Platzhalter mit Mobiliar-Koitus

Ich bin mir selbst noch einen Text schuldig, in dem es um meine Erinnerung geht, wie ich mal einen Schwulen so sehr an den Rande des Wahnsinns mainstreamte, dass ich heute nur noch kotzen will. Leider fällt es mir schwer, die eigene Frist einzuhalten, weil in meiner Erinnerung so viele lose Gedanken angespült werden, dass ich absatzweise um das Thema herum schreibe.

Diese Anekdötchen muss ich aber aus dem Weg schreiben, um an den Kern zu gelangen. Es folgt nun also das unsortierte, fragmentarische Werk hinderlicher Gedankenbrocken.

Als Rosa von Praunheim bei Explosiv – Der heiße Stuhl die umstrittenen Outings vollzog, wurde meinem prä-pubertierendem Ich klar, schwul ist nicht bloß ein Schimpfwort, auf das nach dem sozialen Gesetz der deutschen Pausenhöfe damals mit selber doppelt schwul geantwortet wurde. Dieses Ich lernte, es gibt Menschen, die schwul und stolz darauf sind. Vor lauter Verlegenheit hat mein damaliges Ich sicher irritiert gelacht. Das konnte doch nicht wahr sein.

Auch mein pubertierendes Ich hatte keinerlei Probleme, den Spagat kognitiver Dissonanz zu vollführen, indem mein kleines Hetero-Dummerle-Ich sich weit größere Sorgen machte, als schwul tituliert zu werden, sodass der damit vollzogene Hirnfick gar nicht auffiel.

Erst viel später, also wirklich richtig viel später, betrat eine schon deutlich nachdenklichere Variante dieses Ichs den Fachschaftsraum und hörte nur: "Ehrlich, ich weiß nicht, warum sich alle so aufregen müssen. Wenn ich mir zwei Heten beim Geschlechtsverkehr vorstelle, gibt mir das so viel wie die Vorstellung von zwei übereinander liegenden Billy-Regalen." Dafür müsste ich eigentlich mal Danke sagen, denn spätestens da fiel mir auf, dass der Ekel vor Homosexualität mir jahrelang mühsam anerzogen wurde.

Ist das ein Problem?

Seit ein paar Tagen spült ein reflexartiger Mechanismus der Selbstreflexion einige Begebenheiten in meinem Leben hoch, auf die ich nicht sonderlich stolz bin, nicht darauf, wie ich mich verhalten habe. Denn so bedauerlich es ist, sie alle drehen sich um eine Frage: Bin ich in meinem alltäglichen Verhalten homophob?

Es gibt zwei Antworten darauf, die eine ist die offizielle, die andere ist die von introspektiver Wahrnehmung geprägte. Die erste Antwort lautet selbstverständlich, ich bin nicht homophob. Wie jeder aufgeklärte Mensch lasse ich da nichts auf mich kommen, ich bin selbstredend auf der Seite des Guten, des Rechtschaffenen, des Richtigen. Ich habe mir schon lange alle äußeren, offenkundigen Merkmale der Homophobie oder auch nur der leichtfertigen Herabwürdigung von Schwulen und Lesben abgewöhnt, ein nach meiner Schulhofsozialisation gar nicht mal einfacher Vorgang.

Da gibt es aber noch eine innere Perspektive auf mich und mein Verhalten, dieses Wissen um meine Gedanken, die nie manifeste Handlungen wurden. Gedankenblitze, die ich routiniert ersticke, bevor sie Verwüstung anrichten können. Nur ich kenne sie, zumindest bis jetzt, wo ich einen gewissen öffentlichen Blick auf sie zulasse. Diese Gedanken sind für mich schwerer zu bekämpfen, als meine früheren homophoben Verhaltensweisen der Jugendzeit, diese offenkundigen Muster konnte ich mit Verweis auf meine Gewissensentscheidung und Moralvorstellung als falsch entlarven und in und an mir selbst erfolgreich bekämpfen. Doch gibt es die Wurmfortsätze einer strukturellen Homophobie in mir, die Homosexualität noch immer als Andersartigkeit wahrnimmt, und dieser Andersartigkeit ein Gewicht gibt. Es ist das, was hinlänglich als Heteronormativität bezeichnet wird, diese subliminale Weichenstellung, Menschen anhand des sozial Erwarteten zu kategorisieren. Es ist in mir tiefer angelegt, als meine Vernunft und mein Gewissen reicht. Daher lautet, so schmerzlich es für mich ist, die zweite Antwort: Ja, ich bin strukturell noch immer homophob.

Und erst jetzt wird mir schlagartig klar, welche Arbeit noch vor mir steht, denn diese Heteronormativität als das, was sie ist, wahrzunehmen, wird mir erst jetzt in vollem Umfang klar. Warum habe ich sie nicht in dieser Stärke wahrgenommen? In den vergangenen Tagen, ich habe es ja schon geschrieben, wird da einiger Morast an die mentalen Strände gespült, die für sich betrachtet immer nur bloß Treibgut waren. Ein paar Habseligkeiten hier, alte Kleidungsstücke dort, aufgeblähtes Tafelholz, alles nur zusammenhangloser Unrat, den das Meer verschlungen und nun unwillkürlich ausgespuckt hatte. Doch jetzt stehe ich hier am Strand vor dieser Wasserleiche und merke, da könnte mehr passiert sein, als ich mir eingeredet hatte.

Was ich konkret meine? Nur ein Beispiel aus einer Zeit vor zehn, vielleicht elf Jahren, als ich auf der Suche nach einem WG-Zimmer war. Bei einer der Besichtigungen lief alles prächtig, das Zimmer war ordentlich groß, die Wohnung sauber, aber nicht steril, vor allem aber waren die potenziellen Mitbewohner sympathisch. Mir war es gar nicht aufgefallen, aber mitten in der Unterhaltung über unsere Hobbys, was wir für Musik mögen, sagte der eine ganz beiläufig: "Übrigens, ich bin schwul. Ist das ein Problem für dich?" Meine Antwort fiel lapidar aus: "Nein. Ich bin es nicht. Das ist ja auch kein Problem." Die Unterhaltung setzten wir ohne Unterbrechung fort. Und genau das macht mir heute zu schaffen. Warum habe ich es als normalen Hinweis aufgefasst? Wieso musste es überhaupt zur Sprache kommen? Wieso empfand ich es nicht als unangebracht, dass er mich darauf hingewiesen hat und die Frage gestellt hat? Was ging mich das an? Heteronormativität ging mich das was an, das war es. Ich empfand es offenkundig, als ’normal‘, darauf hingewiesen zu werden, womöglich mit einem Schwulen zusammenzuleben. Der eine hörte Metal, der andere spielte gern Fußball und der andere ist schwul. Ein Problem damit? Wieso hat es zehn Jahre gebraucht, bis mir auffällt, was an dieser Aufzählung nicht stimmte? Ich hatte kein Problem mit der Homosexualität, aber auch nicht mit der Frage, das ist das heteronormative Problem.

Linkgebliebenes 5

Meine eigenen Ansichten zu den Problemen, die bei Kickstarter-Projekten anfallen können, habe ich schon einmal angesprochen. Bei Mashable gibt es hierzu erneut grundlegende Informationen zum Scheitern von eigentlich ordnungsgemäß zustandegekommenen Projekten. Auf netzwertig geht es auch darum, wie es zu nicht eingehaltenen Versprechungen kommen kann und was dann geschieht.

Das technische Verständnis von Frauen ist dem gängigen Glauben entsprechend völlig unzureichend, gut, dass dem nun abgeholfen werden kann. Durch Beseitigung aller technischen Einzelheiten. Herauskommt dann beispielsweise in der französischen ‚For Dummies‘-Reihe [via] ein Ableger speziell für Frauen. Da werden dann etwa der Mac oder das Internet hübsch aufbereitet, das heißt, es gibt zu allererst einen pinken Rahmen auf dem Cover.

Sonst gab es noch ein Interview mit einem schwulen Fußballprofi über das mediale Doppelleben, schwule Kollegen und die mit dem Outing verbundenen Sorgen. Angesichts der in diesem Jahr zu beobachtbaren Aggressionen des bis zur Nötigung und Körperverletzung leidenschaftlichen Fans sind seine Ansichten nicht zu vernachlässigen.