Fensterplatz Metal Jacket

„Verzeihen Sie, ist der Platz hier noch frei?“, fragte ich. Das Abteil war gut gefüllt, sehr viel Auswahl gab es nicht mehr. Über den anderen Sitzplätzen ringsum diesen Platz leuchteten die Anzeigen für die Reservierung. Über diesem Platz war nichts zu sehen. Aber der Höflichkeit halber fragt mensch ja, in diesem Fall noch mehr. Am Fenster saß ein grau melierter Mann, seine Haare waren fahrig in alle Himmelsrichtungen verstreut. Meine Vorfreude, neben ihm sitzen zu müssen, hielt sich in Grenzen.

Er schein auch nicht gerade an einem Sitznachbarn interessiert. Vor ihm türmten sich seine Gadgets, auf einem lief ein Konzert, auf den anderen hantierte er in unterschiedlichen Menüs. Kabel quollen zu allen Seiten hervor. Den Sitz am Gang neben sich hatte er mit seinen Taschen befrachtet.

Meine Frage schien er nicht erwartet zu haben, hatte er doch einen Schutzwall errichtet. Ich wollte ja aber auch einen Sitzplatz und hatte vergessen, eine Reservierung zu machen. Er stellte sich erst tot. Auf meine Frage folgte keine Reaktion. Ich zeigte auf den Platz und fragte noch einmal: „Entschuldigung, ist der Platz besetzt?“ Demonstrativ sah ich von seinen Taschen zur Anzeige der Reservierungen auf.

Er schnaufte. „Was?“, entwich es ihm.

Ich lächelte ihn an. „Ob der Sitzplatz besetzt ist.“

Sein Blick wanderte auf und ab, er schien mich mustern zu wollen. Wozu war mir nicht ganz klar. Ist nicht so, als müsste ich eine Gesichtskontrolle überstehen, nur um einen Platz zu erhalten, der nicht seiner war.

Er schnaufte noch lauter.

„Ich kann Ihnen helfen, die Taschen einfach oben in der Ablage zu verstauen.“

Nun sah er mich noch intensiver an. Dann packte er mit einem Ruck eine der Taschen. Dies aber so schnell, dass er sich in einem der Kabel verfing. Ein Telefon, ich denke zumindest, es war eines, landete auf dem Boden. „Scheiße!“, schimpfte er.

Meine Augen mussten sich geweitet haben, ebenso wie die der um uns sitzenden weiteren Fahrgäste. Mittlerweile war er so laut und hektisch dabei sein Taschen zu greifen, er hatte alle Blicke auf sich gebunden. „Scheiße,“ zischte er, nahm dabei eine der Reisetaschen und warf sie über den Gang zu den Koffern der anderen Reisenden, „so ne Scheiße hier.“

Ich haderte. Sollte ich was sagen? Oder ihn einfach machen lassen. Es ging auch alles so schnell, da hatte ich kaum Zeit zu reagieren. Er nahm die zweite Tasche und fand keinen Stauraum, obwohl über ihm alles frei war. Er hätte die Tasche nur über seinen Kopf heben müssen. Stattdessen schimpfte er weiter und las die Geräte vom Boden auf, denn mittlerweile waren noch mehr hinunter gefallen. „Scheiße!“ Er las die letzten Geräte auf, die auf dem Klapptisch an seinem Fensterplatz lagen. Die zweite Reisetasche unterm einen Arm, die Gadgets im anderen, stapfte er davon. Er ging aus dem Abteil, dabei riss er das Ladekabel eines Tablets aus dem Anschluss, das Kabel blieb mitten auf dem Gang liegen.

Ich sah einen jungen Fahrgast lachen, nachdem der wutschnaubende Mann hinter ihm im anderen Abteil verschwunden war. Erst nach einigen Sekunden merkte ich, dass der Fahrgast nicht nur lachte, sondern auch den Kopf schüttelte. Neben mir saß ein älterer Herr, der mich fragend an sah.

„Was habe ich gemacht?“, sagte ich, halb laut denkend, halb den Herrn fragend.

Er lächelte nur und wischte mit der Flachen Hand vor seinem Gesicht, zog die Augenbrauen zusammen, als denke er nach und schüttelte mit dem Kopf.

Sollte ich mich einfach setzen? Ich zögerte, entschloss aber, den Platz zu nutzen, wenn es schon so eskalierte. Ich setzte mich auf den Platz am Gang, war mir aber gar nicht so sicher, was nun mit dem Fensterplatz war. Würde der Wüterich noch mal wiederkommen? Ich sah mich um und erkannte: Er musste. Seine Jacke hing noch am Haken des Fensterrahmens, auch das Ladekabel hing ja noch in der Steckdose und auf den Gang hinaus. Also blieb ich sitzen, wo ich war.

Nach zehn Minuten, vielleicht auch fünfzehn. Ich hatte es gerade wieder etwas vergessen, stapfte der Wüterich wieder ins Abteil, sah das Kabel und griff danach. Er nahm nicht viel Rücksicht darauf, wo ich saß, als er das Kabel aus der Steckdose nahm. Er griff nach seiner Jacke und war verschwunden. Aber nicht ohne einen letzten Spruch: „So eine Scheiße hier, so was. Dann war er weg.

Ich drehte mich zu dem älteren Herrn, der völlig irritiert hinter dem Wüterich her sah. Ich sagte: „Ist wohl besser, wenn er nicht mehr hier ist.“ Der Herr lachte laut, nachdem er sicher war, dass er nicht zu hören war, und sah dann fröhlich zu, wie ich mich schelmisch grinsend auf den Fensterplatz setzte. Sonst wär der ganze Aufwand ja völlig umsonst gewesen.