Hannibal: Fernsehen kannibalisiert sich selbst

In und an Hannibal ist so gut wie alles falsch. Wo nur anfangen, wenn eine Serie in ihrer Einfalt nur noch von ihrer dreisten Gewaltverherrlichung übertroffen wird. Hannibal ist eine dekadente Serie, so satt von menschlichem Leid wie ihr Protagonist.

Die Serie greift wie schon einige Verfilmungen auf Thomas Harris‘ Red Dragon zurück, in dem der geniale psychologische Strippenzieher und Menschenfresser Hannibal Lecter zur zentralen Figur eines immer abstruseren Blutfestes wird. Nichts gegen Blut in Serien per se, aber so inkohärent setzte in letzter Zeit keine Serie auf ausgefeilte Tötungen. Aber das war es auch schon, nur der Tod ist schön anzuschauen, ganz so, als ob das schon für eine ganze Staffel reichen könnte. Darüber hinaus gibt es absolut nichts, was diese Serie auszeichnen könnte. Mads Mikkelsen gibt den undurchschaubaren Kannibalen, interpretiert ihn allerdings als gesichtslosen Hobbykoch menschlicher Innereien, der als Figur nur deshalb nicht blass ist, weil für fahle Gesichtsfarbe der von Hugh Dancy gespielte FBI-Sonderermittler Will Graham zuständig ist. Graham ist eine überfrachtete Figur, die unter ihrer besonderen Gabe einer Quasi-Hellsichtigkeit leidet. Diese Fähigkeit allein gibt die Serie schon der Lächerlichkeit preis, weil sie absolut unglaubwürdig in Szene gesetzt wird. Da bauen sich im Geiste Grahams Morde in solchem Detail zusammen, dagegen wirkt CSI wie eine Vorlesung in moderner Forensik.

Hannibal driftet so einerseits in die Mystery ab, will aber auch noch als Thriller wahrgenommen werden. Das scheitert aber vor allem an einer haarsträubend zerfaserten Erzählung. Da werden Rückblenden an Visionen gestrickt und Vergangenes mit Zukünftigem verwoben. Alles ist so wirr, es zwingt die Vermutung auf, der ganze wirre Brei aus angedeutete. Narrativen sei doch Absicht, um die Zuschauerinnen und Zuschauer so sehe zu verwirren, dass sie Respekt für die Serie entwickeln können. Die Zerstückelung des Narrativs ist das eigentlich fatale Massaker, das die Serie vorführt. Ohne Rücksicht auf Sinn und Verstand wird dann Lecter auch noch zu dem Mastermind umgedichtet, das hinter allen Morden durch andere Täter steht. Lecter selbst ist am Ende das größte Problem der Serie.

Hannibal Lecter ist eine seltsame Erscheinung in der Popkultur. Die Serie und ihre Beliebtheit machen dies noch offensichtlicher. In anderen Serien haben serienmordende Protagonisten wie beispielsweise Dexter ein ethisches Feigenblatt. Mit seinem moralischen Kodex, der nur das Töten von Verbrechern erlauben soll, verfügen diese Mörder vor dem Publikum über eine vermeintliche Rechtfertigung. Für Dexter ist Sympathie möglich. Schließlich ist er am Ende auf eine verquere Weise auf der Seite des Guten, verzeihliche Aussetzer mal beiseite. Hannibal Lecter ist keine Figur, die eine solche Rechtfertigung für notwendig erachtet.

Lecter schlägt deswegen aber gerade eine morbide Bewunderung entgegen. Eigentlich müsste er gefürchtet sein, denn seine Taten sind bestialisch. Nun ist Lecter aber ein ausgewiesener Connaisseur. Er ist nicht die Bestie, die wir uns so gerne als Serienmörder vorstellen. Ein feiner, distinguierter Bildungsbürger ist er. Lecter, der Kannibale, ist als solcher gerade ein Genussmenschen, gerade auch im Töten. Und mehr noch ist er ein Kulturmensch, besonders im Vernichten. Über alle Jahrzehnte hinweg und egal, wer ihn schrieb, in der Figur des kultivierten Kannibalen, der den Genuss des menschlichen Fleisches beinahe schon als intellektuelles Ereignis zelebriert, wurde der Archetyp des Serienmörders domestiziert. Damit ist er, nun ja, nicht nur als amoralische Figur verdaulich, sondern wir genießen das sadistische Genie hinter all der Gewalt.

In allen Erscheinungsformen, von den Romanen bis zur aktuellen Serie, wurde nie mehr aus Lecter gemacht, als diese bewundernswert abscheuliche Kunstfigur. Lecter ist noch immer nur ein billiger Schockeffekt, der beweist, wie bereitwillig Menschen in ihrem Medienkonsum selbst die größte Unmenschlichkeit herbeisehnen, sie sogar genießen, wenn sie nur durch Wortschatz und Maßanzüge als kultiviert kaschiert wird. Das tröstet aber nicht darüber hinweg, dass Lecter in dieser Serie noch deutlicher in einer wirren Rahmenhandlung zum Genius des Schlachtens verklärt wird. Die Serie feiert das Massakrieren ohne sich Gedanken um eine schlüssige Erzählung zu machen. Sie ist im schlimmsten Falle ein blutiger Zirkus für niedere Triebe. Hannibal ist eine Verschwendung von Zeit, nicht weil sie gegen den guten Geschmack ist, sondern weil sie so interessant ist wie eine zehnstündige Dokumentation aus einem Schlachtbetrieb. Wer darin Interessantes findet, ist einfach erst einmal suspekt.