Linkgebliebenes 7

So, Hausputz in der Leseliste, wo sich noch immer viele Reste aus der kalendarisch begründeten Ruhephase finden.

Macht sich The Big Bang Theory über die Nerdkultur lustig? Ich teile diese Position nicht, da ich nicht davon ausgehe, dass Penny der eigentliche erzählerische Fokus der Serie ist. Zumal sie auch gerade in der ersten Staffel als vollkommenes Dummchen verkauft wird. Aber eventuell ist es ein Hinweis darauf, dass der Humor von TBBT an vielen Stellen doch zu sehr mit dem Holzhammer ist.

Wie war das noch gleich mit der Nerdkultur? Alles gut hier, oder? Ich wollte mir die Verweise auf das Hacker Jeopardy auf dem 29c3 und die derben Zoten der Moderatoren – und natürlich diese Karten – sparen. Das Thema fühlt sich schon so alt an, auch wenn es wichtig war.

Aber das hier ist der Ausputz, also: Ganz allgemein, anekdotaler Gegenentwurf, noch mehr Eindrücke, dann ein Blick eines Schwulen auf Feminismus, die Replik, dann braucht es eine inklusivere Netzkultur, hier kann man in den Kommentaren gleich die Hoffnung verlieren. Deshalb sind die schlechten Witze keine Hilfe, denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Und genau aus diesem und anderen Gründen gab es diese Karten. Nuff said?

Und weiter geht die Ismen-Tombola. Ich würde es mir ja auch gerne sparen, aber es geht nicht ohne. Rassismus und Kunst. Noch so eine Sache, die die Leute auf die Palme bringt. Bei einigen ist es Heldenmut, bei anderen rigide Zensur. Was war noch mal das Problem mit dem Entfernen von Rassismen aus der (Kinder-)Literatur? Hier, hier. Gehen wir doch ins Kino und schauen uns, Tarantinos akkurate Darstellung des Rassismus und der Sklaverei an. Nicht?

Hui, ich hab da noch mehr zum Sexismus, fällt mir gerade ein. In Computerspielen. Schon wieder? Nein, immer noch.

Oder sind einfach nur zu viele rechte Biobauern im Netz unterwegs? Vielleicht sind diese Probleme ja auch Gründe dafür, dass die Teilnahme an und Beiträge zur Wikipedia nachlassen? Immerhin habe ich die Gewissheit, mir die Errungenschaften der Gadgetkultur noch zu erhalten, selbst wenn ich dann eben auf einer Toilette sitze, die kein fließend Wasser hat.

Hust. Das hat schon ein wenig Staub aufgewirbelt. Aber jetzt ist wieder Ordnung in der Leseliste.

Alltagsrassismus: Muss man denn gleich ausrasten?

In der gegnerischen Spielhälfte, linksaußen am Sechzehnmeterraum, erhält ein Spieler den Ball. Sein Gegner steht etwas zu weit von ihm entfernt, so kann er den flach gespielten Pass mit einer schnellen Drehung in Richtung Grundlinie ziehen. Doch der Gegner sperrt den direkten Weg zum Tor. Der ballführende Angreifer nimmt das Tempo sofort raus, lässt den Ball zwischen seinen Füßen tanzen. In einer flüssigen Bewegung bückt er sich zum Ball, er nimmt ihn in beide Hände, dreht sich zur Tribüne hinter sich um. Wie ein Torwart beim Abschlag, so hält er den Ball vor sich, zieht mit dem rechten Bein ab. Den Ball trifft er allerdings nicht mit voller Kraft, dieser prallt vom Zaun vor der Tribüne ab. Der Spieler blickt hinauf zu den Stehplätzen, selbst als der Schiedsrichter ihn erreicht hat, er schaut zu den aggressiven Fans der gegnerischen Mannschaft. Sie schlagen in die Luft, johlen, schreien runter auf das Spielfeld. Weiterlesen

Linkgebliebenes 6

Der erste Link stammt noch aus der vorweihnachtlichen Zeit,  es ist die Fortsetzung eines journalistischen Versuchs, sich an die Armut von unten heranzutasten. Ist nur ein anekdotisches Verfahren, aber hübsch zu lesen.

Thomas Thielemann hat die Keule ausgepackt und anlässlich des Zeitungssterbens einmal der neoliberalen Attitüde der Medienlandschaft eine übergezogen. Da klingt vielleicht doch eine soziale Kälte und Mitleidlosigkeit gegenüber nun geschassten Redakteuren und Redakteurinnen mit, doch liegt sein Argument nicht so fern, dass sie nun unter den Geistern der Marktfreiheit zu leiden hätten, die sie selbst beschworen haben.

Kommen wir zu Seichterem. Nein, doch nicht. Auch im Gaming-Sektor sieht es noch immer düster aus, wenn es um die Gleichstellung und -behandlung der Geschlechter geht. Katherine Cross blickt zurück auf ein Jahr, in dem die sexistischen Muster in der Spieleszene deutlich und in aller Hässlichkeit ans Tageslicht kamen. Einerseits schon ein Vorteil, da nun immerhin Problembewusstsein entstehen kann. Eine Lösung ist allerdings noch fern.

Ich brauche eine Ablenkung. Wäre es nicht eine herrliche Gedankenspielerei, sich populäre Spiele der Gegenwart als Textadventure vorzustellen? Christopher Livingston hat’s mit Dishonored gemacht.

Es ist trotzdem nicht genug Ablenkung. Warum? Weil man bei Rochus Wolff nachlesen kann, wie es um die Lernfähigkeit mancher (meist männlicher) Mitmenschen steht. Das Argument, dass der Feminismus, die gewandelten Rollenbilder und Frauen ganz allgemein schuld seien an den negativen Auswüchsen, geht nicht unter. Obwohl es so dämlich und auch einfach ist, dieses Argument als den haltlosen Unfug nachzuweisen, der er ist. Wolff nimmt die Begründung noch einmal auf sich. Ob’s bei der Gegenseite ankommt?

Gut, dann eben zur Kinderliteratur. Da kann mir nichts passieren, oder? Da war doch was? Anatol Stefanowitsch wird von mir diese Woche eigentlich komplett verlinkt, hier noch ein Artikel von ihm, der sich mit Kristina Schröders vom Feuilleton geschmähter Wortwahl für das Geschlecht übernatürlicher Wesen auseinandersetzt und zugleich noch darauf eingeht, warum selbstverständlich manche Kulturprodukte sich im Sinne des kulturellen Wandels auch verändern müssten, ohne dass dies wieder als politische Korrektheit niedergeschrien wird.

Ich muss hier raus. Wo lande ich? Beim Sarrazin. Thilo Sarrazin machte sich auch weiterhin um die Integration von Andersdenkenden, Andersglaubenden und Andersaussehenden verdient. Emina Benalia hat da eine Geschichte auf Lager, die mich einfach nur zu absoluter Bewunderung verleitet. Nicht für Sarrazins Inhalte wohlgemerkt, aber wegen seiner Selbstsicherheit, mit der dieser feine Herr plumpe Meinungen als Fakten verkauft. Ich könnte ebenso große Taten vollbringen wie Sarrazin, ebenso groß wie die Entdeckung der selektiven Menschenrechte.

Mich macht das jetzt allerdings nur müde. Sehr müde.

Sprache, Sexismus und Systemadministration: Global symbol „$maskulinum“ requires explicit package name

Es ist eigentlich ganz einfach, könnte immerhin so einfach sein. Dass es das nicht ist, zeigte sich offenkundig wieder daran, wie eine als totalitär – in grober Verkennung des Totalitären – empfundene Markierung diffamierender Sprache negiert, lächerlich gemacht und damit fortgesetzt wurde. Auf dem 29c3. Wo Systemkritik nur als schick zu gelten schien, wenn sie vom typischen, also männlichen Durchschnittshacker für konsensfähig erachtet und nicht durch Selbstkritik und -reflexion belastet wurde. Der Druck, der mit Privilegien verbunden ist, muss kaum zu ertragen sein für die Privilegierten selbst. Dann wird er halt weitergegeben.

Anatol Stefanowitsch hat am Rande des Geschehens allerdings einen Vortrag gehalten, der mit simplen, eindringlichen Beispielen auf den Punkt bringt, was nüchtern betrachtet Sache ist: Unsere Sprache ist kaputt.

Allerdings ist das Deutsche dann offensichtlich doch auf eine ganz seltsame Weise kaputt, wenn nicht mit diesem Defekt umgegangen wird wie mit anderen. Statt Löcher zu flicken, Schäden auszubessern oder ganz in konsumistischer Tradition das beschädigte Gut gleich wegzuwerfen, um es durch ein neues in Glitzerfolie zu ersetzen, wird dieser ganz besondere Schaden am Fundament der deutschen Sprache bewusst kleingeredet. Alles nicht so schlimm, weil immer so gewesen und bloß nicht laut werden, ja. So werden Systeme, die als sprachliche voll und ganz auch gesellschaftliche sind, administriert, nicht gehackt.

Newtown: Das Zeremoniell der Empathie

Diese Geschichte hat zwei Protagonisten, die sich gegenseitig verbunden haben zu einer schicksalhaften Kommunikationsgemeinschaft, in der die Rollen von Sendern und Empfängern im Fluss sind. Ich will mit dem einen Protagonisten beginnen, doch nur unter dem Vorbehalt, dass es keinen Grund jenseits der Willkür gibt, warum dieser und nicht der andere zunächst im Vordergrund steht.

Die Medien, oft auch gerade der Teil der Medienwelt, der sich den Qualitätsjournalismus hat lizenzieren lassen, sodass er fachgerecht auf einem Presseausweis Platz findet, schreibt sich die Leistung zu, Ordnung und Einordnung in die unübersichtliche Lage der Welt zu bringen. Dabei verkennen sie manchmal, vielleicht sogar in den schwierigsten Momenten des menschlichen Miteinanders, welches dann oft ein Gegeneinander ist, was auch zur Einordnung der kleinen Fragmente in das große Gefüge gehört: die Zurückhaltung, das Eingeständnis der eigenen Verunsicherung, die Unzulänglichkeit der eigenen Wahrnehmung und die Flut der Informationen.

Nicht zu wissen, was die Motive des jungen Mannes waren, der in Newtown zunächst seine Mutter und dann in einer Grundschule Kinder und Lehrer erschoss, mag unerträglich sein, ist aber kaum ein guter Grund, nun leidenschaftlich im Trüben zu fischen. Wie kommt es, dass dort, wo Menschen sterben, der Konjunktiv über die Hintergründe zum Leben erweckt wird? Wäre es zu verhindern gewesen? Der Täter habe auf allen Fotos einen kühlen, der Welt entrückten Blick gehabt. Waffen hätten nie im Umlauf sein sollen. Als ob den Toten damit geholfen wäre, wenn schnellstmöglich aus allen Teilen der Welt die reflexiven Interpretations- und Bewältigungsmechanismen des Journalismus auf den Tatort gerichtet werden.

Der Mainstream, unser zweiter Protagonist, verschlingt jedes noch so nichtige Bröckchen. Es als Sensationslüsternheit abzutun ist möglich, geht an der Sache aber doch vorbei: Es ist auch ein Bewältigungsmechanismus, die Tat, den Anschlag, das Massaker vermeintlich gänzlich in sich aufnehmen zu wollen. Schon einmal den Finger in eine klaffende Wunde gesteckt? Die Gier nach jedem morbiden Detail, ob geprüft oder nicht, schafft einen Schmerz, der auch aus der weitesten Entfernung spürbar wird. Aus den Augen verloren, wenn sie überhaupt gesehen wurde: die Ohnmacht, die ein solches Ereignis auslösen sollte.

Nicht spüren zu können, was die Opfer fühlten, die mit brutalster Gewalt niedergestreckt wurden, mag unerträglich sein, es ist aber keine gute Grundlage für Mitgefühl, dies zu simulieren. Empathie ist so eine Sache, die der Mainstream in ritualisiert hat; sie wird in wiederkehrenden Mustern zeremoniell ausgebreitet. Es ist die mechanische Empathie einer Konsumptionsgesellschaft, als ob den Toten damit geholfen wäre, die erlernten und vererbten Verdrängungs- und Sensibilisierungsmethoden an ihnen abzuarbeiten.

Was die beiden nun aber machen, das ist durch nichts mehr zu rechtfertigen: Sie stülpen eine widerwärtige narrative Schablone über alle undenkbaren Geschehnisse. Jedes Ereignis wird emotional überwältigt, gemustert und vermeintlich verständlich gemacht – nicht Verständnis der Situation, sondern emotionale Überwältigung der Ereignisse ist das Ziel. Die Wogen müssen geglättet werden, koste es, was es wolle. So werden zunächst die Täter in Grund und Boden verdammt, dann die Opfer nach heroischen Leistungen, in deren Abwesenheit tun es auch rührselige Lebensläufe, um schlussendlich möglichst schnell in einfache Lösungsvorschläge zu verfallen: Mal sollen es die Medien sein, Musik, Filme, Videospiel, was auch immer. Dann wieder der Waffenbesitz, die (sub-)kulturelle, ethnische, politische oder religiöse Zugehörigkeit. Für andere ist es die gesellschaftliche Verrohung, was genau diese aber ausmacht, ist nicht weiter wichtig.

Was auffällt, sie alle, die vielstimmig im Chor von Medien und Mainstream singen, sie haben in der Regel eine Lösung parat. Nur eine. Die eine Maßnahme, die auf Anhieb wird selig machen können. Und so gebiert der Zwang einen wahnhaften Zwang zur emotionalen Durchdringung der Schreckenstat, gleichgültig aller Oberflächlichkeit mit der über die Hintergründe spekuliert wird. Diese Oberflächlichkeit der selbst attestierten Empathischen hat weniger der beschleunigten Medienlandschaft zu tun, als mit der Aufklärung: Wesentlicher Kern der Aufklärung bleibt das Erstaunen – oder auch die negative Entsprechung: das Entsetzen. Auch dies ein emotionaler Reiz. Aber wie damit umzugehen ist, ist im Sinne der Aufklärung die eigentliche Revolution. Mit Nüchternheit.

Was spricht dagegen, ein unverständliches, dramatisches Ereignis erst einmal als solches hinzunehmen? Die Emotionalität hat und braucht ihren Raum, sie wird ihn auch verlangen. Doch im Stadium der emotionalen Aufladung schon ein Problem lösen zu wollen, ist törichter Unfug. Genau so ist es Unfug, auch nur zu verlangen, dass ein erstaunliches Ereignis binnen weniger Stunden oder Tage erklärbar sei und erklärt werden müsse. Das Erstaunen wäre sinnlos, wäre es so leicht bewältigbar. Das gilt auch für das Entsetzen. Doch gerade dann, wenn die Emotionalität verflogen ist, wäre Zeit zur Aufarbeitung. Zur intellektuellen Durchdringung der Tat, ihrer Motive und der Lösungswege.

Doch in unserer Geschichte ist noch kein gutes Ende absehbar, denn die Protagonisten haben sich mal wieder darauf geeinigt, in simplen Strickmustern zu handeln: Diese brachiale Pietät ist die heuchlerischste Pietätlosigkeit, zu der Medien und Mainstream sich regelmäßig hinreißen lassen.

So ein Artikel kann sehr erhellend sein – oder auch nicht?

Es ist so eine Sache mit den Affekten, Menschen haben sie. Ob sie sich nun dessen bewusst sind oder nicht. Und so ein Affekt ist ja auch eine herrliche Sache. Er macht die Welt einfach, wenn sie einfach sein soll. So ein Affekt ist die schärfste Waffe gegen die wirre Stimmgewalt in der Welt mit ihren turbulenten Gleichzeitigkeiten von Meinungen, Haltungen, Positionen, Argumenten und allem, was das Synonymwörterbuch in diesem Fall für dergleichen vorschlägt. Dagegen reicht ein affektiver Schnitt, und schon ist die Welt in klare Verhältnisse gespalten. Das ist alles, was der klar denkende Mensch braucht, seien wir doch mal ehrlich, hier das Gute auf der einen Seite, das Schlechte auf der anderen. Wir müssen uns nur für eine entscheiden, schon öffnet sich uns mittels des kognitiven Schnitts die Welt in klaren Fronten. Vergessen wir für einen Augenblick die losen Enden einst verknüpfter Erscheinungen, preisen wir stattdessen die gewonnene Linie durchs Wirrwarr, die der Affekt uns brachte. Warum kann nicht alles so einfach sein?

So einfach wie die thematisch leitende Frage der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Politikwissenschaft in der letzten Woche: Das Internet: Bereicherung oder Stressfaktor für die Demokratie?. Schon hier offenbart sich, der Hang, die Klinge des Affekts zu schwingen, ist auch in akademischen Zirkeln verbreitet. Die Vorteile der Dichotomie, sei sie auch noch so plakativ, liegen allzu deutlich auf der Hand. Wer hört nicht den zarten Hauch der Klinge beim ‚oder‘? Gut, dass sich genug Akademiker und Persönlichkeiten des politischen Leben fanden, um dem Entweder-Oder zu antworten. Gut auch, dass Alexandra Borchardt uns von den davon berichten konnte.

Da hören wir, eine jugendliche Kanadierin brachte sich nach beharrlichem Cybermobbing um, doch die Menschenwürde müsse im Internet doch geachtet werden. Das Internet aber befreie von der Last der Verantwortung des eigenen Handelns, schließlich leide die Allgemeinheit auch unter den Kosten von Facebook-Partys, der nun auch gerichtlich eingeschränkten Haftung der Eltern für illegale Downloads ihrer Kinder, den Schmähungen brauner Mobs gegenüber vermeintlichen Kindermördern. Das Internet birgt Gefahren auch abseits des Materiellen, es pulverisiert eingeschleifte Normen wie das Urheberrecht und stürzt das in jedem Menschen idealisierte Subjekt in die Krise. Das Internet, höchstselbst. Von der Demokratie hatten wir bislang, entgegen der Ankündigung noch nicht gehört, nun aber wissen wir, auch sie wird bedroht – von einer Minderheit, die nur in der Lautstärke der Mehrheit schreie. Eine stimmgewaltige Elite produziere es, ein sozialer Spaltungsprozess vollziehe sich. Und noch immer nicht genug, denn schließlich vermengten sich Zeitdruck und Transparenz im Internet, hierdurch werde der für Meinungsbildung nötige Schutzraum gesprengt, aber auch die wichtige Funktion der Informationsselektion und -aufbereitung der Torwächter nivelliert.

Was hat das alles mit dem Affekt zu tun? Nicht viel, ganz klar. Das Internet, der Schluss drängt sich als Antwort auf die dichotome Fragestellung aus, ist ein Stressfaktor für die Demokratie, sie und ihre Institutionen müssten den Raum zurückerobern, den das Internet sich mit brachialem Stimmvolumen erobert hat. Mit dem Affekt hat dieser Befund nicht viel am Hut. Nur, dass diese Antwort eben einen Affekt bedient. Es gibt so viele Argumente gegen die einzelnen Kritikpunkte am Internet, die Frau Borchardt da aus den Vorträgen zusammenklaubt, doch wurden sie alle schon einmal erwähnt – vor Jahren.

Dennoch laufen sie alle auf wenige Aspekte hinaus, die im Falle des Internets bedacht werden sollten:

  • Internet ist keine homogene Erscheinung, schon gar nicht in seiner technischen Struktur. Wer also, wie im Artikel erwähnt, davon spricht, die Demokratie brauche Dezentralisierung, sollte sich nur einmal grob vor Augen halten, wie das Internet als Netzwerk der Netzwerke gerade auf dezentralen Mechanismen beruht. Und auch die soziale Struktur im Internet ist alles andere als gleichförmig. Von dem Internet zu sprechen, also dem Internet, dem Internet oder dem Internet, kommt einer Verkennung der Tatsachen gleich.
  • Entgegen allen Hoffnungen hat sich selbst in optimistischen Kreisen die Hoffnung gelegt, das Internet als Technik könne aus sich heraus, als bloß evidente technische Realität den gesellschaftlichen und politischen Modus in der Form ändern, dass Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sich quasi von allein einstellen.
  • Internet bildet soziale Realitäten ab, spiegelt diese und wirkt auf sie zurück. Nichts im Internet ist fernab der menschlichen Natur, nichts an der Ungleichheit, der Gewalt, der Mobmentalität, der Grausamkeit ist genuin Internet. Ihr Modus ist anders, die Gewichtung verschoben, die Wirkung verändert, doch nichts davon ist per se vom Internet geschaffen.
  • Internet verhält sich zur Demokratie wie der Buchdruck, das Telefon, die Zeitungen oder das Fernsehen.
  • Internet – wie auch Demokratie – ist das, was Menschen daraus machen.

Besonders mit dem letzten Punkt hängt zusammen, was nicht mehr mit bloßen Affekten verhandelt werden kann. Wer Antworten zum Internet und dem Verhältnis zur Demokratie sucht wird sie nicht im Schema eines Entweder-Oder finden, auch nicht in der Aneinanderreihung anekdotaler Warnhinweise. Der Fortschrittsoptimismus netzaffiner Schichten muss nicht bedingungslos geteilt werden, allerdings rechtfertigt dies nicht, die Fronten zu verhärten, indem auf Vereinfachung, Verzerrung und Spaltung gesetzt wird, um zur Reconquista aufzurufen. Demokratie und Internet sind zu wichtig, um sie in Affekten zu verhandeln. Darüber gibt es kein Entweder und kein Oder.

Die Tücken des Zweiparteiensystems

Im Gegensatz zu Karl Poppers Gründen, die für ein Zweiparteiensystem sprechen sollen, habe ich noch immer meine Bedenken, das dies auch nur entfernt Vorzüge hat. Nur stütze ich mich dabei auf ein etwas vorgebildetes Bauchgefühl und krumme Analogien. Dass es anders geht, zeigt C. G. B. Grey in The Problems with First Past the Post Voting Explained [via]:

Grey erspart mir damit pseudogebildetes Gestammel und schiefe Vergleiche. Auf den Punkt liefert er, wieso in einem Zweiparteiensystem programmatischer Stillstand droht und noch immer nur eine kleine Minderheit den Ausschlag geben kann. Das ist aber nur eine der Tücken eines solchen Systems. Das Beispiel der USA hält noch eine Menge Überraschungen parat, wie ein solches System in der Praxis manipuliert werden kann – und derzeit auch wird: Alternativlos zu den US-Präsidentschaftswahlen. Aber der Vollständigkeit halber ein Hinweis: Nicht nur im US-Wahlrecht- und -system finden sich Seltsamkeiten.

 

Konformismus in Walled Gardens

Solange wir uns auf fremdem Terrain bewegen, haben wir uns an die dort geltenden Regeln zu halten. So einfach ist das – und dann doch wieder nicht. Hausrecht ist Hausrecht, damit könnte jede Diskussion um Walled Gardens beendet werden. Ginge es um einen wahrhaftigen Garten, einen mit hübscher, doch hoher Mauer rundherum, ist die Frage schnell geklärt, wer den Garten betreten darf. Rechtspositivistisch gesprochen. Was aber, wenn im grünen Garten Diskussionveranstaltungen stattfinden? Auch hier bleibt das Hausrecht klar. Wer es hat, bestimmt, wer sich äußern darf. Ist aber nur ein loses, schwammig formuliertes Regelwerk dafür zuständig, Zulass für Rednerinnen und Redner zu bestimmen, was dann? Natürlich, das Hausrecht bleibt bestehen. Auch wenn es eine Quasi-Öffentlichkeit im idyllischen Gehege. Rechtspositivistisch betrachtet. Mit Rechtspositivismus sind wir also auf der sicheren Seite? Bleibt nicht doch die Frage, ob sich ein Hausherr des Walled Gardens unglaubwürdig macht?

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Noch mehr Gamerpöbelei

Besser ich warte noch ein paar Tage damit, dachte ich mir. Es hat ja keinen Nutzen, aus dem Bauch heraus an einem doch wohlverdienten Shitstorm teilzunehmen. Dieses Blog hat sich ja vorgenommen, weniger mit den übelriechenden Fäkalien zu werfen, als damit, es einfach mal zu betrachten. Daher war  Ryan Perez ist aber immer noch damit beschäftigt, den unappetitlichen Schauer dieses Unwetters zu beseitigen, das er selbst herbeirief. Perez, bis Samstag noch ein Autor beim Videospielblog Destructoid, hatte anscheinend genug getrunken, um mal ordentlich einen rauszuhauen in Richtung der Geek-Ikone Felicia Day:

Und setzte noch einen drauf.

Der Wind nahm schnell Fahrt auf, es braute sich etwas Braunes zusammen. Perez schien merkte es, doch bevor er zwei dürftige Erklärungen auf Twitter absetzte, teilte Destructoid erst noch mit, die Zusammenarbeit mit Perez aufzugeben. Aber zurück zu dem, was Perez dazu zu sagen hat:

Eine etwas längere Unterhaltung mit Perez zu den Geschehnissen kann bei Mundane Matt angehört werden. In diesem beschreibt sich Perez selbst als nicht besonders sympathisch, er verlangt auch kein Mitleid. Ganz offensichtlich hält er sich für einen Menschen, der sich darin gefällt, ungefiltert hinauszuposaunen, was ihm durch den Kopf geht. Worüber er sich auch in diesem Interview aufregt, ist die Art der beleidigenden Kritik an ihm und den falschen misogynen Freunden, die zu seiner Rettung eilen wollten. Bei allem Chauvinismus ist Perez doch anzurechnen, dass er ohne Umschweife zu akzeptieren scheint, dass er für das Geschriebene mit Konsequenzen zu rechnen hatte. Seinen Job für Destructoid ist er los, damit scheint er leben zu können. Mit dem, was dann geschah, aber nicht. Denn Aggressionen und Beleidigungen richteten sich gegen ihn und wieder gegen Felicia Day, die seine Entschuldigung mittlerweile angenommen hat, aber immer noch aufs Übelste beleidigt wird.

Und er hat sogar in gewisser Weise Recht. Er geht davon aus, seine Tweets seien nicht sexistisch gemeint und deshalb auch nicht in diese Richtung auszulegen, sondern unabhängig vom Geschlecht gegen eine öffentliche Figur der Geekkultur gerichtet, deren Leistungen er nicht erkennen könne. Wäre diese der Fall, es wäre kein Beispiel für Sexismus in der Gamerszene. Ich teile diese Ansicht nicht völlig, da er mit dem Begriff booth babe eindeutig auf eines der offenkundigsten machistischen Rituale der Spielemessen verwies, aber gehen wir mal davon aus, es war tatsächlich nicht sexistisch motiviert. Dass es aber eben doch den Sexismus der Szene offenbarte, zeigt sich in den Wellen, die seine Kommentare schlugen. Ein wilder Mob stürzte sich auf Felicia Day, nur deshalb, weil er etwas Dummes sagte, das seinem Arbeitgeber aus nachvollziehbaren Gründen nicht gefiel, und dazu führte, dass Perez nicht mehr für Destructoid schreibt. Felicia Day hat nichts dazu beigetragen, Destructoid zu der Maßnahme zu führen. Das hat Perez mit seinem losen Mundwerk ganz allein geschafft. Er hat sie verbal angegriffen, obwohl er sie nicht kannte, und dafür die Rechnung erhalten. Doch spätestens bei den leider als typisch zu bezeichnenden Beleidigungen, die eindeutig auf Days Geschlecht zielen, steigt der brodelnde Sexismus der Szene auf.

Es bleiben zwei Sufftweets, die aggressiv und unnötig waren, eine aufgelöste Zusammenarbeit zwischen Perez und Destructoid, eine sexistische Lawine übelster Beleidigung in Richtung Days, überbordende Wut auf Perez, die in dieser Form ebenfalls nicht angemessen ist, und eine akzeptierte Entschuldigung. In dieser Auflistung ist eigentlich alles noch vergleichsweise harmlos, wenn auch nicht sehr appetitlich, in sozialen Interaktionen geschehen solche Dinge aber hin und wieder. Die besagte Lawine sexistischer Ausbrüche, die über Day preschte, die ist ein ernsthaftes Problem.

[via Skepchick, The Mary Sue]

Gamer-Sexismus: Und dann krochen sie aus ihren Höhlen…

Gaming war lange Zeit und ist derzeit auch noch – trotz vieler kleiner Änderungen – eine männlich dominierte Szene. Soziologisch dürfte das nicht allzu schwer zu erklären sein, wie es dazu kam. Falsch ist es nicht, richtig auch nicht, es ist so. Wer macht traditionell Videospiele? Männer. Wer spielt zu großen Teilen diese Spiele? Männer. Kaum verwunderlich, dass sich ein Muster ergab, bei dem Männer Spiele für Männer machen. Oder, um genauer zu sein, Männer, die sich für solche halten, machen Spiele für Männer, die meinen welche zu sein. Was auch immer das heißen soll. An sich ist das prinzipiell nicht kritikwürdig, doch allemal dann, wenn sich dabei eine inzestuöse Anspruchshaltung und Bedürfnisbefriedigung einstellt. Wohin das führen kann, zeigt das erste Beispiel, das mir wahllos in den Kopf kommt. Resident Evil IV ist allemal ein großartiges Spiel – trotz seiner Dämlichkeit. Meist liefen die Beschwerden über Ashley, die ein billiges plot device ist, auf die lästige Begleitschutzarbeit hinaus. Und verfehlte damit den Kern.

Alles an Resident Evils Plot und Story ist lächerlich, so lächerlich, dass dies als bewusster Trash bezeichnet wurde. Wie billig aber Capcom aber die hilflose, naive Ashley als kreischendes damsel in distress an der Seite von Leon durch die Gegend geschubst wurde, das grenzte in seiner Einfalt an Zustände, die mit dem Begriff Notgeilheit nicht mehr zu beschreiben sind. Habe ich auf die Reize reagiert? Klar, spätestens als in verschiedenen Fassungen ihr auch noch Kostüme gegeben wurden, die einen astreinen camel toe abzeichneten. Prächtig, oder? Eben nicht. Nur weil ich darauf reagiere, heißt es nicht, dass es mir gefällt. Nun ja, warum all das?

Kommen wir zu Anita Sarkeesian. Auf ihrem Blog und in ihren vielen Videos beschäftigt sich Sarkeesian seit Jahren aus feministischer Perspektive mit Popkultur. Gefällt ihr, was sie sieht? Mit Sicherheit nicht. Also tut sie, was alle vernünftigen Menschen tun sollten, die eine Meinung zu vertreten haben. Sie setzt sich kritisch damit auseinander. Inhaltlich mag ihre Kritik selbstverständlich nicht alle Geschmäcker treffen, was sich dadurch erklärt, dass Sarkeesian nicht Geschmäcker bedienen will. Was ihr nicht abgesprochen werden kann, ist ihre immer noch deutliche Leidenschaft für die popkulturellen Phänomene, die sie angeht. Sie wirft Filmen, Serien und eben auch Spielen nicht Dummheit, Sexismus oder was auch immer vor, um sie abzuschaffen. Sie sieht und spielt all dies, obwohl ihr nicht alles gefällt. Sie weist darauf hin, wie ihrer Meinung nach diese Kulturgüter fahrlässig soziologische Missstände ausblenden oder schlimmstenfalls sogar bewusst ausnutzen oder reproduzieren, um den Absatz zu fördern.

Sarkeesian traute sich, auf kickstarter eine neue Videoserie finanzieren zu wollen, die sich kritisch mit erzählerischen und narrativen Tropen beschäftigen soll. Eben solchen Tropen, die ein schlechtes Bild auf die kümmerliche Repräsentation von Frauen und Weiblichkeit in Videospielen werfen. Wie antworte ein womöglich kleiner, aber aus meiner Wahrnehmung dennoch repräsentativer Teil der hormongesteuerten Gamer? Sie tummelte sich zum virtuellen Wichswettbewerb zusammen, der sich als eifriger Mob mit pornographischen Verunstaltungen und groben Beleidigungen über Sarkeesian YouTube-Videos und ihren Eintrag auf der englischen Wikipedia hermachte. Dümmliche Prahlerei.

Doch dies als dümmlich abzutun reicht nicht aus. Es verdrängt das Problem in den Raum, in dem es der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Daher muss es raus: Die Gaming-Szene hat ein Sexismusproblem. Dies ist demographisch wie sozial begründbar, damit aber lange nicht zu rechtfertigen. Wie ich oben schilderte, bedarf es keiner feministischen Perspektive, um kritisch auf Spielinhalte zu blicken. Verstand tut es auch schon. Und ja, man kann Videospiele genießen, auch wenn sie sexistische Spielinhalte haben. Diese zu kritisieren, dass sollte nicht ausgespart werden. Sarkeesian, deren Ansichten ich mitnichten völlig teile, ist da also an einer Sache dran. Nicht weil sie eine kulturpessimistische Feministin ist, die Spiele per se abschaffen will.

I love playing video games but I’m regularly disappointed in the limited and limiting ways women are represented.  This video project will explore, analyze and deconstruct some of the most common tropes and stereotypes of female characters in games.  The series will highlight the larger recurring patterns and conventions used within the gaming industry rather than just focusing on the worst offenders.  I’m going to need your help to make it happen!

Was an diesem einleitenden Absatz des Kickstarter-Projekts ist nicht zu verstehen? Daher ist es wichtig, dass Sarkeesian dieses Projekt wird durchziehen können, da sie nun schon über 100.000 Dollar erhalten wird (Tendenz: rasant steigend), obwohl sie nur 6.000 angepeilt hat. Die Gaming-Szene hat ein Problem, aber kein unlösbares. Ist es so schwer, sich das einzugestehen? [via]