei Let’s Dance, das nuancierter erzählt und nebenbei spürbar immer das Beste aus seinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern herausholen und zeigen will. Wo sonst gelingt etwa das Kunststück, einen zynischen Jürgen Milski in einem guten Licht darzustellen, wenn er seinen Körper anschreit, seinem Willen zu folgen? Let’s Dance macht es leicht, sich in die Haut der tänzerischen Laien zu versetzen. Kaum eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer entwickelten nicht doch von Woche zu Woche einen enormen Ehrgeiz. Es geht um kaum etwas und doch kämpfen sie mit allem, was sie haben. Da fällt es schwer, nicht mitzufühlen.

Und ja, die Show ist emotional befriedigender als nahezu alle übrigen Unterhaltungssendungen. Das ist wohl der unvermeidlichen Intimität geschuldet, die zwischen zwei Menschen entsteht, wenn sie eng aneinander tanzen, auf den Takt und die Präzision des Anderen vertrauen müssen. Es gibt für mich keine andere Sendung, in der so glaubwürdig Zuneigung ausgedrückt wird. Nach schwerem harten Kampf drücken sie sich satte, schmatzende Küsse auf Wange oder Stirn, sie herzen sich vor Freude, streicheln zart Frustration oder Schmerzen aus den Gesichtern ihrer Partnerinnen und Partner. Diese zarten Momente kann die Regie in der Live-Show nicht mit musikalischem Zuckerguss verderben oder unzählige Male wiederholen, was diese Augenblicke nur umso wertvoller macht.

Auch die Moderation ist erfrischend, weil sich Sylvie van der Vaart und Daniel Hartwich gar nicht groß um künstliche Neutralität bemühen. Sie ergreifen lieber sofort Partei für alle Kandidatinnen und Kandidaten. Dabei ist besonders van der Vaart herrlich unbekümmert. Selbst wenn ihr anscheinend aus falschen Gründen untersagt wurde, das Publikum zu duzen, passt ihre kindliche Naivität wunderbar in diese kleine, süße Enklave der Wohlfühlunterhaltung im deutschen Fernsehen. Dann isst sie eben Popcorn und giggelt, wenn sie eigentlich moderieren sollte. Wollten wir Großen nicht alle mal wieder ins Bällebad im Småland hüpfen? Van der Vaart hat ihres gefunden, dort ist sie unter Freunden. Und auch Hartwich, der den Schulhofhumor noch nicht ganz abgelegt hat, keift und kalauert zwischen jede Kritik. Und er verfügt über die erstaunliche Gabe, im Zweifel sofort das Publikum einzuspannen, um eine Kandidatin oder einen Kandidaten zu schützen.

Und wo ich schon bei der Kritik bin. Let’s Dance hat keine monolithische Figur im Zentrum, die unumstößlich Beleidigungen versprühen darf. In dieser Show, wird kaum eine Boshaftigkeit übersehen, es findet sich oft mindestens eine Person, die Anderen zur Seite steht. Und keine Kritik ist in Stein gemeißelt, denn es geschehen noch Zeichen und Wunder. Menschen machen schlechte Witze, merken es und entschuldigen sich sogar. Unerhört. Damit ist Let’s Dance seltenes, menschliches Fernsehen, das manchmal auch an der Aufgabe scheitert, aber immer bemüht ist, mit Herzlichkeit zu unterhalten. Vor allem auf RTL ist das ein aussterbendes Prädikat im Fernsehen.