Les Misérables: Mehr ist eigentlich nicht zu singen

In meinem höchst selektiven Bücherregal klafft eine riesige Lücke genau dort, wo Victor Hugos Die Elenden Platz hätte. Ich machte mir keine Illusion, mit dieser Verfilmung des Musicals Les Misérables, das wiederum auf Hugos Roman beruht, die Lücke schließen zu können. Auch hatte ich mich, rückwirkend wirkt es fast schon fahrlässig, nicht ausreichend dafür gewappnet, eine solche Tortur durchstehen zu müssen. Tom Hoopers Verfilmung ist in vielerlei Hinsicht ein Affront aller menschlichen Sinne. Für Hugos Werk ist es aber die ultimative Vereinnahmung und Verletzung des literarischen Realismus, um den Hugo bemüht war, diesen Realismus durch im Grunge-Look verklärten Historienfilm-Prunk zu ersetzen.

Nichts gibt diese einfältige Geisteshaltung des Films so überdeutlich wieder wie Anne Hathaways zentrale Szene als Fantine. Hathaway ist über jeden Zweifel erhaben, hat also kaum nötig, so kakophon nach einem Oscar zu schreien, doch Regisseur Hooper bremst Hathaway nicht ein. Eine Schande, wenn solch ärgerliches Betteln um Anerkennung tatsächlich Gehör findet.

An aufgesetzten Momenten mangelt es in Les Misérables nicht, zu viele sind es. Und der Film will uns diese möglichst in schneller Folge in den Hals stopfen. Hoopers Hang zur Theatralik wird durch Danny Cohens invasive Bilder derart aufdringlich, der Film fühlt sich schnell nur noch nach teuer ausgestatteter Armuts-Pornographie an, der seinen Figuren stärker im Nacken sitzt als ihre bourgeoisen Häscher. Dabei erzählt Hooper in imposanten Bildungetümen eine Geschichte in zwei Stunden, die ebenfalls an die Vorwände einer Story in Filmen der Erotikbranche erinnert. Also auf einem Bierdeckel oder eben einem zweiminütigen Trailer Platz gehabt hätte.

Dazu passt auch, dass dieses Musical völlig fehlgeleitet mit Stars besetzt ist, also gehörige Schauwerte hat, aber keinerlei Interesse daran hatte, ob die Besetzung tatsächlich singen konnte. So trompetet eine Riege der bekanntesten Gesichter Hollywoods ein monotones Libretto in die Kamera. Dabei versingt sich die Dramatik, da sich das Thema nicht mit dem Konzept eines Musicals verträgt. Hunger, Armut und Leid lassen sich schlecht singen, das macht Les Misérables in beinahe drei Stunden überdeutlich. Mit jedem Ton löst sich die emotionale Bindung zu den Figuren auf, die ohnehin schon unter der plakativen Seichtigkeit des Drehbuchs leidet.

Allein Sacha Baron Cohen trifft zwar gesanglich auch keinen Ton, doch aber den des schmierigen Opportunisten, den er spielt. Doch Sacha Baron Cohen kann in seinen wenigen Momenten nicht die aufgesetzte Ernsthaftigkeit sprengen, die Hooper und der Darstellerinnen und Darsteller dem Film aufzwingen. Les Misérables.

Linkgebliebenes 8

Heute kommt die kleine Rundumschau mal ohne Sexismus-Themen aus, das war dank #aufschrei zu viel für mich. Gut, fast. Da wäre die Sache mit einer fiesen Masche der Glee-Verantwortlichen, die eine herrliche urheberrechtliche Volte schlugen. Elyse von skepchick.org findet aber auch auch noch seltsame Vergewaltigungsapologetik in derselben Glee-Folge.

Tjaha, nur gut, dass faz.net noch klare Fronten kennt. Schließlich nehme der Antiamerikanismus, von übelsten Negativklischees geprägt, in der deutschen Bevölkerung seit Jahren zu. Die ‚Analyse‘ der Beweggründe macht dabei keine Gefangenen, die Freund-Feind-Kennung des Textes ist so feinjustiert wie die einer Drohne. Und es müssen Klischees sein, denn beispielsweise schätzen die Deutschen die wissenschaftliche Leistung der USA nicht genug, doch würde mich nur mal interessieren, wie viele Nicht-Amerikaner in diesem Wissenschaftsbetrieb tätig sind?

Das war dann doch mehr Eindimensionalität, als gut für mich ist. Die Augen zu schließen ist halt Realitätsverweigerung, nicht Komplexitätsreduktion. Esst mal ein leckeres Gericht mit Quinoa. Beim Guardian lässt sich schön nachlesen, warum unsere Welt nicht plump gut oder schlecht ist, sondern erst mal komplex. Sehr kompliziert.

Noch mehr Komplexität gefällig? Freie Meinungsäußerung heißt eben manchmal auch das hier, wenn niemand einschreitet. Und jetzt hatte ich großspurig eine Linkumschau minus Sexismus-Themen versprochen, kann aber nicht davon lassen: Lena Schimmel macht #aufschreistat. Feine Sache das, aber in Java.

Vor der tausendfach verschachtelten Welt fliehe ich, viele andere auch, in eine andere, scheinbar simplere. Klassischer Eskapismus eben, doch die Kultur, die entsteht, schwappt in größere, ganz und gar wirkliche Kontexte über. Verteidigung wird notwendig? Vielleicht.

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