Timely Alarm Clock: Form auf Höhe der Funktion

Muss ich über Timely noch wirklich viele Worte verlieren, muss ich? Eine halbe Woche mindestens bin ich zu spät dran, also eine Ewigkeit, in der Lob kübelweise über diesen Wecker für Android ausgeschüttet wurde. Da rechtfertigt nur ein Verriss oder eine kleine, pointierte Kritik, um jetzt noch mit ein paar Sätzen über die App rauszukommen. Weit gefehlt, ich kann nur in den Chor einstimmen.

Vor einiger Zeit schrieb ich noch von Rise auf iOS, dem Timely in vielen Punkten ähnlich ist, in den meisten sogar überlegen. Optisch ist Timely um Welten ansehnlicher als jede durchschnittliche Android-App. Nicht nur das, Timely ist schön. Flaches Design, ja wir spüren den Zeitgeist, mit subtilen Effekten. Der Nutzbarkeit steht das nie im Weg. Timely ist ein Muster an intuitiven Bedienelementen, ich arbeite wie im Traum mit dem Wecker, der Uhr, Timer und Stoppuhr. Ich schwebe durch die App, keine Übertreibung.

Kostenlos ist Timely in seiner grundlegenden Form, weitere Themes, Weckersynchronisation über mehrere Geräte hinweg und vor allem einige fantastische Wecktöne lassen sich einzeln oder als Paket hinzu kaufen. Nicht aber, ohne dass die meisten Zusatzinhalte vorher in einer Testphase für einige Tage kostenlos zur Verfügung zu stehen. So fair ist Timely, alle Kosten sind transparent, ich wünsche mir, dass es sich auszahlt. Und selbst wenn ich auf der kostenlosen Schiene hätte bleiben wollen, ich hätte einen fantastischen Wecker gehabt. Timely ist ohne böse Überraschungen eine grandiose App, aber auch ein Blick in eine Zukunft fernab der biederen Nacktmulche von Software, die ich mir schweren Herzens auf den Android schob. Android kann schön sein, kombiniert mit solch durchdachter Funktionalität sogar ästhetisch.

Videogebliebenes

Die Leseliste schwillt an, ich komme kaum hinterher. Tatsächlich reichen die Videos in der Liste locker aus. Den Anfang macht eine App, die den Begriff In-App-Purchase auf die Spitze treibt. Wenn sie gedurft hätten, wäre wohl auch noch eine Zahlung fällig geworden, um die App schließen zu dürfen.

Von Frauenliteratur zu sülzen, hat wirklich nichts mit Literaturkritik, die etwas auf sich halten kann, am Hut.

Dabei verstehen Primaten schon was von Gerechtigkeit – oder zumindest Gleichbehandlung.

Ich kann nicht wegsehen. Ob es nun eine günstige Gelegenheit ist, vom Mahlstrom zu sprechen? Egal, es ist gewaltig.

Nimble Quest: Exit Through The In-App-Store

Nimblebit verstehen sich gut auf kleine Suchter, ihre Spiele wie Tiny Tower sind wohl kalkulierte, ökonomische Maschinen. Diese Maschinen sind gestaltet, um nach ihnen zu schmachten. Bei Entwicklern wie Nimblebit muss ein Wort wie ‚Impulskontrolle‘ schlechte Träume auslösen. Nein, Menschen, die ihren inneren Kauftrieben widerstehen, also nicht jedem Reiz erliegen, sind der natürliche Feind. Nimblebit macht in Freemium, das auch richtig gut. Unfassbar gut. Je nach persönlicher Einstellung zu Freemium ist das ein großes Lob oder eben eine Vernichtung. Denn Nimblebits neuestes Spiel ist ein Glanzstück der Freemiumspiele.

Nimble Quest ist eine bahnbrechend simple Mixtur vom bekannten Casual-Klassiker Snake und einem ordentlich abgespeckten Rogue-like. Eine wachsende Party von Heldinnen und Helden geht im Gänsemarsch übers Spielfeld und verdrischt Monster. Der Kampf ist automatisiert, die Aufgabe besteht nur darin, den Schaden für die Gruppe so klein wie möglich zu halten und auf Teufel komm raus eine Kollision zu verhindern. Kollision womit? Mit allem. Steht eine Wand im Weg oder ein Gegner, die Gruppe löst sich sofort in Luft auf.

Nun, das stimmt nicht ganz. Für eine Goldmünze, der offiziellen In-App-Währung, kann auf dem eben verlorenen Level erneut begonnen werden. Oder wie wäre es, zwischen den Leveln für die nächste Runde Upgrades zu kaufen. Gegen Goldmünzen versteht sich. Im Multiplayer können Gilden sich miteinander messen, wer die höchste Punktzahl erspielt. Jeder Kampf in der Arena kostet aber. Ab und zu fällt bei einem Kampf oder einer guten Platzierung im Multiplayer auch mal ein Säckel ab. Für ein flüssiges Spiel ist das aber kaum genug.

In jedem Pixel steckt die Erfahrung Nimblebits, ein gutes Freemium-Spiel zu schaffen. Nimble Quest ist einfach zu erlernen, nahezu intuitiv ist verstanden, worauf es ankommt. Die Rollenspielelemente sind dabei ein kluges Mittel, mit dem Micromanagement der Charaktere Geld umsetzen zu können. Jedes Freemium-Spiel muss Spiel genug sein, um eine breite Masse an Spielerinnen und Spielern anzufixen. Nimblebit hält die Balance zwischen Spielbarkeit und Kaufdruck recht gut.

Aber ein gutes Spiel ist es nur bedingt. Ein Spielautomat kann auch packend inszeniert sein, in wohldosierten Dosen Hormonausschüttungen auslösen. Ich weigere mich aber, das als ‚Spiel‘ im eigentlichen Sinne zu begreifen. Ein finanzielles Interesse zu haben ist sicherlich nicht verwerflich, dieses aber nur in ein Pixelkostüm zu werfen, ist nicht sehr lobenswert. Da kann Nimble Quest noch so gut gemacht sein, es bleibt ein fader Beigeschmack. Es ist so wie jeder Museumsbesuch heute enden muss: Am Ende eines erschöpfenden Fußmarsches, auf dem Menschenmassen durch Ausstellungen des kleinsten gemeinsamen Nenners von Kunst und Kultur geschleust werden, folgt der Souvenirladen. Die implantierte Massenkultur gibt es auf Tassen, als Schneekugel, Postkarte, auf Hemden, Taschen oder auch Röcken.

An dieser Kommerzialisierung nahezu jeden Spielelements krankt Nimble Quest, denn der Spielfluss will sich nicht einstellen. Nach jedem Tod werde ich mit bunten Bildern auf den In-App-Store hingewiesen, in dem ich alles kaufen könne, was das Spiel besser machen soll. Dieses mangelhafte Sozialverhalten der Freemiumspiele nervt, sie sind in der Regel ganz ansprechend, im Kern aber passiv-aggressive Arschlöcher.