Tödliche Narzissten

Narzissmus muss für viele Übel der Welt herhalten. Narzissten treiben, so heißt es, die Armut voran, indem sie rücksichtslos als ManagerWeltwirtschaft zum eigenen Vorteil lenken, Narzissten sind auch die Mörder, die keine Form der Gewalt zur eigenen Bedürfnisbefriedigung scheuen. Der Narzissmus ist nicht nur übel, er ist ein Übel an sich, das es zu bekämpfen gilt. In ihrem Artikel Narcissism and terrorism: how the personality disorder leads to deadly violence betrachtet Anne Manne den Narzissmus als Antrieb für politischen Extremismus1, Radikalisierung, Fundamentalismus und Terrorismus. Manne deutet das bei laxer Verwendung des Narzissmusbegriffs widersprüchlich erscheinende Verhalten der von ihr genannten Islamisten an, sich einer höheren Sache zu verschreiben oder gar andere Persönlichkeiten zu verehren, obwohl sie der Definition nach sich selbst zum Maßstab der Welt erklären. Es bleibt aber bei dieser Andeutung, da Manne in der Kürze des Texts Aspekte ausblendet, die überhaupt erst verständlich machen, warum der Narzissmus dazu in der Lage ist, Menschen zu Unmenschlichem anzutreiben, wie moderne Gesellschaften den Narzissmus implizit oder sogar explizit fördern und was wir daraus lernen können.

Pathologische Vereinfachung

Manne zieht es vor, ihren Text plastisch an einem Beispiel zu beginnen, lässt dabei aber offen, was der Narzissmus nun sei, was ihn zur Persönlichkeitsstörung mache. Erst nach einer längeren Erzählung über die Stationen eines tödlich agierenden Narzissten liefert Manne eine Minimaldefinition des Narzissmus als Persönlichkeitsstörung:

Narcissistic personality disorder involves a pervasive grandiosity, an extreme desire for attention, a sense of entitlement, a willingness to exploit or mistreat others, an excessive need for admiration and a lack of empathy. Yet narcissists can be fragile too and prone to outbursts of humiliated rage. Their grandiose self-beliefs are built on foundations as solid as quicksand, hence the need for constant admiration and attention, shoring up their unstable sense of self.

Auf kurzem Raum beschreibt Manne die minimalen Voraussetzungen dessen, was sie im weiteren Verlauf als Narzissmus versteht, aber weder sie selbst noch der verlinkte, vermeintlich erklärende Text ordnen ein, was die narzisstische Persönlichkeitsstörung vom landläufigen Narzissmus unterscheidet. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine pathologische Klasse in der Psychologie, die nur eine der beispielsweise im ICD-10 erfassten Persönlichkeitsstörungen ist. Manne verweist auf die Gefährlichkeit, die der narzisstischen Persönlichkeitsstörung innewohnen kann, blendet aber aus, dass die Diagnose nicht zu verhehrenden Ergebnissen führen muss, meist die Persönlichkeitsstörungen primär für die Betroffenen starkes Leiden bedeuten. Auch wenn die narzisstische Persönlichkeitsstörung ihrem Wesen nach etwas anders gelagert ist, was den Leidensdruck angeht, da die narzisstische Persönlichkeit gerade mit Selbstüberhöhung einhergeht, sind es belastende und vor allem für die Betroffenen schädigende Persönlichkeitsstrukturen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, da der Narzissmus sonst lediglich ein Vorwurf bleibt, der eine Distanz zu Tätern aufbauen soll, aber keinerlei Beitrag zum Verständnis und der Besserung der Situation leistet. Manne, wie es oft der Fall ist, wenn über psychische Erkrankungen geschrieben wird, mit dem Finger auf einen normabweichenden psychischen Zustand zu zeigen, ohne aber die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine krankhafte psychische Konstellation, sie lediglich zu benennen hat kaum Wert für den öffentlichen Diskurs über individuelle Gewalttaten.

Narrative Vereinfachung

Ohne es zu merken, verstärkt Manne einen narrativen Effekt, der jede Berichterstattung über die narzisstische Persönlichkeitsstörung oder nach ihr definierte Narzissten zu einem Minenfeld macht. Bereits die anekdotische Eröffnung ihres Textes zeigt die Schwäche auf, über Menschen zu schreiben, die nach Ruhm, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit streben, um die eigene Größe zu bestätigen. Über sie zu schreiben, ihre Taten zu schildern, die außergewöhnliche Rücksichtslosigkeit und Brutalität zu thematisieren, bestätigen im öffentlichen Raum erst die krankhaften Annahmen der narzisstischen Personen. Ihr Ego wird durch die bestenfalls einzigartige Gewalt erst validiert. Daher ist problematisch, einen solchen Text mit personalisierten Beispielen zu spicken, es spielt den Narzissten narrativ in die Karten.

Die Individualisierung der Taten narzisstisch angetriebener Menschen ist Teil des eigentlichen Problems, das Manne aber auch nur andeutet. Auch wenn narzisstische Persönlichkeitsstörungen vielfältige und bislang nicht endgültig geklärte Ursachen haben, können sie nach gängiger Meinung gesellschaftlich gefördert oder immerhin nicht effektiv abgefangen werden. Der Einfluss der sozialen Mechanismen spielt also durchaus eine Rolle, also müssen gerade auch diese Mechanismen geprüft und hinterfragt werden. Doch in diesem Text entsteht die leider übliche Schere zwischen Individuum und Gesellschaft, die oft einer Lösung der Probleme im Weg steht. Das normabweichende Verhalten wird individualisiert, die Last bleibt auf den Schultern der Narzissten liegen, dabei dürfte schon auffallen, dass diese gesellschaftliche Zurückweisung faktisch genau die Einzigartigkeit schafft, die Narzissten intuitiv als Bestätigung erleben müssen. Eine gesellschaftliche Problemlösung wird gar nicht erst diskutiert, denn das Individuum müsse sich korrigieren.

Gesellschaftliche Heilung

Aber genau an dieser Stelle müsste angesetzt werden, die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine krankhafte Störung, damit ist die Verantwortung nicht bloß auf die betroffene Person abzuwälzen. Gerade dann auch nicht, wenn es Teil der Krankheit ist, sich gar nicht als krank zu erkennen. Der Narzisst wird von sich denken, dass er gut ist, so wie er ist. Ein narzisstischer Mensch wird also von sich aus kaum auf die Idee kommen, sich therapieren zu lassen. Daraus folgt dann aber nicht, dass dieser Person nicht geholfen werden müsse. Im Gegenteil wird daraus ein gesellschaftlicher Imperativ, dieses Verhalten konstruktiv für das Individuum und die Gesellschaft zu therapieren. Das fängt damit an, den Narzissmus nicht durch die individualisierte Berichterstattung zu validieren, ebenso gehört dazu, die eigenen Mechanismen der Gesellschaft zu hinterfragen, die beispielsweise nicht-tödlichen Narzissmus fördern und es wird nötig sein, die therapeutischen Mittel zur Erkennung und Therapie zu entwickeln. Der moralische Fingerzeig nutzt nicht, wenn er auf kranke Menschen zeigt.

1 Der Begriff Extremismus ist problematisch und wird hier nur als Kürzel verwendet, dass es auch ein politischer Kampfbegriff ist, soll nicht komplett ausgeblendet werden.

Normalgewichtige Normalgewichtung

Wenn es denn schon heißt, dass die Adipositas die Europäer bis 2030 in eine Krise gestürzt haben wird, dann frage ich mich, was bis dahin normal sein wird. Nehmen wir mal als Beispiel ein paar Zeilen aus der Wirtschaftswoche:

Auch die Deutschen legen Pfunde zu, heißt es in einem WHO-Bericht. Demnach sind in manchen Ländern 2030 nur noch wenige normalgewichtig.

Soll also heißen, ab spätestens 2030 werden die übergewichtigen Menschen in diesem Land und Europa normalgewichtig sein? Demnach würde ich auch nicht mehr fürchten, dass Übergewichtige und Adipöse einem Stigma unterliegen werden, wie es in einer weiteren Stelle heißt:

Doch nicht nur gesundheitliche Probleme belasten die Betroffenen. Gerade stark fettleibige Menschen (BMI ab 35) sind zudem oft Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt […]

Wäre nicht eher zu fürchten, dass stark dürrleibige Menschen ab 2030 mit Repressalien rechnen müssen? Ich mag mich irren, aber was ist schon normal? Warten wir also gespannt auf die nächste WHO-Studie, die uns belegen wird, dass ab 2059 weltweit etwa 98 Prozent der Überalterten ab dem Lebensalter von mindestens 80 Lebensjahren eine höhere Sterblichkeitswahrscheinlichkeit haben als Normalalternde, die bloß 25 Jahre aufm Buckel haben.

Wohin mit der Streikwut?

Wenn natürlich die Wut schon schön politisch kanalisiert wird, sodass ein Grundrecht auf Streik als Last empfunden wird, ist die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität ja schon vorbildlich vernichtet.

Über die Unannehmlichkeiten und Störungen auf einer persönlichen Ebene verärgert zu sein, das ist nicht das Problem. Mir ist es lästig, vielen anderen Menschen ist es lästig. Darüber Unmut zu äußern ist menschlich und auch nachvollziehbar. Es ist aber weniger wichtig, als es die Dringlichkeit des Streikrechts ist.

Von daher können die Menschen in Deutschland ab morgen ruhig ächzen und schnaufen. Sollten sie wütend werden, wünsche ich mir, sie würden reflektieren, wem sie mit ihrer Wut und dem Unmut helfen. Und würden sie erkennen, wem es hilft, würden sie auch erkennen, warum es im Sinne aller ist, sich mit anderen solidarisch zu zeigen.

Leider befürchte ich, es wird morgen die falschen treffen. Vor allem diejenigen, die morgen noch öffentliche Verkehrsmittel steuern, weil sie einen arbeitsrechtlich anderen Status haben oder einem nicht bestreikten Verbund angehören, sollten morgen nicht die geballte Wut abbekommen. Sie fahren doch. Und die anderen streiken. Womit? Mit Recht.

Der verfickte weiße Ritter

Vor dem Ausgang der Ringbahnhaltestelle stand ein stämmiger Kerl am Rande des Weges. Schon aus etwas Entfernung irritierten mich seine unvorhersehbaren Ausfallschritte, mal nach rechts, dann wieder nach links. Ich wollte meine Kopfhörer gerade aufsetzen, da hörte ich eine tiefe Männerstimme aus derselben Richtung: „Sie kommen nicht vorbei, ich rufe die Polizei! Was fällt Ihnen ein?“

Als ich ungefähr auf seiner Höhe war, konnte ich an seinen breiten Schultern und dem noch breiteren Bauch, der seine offene Jacke und das modische Hemd darunter spannte, vorbei sehen. Ich erschrak sofort. Hinter dem Mann, der im Vergleich wie ein Koloss wirkte, stand eine junge Frau. Sie war höchstens halb so alt wie der kräftige Mann im mittleren Alter. Er sprach auf sie herab, immer wieder von der Polizei. Sie sah verzweifelt aus, als ob sie schon minutenlang versuchte, dem Mann und seinen Drohungen auszuweichen. Nur ließ er sie nicht, er spiegelte jeden ihrer Ausfallschritte und verstellte ihr jeden Fluchtweg mit seinem ganzen Körper.

Sie suchte meinen Blick, ich sah ihre Angst. Instinktiv wollte ich mich raushalten, der Mann war zwei Köpfe größer als sie, immer noch einen größer als ich. Bevor ich einen Schritt an den beiden vorbei machen konnte, hörte ich mich fragen: „Was ist hier los?“

„Das geht Sie gar nichts an.“, grölte er zurück und beäugte sie dabei aufmerksam, um sie nicht entwischen zu lassen.

„Was hat sie Ihnen denn getan?“

„Da!“, seine Finger zeigten auf ein Papiertaschentuch auf dem Boden. „Das hebt sie gefälligst auf! Oder ich rufe die Polizei!“

Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet, seine Erklärung war so banal, ich musste lachen. „Das ist der Grund, warum Sie die Frau nicht gehen lassen?“

Die junge Frau bemerkte meine Fassungslosigkeit sofort. „Das ist alles.“, sagte sie. „Aber ich verpasse meinen Zug.“

„Dann heben Sie das auf. Sofort! Oder ich rufe die Polizei.“

Es reichte mir: „Lassen Sie es sein oder rufen Sie die Polizei. Das ist kein Grund, die Frau hier so anzugehen.“

„Finden Sie das auch noch richtig?“, er hatte alle Selbstgerechtigkeit in den Satz gepackt, so als könne er wirklich nicht fassen, dass ich nicht auf seiner Seite stand. Ich fasste ihn leicht am Arm, um ihn sanft davon abzuhalten, weiter im Weg zu stehen. Er parierte das mit noch lauterer Stimme: „Fassen Sie mich nicht an, ich rufe die Polizei.“

Allmählich schossen alle Botenstoffe über das Rückenmark, ein kalter Schauer durchfuhr mich. Ich ging jetzt ernsthaft von von einem handgreiflichen Ende der ganzen Auseinandersetzung aus. Wenn es denn so kommen würde, musste ich keine Rücksicht mehr kennen: „Rufen Sie die Polizei, die kommt allerhöchstens wegen Nötigung, Freiheitsberaubung oder ähnlichem. Durch Sie.“

Er lachte nur. Der Frau stieg die Verzweiflung nun auch in einem verzweifelten Lachen auf. Ich lachte auch, ungläubig. Die Frau und ich tauschten eilig Blicke aus, dann stellte ich mich mit meinem Rücken vor den Mann. Mit meiner Hand deutete ich ihr an, wo sie vorbei konnte. Dann stellte ich mich ihm in den Weg.

Ich spürte seinen runden Bauch auf meinem Rücken. In Gedanken stellte ich mich auf den hellen Blitz vor meinen Augen ein, wenn sein Schlag mich am Hinterkopf träfe. Fast konnte ich den imaginierten Griff seiner massiven Hände spüren, als ich mir seinen Griff nach meinen Nacken ausmalte. Überraschenderweise spürte ich schnell nur, dass er aufgab. Die junge Frau rief mir ein erleichtertes „Danke“ entgegen und huschte an uns vorbei in Richtung der Gleise.

Der Mann deckte mich mit lauten Sätzen ein, was ich mir denn einbildete, wie ich das nur unterstützen könnte, was für eine Schande das doch sei. Mir war es egal, denn er folgte mir, nicht aber ihr. Ich ging in die entgegengesetzte Richtung und hörte mir das alles an, bis es aus mir platzte: „Nehmen Sie doch einfach Ihre Selbstgerechtigkeit und heben sie sich für Leute auf, die das interessiert. Im Zweifel niemanden.“

Dann trennten sich unsere Wege, auch wenn ich ihn noch länger schimpfen hörte. Und jetzt sitze ich hier und bin wütend. Wütend, dass der selbsternannte weiße Ritter der Spießbürgerlichkeit natürlich nur den Mut hatte, eine viel jüngere, kleinere Frau aufzuhalten. Sobald aber auch nur ein Mann auf den Plan trat, kuschte er. Und ich ärgere mich, dass er und ich es wohl in ein paar Tagen vergessen haben, die junge Frau aber nicht. Sie wird es womöglich nie vergessen. Nur weil sie ein Taschentuch an den Wegrand warf. Nicht schön, aber kein Grund für diese Belästigung und Einschüchterung. Wahrscheinlich wird sie ihn nie vergessen. Ihn und all die anderen weißen Ritter in Rüstungen aus Selbstgerechtigkeit. Dieser eingebildete Edelmann auf dem hohen Ross der Heuchelei. Bei ihr traut er sich, bei mir nicht. Es wird nichts damit zu tun gehabt haben, dass sie kleiner war als er, schwächer und ihre Haut dunkler als meine oder seine. Dieser verfickte weiße Ritter.

Wilfred: Sittenstrolch

Wer in der Reihe der fantastisch erfolgreichen Verfilmungen von Tolkiens Herr der Ringe Hauptdarsteller war, sollte keine weltlichen Sorgen kennen. Ein gutes Management vorausgesetzt, sollten die Verträge einer effektiven Frührente für Bestbetuchte gleichkommen. Über all diese Voraussetzungen dürfte Elijah Wood verfügen, so schließt sich die eine Frage an: Was nun?

Wood wirkt nicht wie der Typ Schauspieler, der sich der Dekadenz hingibt. Über einen halben Planeten zwischen uns und die absolute persönliche Unbekanntheit setze ich mich hinweg, indem ich von Wood annehme, dass er sich nur den Luxus gönnt, eben noch die Projekte anzunehmen, die ihm den größten Nutzen versprechen. Da müsste er doch eigentlich in Erklärungsnot geraten, was ihn geritten hat, in einer Serie mitzuspielen, in der nur der von ihm gespielte Ryan nach einem erfolglosen Selbstmordversuch durch Medikamentenüberdosis den Hund seiner Nachbarin als Mittdreißiger im flauschigen Hundekostüm sieht?

Worum es in Wilfred geht, ist schwer in Worte zu fassen. Es ist, wie es oben beschrieben wurde. Ein depressiver Mann hat einen imaginären Freund in dem Hund seiner Nachbarin gefunden, für die er auch noch, fast selbstverständlich, Gefühle hegt. Ryan und Wilfred stolpern von einer abstrusen Schweiner in die nächste. Wilfred ist dabei nichts peinlich. Wieso auch, er ist ein Hund. Ryan und auch sein Gewissen aber müssen desöfteren beruhigt werden. Da trifft sich hervorragend, dass beide leidenschaftlich gern kiffen. Das soll ja ausgleichend wirken.

Die Serie ist eines nicht, auch wenn es sich so anhört: albern. Sie zu beschreiben läuft, wie gesagt, Gefahr, sie ins Lächerliche zu ziehen. Im besten Falle ist sie ein rigoroser Verstoß gegen den guten Geschmack. Meist jedoch entpuppen sich die Handlungsstränge als subversive Dramedy. Unter dem Kostüm des Hundes steckt ein Es; eine ungebremste, triebhafte Erscheinung, die Ryans Leben zu gleichen Teilen zu heilen wie zu ruinieren in der Lage ist. Der imaginierte Hund ist eine entgrenzte, hemmungslose Instanz irgendwo zwischen Ryans Fremd- und Selbstwahrnehmung.

In Wilfred bricht eine besondere Form anarchischen Humors hervor. Die Perspektive des Hundes erlaubt es, die menschlichen Normen zu brechen, ohne dabei plump in Gossenhumor auszupacken. Nicht dass die Gosse nicht Thema wäre, aber erfreulicherweise entsteht der Humor daraus, dass Ekel, Abscheu und Grenzverstöße mit der manischen Freude eine Hundes daherkommt, der sich an unsere Regeln nicht halten muss. Meist entsteht der Humor auch nur verbal, ist damit eleganter als mit dem Holzhammer vorgetragener Klamauk. Ein widerwärtiger Spaß.

Soziale Werbung – und warum wir sie nicht brauchen

Mit der Tür ins Haus zu fallen ist keine schlechte Eigenschaft, um eine Diskussion anzustoßen. In diesem Sinne ist mspro die Expertise im ‚Auf-Türen-durch-dein-mentales-Wohnzimmer-reiten‘ überhaupt nicht abzusprechen. Im Falle von Werbung ist sozial führt ihn die polemische Ausrichtung seines Textes, die ich sonst schätze, aber in den roten Bereich der fatalen Komplexitätsreduktion. Die Tür, ich bleibe mal bei dem Bild, ist schon im mentalen Flur so abgeschmirgelt, dass sie Papier zu nennen noch reichlich optimistisch wäre. Seine Annahme ist nicht falsch, für meine Begriffe aber auch nicht ausreichend.

Die Sache mit der Umverteilung

Seine Argumentation klingt überzeugend einfach, denn Werbung sei ein Mittel der Quersubventionierung zu Gunsten der Ärmeren Gesellschaftsteile. Nehmet den Reichen, gebet den Armen:

Denn das, was erreicht werden soll ist schließlich, dass der Empfänger der Werbung sein Geld für die beworbenen Produkte ausgibt. Je mehr Geld er hat, desto mehr wert ist seine Aufmerksamkeit. Daraus folgt: die Daten und die Aufmerksamkeit der Besserverdienenden quersubventionieren zu einem nicht unwesentlichen teil meinen Medienkonsum. Und den von vielen anderen Leuten mit wenig Geld.

Das klingt einleuchtend. So funktionieren weite Teile der sozialen Netzwerke im Web. Es ist auch offenkundig eine Umverteilung, das ist kaum zu bestreiten. Gegen die Umverteilung von oben nach unten malt er das Bild einer verhärmten Elite, die sich mit Geld exklusive Clubs hält. Der vermeintliche Plebs muss draußen bleiben. Dagegen wirken werbefinanzierte Umverteilungsnetzwerke geradezu egalitär. Doch schon sein Beispiel zeigt, dass diese Umverteilung nicht alternativlos ist. Er spricht app.net an, das einstmals nur durch eine Bezahlschranke erreichbar war, doch ist dieser Dienst mittlerweile geeignet, sein Argument zu entkräften. Seit Anfang des Jahres gibt es – im Funktionsumfang eingeschränkte – kostenlose Accounts. Was geschieht da? Umverteilung.

Dieses Mal aber nicht über den Umweg der Werbung. Die zahlenden Nutzerinnen und Nutzer subventionieren die kostenlosen Accounts. Dieses Freemium-Modell ist so neu auch nicht mehr. Ein Paradebeispiel ist github, wo zahlungskräftige Nutzerinnen und Nutzer sich private Repos erkaufen, damit aber die Open-Source-Öffentlichkeit finanzieren. Denn solange dort Code frei zugänglich gemacht wird, ist die Nutzung kostenlos.  So alternativlos ist die von mspro angenommene Umverteilung der Werbung also nicht. Ähnliche Umverteilungsmechanismen sind etabliert, erfolgreich und haben alle Vorteile der werbefinanzierten Umverteilung. Heben die Nachteile der Werbung aber auf.

Ist Umverteilung durch Werbung sozial?

Werbung hat eine soziale Funktion innerhalb heutiger ökonomischer Kontexte, ihre gesellschaftliche Funktion macht sie aber allein noch nicht gesellschaftsdienlich. Diese Ambivalenz des Begriffs des Sozialen ist weniger problematisch, denn es gibt keinen Grund, warum Werbung nicht sozial im Sinne von gesellschaftsdienlich sein könnte. mspro zeigt klar, dass sie eine gesellschaftlich wünschenswerte, sogar globale Umverteilung ermöglichen kann. Die Frage ist aber, ob Werbung hierfür ein gutes Mittel und daher Werbefinanzierung wünschenswert ist?

Aus meiner Sicht sprechen viele Argumente gegen werbefinanzierte Umverteilung, die nicht einfach dadurch geschwächt werden, dass mspro sie zur Verfremdung summiert:

Werbung ist nervig, für Werbung werden Daten gesammelt, Werber sind sowieso doof und überhaupt ist Werbung mindestens eine der schlimmsten Ausformungen des Kapitalismus. Einself.

So einfach ist es allerdings nicht, Werbekritik zu widerlegen. Die Datenschutzaspekte lasse ich dabei mal außen vor, mir geht es vorrangig um die Aspekte der Kommunikation. Damit meine ich Kommunikation wie die Sprachwissenschaft beispielsweise sie annimmt, nicht den Euphemismus, mit dem sich Werbung parasitär an die tatsächliche Kommunikation angeschlichen hat. Aus kommunikativer Sicht hat die Werbung erhebliche Nachteile:

  • Je umfangreicher die Werbung, desto geringer die Aufmerksamkeit für tatsächliche soziale Interaktion. Werbung entwickelt eine perfide kommunikative Zentrifugalkraft, die weit über das hinausgeht, was Mainstream-Kommunikation genannt werden kann. Sie bindet auch finanzielle Mittel in Werbeetats und zwingt ihre Bedingungen der Kommunikation auch anderen sozialen Institutionen auf, die nicht die finanzielle Ausstattung haben, gleichberechtigt mit ihr um Aufmerksamkeit konkurrieren zu können.
  • Werbung will keine gleichberechtigte Kommunikation. Sie will ihre Botschaft unwidersprochen etablieren. Wird ihre kommunikative Vormachtstellung hinterfragt, kritisiert oder attackiert, wehrt sie sich mit überbordenden Kräften. Werbung ist eine übermächtige Kommunikationsteilnehmerin. Und sie duldet keinen Widerspruch.
  • Werbung manifestiert mit ihrer Kommunikationskraft soziale Rollen und Muster, die nicht wünschenswert sein können. Gegen die negativen Folgen sozialer Uniformierung, Normierung, Diskreditierung und Diskriminierung durch Werbung sind ihre kommunikativen Vorzüge marginal.
  • Werbung macht abhängig von den Meinungen und Positionen Dritter. Werbung hat eine eigene Agenda, die nicht nicht zwingend sozial im gesellschaftsdienlichen Sinn sein muss. Sie kann diesem Sinn sogar widersprechen. Dennoch wird bei werbefinanzierter Umverteilung die inhaltliche Kontrolle indirekt an die Werbeindustrie abgegeben. Das heißt nicht, dass dies in alternativen Umverteilungsmechanismen nicht der Fall wäre, dass Eliten Inhalte kontrollieren, aber es ist ein wesentlicher Unterschied erkennbar. In Freemium-Umverteilungen entscheiden sich zahlende Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise bewusst für die Netzwerke, weil sie ihren sozialen Wünschen entsprechen. Ihr Antrieb ist also die soziale Interaktion, für die sie gerne zahlen und subventionieren. Werbung zahlt dagegen nicht für soziale Interaktion, sondern für Eingriffe in soziale Interaktion.
  • Werbung, das scheint mspro einzugestehen, interessiert sich nur mittelbar für die Interessen, Meinungen und Gedanken der ärmeren sozialen Schichten, nämlich nur, solange sie für die reicheren Schichten als Projektionsfläche sozialer Interaktion dienen. Gerade wegen der von mspro angenommenen egalitären Motive der Umverteilung, halte ich die mittelbare Abhängigkeit weiter Teile der globalen Gesellschaft in Diskursen für überaus problematisch.

Aus meiner Sicht reichen allein die kommunikativen Folgen von werbegestützter Umverteilung, um nach Alternativen zu ihr zu suchen. Ich will noch kurz darauf verweisen, dass es durchaus auch noch kritische Punkte gibt, die zu den Rahmenbedingungen der Ungleichverteilung von finanziellen Mitteln heutzutage zu sagen wären, aber das würde den Rahmen sprengen.

Werbung kann sozial sein, ist aber nicht erstrebenswert

Für mich ergibt sich ein einfacher Schluss. Werbung kann sozial sein, muss es aber nicht. Und sie ist es in den meisten Fällen auch nicht.  Ihre intrinsischen kommunikativen Mechanismen widersprechen nicht grundsätzlich einer sozialen, also gesellschaftsdienlichen Funktion, dauerhaft allerdings gerät sie in Konflikt mit diskurstheoretisch notwendigen Bedingungen. Allein deshalb reicht mspros Annahme nicht aus, um werbefinanzierte Umverteilung gutheißen zu können. Alternative Modelle, auch wenn sie noch lange nicht problemlos sind, verfügen nicht über das störende, übergriffige Potenzial, soziale Interaktion und Kommunikation zu beeinflussen, behindern oder verhindern zu wollen. Werbung kann also durchaus, da hat mspro recht, sozial sein. Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Fragt lieber: Wird sie jemals sozial genug sein?

Piraten be gone: Eine aussagekräftige Lücke

In einer weiteren Runde der Demaskierung eines großen Teils der Piratenpartei gibt sich nun Bundesschatzmeisterin Swanhild Goetze die Blöße. Dabei offenbart Goetze die tief in großen Teilen der Partei verwurzelte mechanistische Vorstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit. Sie übertragen dabei Konzepte der Informatik blind auf eine Makroperspektive der Gesellschaft. Gesellschaften funktionieren allerdings nicht rückstandlos in klassischer Schaltlogik. Und auch Gleichheit funktioniert nicht, indem sie wegdefiniert wird. Freiheit wird nicht durch konfliktlose Namensräume ermöglicht, wenn die Existenz dieser unterschiedlichen Namensräume Teil des verhandelten Problems ist.

Das will vielen Piraten und auch mancher Piratin nicht in den Kopf, sodass sie sich auf eine Position der Neutralität zurückziehen, die alles ist, nur nicht neutral. Ein Beispiel findet sich in der Einführung eines Textfilters im Sync-Forum der Piratenpartei. Gegen dieses Tool regte sich Widerstand, denn es filtert die Texte im Forum, ob ein Binnen-I oder ähnliche Mechanismen zur Sichtbarmachung von Geschlechtern und Lebensformen zu unterdrücken. Nun lehnte die Bundesschatzmeisterin einen Antrag ab, der die Entfernung des Plugins zum Ziel hatte. Die Begründung (via) ist dabei teilweise hanebüchen, aber bezeichnend hanebüchen für eine Partei, deren intellektuelle Konturlosigkeit und naive Gesellschaftsbilder schmerzvoll offenkundig werden.

Aber was spricht gegen das Plugin? Und warum ist die Begründung von Goetze so traurig?

Mechanistische Texteingriffe

Das Plugin beruht auf einem Add-On für Mozillas Firefox und Google Chrome mit dem schönen Titel Binnen-I be gone. Es ist eine kleine Ansammlung von regulären Ausdrücken, die sich auf das Binnen-I wie bspw. in BürgerIn bezieht. Die eingeschobene Endung -In wird schlicht im Wort ausgeschnitten. Ähnlich wird mit dem gender gap umgegangen. Aber optional können zumindest in Binnen-I be gone auch Dopplungen wie beispielsweise Bürgerinnen und Bürger auf ein schlichtes Bürger eingedampft werden. Technisch ist das äußerst simpel, damit auch stupide gelöst und kann zu völlig verwirrenden Situationen führen. Beispielsweise ergibt allein dervorangehende Satz bei aktiviertem Add-On keinen Sinn mehr. Da hilft im Zweifel auch keine Whitelist. Es ist also eine plumpe sprachreinigende Maßnahme, die aber jederzeit den Sinn eines Textes unbemerkt verschieben kann. Wenn der Sinn nicht gleich völlig kollabiert. Es wird also zugunsten eines vorgeblichen ästhetischen Empfindens der völlige Verlust jeglicher kommunikativen Funktion von Texten in Kauf genommen.

Die Unsichtbarmachung der Sichtbarmachung

Die sprachlichen Konzepte hinter dem Binnen-I und anderen sprachlichen Figuren haben vor allem eine Aufgabe. Sie sollen Menschen und Menschengruppen auch sprachlich sichtbar machen, die bislang in Sammelbegriffen wie dem generischen Maskulinum vereint waren. Verkäufer_in oder Verkäufer*In sollen auf textueller Ebene schon verdeutlichen, dass hier eigentlich ein inklusives Neutrum verwendet werden soll, das es im Deutschen so aber nicht gibt. Sie sind sprachliche Eingriffe, die bewusst die sprachliche Norm brechen. Denn diese sprachliche Norm soll hinterfragt werden. Es geht gar nicht so sehr darum, ob dieses Mittel geeignet ist, eine soziale Veränderung herbeizuführen. Es geht einzig und allein darum, dass Autorinnen und Autoren diese sprachlichen Markierungen bewusst einsetzen, die Markierungen sind Teil ihrer Aussage. Selbst wenn es ihnen inhaltlich um etwas anderes geht, bleibt für sie wichtig, sprachliche Normen zu hinterfragen. Ein Add-On wie Binnen-I be gone greift dort in die Aussage, den Sinn eines Textes ein und verändert diesen im Kern. Sie beschneiden die Meinung von anderen Menschen, die ihre Worte bewusst gewählt haben.

Und die Piraten?

Ja, was ist mit denen? Ist irgendeiner Leserin oder einem Leser aufgefallen, dass ich hier immer Piraten und Piratinnen geschrieben habe? Nein, habe ich nicht? Und was, wenn doch? Meine Rede, es schafft Unsicherheit auf allen Seiten, wenn in die inhaltliche Auseinandersetzung eingegriffen wird. Wie hat Swanhild Goetze sich aus der Affäre zu ziehen versucht?

Es kann niemand vermeiden, dass sich jemand für sich das Browser-Plugins http://binnenibegone.awardspace.com/ installiert, von dem die Option im Forum entnommen wurde. Auch in diesem Fall wird der Text für den Empfänger anders dargestellt, als es der Sender beabsichtigt hatte.

Ja, klar. Genau das sollte es auch sein, eine Entscheidung der einzelnen Personen. Nur weil Menschen sich einen Baseballschläger kaufen können, um damit auf wessen Köpfe auch immer einzuschlagen und es ihre freie Entscheidung ist, dies gegebenenfalls zu unterlassen, muss ich nicht jedem Menschen, der meine Wohnung betritt, einen solchen Holzknüppel in die Hand drücken. Oder sollte ich es als freundlicher Gastgeber doch tun, nur damit meine Gäste ihre Freiheit ausleben können? Das kann nicht Goetzes Ernst sein. Was schreibt sie noch?

Es gibt Menschen, die möchten gerne nur schnell einen Text überfliegen, um zu wissen, worum es im Großen und Ganzen geht, aber sie möchten sich nicht allzusehr inhaltlich mit dem Geschriebenen befassen. Auch diesen Menschen möchte ich es ermöglichen, sich schnell einen Überblick verschaffen zu können.

Und genau dieser Leserschaft soll es leicht gemacht werden, sich selbst vorzuenthalten, dass es der Verfasserin oder dem Verfasser wichtig ist, sprachlich die Vielfältigkeit menschlicher Daseinsformen zu verdeutlichen? Das versteht Goetze unter Neutralität? Es wird aber noch besser.

Sofern wir vor jeglicher technischer Neuerung vor Programmierung immer erst diskutieren und entscheiden müssten, würden viele Dinge niemals programmiert werden.

Schon mal was von Technikfolgenabschätzung gehört? Das heißt nicht etwa, eine Technik zu entwickeln, erst einmal einzusetzen und dann die Folgen abzugrenzen. Gerade vor und während der Entwicklung einer Technik sollen die möglichen Folgen schon abgewogen werden. Und ehrlich, bei nicht einmal 125 Zeilen Regex-Code können manche Piratin und einige Piraten nicht mehr abschätzen, worauf die Textersetzungen abzielen? Sie können nicht sehen, dass sie hier eine Infrastruktur zur selektiven Beschneidung und Verfremdung von fremden Inhalten propagieren. Alles unter dem Deckmäntelchen der Freiheitlichkeit und des Austausches von Meinungen?

Da hilft aus meiner Sicht auch nicht, dass nun im Zuge des Protests gegen das Plugin und die brüchige Verklärung als Service am Kunden eine Erweiterung eingeführt wurde. Ist das Plugin aktiv, soll nun am Ende des veränderten Textes folgender Text eingeblendet werden:

In diesem Beitrag wurden Genderformen entfernt, hier klicken, um die unveränderte Originalversion zu sehen

Das macht es nicht mehr besser. Allein der Umstand, selektive Beschneidung von Meinungen zu erlauben, lässt mich an der Glaubwürdigkeit einer Partei zweifeln, die sich Freiheitsliebe, Schutz von Meinungsäußerungen und die Ausweitung bürgerlicher Rechte auf die Fahnen geschrieben hat. Herzlichen Glückwunsch, die Piratenpartei ist im Sync-Forum jetzt auch ein Unterdrücker.

Im Namen der Redefreiheit, her mit den Trollen

John F. Nebel kann sich auch noch so abmühen, der unfertige Versuch einer aufgeräumten Definition von Zensur, die auch die Informationskontrolle durch Konzerne, Verbände oder Individuen berücksichtigt, überzeugt mich überhaupt nicht. Das liegt nicht an der Annahme einer möglichst ungestörten Kommunikation zwischen Menschen, die implizit mitschwingt. Auch die Erweiterung der Zensur ist wenig problematisch, wenn zwischen staatlicher und nicht-staatlicher Zensur unterschieden wird, wobei diese Differenzierung noch um eine Trennung nach Legitimität des Eingriffs unterschieden wird1. Nebel übersieht die Tragweite des Begriffs Informationsfluss. Am Anfang wirkt das wie ein hervorragender Gradmesser für Zensur, ob nun staatlich oder nicht. Auf jeden Fall sieht Nebel es so. Ein Blog sperrt Kommentare und macht dies nicht einmal sichtbar, ein Unternehmen verbietet bestimmte Inhalte in seinen Portalen, ein Staat inhaftiert Redakteure missliebiger Zeitungen. Alles Zensur, erst recht, wenn es nicht transparent gemacht wird:

Doch überall, wo intransparent Information unterdrückt wird, ist der Fluss der Information gestört und für Außenstehende nicht mehr nachvollziehbar. Insbesondere bei der zunehmenden Macht von Konzernen im Hinblick auf Informationskontrolle ist das ein ernstzunehmendes Problem.

Diese Form der Freiheitlichkeit beißt sich an der Information fest. Sie soll frei sein, fließen und alles durchströmen. Die Kommunikation sieht diese Vorstellung von Zensur aber nicht. Dass sie aber nicht dasselbe sind, hat eine entscheidende Bedeutung. Denn, mit Watzlawick gesprochen, es ist nicht möglich, nicht zu kommunizieren. Nicht zu informieren schon. Kommunikation != Information.

Erst einmal entsteht schon information overkill, aber darauf will ich nicht hinaus. Information ist ohne Kommunikation kaum möglich, zumindest fruchtlos, aber es gibt Kommunikation, die nicht-informativ im Sinne eines freien Diskurses ist. Sie ist emotional, psychisch oder auch sozial. Aus diesen nicht-informativen Kommunikationsformen entstehen Informationsstörungen. Diese Störungen sollten aber gerade die Information nicht beeinträchtigen. An dieser Stelle fällt für mich Nebels Begriff zusammen. Trolle, Stalker, Spammer, wer auch immer eine Kommunikation von und über Information mit nicht-informativer Kommunikation beeinträchtigt oder unterbindet, sollte in kommunikative Schranken verwiesen werden. Das als Zensur zu bezeichnen klingt für mich widersinnig, gerade wenn Information das ultimative Ziel ist.

Das war jetzt viel Bürokratendeutsch. Ich versuche es mal in Form einer Abwandlung eines alten Ausspruchs: Es kommt nicht allein darauf an, dass Information fließt, sondern wohin und wie schnell. Die Information muss auch manchmal vor nicht-informativer Kommunikation geschützt werden. Das wäre aber Zensur nach Nebel, womit wir paradoxerweise wieder am Anfang stehen. Die Frage bleibt, wer darf wann wie viel Einfluss auf Kommunikation nehmen, um Information für alle zu gewährleisten. Mit lockeren kommunikativen Zügeln und Transparenz ist nicht viel gewonnen. Leider.

1 Zum Legitimitätsvorbehalt eines Problemlösungsprozesses könnte ich schon einiges sagen. Nicht viel Nettes. Das liegt daran, dass unter dem Deckmantel der Legitimität viel zu oft ein Konsens vermittelt wird, der allerdings nicht halten kann. Denn das Wie, das Wer oder Womit des ursprünglichen Problems wird hübsch in eine Legitimitätsfrage ausgelagert, um eine Abstraktionsstufe erhöht und dann nur noch in kleinem Kreise weiter verhandelt.Priblem nicht gelöst, aber rhetorisch ausgehebelt. Die Juristen haben nach diesem Prinzip mit dem Rechtsstaat eine Ordnungsstruktur geschaffen, die oberflächlich gesellschaftliche Konflikte durch Gesetze zu lösen vorgibt. Wie wir aber alle wissen, ist durch Recht selten Klarheit geschaffen, dass liegt daran, dass die Juristen ihre Konflikte in die Gesetzeskommentare transferierten.

Ist das ein Problem?

Seit ein paar Tagen spült ein reflexartiger Mechanismus der Selbstreflexion einige Begebenheiten in meinem Leben hoch, auf die ich nicht sonderlich stolz bin, nicht darauf, wie ich mich verhalten habe. Denn so bedauerlich es ist, sie alle drehen sich um eine Frage: Bin ich in meinem alltäglichen Verhalten homophob?

Es gibt zwei Antworten darauf, die eine ist die offizielle, die andere ist die von introspektiver Wahrnehmung geprägte. Die erste Antwort lautet selbstverständlich, ich bin nicht homophob. Wie jeder aufgeklärte Mensch lasse ich da nichts auf mich kommen, ich bin selbstredend auf der Seite des Guten, des Rechtschaffenen, des Richtigen. Ich habe mir schon lange alle äußeren, offenkundigen Merkmale der Homophobie oder auch nur der leichtfertigen Herabwürdigung von Schwulen und Lesben abgewöhnt, ein nach meiner Schulhofsozialisation gar nicht mal einfacher Vorgang.

Da gibt es aber noch eine innere Perspektive auf mich und mein Verhalten, dieses Wissen um meine Gedanken, die nie manifeste Handlungen wurden. Gedankenblitze, die ich routiniert ersticke, bevor sie Verwüstung anrichten können. Nur ich kenne sie, zumindest bis jetzt, wo ich einen gewissen öffentlichen Blick auf sie zulasse. Diese Gedanken sind für mich schwerer zu bekämpfen, als meine früheren homophoben Verhaltensweisen der Jugendzeit, diese offenkundigen Muster konnte ich mit Verweis auf meine Gewissensentscheidung und Moralvorstellung als falsch entlarven und in und an mir selbst erfolgreich bekämpfen. Doch gibt es die Wurmfortsätze einer strukturellen Homophobie in mir, die Homosexualität noch immer als Andersartigkeit wahrnimmt, und dieser Andersartigkeit ein Gewicht gibt. Es ist das, was hinlänglich als Heteronormativität bezeichnet wird, diese subliminale Weichenstellung, Menschen anhand des sozial Erwarteten zu kategorisieren. Es ist in mir tiefer angelegt, als meine Vernunft und mein Gewissen reicht. Daher lautet, so schmerzlich es für mich ist, die zweite Antwort: Ja, ich bin strukturell noch immer homophob.

Und erst jetzt wird mir schlagartig klar, welche Arbeit noch vor mir steht, denn diese Heteronormativität als das, was sie ist, wahrzunehmen, wird mir erst jetzt in vollem Umfang klar. Warum habe ich sie nicht in dieser Stärke wahrgenommen? In den vergangenen Tagen, ich habe es ja schon geschrieben, wird da einiger Morast an die mentalen Strände gespült, die für sich betrachtet immer nur bloß Treibgut waren. Ein paar Habseligkeiten hier, alte Kleidungsstücke dort, aufgeblähtes Tafelholz, alles nur zusammenhangloser Unrat, den das Meer verschlungen und nun unwillkürlich ausgespuckt hatte. Doch jetzt stehe ich hier am Strand vor dieser Wasserleiche und merke, da könnte mehr passiert sein, als ich mir eingeredet hatte.

Was ich konkret meine? Nur ein Beispiel aus einer Zeit vor zehn, vielleicht elf Jahren, als ich auf der Suche nach einem WG-Zimmer war. Bei einer der Besichtigungen lief alles prächtig, das Zimmer war ordentlich groß, die Wohnung sauber, aber nicht steril, vor allem aber waren die potenziellen Mitbewohner sympathisch. Mir war es gar nicht aufgefallen, aber mitten in der Unterhaltung über unsere Hobbys, was wir für Musik mögen, sagte der eine ganz beiläufig: "Übrigens, ich bin schwul. Ist das ein Problem für dich?" Meine Antwort fiel lapidar aus: "Nein. Ich bin es nicht. Das ist ja auch kein Problem." Die Unterhaltung setzten wir ohne Unterbrechung fort. Und genau das macht mir heute zu schaffen. Warum habe ich es als normalen Hinweis aufgefasst? Wieso musste es überhaupt zur Sprache kommen? Wieso empfand ich es nicht als unangebracht, dass er mich darauf hingewiesen hat und die Frage gestellt hat? Was ging mich das an? Heteronormativität ging mich das was an, das war es. Ich empfand es offenkundig, als ’normal‘, darauf hingewiesen zu werden, womöglich mit einem Schwulen zusammenzuleben. Der eine hörte Metal, der andere spielte gern Fußball und der andere ist schwul. Ein Problem damit? Wieso hat es zehn Jahre gebraucht, bis mir auffällt, was an dieser Aufzählung nicht stimmte? Ich hatte kein Problem mit der Homosexualität, aber auch nicht mit der Frage, das ist das heteronormative Problem.