In den Augen vieler, wenn nicht sogar der meisten Menschen, dürfte Super Hexagon kein Spiel sein. Der vermutlich kleine Zirkel derer, die es als die Essenz der Videospiele bezeichnen, dürfte vor sektiererischem Eifer mit dem Lob nicht mehr hinterherkommen. Die Spieleszene ist keine kleine Subkultur mehr, ihre Mitglieder haben sich in so viele Teile gespalten. Die Schnittmenge ist zu gering, die Tatsache, dass sie alle Videospiele spielen, wird nicht reichen, um die ausdifferenzierten Gruppierungen zu einen.
So bleiben immer Spiele, die eine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lager in dieser mittlerweile unübersichtlichen Spielgemeinschaft manifestieren. Super Hexagon ist eines davon, ein Spalter der nerdigen Weltanschauungen. Super Hexagon ist retro. Damit auch simpel, denn es hat ein auf das Minimum reduziertes Spielprinzip. Es gibt keine komplexen Regelwerke, auch kein ausuferndes Interface. Super Hexagon ist ohne Worte im ersten Anlauf zugänglich, kein Tutorial nötig. Indie im besten Sinne der Unabhängigkeit ist das Spiel, nicht eine vom Marketing-Hype aufgeblasene Kapitalmaschine. Super Hexagon ist der Purismus gegen den wahnwitzigen Mainstream, es setzt dem grafischen Overkill dreidimensionaler Grafikbestien mit pseudorealistischer Spielphysik ein rudimentäres Gerüst geometrischer Formen in 2D entgegen. Es ist schwer, keine Meinung zu Super Hexagon zu haben, es dürfte mittlerweile offenkundig sein, zu welcher Seite es mich zieht, aber um der lieben Klarheit Willen: Was für ein Spiel.
Worum geht es in Super Hexagon? Um ein kleines Dreieck, in der Mitte des Bildschirms, von allen Seiten rauschen geometrische Formen auf das Zentrum zu. Das Dreieck muss eine Lücke zwischen den Formen finden. Bei jeder Berührung ist das Spiel beendet. Es gibt ein Ziel, denn eine Uhr läuft mit, die registriert, wie lange das Dreieck unbeschadet übersteht. Nach einer Minute wird ein schwererer Modus freigeschaltet. Die Interaktion mit dem Dreieck könnte auch kaum spartanischer sein: Eine Berührung des Screens in der rechten Hälfte dreht die Welt um das Dreieck herum in die eine Richtung, eine Berührung auf der linken in die andere. Mehr ist es nicht. Warum also die Begeisterung?
Das hat einige Gründe: Erstens ist die Herausforderung größer, als in jeder Beschreibung festzuhalten wäre. Denn schon der simpelste Modus ist schwer, die fünf folgenden, von denen drei erst freigespielt werden müssen, legen die Messlatte noch höher. Die herausragende Optik, im Sinne eines kohärenten Designs, vermittelt ein herausragendes Spielgefühl, was der zweite Grund ist. Der dritte hat mit dem Suchtfaktor zu tun. Denn so schnell bei diesen Schwierigkeitsgraden das Aus kommt. Es ist nicht unbefriedigend, denn Super Hexagon bietet eine beinahe nahtlose Überleitung in den nächsten Versuch. Alle Wut ist vergessen, wenn nur eine Berührung das Spiel auf’s Neue startet. An vierter Stelle steht ein sinnlicher Rausch, *Super Hexagon* schafft eine völlig eigene Trance, in der alle Formen und Farben unbewusst verarbeitet werden. Fünftens, so hochtrabend es klingt, in seiner überragenden Ästhetik ist für mich jeder neue Anlauf eine intellektuelle Herausforderung. Ich spiele *Super Hexagon*, erlebe im selben Moment ein spärlich wirkendes, aber jederzeit ansehnliches Stück Design.
Auf jeden einzelnen Punkt könnte ich mich einlassen, seitenweise schwadronieren, es wird besser sein, ich belasse es beim für mich wichtigsten Punkt, der mich zunächst ratlos machte. Ein gnadenlos schweres Spiel, das mich nie erzürnt? Wie geht das? Den fließenden Übergang von einem misslungenen Durchlauf zum nächsten Anlauf hatte ich angesprochen, dies erklärt das Phänomen aber nur oberflächlich. Schon etwas näher kommen wir mit dem Blick auf die völlige Reduktion auf ein einziges Spielprinzip. Super Hexagon ist so simpel wie Tetris, Geometrie und eine Herausforderung. Super Hexagon spricht einen uralten Spieltrieb an, sich selbst überbieten zu wollen. Um die eine Hundertstelsekunde, Millisekunden, Pixel für Pixel näher an die Verbesserung.
Eine zweite Eigenschaft komplettiert die gnadenlose Anziehungskraft: Die Ästhetik lädt dazu ein, das gesamte Spiel als Widersacher zu unterschätzen. Dabei greift jedes Glied in der Kette nahtlos ins andere: Die Musik treibt nicht sinnlos im Retroklang vor sich hin, sie steigert sich mit dem Tempo des Spiels, sie steigert im Hintergrund den Puls. Die Farben, so harmlos sie wirken, sie beginnen zu alternieren, dann blitzen sie auf, blenden. Oder sie verschieben sich nur, jeweils um ein Element im Sichtfeld, schaffen optische Verwirrung. Auch die Perspektive dreht sich in hektischen Zügen, irritiert mit trocken kalkulierten Umkehrungen gegen die Blickerwartungen. Das Spiel ist ein enormer Gegner, der klar vermittelt, es wird so schwer, dass die Grammatik bricht: Hexagonest. Dieser Gegner ist also fair in seiner Ankündigung, hintertrieben in seinen Mitteln; der Fehler liegt bei uns, dass wir der Schwierigkeit nicht gewachsen sind. Wieso ein Spiel anschreien, das offen erklärt, keine Chance geben zu wollen? Es ist ein beinahe übermächtiger Opponent, ihn zu verfluchen ist sinnlos.
In einer Woche, in der I Get This Call Every Day zeigte, wie wenig Mittel ein Spiel braucht, um relevante Themen zu vermitteln, zeigte mir Super Hexagon in ganz ander Weise, was ich an Spielen liebe, an den guten, diesen Herausforderungen, den gemeinen. In Zeiten, in denen alle von Immersion reden, aber doch nur unbewusste Verkaufskanäle für digitalen Nippes meinen, blüht Super Hexagons hintertriebener Farbentrip im geometrischen Schwindelanfall heilsam auf. Super Hexagon ist die Droge, die ich für den Rausch nehme, nicht für die Sucht. Ohne Nebenwirkungen. Das Spiel als sein eigener Antrieb, es gibt keine drei Sterne je Level, keine Zukauf-Powerups und schon gar kein passiv-aggressives Pushen im Tonfall von “Warum hast du mich seit einer Stunde nicht mehr gespielt? Magst du mich nicht mehr?” Super Hexagon weiß, ich komme ganz von alleine wieder, kennt dann auch kein Erbarmen. Begin, Point, Line. Triangle, Square, Pentagon…Game Over. Und wieder von vorne.