Poison the Well – You Come Before You

Ich führe ungern Listen der hundert besten Wasauchimmer. Ich presse nicht gerne Dinge in eine starre Form, wenn sie kaum vergleichbar sind. Nehmen wir aber mal an, ich führte Listen. Zum Beispiel über die besten Alben, die mir so untergekommen sind. Wenn ich der Typ wäre, der Musik in hierarchischer Gliederung ordnen will, dann wäre ein Album auf der Liste. Mitte 2003 brachten Poison the Well ein Album heraus, das für mich den Hardcore umkrempelte.

Zehn Jahre ist es jetzt her, dass You Come Before You erschien. Und noch immer wirkt nach, wie sehr es den Post-Hardcore für mich prägte. Es nahm ein bretthartes, starres Genre und zog es auf links. Und zehn Jahre später hat es seine Wirkung noch immer. Sie brachen alle Formeln ihrer vorherigen Alben The Opposite of December und Tear from the Red auf, an den Sollbruchstellen ließen sie für fremde Klänge und Strukturen einfließen. Für Puristen des Hardcore war das Album ein Schock; für mich war es eine Offenbarung, den nahezu perfekten Hardcore nun facettenreicher erleben zu können. Wie in der Zeit konserviert steht sein klarer Sound noch immer mitten im Kopf, bricht sich von dort Bahn.

Boysetsfire – While A Nation Sleeps

Eine ganze Nation im Tiefschlaf, While A Nation Sleeps, die Bildsprache ist noch die alte. Boysetsfire lösten sich vor Jahren auf, mit ihnen ging der besondere Postcore, melodisch fundierte Agitation mit harten Kanten. Der Phoenix, der ihr früheres Album Tomorrow Come Today zierte, stünde Boysetsfire auch auf dem Reunion-Album gut zu Gesicht.

Es ist, als hätten Nationen arglos im Tiefschlaf die Jahre verloren, in denen Boysetsfire nicht aktiv waren. Das typische Auf und Ab der Band klingt wie damals, als The Misery Index das letzte Zeichen war. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben, aber Boysetsfires emotionales Pathos gegen soziale Missstände und den alles verzehrenden Kapitalismus ist unverändert. Sind sie in der Vergangenheit gefangen? Sicherlich nicht. Die Zeit verstrich, nichts änderte sich.

Und so steigt sie wieder auf, diese Wut. Sie bricht sich Bahn unter schweren Wellen von Heads Will Roll oder Everything Went Black, konterkariert vom melodischeren Midtempo eines Closure Phone Call1. Mittlerweile sind die Akkordfolgen oft bandtypisch, lange aber noch nicht verbraucht. Noch immer vereinen sie die Extreme in ihrer Musik, die abstrakten Klassenkampf emotional erfahrbar macht, sie personalisieren Wut und Verzweiflung.

Boysetsfire sind damit noch immer eine Ausnahme, selten war dies so komprimiert wie gegen Ende des Albums. Never Said, Wolves of Babylon und Altar of God sind als Dreigespann eine Miniatur der Wirkkraft und vielschichtigen Erzählungen einer Band, die das Politische nicht vom Individuellen, die Agitation nicht von der Romantik trennen will. Oder glücklicherweise nicht kann.

1 14.06.20013: Ich meine natürlich Phone Call, Closure ist ein typischer Punksong, der schnell ist, den Lärm aber abgerüstet hat. Ich hasse es, wenn meine Notizen mich in die Irre führen.