Organspende und ethisches Outsourcing

Am Rande einer sehr interessanten Diskussion auf ADN über die Diskriminierung von Schwulen bei Blut- und Organspenden kam ich wieder darauf, dass auch ich einen Organspendeausweis bei mir trage. Sowohl meine Entscheidung, auf dem Spenderausweis eine mir fremde Person einzutragen, die entscheiden soll, als auch ihre Begründung klingen für andere womöglich erst einmal seltsam. Da nun eine genauere Darstellung auch in den 256 Zeichen bei ADN Alpha nicht einmal ansatzweise ausreicht, will ich hier mal näher ausführen, worum es mir bei Organspenden eigentlich geht.

Ethisches Outsourcing – warum?

Die Entscheidung über die Verwendung der Organe meines toten Körpers habe ich tatsächlich an eine andere Person ausgelagert. Es ist dabei überaus wichtig, den Zustand des Körpers zu betonen, denn ich spreche hier grundsätzlich von postmortaler Organspende. Die Lebendspende steht für mich zunächst auf einem ganz anderen Blatt als die Spende von Organen aus einem toten – im Sinne des Hirntodes – Körper, der zu Lebzeiten noch mein Körper war. Insofern war schon der erste Satz in diesem Absatz ungenau, denn die postmortale Spende betrifft einen Körper, über den ich eigentlich nicht mehr verfügen kann, denn das Ich, das derzeit noch identitär wie physisch mit dem Körper verbunden ist, wird nach dem Tod unwiederbringlich ausgelöscht sein. Mir ist schleierhaft, warum eine Nicht-Existenz noch ethische Bedenken zum Besten geben sollte über einen Körper, der nicht mehr ihrer ist.

Wenn das aber so ist, warum nicht einfach auf dem Organspendeausweis mit Ja stimmen? Ganz so einfach ist das für mich nicht, denn mir wird die Entscheidung gelassen. Eine Möglichkeit, die ich für abgrundtief anmaßend halte, denn es bedeutet, dass mein ethisches Empfinden, also nicht meine ethischen Überzeugungen1, über die Existenz der Quelle dieses Empfindens hinaus aufrechterhalten wird. Sie wird ethisch fingiert. Das ist hochgradig widersinnig. Es spielt schlicht keine Rolle, was ich über den Umgang mit meinem Körper denke, sobald der Körper nicht mehr meiner ist. Ich halte es also prinzipiell für eine grundlegend falsche Herangehensweise, mir ein Mitspracherecht zuzugestehen, das mir weder nutzt noch schadet. Es nichtst mir.

Aber das erklärt immer noch nicht, warum ich nicht einfach pragmatisch sage, dass es mir egal sein muss, was mit dem Körper geschieht, ich also aus ethischen Gründen die Option wählen sollte, von der Menschen potenziell eher profitieren. Ein Ja würde schließlich heißen, dass mehr Menschen lebensrettende Organe erhalten könnten. Für mich als Nicht-Person fiele kein Schaden an, andere Personen jedoch könnten mit Hilfe der Organe aus meinem toten Körper weiterleben. Das ist grundsätzlich richtig. Dennoch ist meine Entscheidung ein Protest gegen die fehlgeleitete Vorstellung, dass ich nach meinem Tod noch etwas zu sagen hätte über den Körper, der mal meiner war. Mein Protest richtet sich gegen die anmaßende ethische Position einer extensiv über den Tod hinaus postulierten Identität. Der gesellschaftliche Konsens der Bioethik ist dominiert von einem so paradoxen Konzept, das ich es nicht anders bezeichnen kann: der spirituelle Materialismus. Die Motive für die Erweiterung einer Identität über den Tod hinaus ist eine sagenhaft fatale Folge jahrtausendealter spirituell-religiöser Sozialisierung. Und dagegen setze ich mich zur Wehr. Der Körper und der Geist sind eine seltsame Erscheinung im spirituellen Materialismus, denn einerseits soll der Geist den Körper überdauern, andererseits aber der Körper nach der Trennung der beiden noch besonderen Schutz genießen. Der Geist, das spirituelle Wesen, habe, so reime ich mir die Begründung noch am besten zurecht, eine nostalgische Verbundenheit mit seiner einstmals korporalen Form, sodass er diese nicht geschädigt sehen will. Oder so ähnlich. Es ist ein Minenfeld der Widersprüche.

Vielleicht ist jetzt deutlicher, warum ich mich dafür entschieden habe, eine mir völlig fremde, zufällig ausgewählte Person darüber entscheiden zu lassen. Ich, der keinerlei Anspruch mehr auf den toten Körper hat – weil, nun ja, tot -, will wenigstens eine tatsächliche Person entscheiden lassen. Was besser ist als die ethisch fingierte spirituelle Erweiterung meines Ich. Jede, aber wirklich jede lebende Person ist besser als die ethische Schattenspielerei mit meinem nicht mehr existenten Ich.

Identität und Organe

Ich lehne also ab, als ethisch empfindendes Wesen über etwas zu entscheiden, obwohl ich darüber nicht mehr entscheiden dürfen sollte. Aus Protest missbrauche ich die mir irrtümlicherweise zugeschriebenen Rechte, um sie an eine tatsächliche Person zu delegieren. Insofern könnte das Thema hier beendet sein, doch gibt es noch ein angeschlossenes Problem der ethisch zweifelhaften Erweiterung menschlicher Identität2. Wenn ich jetzt darüber entscheiden können soll, was geschieht, sobald ich nicht mehr bin, warum habe ich dann nur eine so begrenzte Entscheidungsgewalt? Wenn es für mich heute von Belang sein sollte, was mit meinem Körper, weil eine wie auch immer geartete identitäre Verbindung von Körper und Geist auch über deren Trennung hinaus bestehen soll, warum darf ich dann nur einer Organspende zustimmen oder sie ablehnen, Einschränkungen bei den Organen und Geweben machen oder die Entscheidung delegieren. Das ist meinem ethischen Empfinden entsprechend irritierend, denn wenn mein gestorbenes Ich schon entscheiden soll, warum nicht auch darüber, wer zum Beispiel die Organe erhalten soll? Sofern mir die ethische Entscheidung gelassen wird, sollte ich auch darüber entscheiden dürfen, ob Empfängerinnen oder Empfänger auch meinem ethischen Empfinden entsprechend geeignet oder gar würdig sind, mit einem Teil meiner Identität zu leben. Denn ethisch wird ein Teil von mir ethisch für deren Entscheidungen und ihr Handeln mitverantwortlich.

Es wäre für mich ein Graus, mir vorzustellen, dass ein Neonazi von meiner Niere profitierte, um dann weiterhin rechte Parolen schreiend über Marktplätze zu schlendern und Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe den Tod zu wünschen. Sofern ich die Entscheidungsgewalt gar nicht hätte, müsste ich mich nicht sorgen. Denn ich existiere nicht mehr, trage auch keine ethische Verantwortung mehr. Da aber durch einen spirituellen Kunstgriff die Tür noch offen gehalten wird, stünde ich noch in der Pflicht ethisch abzuwägen. Und da spielt es eine große Rolle, wessen Leben mit meinen Organen erhalten wird. Diese Entscheidung sollte ich aber gar nicht treffen müssen, werde aber paradoxerweise dazu gezwungenen. Dagegen protestiere ich. Es ist wichtig, das eigene Handeln ethisch abzuwägen, solange es noch möglich ist. Die Grenze meiner ethischen Entscheidungen ist aber der Tod selbst.

Die ethische Tombola

Aus diesem Grund erscheint es mir das Beste zu sein, auf diese ethisch komplett verrannte Position hinzuweisen, in dem ich das mache, was Banker in der heutigen Zeit gewohnt sind: Ich spiele mit leeren Werten, die mir gegeben wurden, wie es mir gefällt. Mein Handeln hat zwar faktisch Auswirkungen auf die materielle Welt, doch muss mich das nicht weiter kümmern, weil ein brüchiges Konzept mein Handeln nicht in Frage stellt, sondern auch noch anfeuert. Aber es geht in der Ethik nicht nur darum, was Menschen dürfen. Es geht auch darum, was sie nicht dürfen. Ein Recht zu schaffen, das Personen betrifft, die zum Zeitpunkt, an dem das Recht Wirkung entfaltet, nicht mehr Personen sind, ist eine ethische Luftbuchung sondergleichen.

Daher habe ich die ethische Tombola gewählt, um wenigstens eine Person entscheiden zu lassen. Warte es ab, du könntest es sein, der auf meinem Spenderausweis steht. Zerbrich dir den Kopf – oder auch nicht. Ich bin da schon raus aus der Nummer.

1 Für mich unterscheide ich zwischen ethischem Empfinden und ethischen Überzeugungen. Meine ethischen Überzeugungen sind das Ergebnis rationaler Aussetzung mit ethischen Problemstellungen, mein ethischees Empfinden ist die konkrete Instanz meiner ethischen Überzeugungen. Das Empfinden ist von persönlichen Erlebnissen geprägt. Empfinden und Überzeugungen haben große Schnittmengen, doch aber auch einige, teils widerstreitende Unterschiede.
2 Dies bezieht sich auf die derzeitige Regelung in der Bundesrepublik Deutschland.

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Manchmal braucht es nur wenige Sätze. Ich neige zum Wortschwall, auch in geschriebener Form. So will ich an Worten sparen, dabei hätten andere Menschen, ich vermute sogar, es waren und sind überwiegend Männer, sparsamer mit ihren Affektn umgehen sollen. Denen hätte Zurückhaltung nicht schlecht zu Gesicht gestanden.

Eine Frau hat, wie wir alle ein Recht auf Körperintegrität. Darüber gibt es keine Diskurse, weil es sie nicht braucht. Wenn eine Frau ihre Körperintegrität zu schützen sucht, indem sie in diesen Körper chirurgisch eingreifen lässt, ist es es ihre legitime Entscheidung. Auch das dürfte eigentlich nicht umstritten sein. Menschen haben dieses Recht. Wenn eine Frau bei erhöhtem Risiko vorsorglich in körperliche Merkmale.eingreifen lässt, die als vermeintlich essentieller Teil ihrer Geschlechtsidentität angesehen werden, entscheidet noch immer sie selbst. Es ist ihr Körper, ihre Identität. Wie wir alle über unser Selbst bestimmen, so obliegt die Hoheit über ihre Identität nur der Frau, dem Mann, allen Lebewesen, die eine identitäre Selbstwahrnehmung entwickeln. Ändert es die Bewertung, wenn eine Frau prominent ist und öffentlich über ihre Entscheidung spricht? Die Begründung möchte ich hören.

Jetzt habe ich doch schon wieder mehr geschrieben, als ich wollte. Es waren immer noch weniger, als es wären, ließe ich meiner Wut freien Lauf. Und es wären harsche, unerbittliche Worte. Alle mir mögliche Verachtung läge ich in sie. Es bleibt ein klarer Satz: Wenn jemand Angelina Jolies Brustamputation oder ihren Umgang damit aus welchem niederträchtigen Grund auch immer nicht gutheißen will, dann behalte diese Person doch ihren Spott, ihre Inkompetenz, ihre Einfalt, ihre Gedankenlosigkeit, ihren Sexismus und völlige Unmenschlichkeit für sich.